Sagen wir, wie es ist: Im Internet überwiegt der Hass. Ein Blick in die Kommentarfelder von YouTube oder Facebook reicht da meist schon, um den Glauben an das Gute auf dieser Welt täglich aufs Neue zu verlieren. Das ist doch scheiße. Also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Seiten im Leben, die absolut wunderbaren Dinge, die unseren Alltag bereichern, uns zum Lächeln bringen. Dinge, die wir verdammt nochmal lieben. Da vor allem Musiker und Musikerinnen online oft die volle Wucht der Missgunst zu spüren bekommen, geben wir ihnen hier die Möglichkeit, dem Hassklima mit einer großen Ladung reiner Liebe die Stirn zu bieten. Wir geben ihnen einen komplett freien Raum, in welchem sie ihre Liebe zu einer Person, einer Sache, einem Gefühl, einem Was-auch-immer in selbst gewählte Worte fassen können.
Heute erzählt Tobias Jundt aka Bonaparte (dessen neues Album The Return Of Stravinsky Wellington am 02. Juni erscheint) von seiner Liebe zu seinen Schuhen:
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Fotos: Melissa Jundt
11 verbogene Jahre begleite ich nun schon jeden eurer Schritte. Und nur meine kleinen Füße lasst ihr in euch hinein – wohlriechend oder nicht. Schuhmonogamie in vollkommener Eleganz, so lebt Existenz einen tieferen Sinn. Ihr seid nun mal kein dahergelaufenes paar Bowlingschuhe der Wuppertaler Kegelbahnen. Und ihr seid auch keine runtergefahrenen Schlittschuhe im Verleih des Schweriner Mädchenklosters. Nein, ihr seid das Leder, das alle meine Fehltritte im Leben an vorderster Front miterlebt und geprägt hat. Ihr seid das Leder, dass mit mir in bewusstseinserweitertem Morgengrauen durch den Sand zu den Pyramiden stapfte. Ihr seid auch das Leder, welches furchtlos gegen euresgleichen trat, wenn ich mit der Crew auf dem Parkplatz hinterm Club eine Runde Fussball spielte. Ihr seid mit mir auf Fuerteventura ins Meer gelaufen, als wäre es das Normalste auf dieser gottvergessenen Welt, zusammen zum Meeresgrund zu sinken. Ihr seid mit mir in China über die Dächer der Hochhäuser gesprungen und durch die verbrannten Wälder von Texas gerannt. Jede stinkige Bretterbühne zwischen Spandau und Köpenick haben wir zusammen betreten. Zeitgleich wie Wolken und Regen. Fraglos wie Sonne und Schatten. Über der Sache stehend wie Schmerz und Erfüllung. Ihr seid es wohl auch gewesen, die mich des Öfteren in verruchte Hinterstrassen führten – aber ich weise keine Schuld von mir – denn ich bin immer mit euch mitgegangen. Ich habe euren Weisungen stets blind und unverbraucht vertraut.
Viele Erdenbürger haben sich bei mir beim Beischlaf beschwert und darum gebeten, ja oft gar gefleht, dass ich beim Sex doch wenigstens die Schuhe ausziehen könne. Nein, dieses eine Stück Heimat muss auch in den abgelegensten Feldbetten der sibirischen Tundra erlaubt sein. Meinen Hut ziehe ich aus – mit Haltung und dem glühenden Respekt vor den Bräuchen des Hauses – meine Schuhe nicht. Niemals. Und wenn ich eines Tages auf dem Sterbebett liege, im Hintergrund Nino Rotta’s Waltzer aus “Der Pate” erklingt und ihr mir ein letztes Mal mit euren jugendlichen Händen meinen geschundenen Körper mit heißem Mandelöl einreibt – bitte denkt zurück an diesen Brief und erweist mir diesen einen letzten Wunsch – lasst das weißes Leder dran.
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