Der Rapper Kool Savas in dicker Daunenjacke. Er ist einer der HipHopstars, die in Juri Sternburgs neuem Buch "Das ist Germania" zu Wort kommen
Kool Savas | Alle Fotos bereitgestellt von Droemer Knaur
Popkultur

Dr. Bitch Ray, Celo & Abdi, Kool Savas: Das denken deutsche Rapgrößen über Deutschland

Juri Sternburg hat mit ihnen für sein neues Buch "Das ist Germania" über Heimat und Fremde gesprochen.
28.8.20

Als vor über einem Jahr ein Verlag auf mich zukam und fragte, ob ich die Erfahrungen und Storys deutscher Rapgrößen und Influencerinnen mit Migrationsgeschichte aufschreiben möchte, hatte ich Zweifel. Braucht die Welt ein weiteres Buch, in dem Migranten erzählen, dass sie selbstverständlich auch zu Deutschland gehören? Doch ziemlich schnell, nachdem ich mir zum ersten Mal die Storys anhörte, die Kool Savas, Lady Bitch Ray, Olexesh, Massiv, Manuellsen, Sandra Lambeck, Capital Bra oder Sugar MMFK zu erzählen hatten, stand mein Entschluss fest: Diese Geschichten sollte man aufschreiben. Denn es gibt eine reale Welt da draußen, abseits von Twitter und Mediendebatten, eine Welt in der Diversität und die vermeintlich falsche Herkunft immer noch ein Grund sind, schief angeschaut, attackiert und sogar ermordet zu werden. Denn außerhalb der ach so aufgeklärten Journalismusblase, gibt es jede Menge Kinder und Jugendliche, die nach Idolen dürsten. Die Geschichten kennen sollten, die den eigenen ähneln. Diese Geschichten wollte ich erzählen. Und spätestens als ich Celo & Abdi dabei zuschauen durfte, wie sie mitten in FFM ihre Stadt erklären, kam auch der Spaß:

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Die Zeil in Frankfurt am Main. Lärm, Menschen, Autos. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gilt die Straße in Frankfurts Innenstadt als eine der bekanntesten und umsatzstärksten Einkaufsgegenden Deutschlands. Jetzt grade ist davon nicht viel zu sehen. Ein Betrunkener wankt den Bürgersteig entlang, brabbelt etwas, läuft weiter. Der knapp fünfhundert Meter lange westliche Teil der Straße ist seit den 70er-Jahren eine Fußgängerzone. Hier treffen die Menschen einer Stadt aufeinander, die von ihren Extremen lebt. Millionäre und arme Schlucker, Durchschnittsbürger und schillernde Figuren, Bänker und Drogenkranke. Wobei letzteres manchmal das Gleiche ist. Am östlichen Ende der Straße liegt die Konstablerwache, "Konsti" genannt. In den Texten der Frankfurter Rapper wie Haftbefehl und Hanybal spielt sie oft eine entscheidende Rolle. Hier hängt man rum, hier werden Geschäfte gemacht, hier wird man auch mal über den Tisch gezogen. Die beiden Männer, die jetzt auf die Straße einbiegen, wirken nur auf das unerfahrene Auge bedrohlich. Wer sich zwei Minuten mit ihnen unterhält, merkt: Celo & Abdi sind nicht nur ein Herz und eine Seele, sondern auch mit das Sympathischste und Amüsanteste was Deutschrap an Persönlichkeiten aktuell zu bieten hat.

