Die militärische Pattsituation bedeutete, dass es Zeit war, die Stretegie zu ändern. Die Journalisten sind gelangweilt, die großen Kriegsfotografen längst wieder weg. Wir fuhren nach Al Beida, ca. 200 Kilometer östlich von Bengasi. Mit andern Worten – in sichere Entfernung. Sicher und landschaftlich fast malerisch.
Seine Finger bewegten sich vorsichtig in der Luft unter dem Rückspiegel, als wenn er vor ein unsichtbares Piano gesetzt worden wäre. Fidel, wie ich ihn jetzt nannte, diskutierte gerade mit dem Fahrer. Fidel ist der Inbegriff des Rebellen-Schick: bärtig, dicke, lockige Harre, enger Pulli, Lederjacke, enge Jeans und ein Shirt mit Burberry Druck darunter, das über seine Hose hing und den Pistolenschaft in seinem Hosenbund verdeckte. Die Diskussion war belanglos.
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Der Fahrer stupste Fidels Bein mit seinem kleinen Finger an, während er argumentierte. Fidel hörte nicht zu, weil er auf direktem Weg zu seinem Flieger war. Er hatte seinen Bart wachsen lassen als die Revolution losging. Er ist eigentlich Designer. Sein Englisch ist nicht so schlecht wie er selber denkt – aber er ist zu schüchtern, um es besonders häufig zu gebrauchen. Der Fahrer streifte Fidels Bart und strich langsam an ihm herunter.
Wir überquerten die Brücke und hielten auf der anderen Seite. Ich hasse Anhöhen. Wir liefen um einen Checkpoint herum, wo zwei Männer diskutierten, während die Wachen sich mit ihren AK-47ern entspannt zurückgelehnt hatten. Der Fahrer, ein Freund, und Fidel lotsten mich auf die Brücke, die sich hoch über den Fluss spannte. Höhlen punktierten die felsigen Wände auf der anderen Seite. Sie campen dort im Sommer. Der Fahrer und mein Freund unterhielten sich darüber, wie schöne es hier im Sommer ist – aber ich konnte nicht weiter gehen, weil die leichte Brise schon ausreichte um mich davon zu überzeugen, dass ich augenblicklich in den unmittelbaren Tod geweht werden könnte. Ich nehme an, auf dieser Höhe kann man außerdem auch jederzeit ganz wunderbar unter Beschuss geraten.
Als wir zum Wagen zurück kamen, war der Streit zwischen den beiden eskaliert und sie waren gerade dabei sich zu schlagen. Die Typen mit den Gewehren traten noch ein Stück weiter zurück, als Fäuste und Knie durch die Luft flogen. Dann wurden sie getrennt und der Fahrer lief die Straße runter und sammelte große Steine – ca. in der Größe eines Tennisballs. Die Leute um uns herum wurden langsm wirklich stressig. Wir machten einen großen Bogen um sie herum. Ein alter Mann ging dazwischen und legte seine Arme um den Typen mit den Steinen.
Sie konnten sich dann endlich zusammenreißen und wir fuhren weiter. Die Landschaft, die Manierismen, die Musik – Tupac, Drake, Kid Cudi und der schlechte Techno – erinnerten mich an Italien. Der Fahrer spielte einen Country-Song über verlorene Liebe und Alkoholismus.
Mein Freund schlug vor, wir sollten grüne Unterwäsche tragen, falls wir von Gaddafi-Loyalisten angehalten würden. Er meinte, wenn sie uns vergewaltigen wollten und unsere Höschen sehen würden, würden sie uns gehen lassen.
Es war erst knapp eine Woche her, seitdem ich dieselbe Straße in die andere Richtung gefahren war – ins damals noch Unbekannte. Es fühlte sich aber an, als sei seitdem viel mehr Zeit als nur eine Woche vergangen. Ich glaube nicht mehr daran, dass Gaddafi auf einmal hinter irgendeinem Baum hervorspringt, wie ein Springteufel. Vielleicht könnte ich hier sogar irgendwann mal Urlaub machen.
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