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Ein Tag mit Berlins bekanntestem Bauchtänzer

„Auch ein heterosexueller Mann kann mich sexy finden, wenn er offen dafür ist." Der 33-jährige Zadiel Sasmaz liebt sein Leben im Bauchtänzer-Showbusiness.


„Ich glaube, ich bin eine der am meisten polarisierenden Personen in Deutschland." Das behauptet Zadiel Sasmaz (geb. Mehmet Sasmaz) von sich, während er, von glitzernden Tanzkostümen umgeben, auf seinem Bett sitzt, und im Spiegel seine Haare richtet.

Zadiel ist einer der wenigen männlichen Bauchtanzprofis in Deutschland. Der 33-Jährige ist türkischer Abstammung. Seine Mutter kommt mit 18 Jahren aus der südtürkischen Stadt Adana alleine nach Deutschland—„auf der Suche nach einem neuen Leben." Hier angekommen wird sie von Zadiels jetziger Großtante mit seinem Vater verkuppelt, der selbst noch in der Türkei lebt, seiner großen Liebe aber schnell nach Deutschland folgt. In Berlin-Reinickendorf baut sich das türkische Paar ein Leben auf. Heute besitzt Zadiels Vater mehre Friseursalons und seine drei Kinder sind aus dem Haus.

Der älteste Sohn ist schon immer „der Ungewöhnliche". Mit 15 beginnt Zadiel, heimlich in seinem Zimmer Bauchtanz zu üben. Es ist „Liebe auf den ersten Blick", nachdem er sich die Bauchtanz-Videokassetten seiner Mutter ansieht. Anfangs sind seine Eltern nicht begeistert. Zudem müssen sie noch den Schock verdauen, dass ihr Sohn kurz zuvor sein Coming-out hatte. Doch Zadiel lässt nicht locker. Er tanzt weiter und nimmt Unterricht bei einem Bauchtänzer aus Kolumbien. Mit 23 bekommt er sein erstes Angebot: ein Auftritt in einer Bar. Von da an läuft alles wie von selbst. Zadiel wird immer berühmter. Heute tritt er weltweit auf, gibt dreimal die Woche Bauchtanzunterricht in einem Studio in Moabit und organisiert viermal im Jahr die orientalische Dinner- und Tanzshow „Orientalhane" in Berlin. Von seiner Leidenschaft kann er gut leben—500 bis 2000 Euro bekommt er pro Auftritt. Seine Familie steht mittlerweile voll und ganz hinter ihm. Seine Mutter ist sein größter Fan.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Männliche Bauchtänzer in der Türkei (dort „Zenne" genannt) werden nicht selten von ihren Familien verstoßen. Vor allem in den konservativen, ländlichen Regionen des Landes sehen viele Menschen die Zenne-Tänzer als Symbol des Sittenverfalls. Ein Freund von Zadiel, ein Tänzer in Bodrum, hat gar keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. „Wenn er hier in Berlin zu Besucht ist, sagt er mir, wie sehr er mich wegen meiner Familie beneidet", erzählt Zadiel. Dabei sind bauchtanzende Männer in der türkischen Geschichte nicht ungewöhnlich. Im Osmanischen Reich tanzten junge Männer im Sultanspalast. Muslimischen Frauen war es damals verboten, vor Männern zu tanzen. Nach den Modernisierungswellen des 20. Jahrhunderts wurde diese Tradition in den meist homosexuellen Untergrund verdrängt und Bauchtanz wurde zur Frauensache. In den letzten Jahren hat der Zenne-Tanz langsam seinen Weg zurück in den Mainstream gefunden. Grund dafür sind die aufblühende Begeisterung für osmanische Traditionen in der türkischen Gesellschaft sowie die liberale junge Bevölkerung in Großstädten wie Istanbul. Trotzdem haben es die oft homosexuellen Zenne-Tänzer in der seit dem Machtantritt von Recep Tayyip Erdoğan wieder zunehmend religiösen türkischen Gesellschaft nicht leicht.