Höflich wie sie sind, stellen sie sich erst mal vor. "Mein Name ist Erol Huseinćehaj, bekannt als Celo. Ich bin 38 Jahre alt, geboren am 15. Januar 1982 in Frankfurt am Main im Marienkrankenhaus. Ich bin OBB - Original Bornheimer Bub. Ich bin in Bornheim auf der Bergerstraße aufgewachsen." Abdi beobachtet ihn, während er redet, dann ist er an der Reihe. "Mein Name ist Abderrahim el Ommali. Ich bin am 7. 8. 1987 in Frankfurt am Main Höchst geboren, gebürtiger Frankfurter Bub." Die beiden wirken, als wären sie rundum zufrieden mit ihren Aussagen. Grinsend setzen sie sich auf zwei Stühle vor einem Imbiss und bestellen ein paar Softdrinks für alle Anwesenden. Wenn man Celo fragt, wie seine Geschichte mit und in Deutschland aussieht, klingt das, als würde man ihn fragen, was er zum Mittag gegessen hat: "Mein Vater kam hier her, hat gearbeitet, hat meine Mutter kennengelernt, mein Bruder kam auf die Welt, ich kam auf die Welt. Dann hab ich Abdi kennengelernt und jetzt sitzen wir hier. Das ist meine Story." Etwas komplexer ist es natürlich schon. Aber noch bevor man einhaken kann, bedankt sich Abdi bei ihm für die Erwähnung seines Namens und die schöne Geschichte. Der Grat zwischen Humor und ernst gemeinter Zuneigung ist ebenso schmal wie wichtig bei den beiden. Um zu begreifen, was dieses außergewöhnliche Duo ausmacht, muss man sie erleben. Muss sehen, hören oder zumindest verstehen, wie sie miteinander umgehen.

Als Abdi einmal in einem Interview gefragt wurde, wer sein absolutes Traum-Feature für einen Song wäre, dachte er keine Sekunde nach und nannte automatisch seinen musikalischen Partner: Celo. Das hier ist keine Konkurrenz, keine Überheblichkeit. Weder Machogehabe noch falsche Gangster-Attitüde. Es ist wahre Bruderliebe, von zwei jungen Männern, die sich im Callcenter über die damalige gemeinsame Vorliebe für Marihuana und Musik kennengelernt haben und begriffen, dass sie zusammen unschlagbar sind. Wie Timon & Pumba, aus König der Löwen.

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Hennessy und Jack, Haze-Fanatics
Der Jugo und Arab auf der Street wie Classics
Kripo Hessen und sechstes, Hijo de Puta
Wir machen Para mit Yayo und Nouggah

Celo & Abdi, "Intro", 2010

Die Sonne ballert, die beiden haben gute Laune. Während sich die Massen an den beiden Frankfurter Rappern vorbei drängen, der Geruch von Falafel, Currywurst und Döner Kebab in der Luft steht, machen sich die beiden so ihre Gedanken über ihre Stadt, die vielen zu hart ist, aber schon immer eine gewisse Faszination ausstrahlte. Das Drehkreuz Europas. Worin diese Faszination der beiden für ihre Stadt liegt, kann Abdi schnell und präzise erklären. "Das Zusammenleben in Frankfurt funktioniert sehr gut. Ein plumpes Beispiel: Kai Uwe, der Deutscher ist und Ali, der Migrant ist, trinken zusammen ein bisschen zu viel, stechen sich aus Versehen gegenseitig ab und gehen danach zusammen in den Puff in der Breiten Gasse. Es wird viel gelacht und viel geweint zusammen. Ganz einfach." Klingt herzerwärmend und brutal zugleich. Und genau das ist es auch.

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Celo & Abdi

"Frankfurt ist schon eine sehr, sehr multikulturelle Stadt", erzählt Celo. "Das geht schon weit zurück. Zu den Gastarbeitern in den 60ern. Hier haben sich in den letzten Jahren viele Kulturen und Nationen angesammelt und leben miteinander." Die beiden sind eines der besten Beispiele für dieses miteinander. Celo ist der Sohn bosnischer Einwanderer, Abdis Familie kam aus Marokko nach Deutschland. Beide Väter waren Gastarbeiter, haben diese typischen Lebensgeschichten, die man immer wieder zu hören bekommt, wenn man denn überhaupt nachfragt. Hinter diesen unzähligen, oft baugleichen Biografien steckt jedoch meist mehr individuelles Leid als viele der Gastarbeiterkinder zugeben möchten. Die Probleme der Eltern, besonders der Väter sind für viele der Kinder zwar allgegenwärtig, widersprechen jedoch oft ihrer absoluten Vergötterung von Mutter und Vater. Auch schweigen die Eltern oft, wenn es um die Schwierigkeiten in ihrem Leben geht, sich zu beklagen ist nicht Teil ihrer Lebenseinstellung.

