Gerüchte, wonach die Rebellen aus Brega bis nach Ras Lanuf zurückgedrängt wurde, erweisen sich als haltlos. Sie scheinen sich nur bis ins Gebiet westlich von Ajdabiya zurückgezogen zu haben.
Ich schlief ein – und als ich endlich aus dem Bett kam, brachten mich ein paar neue Freunde, die ich gerade kennengelernt hatte, für einen Haarschnitt zum Friseur. Danach rauschten wir in einem Audi 4 Richtung Bengasi und aßen Fisch zu mittag – es gab Teller voller Fische, die im Raum nebenan zubereitet, und noch am selben Morgen gefangen worden waren. Wir bekamen Tintenfisch, Garnelen, Hai und andere Köstlichkeiten. Ich war im Himmel. Die Restaurantangestellten waren sehr enthusiastisch. Ich fragte mich, ob sie wohl das Gefühl hatten, an der Front kämpfen zu müssen anstatt Journalisten mit Meeresfrüchten zu füttern.
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Gegen Ende unserer Mahlzeit fragten sie nach meinen Interessen und Hobbies. Es endete in einer Diskussion über Autos. “Wir fahren Rennen, klar – willst du ein Rennen sehen?”, fragte einer der Angestellten. Offensichtlich veranstalten die Kids immer noch Straßenrennen in Bengasi. Sie sagten, das sei der Grund, weshalb hier überall verkehrsberuhigte Zonen eingerichtet wurden.
Dann nahmen sie mich mit in die Stadt zu einem Ort, wo es Drogen zu kaufen gab. Drei Autos warteten in einer Reihe. Wir fuhren bis zu den Dealern vor – zwei Kids. Einer saß in einem weißen Gartenstuhl und trug einen roten Pullover, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Der andere, dickere Junge arbeitete gerade an einem Auto. Wir kauften etwas Grass obwohl wir gesagt hatten, wir würden wahrscheinlich keins rauchen.
Das ist ihr Beitrag zum Jihad – den Journalisten helfen – oder wenigstens für eine gute Zeit sorgen, damit es weniger wahrscheinlich ist, dass wir negative Sachen über sie schreiben. Einer unserer libyschen Begleiter erzählte, er sei aus Paris zurückgekommen, um sich an der Revolution zu beteiligen. Der andere war auch im Ausland. Sie lieben ihr Land, werfen sich aber nicht in den Kampf. Warum sollten sie auch? Den Rebellen mangelt es nicht an Leuten die sie in den Kampf schicken können – ihnen fehlt eher eine gute Militärstrategie.
Ich habe so viele junge Libyer getroffen, die in ihr Heimatland zurückgekommen sind, nachdem sie für unterschiedlich lange Zeit im Ausland gelebt hatten. Im Hotelaufzug sprach ich mit einem schwergewichtigen Typen mit starkem britischen Akzent. Er sagte, er werde sterben – sie würden alle sterben, bevor Gaddafi Bengasi übernimmt. Ein anderer libyscher Junge mit Liverpooler Akzent brachte uns dann gestern von Ajdabiya zurück und brachte ähnliche Gefühle zum Ausdruck. Es ist nicht die Art von Jihad, der sich in anderen Ländern abspielt.
Wir hielten bei einer Demonstration auf dem Weg nach Hause an. Demonstrationen langweilen mich. Ich sprang aus dem Auto um Fotos zu machen und der Freund des Fahrers begleitete mich. Nach ein paar Aufnahmen war ich bereit weiterzufahren.
“Das ist ein gutes Gefühl für mich”, sagte der Kollege des Fahrers. “Wir konnten so was vorher nie tun”. Seine Demut zerschmetterte augenblicklich meine beschissene Einstellung. Wir gingen zum Abendessen zu einem Freund. Eine K-47 stand bei der Couch, und der Typ daneben trug ein Megadeth-Shirt und rauchte Shisha. Natürlich lief Al Jazeera. Noch mehr Leute kamen zu uns, unter ihnen drei Kids, die in Kanada die Schule abgebrochen haben um herzukommen und zu kämpfen. Zwei von ihnen hatten das Glück, einen Tag trainieren zu können – und es hörte sich so als wäre eine Mission nach Misurata, die stark nach einem Himmelfahrtskommando klang, in letzter Minute abgebrochen worden wäre. Sie waren frustriert und bereit für den Kampf.

Der Typ in dem Megadeth-Shirt bereitete ein bisschen Grass für einen Joint vor, während zwei Kids in der Ecke beteten. Als sie ihre Gebete beendet hatten, rauchten sie den Joint und hörten meinen dummen Kriegsgeschichten zu. Sie dachten ich sei durchgedreht. Als ich mir selbst mal kurz zuhörte, wollte ich augenblicklich umdrehen und sofort zurück zur Front fahren. Dann reichten wir aus irgendeinem Grund ein multifunktionales französisches Maschinengewehr herum. Ein anderer Typ spielte mit seinem Messer, ließ es immer wieder heraus schnellen und klappte es wieder ein. Kleine Gesten wie diese kommen mir so bedeutsam vor – aber ich weiß nicht wieso.
Zuvor auf Viceland erschienen:
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: PARKPLATZPARTY IN BEN JAWAD
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DER VOLLSTÄNDIGE RÜCKZUG
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: BLUT UND MONOTONIE IN AJDABIYA
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GEFANGENEN
EIN AUSLFUG NACH LIBYEN: BENGASI
EIN AUSFLUG NACH LIBYEN: DIE GRENZE
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