Für Zadiel aber ist die offene Kultur in Berlin das perfekte Umfeld für seine Auftritte. Bei der von ihm organisierten Orientalhane-Dinner- und Tanzshow in der Filmbühne am Steinplatz wird das besonders deutlich. Wir haben Zadiel zu einer Orientalhane-Veranstaltung begleitet.

Am frühen Nachmittag treffen wir uns in der Wohnung von Zadiels Eltern in Reinickendorf. Seit ein paar Monaten lebt er zwar in einer eigenen Wohnung in Mitte, aber zur Vorbereitung auf Performances fährt er immer zu seinen Eltern. Dort kann er „richtig durchatmen", sagt Zadiel, während er auf dem Bett seines ehemaligen Kinderzimmers seine Tanzkostüme ausbreitet. Er macht Musik an. Sein Favorit: 2raumwohnung. „Ich höre immer Musik. Ich kann gar nicht anders. Von morgens, wenn ich aufstehe, bis abends, wenn ich ins Bett gehe", sagt Zadiel. Auf die Frage, ob sich je einer wegen der Lautstärke beschwert habe, antwortet er: „Es hat sich eine ältere Dame aus der Wohnung im vierten Stock beschwert. Die Frau kam einmal runter und dann nie wieder ... Ich kann eine ganz schöne Diva sein." Zadiel sucht die Kleider aus, die er für seinen Auftritt am Abend braucht und packt sie in eine schwarze Ledertasche. Jedes Kostüm ist maßgeschneidert, handgenäht und „komplett individuell", erklärt Zadiel. Bis zu 1000 Euro gibt er für ein Kostüm aus.

Danach kommt das Make-up. Obwohl er schon so perfekt aussieht wie eine menschliche Ken-Puppe—mit zurechtgezupften Augenbrauen, glattrasiertem Körper und perfekt gestyltem Haar—, trägt er vor einem großen Spiegel im Flur noch reichlich Chanel-Puder auf. Foundation, Concealer, Glitzer, Öl und Haargel, alles gehört zur Vorbereitung auf ein Privatevent, ein Tanzfestival oder eine Firmenveranstaltung.

Er werde für alles gebucht, weil er immer eine „richtige Performance" abgebe, sagt er: „Was ich mache, das ist exotisch, das ist exklusiv, das ist anders." Die Zuschauer sind von seinem „Spiel mit der Erotik" fasziniert, ist er sich sicher: „Ich spiele in meiner Kunst mit der Erotik. Das geht aber weder in die Homo- noch in die Hetero-Richtung. Wenn ich tanze, bin ich sowohl maskulin als auch feminin. Ich bin androgyn, bin Fabelwesen. Damit gefalle ich Frauen und Männern. Auch ein heterosexueller Mann kann mich sexy finden, wenn er offen dafür ist", sagt Zadiel. Bevor es zum Veranstaltungsort geht, trinkt er noch einen grünen Tee und packt eine kleine Kiste mit Schnaps und Rotkäppchen-Sekt: die „Willkommens-Drinks für später."

Am Veranstaltungsort ist Zadiel sofort auf Touren. Er leitet das Bedienungspersonal an, rückt Tische und bereitet den Backstage-Bereich für seine Tänzer vor. Bald treffen DJ und Tänzer ein. An diesem Abend werden neben Zadiel fünf weitere Tänzer zu sehen sein. Einen davon hat Zadiel aus Ägypten einfliegen lassen. Während Zadiel den Performance-Ablauf mit dem DJ bespricht, begrüßen sich die Tänzer. Die Wiedersehensfreude ist groß. „Zadiel bringt uns hier zusammen. Wir lieben Zadiel und wir lieben gute Laune", strahlt Tänzerin Dina, selbsterlärte „Ägypterin mit Berliner Schnauze". Auch einige von Zadiels Tanzschülern sind dabei. Die 20-jährige Funda ist seit etwa einem Jahr bei Zadiel in der Tanzschule: „Er versprüht immer gute Laune, und sein Unterricht macht echt Spaß. Man würde nie merken, wenn er einen schlechten Tag oder schlechte Laune hat." Zadiel wird sein Kursangebot bald erweitern. Stolz verkündet er, dass er ab Januar 2016 einen Kurs für 5- bis 14-Jährige anbieten werde.