Als Celos Vater geboren wird, heißt sein Land noch Jugoslawien. Früh geht er als Architekt nach Deutschland und bleibt so größtenteils von dem kommenden Horror verschont. Denn infolge des Zerfalls der Sowjetunion, sowie der kriegerischen Konflikte in und mit Kroatien, wachsen in den Jahren 1990/91 auch die Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien in Bosnien und Herzegowina. Während große Teile der Serben für einen Verbleib in der jugoslawischen Föderation plädieren, gibt es insbesondere bei den Bosniaken den Wunsch, einen eigenen unabhängigen Staat zu bilden. Durch unterschiedliche nationalistische Gruppen immer weiter angeheizt, entsteht der sogenannte Bosnienkrieg, der über 100.000 Opfer fordert. Abertausende Familien fliehen aus dem Land, viele finden in Deutschland sowohl eine Zuflucht als auch eine neue Heimat. Auch Celos Familie trägt Narben aus dieser Zeit. Reden möchte er darüber wenn, dann nur in seinen Songs.

Manchmal wird nur angedeutet, wie sehr die eigene Geschichte auch schmerzen kann. Meist wird mit einem lockeren Witz drüber hinweg gelächelt. Im Fall von Celo & Abdi ist das eine Leichtigkeit, ernst zu bleiben fällt ihnen generell schwer.  Andere, denen ich zugehört habe, mussten erst mal selber begreifen, dass sie laut einer immer penetranter agierenden Masse von Wutbürgern und Rassisten, überhaupt nicht in dieses Land gehören. So wie Kool Savas, dem erst die Ereignisse des Jahres 2015 bewusst machten, dass er eine eigen Fluchtgeschichte mit sich herum trägt:

Es sind die immer gleichen Bilder, die uns überfluten. Bilder von Menschen. Von endlosen Karawanen. Provisorische Zeltstädte. Geschlossene Grenzen. Aggressive Polizisten. Ob im Fernsehen, den Print- oder den Sozialen Medien – Deutschland scheint kein anderes Thema mehr zu kennen. Die Bilder der Geflüchteten sind allgegenwärtig. In einer nie dagewesenen Intensität diskutiert das Land plötzlich über Selbstverständlichkeiten wie das Recht auf Asyl. Über die zynische Frage, ob man Menschen ertrinken lassen sollte oder nicht. Über Regeln, die hier seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zumindest in der Öffentlichkeit, bei der Mehrheit der Bevölkerung als unumstößlich galten. Nur wenige Jahre vor seinem 70. Entstehungstag wird das Grundgesetz infrage gestellt, immer und immer wieder. Es ist das Jahr 2015, in dem die sogenannte Flüchtlingskrise Deutschland erreicht. Das Jahr, in dem sich die Heimat vieler Menschen entscheidend verändert. Nicht etwa durch ein paar hunderttausend Menschen, die unsere Hilfe brauchen, sondern durch die Möglichkeit, das Unsagbare plötzlich sagen zu dürfen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden hoffähig, die Willkommenskultur der ersten Monate wird vom Sturm der Wutbürger hinweggefegt. Es ist das Jahr, in dem Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben, mal wieder nicht wissen, ob sie hier noch existieren können und wollen.

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Und es ist das Jahr, in dem Kool Savas, der King of Rap, zum ersten Mal begreift, dass er auch ein Geflüchteter ist. Als ihm klar wird, dass es ein Stück weit auch seine Geschichte ist, die da tagtäglich über die Bildschirme flimmert. Damals, Ende der 70er-Jahre, hatten er und seine Mutter sich einfach in einen Zug gesetzt und waren nach Deutschland gefahren. Ein Ticket kaufen, auf dem Bahnsteig warten, einsteigen, fertig. Als Kind erschien ihm das unproblematisch, wie eine ganz normale Reise beinah. Er schaute aus dem Fenster, sah die Skyline Istanbuls an sich vorbeiziehen und ahnte nicht, dass es ein Abschied für lange Zeit werden sollte. Jahre später wird ein Gemälde dieses kleinen Jungen, der aus dem Zugfenster schaut, das Cover eines seiner mittlerweile mit Gold und Platin ausgezeichneten Alben zieren. Das Bild basiert auf einer Zeichnung von Savas, der sich mittlerweile auch Essah nennt. Titel des Albums: Essahdamus.

Als Kool Savas das erste Mal nach Istanbul kommt, ist er ein Jahr alt. Geboren wurde er in Aachen, wo sein Vater zu dieser Zeit als Austauschstudent studierte und seine deutsche Mutter kennenlernte. Seine Mama war auf dem Weg, Erzieherin zu werden; die Familie wollte zurück an den Ort, der damals für sie Heimat war. In Istanbul, der lebendigen Weltmetropole, eröffnen sie einen Kindergarten. Aber das ist nicht alles. Seine Eltern sind außerdem auch politische Aktivisten. In der Türkei, damals wie heute, ist linker Aktivismus nicht gerne gesehen. Es ist keine Seltenheit, dass man für geringste Aktionen oder auch einfach erfundenen Anklagen mehrere Jahre hinter Gittern verschwindet. Ein paar Jahre bleibt der Vater unentdeckt, doch dann wird er von einem Genossen verraten, kommt ins Gefängnis und wird schließlich zu fünf Jahren in einer dunklen, engen Zelle verurteilt. Fünf Jahre. Dafür, dass er Schriften verfasst hat, Flugblätter verteilt und sich an Demonstrationen beteiligt. Fünf Jahre für die Verbreitung von Worten. Für ein Kleinkind sind fünf Jahre eine halbe Ewigkeit. Für jemanden, der im Gefängnis sitzt, ebenfalls.


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"Meine Eltern waren kommunistische Aktivisten und haben natürlich auch noch gearbeitet, teilweise bis zu zwanzig Stunden am Tag. Manchmal hab ich daneben gesessen mit meinen zwei Matchboxautos, während die Erwachsenen stundenlang diskutiert haben und 'nen Round Table bei uns Zuhause abhielten", erzählt Savas aus einer Kindheit, während wir durch die Plattenbauten Berlins laufen. "Da sind dann Leute rein- und rausgelaufen, Texte wurden in die Waschmaschine geschmissen und vernichtet. Das sind so fragmentarische Dinge, die ich wahrgenommen hab, die für mich zu dem Zeitpunkt total abstrakt und absurd waren. Auch später in Berlin war es nicht so gern gesehen, dass ich Freunde mit nach Hause nehme. Ich sollte nicht unbedingt rum erzählen, dass meine Eltern politisch aktiv sind. Die haben diese Paranoia aus der Türkei mitgebracht, weil du da einfach in Nullkommanix im Knast landen konntest. Das haben sie in Deutschland nicht ablegen können. Hier gibt es theoretisch erst mal Meinungsfreiheit, man kann sagen, was man möchte." Es klingt wie eine Nebensächlichkeit, aber es ist wichtig, das zu betonen.

Es ist ein weit verbreiteter Trugschluss unserer Zeit und ein Narrativ der Rechten, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht mehr gelten würde. Jene, die montags in Dresden den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören, fühlen sich zensiert, weil man ihren kruden Thesen widerspricht. Aber Meinungsfreiheit bedeutet, dass man so gut wie alles sagen kann, nicht dass einem niemand widerspricht. Es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die für ihren politischen Kampf gegen die Obrigkeit in den Knast gehen und wohlgenährten Mittelstandsbürgern, die meckernd und ohne Angst vor Repressionen durch die Straßen stapfen. Während die einen sich wie große Revoluzzer fühlen, weil sie im Internet andere Menschen beschimpfen, die sich gegen Rassismus aussprechen, wandeln die anderen tatsächlich auf den Pfaden von Widerstandskämpfern. "Meine Eltern haben mir immer gesagt: Wir sind Systemkritiker, wir sind überall gefährdet, weil wir das System abschaffen und verändern wollen. Das hat sich dann zwar alles relativiert und entspannt. Aber meine Eltern haben 20 oder 30 Jahre ihres Lebens kaum was anderes gemacht, als für die Politik zu arbeiten." Savas Yurderi hat diese Bürde von Tag Eins mit auf den Weg bekommen. Sein Vorname bedeutet "Krieg". Nomen est omen.