Während sich der Raum langsam mit dem Geruch der süßen, orientalischen Parfums der Tänzerinnen füllt, treffen die ersten Gäste ein. Zadiel begrüßt alle und führt sie an ihre Tische. Für jeden Gast hat er Zeit. Seine Familie sitzt am Stammtisch in der Loge. Alle sind gekommen. Sogar Zadiels Neffe ist da.

Wenn die Gäste ihren Platz eingenommen haben und ihr Abendessn bestellen, hat auch Zadiel Zeit für seinen Salat. Viel mehr kann er vor dem Auftritt nicht zu sich nehmen, weil er bauchfrei tanzt und er sonst eine „Wampe" kriege, sagt er. „Generell bin ich sehr diszipliniert. Ich verzichte auf sehr viel, mache viel Sport, trinke keinen Alkohol, rauche so gut wie nie", sagt er. Das sei der Preis, den man dafür zahle, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Genauso die „Hater", die der Job mit sich bringe. „Vor allem zu meinen YouTube-Videos bekomme ich Hasskommentare", sagt Zadiel. „Manchmal denke ich mir dann: ‚Wäre ich nur sowas wie Christina Aguilera.' Einfach etwas, das jeder geil findet, was der breiten Masse gefällt, wogegen man kein Feindbild entwickelt." Doch dann ist es Zeit für den Auftritt, und er eilt in die Umkleide, um sein Kostüm anzuziehen und noch etwas Körper-Glitzer und Lipgloss aufzutragen

Zadiel hat zwei Auftritte an diesem Abend. Der erste ist ein Solo-Tanz in einem mit Fransen besetzen, gold-weißen Kostüm. Sobald er die Bühne betritt, ist Zadiel in seinem Element. Konzentriert führt er die fließenden Bewegungen durch, die er ab und zu durch zackige Akzente bricht. Jeder Muskel in seinem Körper arbeitet. Sein Shimmy—wenn er seine Hüfte in Hochfrequenz vibrieren lässt—erntet große Begeisterung vom Publikum. Je länger der Shimmy, desto fieberhafter der Jubel.

Zadiel weiß, wie er seine Zuschauer zu überzeugen hat. In den richtigen Momenten macht er Blickkontakt mit den Anwesenden und baut ab und zu ein Überraschungselement ein: Etwa rennt er plötzlich von der Bühne, springt auf einen leeren Stuhl und tanzt dort weiter. Sein zweiter Tanz fängt weich, graziös und elegant an. Er trägt ein feuerrotes Kostüm. Geschickt schwingt er in schnellen Zügen einen orangefarbenen Schal um sich und wirkt dabei wie eine Flamencotänzerin. Danach kommt eine Abfolge schneller Umdrehungen und Sprünge. Zadiels Leidenschaft für den Bauchtanz ist offensichtlich. Er beendet seinen Tanz mit zwei seiner Tanzschülerinnen. Es folgt tosender Applaus: Zadiel ist der Star des Abends. „Das Schönste an einer Performance ist der Genuss. Ich genieße mich selbst und ich genieße die Musik. Das ist ein gutes Gefühl", sagt Zadiel kurz nach seinem Auftritt.

Verschwitzt kehrt er in den Backstage-Bereich zurück. Während er sich duscht und umzieht, füllt sich die nun leere Bühne langsam mit Frauen aus dem Publikum, die sich selbst am Bauchtanz probieren wollen. Nach der Show fühlt sich Zadiel erstmal erleichtert. „Für mich ist so eine Veranstaltung vergleichbar mit einer Geburt. Viele Monate Vorarbeit für ein paar Stunden Show", beschreibt er. „Eigentlich ist nach der Show vor der Show", sagt Zadiel, denn schon bald muss er anfangen, die nächste Orientalhane-Veranstaltung zu planen. Aber erst wird gefeiert. Mit Freunden geht es jetzt ins SO36, zur Gayhane-Party, bei der Zadiel regelmäßig tanzt.

Fotos: Julia Sellmann