Lass sie den Himmel zum Brennen bringen, die Erde teilen
Sie verlieren trotzdem, weil ein Gedanke nich' sterben kann
Worte vernichten mehr als ihr ganzes verdammtes Arsenal
Die Wahrheit braucht keine Fahne schwingen, wir erkennen sie immer
Unter jedem Stein oder Stamm, in jedem Bach oder Fluss
Nix Streit starten, ich mach' grad' damit Schluss
Das is' der Weg in den Ring der letzte Tanz vor der Schlacht
Mein finales Battle, warum denkst du, haben meine Eltern mich Krieg genannt?

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Kool Savas, "Nichts bleibt mehr", 2011

Aus Angst vor weiterer Verfolgung der Familie beschließt die Mutter 1979, zurück nach Aachen zu fliehen. Sie packt ein paar Koffer, steigt in den Zug und bald darauf steht der kleine Junge mit seiner Mutter in einem Land, das er nicht kennt. Von Istanbul, einer Stadt, die architektonisch wie gesellschaftlich zwischen Postmoderne und Tradition pendelt, nach Aachen, einem mehr oder weniger trostlosen Ort, der vor allem durch den Baustil des Brutalismus auf sich aufmerksam gemacht hat. Nomen est omen, wieder einmal. Savas verbringt die Kindheit ohne den Vater, täglich warten er und seine Mutter auf Nachrichten aus der Heimat. Kommt der Vater frei? Und wenn ja, wann? Wird er gefoltert? Als Savas elf Jahre alt ist, kommt die erlösende Nachricht: Sein Papa wurde entlassen, darf nach Deutschland. Die Wiedervereinigung mit der Familie findet in Berlin statt, der Stadt, die bis heute Teil des Konstrukts ist, das er als "Heimat" betitelt.

Heute lebt der Mann, der mehr oder weniger alles erreicht hat, was es im HipHop zu erreichen gibt, genau dort und fragt sich, was die Zeit ohne den Vater mit ihm angestellt hat. "Ich würde sagen, dass mein Vater in der Zeit nicht für mich da sein konnte, das hat viel mit mir gemacht. Ich denke, dass die meisten Sachen, mit denen ich mich heute noch auseinandersetzen muss, darauf zurückzuführen sind." Er hat sich damit auseinandergesetzt, privat wie musikalisch. In einem seiner Songs spricht er davon, dass ihm der Beschützer genommen wurde, auch wenn seine Mutter alles versucht hat, um ihn das nicht spüren zu lassen. "Meine Mutter ist eine sehr starke Frau, eine überzeugte Feministin und Kommunistin, die einfach daran geglaubt hat, dass sie das auch alles selber schaffen kann", erzählt er, während wir durch die Straßen der ehemals geteilten Stadt laufen. "Aber für mich war das super wichtig, dass ich 'nen Vater hab und zu dem Zeitpunkt war der einfach nicht da. Ich glaube nicht, dass es mich stärker gemacht hat, ich würde sagen, dass es mich eher geschwächt hat. Und dass ich vieles von dem jetzt immer noch aufarbeiten muss. Das stört mich, das steht mir häufig im Weg. Aber das zu verstehen, war ein guter Schritt. Das hat mir viel Klarheit gegeben und mein Bewusstsein geschärft, wieso ich so bin und was ich verändern kann und ja, das war ganz nützlich."

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Es sind Geschichten wie diese, die uns den Künstler und den Menschen dahinter besser verstehen lassen. Gefühle, Haltungen - all das entsteht nicht im luftleeren Raum. Und vor allem ist niemand so eindimensional, wie er von außen gerne mal gesehen wird.

Ganz besonders Lady Bitch Ray nicht, die dem Mainstream wahrscheinlich aus ihren Aufsehen erregenden Auftritten im deutschen Fernsehen von Harald Schmidt bis zum Promi Dinner bekannt ist, der Rap-Szene als kompromisslose MC, die den Bitch-Style lange vor Shirin David und Katja Krasavice auf die Karte brachte – und in den Lehranstalten Deutschlands als Dr. Reyhan Şahin unterwegs ist. Als eine der ersten musste sie erfahren, was Künstlerinnen in der deutschen Rap-Szene blüht, wenn sie offen und selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen. Und wenn sie dazu noch migrantisch sind. Aber das war und ist kein Grund für Lady Bitch Ray, leiser zu werden. Ganz im Gegenteil:

"Ich bin in einem türkisch-alevitischen Haushalt groß geworden und habe viel von der türkisch-muslimischen Sozialisation mitbekommen – allein schon deswegen, weil ich eine Frau bin", sagt sie, nachdem wir uns vor dem Hamburger Regen ins Auditorium der Uni geflüchtet haben. "Viele türkische Frauen wissen, was ich meine. Dadurch, dass die Mädchen stärker zuhause eingebunden werden, haben wir häufig eine viel engere Bindung zur Mutter, meistens auch zum Vater und kriegen dadurch natürlich viel mehr von der Kultur mit als die Jungs. Vielleicht waren meine Eltern, da sie Aleviten sind, ein bisschen liberaler als konservative, sunnitische Muslime."

Aleviten stellen die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei dar. Einige Aleviten betrachten sich als Schiiten, andere als eigenständige Konfession innerhalb des Islam und wieder andere betrachten das Alevitentum als komplett eigene Religion. Die Mehrheit der für Sunniten geltenden Verbote und Gebote aus dem Koran werden von Aleviten nicht anerkannt, beziehungsweise befolgt. Vielmehr glauben Aleviten an eine eher spirituell ausgelegte Lehre der Erleuchtung und des Humanismus. Die "lockere" Ausübung des Glaubens der Aleviten ist seit Jahrhunderten der Grund für ihre Verfolgung und Unterdrückung durch andere muslimische Glaubensgruppen.

Also Halligalli und Party? Sie lacht. "Nee, bei mir war das auch schon alles sehr streng. Nachts rausgehen in die Disco war nicht. Der Konflikt zwischen den Generationen, zwischen der Gastarbeiter-Generation und den Kindern hat mich ebenso geprägt wie die Kids anderer Einwanderer-Eltern." Nicht die besten Voraussetzungen um zwanzig Jahre nach ihrer Geburt als Enfant Terrible der deutschen Rapszene auf sich aufmerksam zu machen, könnte man annehmen. "Auch wenn ich strenge Grenzen als Kind hatte, hab ich versucht, sie wo es ging zu sprengen", erzählt Reyhan, während sie sich ihre Collegejacke über die Schultern wirft. Der Regen hat nachgelassen, wir machen uns auf den Weg zur Reeperbahn. Ein Ort, der gleichberechtigt neben der Universität ebenso symbolisch für Doktor Bitch Ray steht. "Still got love for the streets", wie schon ein anderer Doktor in einem Rap-Song zu sagen pflegte.

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"Ich war schon als Kind ziemlich anders", erzählt sie, während wir aus dem Unigebäude Richtung Reeperbahn laufen. "Mit elf, zwölf habe ich angefangen, meine eigenen Klamotten zu basteln. Hab mir Peace-Zeichen aufs T-Shirt gemalt oder Fuck You draufgeschrieben. Mein Vater fand das jetzt nicht super, aber hat meine Rebellion zumindest toleriert. Schließlich ist er Alevit und bei denen sind Dinge wie Bekleidung nicht so streng." Es gab aber noch einen weiteren, nicht zu vernachlässigenden Grund, warum sich Reyhan schon im Teeniealter ein wenig mehr rauszunehmen wagte als der Großteil der Frauen und Mädchen damals – waren sie nun Alevitinnen, Sunnitinnen oder Bio-Deutsche: Sie war schlau. Und gab einen Fick auf das, was andere von ihr denken könnten. "Ich war schon damals ziemlich clever, die Vorentwicklung von Dr. Bitch Ray sozusagen. Ich wusste genau, was ich mir rausnehmen kann. Ich ging aufs Gymnasium und war auch noch gut in der Schule. Deswegen war mein Vater vielleicht auch etwas nachsichtiger mit mir. Das war mein Vorteil. Auch, als es dann irgendwann mit der Musik anfing."

Entweder hasst oder liebst du mich
Ich bade jeden Tag in Ziegenmilch
Ich hab'nen Typ der meine Füße küsst
Und einen Knaben für die Klitoris

Lady Bitch Ray, "Cleopatra", 2018

Die Musik, das war dieser sagenumwobene deutsche HipHop, der auch damals schon nicht selten Texte enthielt, die Elternherzen nicht gerade höher schlagen ließen, egal ob das Kind nun die Musik bloß hörte oder noch schlimmer, selbst zum Mikrofon griff. "Als ich mit 14 anfing, HipHop zu konsumieren, hat mein Vater schon gesagt: Was soll denn dieses Rap!?" Was das soll, fragt sie sich auch heute noch manchmal, wenn sie sich die Kollegen und Kolleginnen so anschaut. Doch Reyhan konnte ihren Vater von ihren Wünschen überzeugen. "Bei den Aleviten spielen Musik, Mystik und Poesie eine wichtige Rolle", erklärt sie. Wir befinden uns inzwischen in einem Sexshop auf Hamburgs Sündenmeile. Während Dr. Bitch Ray mit fachlicher Kompetenz verschiedene Vibratoren begutachtet, erzählt sie weiter. "Man hängt sich da nicht so an Oberflächlichkeiten auf. Also hat er auch HipHop geduldet. Das gehörte zu seiner alevitischen Toleranz."

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Dr. Bitch Ray

Reyhans Vater ist nicht irgendein Gläubiger. Er ist ein Dede, eine Art Priester. Und außerdem ein hart arbeitender Mann, der bereit war, für seine Kinder und deren Zukunft selber zurückzustecken. Ob das nun hieß, seine Tochter diese dusslige Rap-Musik hören und später selber machen zu lassen oder von Tag bis Nacht in einem Knochenjob in einer Werft Schiffsluken zuzuschweißen und dabei giftige Gase einzuatmen. Auch das ist Teil der Arbeiterkind-Identität: gegen die Eltern rebellieren und gleichzeitig ihre Opfer respektieren und sie stolz machen zu wollen.

"Mir war ja auch daran gelegen, dass meine Eltern nicht von anderen verurteilt werden. Das ist ja immer so ein Thema in der Kanacken-Community. Ich habe ja gesehen, dass mein Vater als Arbeiter gekommen ist und die hatten halt bestimmte Möglichkeiten nicht, die hatten keinen Bildungszugang, die beherrschen die Sprache nicht so gut wie ich." Die zweite Generation, die ihren Eltern viel voraus hat: Das ist ein gängiges Klischee. Aber Dr. Sahin ist clever genug, um dieses Klischee sofort wieder zu brechen. "Wobei man sagen muss, es gibt auch nicht DIE Knacken-Community. Wenn man jetzt zum Beispiel mit Leuten aus der Türkei, die an der Borsici-Universität studiert haben, spricht, dann ist das ein ganz anderer Schnack als jetzt beispielsweise bei den Einwanderer*innen der ersten Generation hierzulande, die nicht eine bestimmte Bildung genossen haben. Da sind die traditionell-patriarchalischen Strukturen präsent. Und dann wird natürlich auch mal geguckt, wenn eine Frau bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legt, die einfach anders sind, die frei sind, et cetera pp. Und das habe ich nicht akzeptiert. Mich durchzusetzen und mir nichts gefallen zu lassen, das habe ich vor allem von meiner Mutter gelernt. Die ist eigentlich die Ober-Bitch-Ray."

Reyhans Mutter kam zwei Jahre nach dem Vater in den 70er-Jahren nach Deutschland. Als Hausfrau kümmerte sie sich um Haushalt und Kinder, während der Vater sich die Lunge staubig schuftete. Der Klassiker. Ein Leben zwischen patriarchalen Strukturen und verfickter Selbstbestimmung, denn fluchen, das hat Reyhan auch von ihrer Mutter gelernt. "Dieses Battle-Rap-Ding kommt eigentlich vom türkisch-anatolischen Fluchen meiner Mutter", erklärt sie lachend. "Viele denken bei Türkinnen: Oh, die werden unterdrückt, die werden dies, die werden das. Natürlich gibt es da patriarchalische Strukturen und verfickte Scheiß-Patriarchen, mit denen man schwer reden kann. Aber die Kanaken-Weiber, die türkischen Frauen, sind die heftigsten Frauen, die ich kenne. Wenn türkische Frauen untereinander sprechen, daraus könnte man ganz locker einen früheren Lady-Bitch-Ray-Porno-Song machen", erzählt sie, während wir beim Schuhregal angelangt sind, wo wir die stelzenähnlichen High-Heels bewundern, die man nicht weit von hier an den Füßen der Striperinnen blitzen sieht. Golden, silbern und in weißem Lack glitzern uns die 18-Zentimeter-Absätze entgegen und es ist schwer zu beurteilen, ob diese Schuhe eher Waffen, Kunst oder lediglich Behinderung der Bewegungsfreiheit sind, einzig erfunden, um Frauen zu knechten. Vermutlich sind sie all das – je nachdem, was die Trägerin oder auch der Träger daraus machen möchte. "Über Sexualität zu reden, ist kein Tabu unter Frauen", setzt Reyhan das Gespräch fort. "Das ist in der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft viel verklemmter: Oh, die hat Fotze gesagt. In der türkischen Community spricht man ganz offen über Sexualität unter Frauen. Diese Frauen sind die Ober-Bitches für mich, im positiven Sinne." Reyhan hat einen pinken Vibrator in der Hand. Wie mit einem Revolver zielt sie auf ihre Umgebung und zieht den Silikon-Trigger. Logisch, dass vielen Männern eine Frau wie Reyhan Angst macht. Liegt dann aber höchstwahrscheinlich einfach an den Männern. Vollkommen egal, aus welchem Land sie kommen.

Eine Identität zwischen alevitischem Elternhaus und deutscher Selbstverwirklichungs-Religion ist für Reyhan keine Entweder-Oder-Entscheidung. "Ich sage immer ich bin 100 Prozent türkisch und 100 Prozent deutsch. Eine klassische Deutschtürkin, die das Beste aus diesem Zustand, aus diesem Zeitgeist, in dieser Gesellschaft, macht. Mit Forschung und auch mit Kunst, mit Texten. Das ist meine Art, damit umzugehen. Ein kritischer Umgang mit diesen Kategorisierungen und mit dem in die Schubladen schieben von deutsch-türkischen Frauen."

Da Schubladen etwas sind, in das nur Vibratoren und keine Menschen gehören, hat Reyhan einige Probleme damit, wie Deutschtürkinnen wie sie in der deutschen Gesellschaft betrachtet werden. "Es gibt verschiedene Sichtweisen auf Deutschtürkinnen in Deutschland. Entweder werden sie ein bisschen verharmlost, indem sie als assimilierte Türkinnen dargestellt werden, die ja ach so frei sind. Die sind dann ganz gemäßigt gekleidet wie die Weiß-Deutschen auch. Die fallen nicht auf und haben keine Probleme mehr." Wir sind inzwischen vor der Hamburger Kult-Kneipe Zum Silbersack angekommen, in der einst Gäste wie Freddy Quinn, Hans Albers und Heinz Rühmann verkehrten. Heute steht hier Dr. Bitch Ray in ihrer Collegejacke und es gibt nichts, was passender wäre. Ein paar Fotos werden geschossen, dann geht es weiter im Diskurs, der hier eher unter „erörternder Vortrag“ fällt, statt unter "hin und her gehendes Gespräch". Einfach mal die Klappe halten und zuhören.

Einfach mal die Klappe halten und zuhören, das ist es was ich hier meist probiert habe. Gelungen ist das nicht immer, schließlich liegt es in der Natur meines Berufsstands, zu allem eine Meinung zu haben. Und wenn man mich fragen würde, dann würde ich sagen: Meiner Meinung nach ist dieses Buch und seine Geschichten unterhaltsam und bedrückend zugleich. Es ist genauso wichtig für die Kids, die sich täglich auf Spotify die Tracks der Künstler anhören, ohne meist allzu viel über die Geschichten der Menschen dahinter zu wissen, wie für die Generation 40+, die Rap und Soziale Medien bis heute als ein unverständliches Übel unserer Zeit sehen. Aber wer fragt mich schon, ich hab das Ding schließlich selber geschrieben.

“Das ist Germania” erscheint am 1. September bei Droemer Knaur. Hier kannst du das Buch bestellen.

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