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Wie der Screenshot zu einem der mächtigsten Werkzeuge des Internets wurde

Der erste Screenshot war ein Polaroid von einem Pin-Up. Heute dienen sie als Beweismittel – und der Selbstdarstellung.
09 Juli 2020, 11:11am
Eine Zusammenstellung mehrere Screenshots, die eine WhatsApp-Konversation, ein Pin-up-Model und ein Auge zeigen. Der Screenshot hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Werkzeug des Internets entwickelt
Alle Symbolbilder: Internet Archive | Collage: VICE

Vor Kurzem ging der Knopf meines Handys kaputt, mit dem ich Screenshots mache. Plötzlich wurde mir klar, dass ich nun gar nicht mehr so einfach Memes bei Instagram oder Artikelüberschriften bei WhatsApp teilen konnte.

Also stürzte ich mich in diverse Tech-Foren, um nach Alternativen zu suchen. Ohne Erfolg. Während es bei vielen Smartphones unterschiedliche Möglichkeiten gibt, einen Screenshot zu machen, ist das bei meinem Handy nicht der Fall. Meine einzige Option: die App eines Drittanbieters runterladen. Ich wollte meine persönlichen Daten aber nicht preisgeben.

2007 war das iPhone das erste Handy, das mit einer Screenshot-Funktion ausgestattet war. 2011 folgte das erste Android-Gerät. Die Geschichte des Screenshots geht jedoch viel weiter zurück, nämlich bis ins Jahr 1959. Das allererste Foto von einem Bildschirm zeigt die Umrisse eines Pin-up-Models, die ein Programmierer aus Spaß auf einem 213 Millionen Euro teuren Röhrenmonitor anzeigen ließ. Fotografiert wurde der Monitor, der dem US-Militär gehörte und eigentlich zur Aufspürung von nuklearen Bedrohungen genutzt wurde, mit einer Polaroid-Kamera. Deswegen ist der erste Screenshot der Welt auch so rudimentär und unscharf.


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Zu Beginn der 60er Jahre arbeitete ein Forschungsteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) an einem revolutionären Projekt. Der Harvard-Professor Matthew Allen schrieb 2016 eine Arbeit über die ersten Schritte der Wissenschaftler und Ingenieure für das "Computer-Aided Design"-Projekt – eine Design-Software, die auch heute noch von Architektinnen, Ingenieuren und Künstlerinnen genutzt wird. Durch das CAD-Projekt des MIT war es nun möglich, Computer als "aktive Partner" bei der Planung und beim Design mit einzubeziehen.

Computer waren zu dieser Zeit aber noch selten und superteuer. Deswegen wurde der Screenshot erstmal nur dazu genutzt, um das CAD-Programm zu präsentieren und zu vermarkten. Die ersten Beispielbilder der Bildschirme wurden weiterhin nur mit externen Kameras geschossen. Und sie wurden nur von Leuten gesehen, die in der Wissenschaft oder im Programmierbereich arbeiteten.

Im Mainstream kam der Screenshot erst an, als Gamer und Gamerinnen in den 80er Jahren anfingen, ihre Highscores festzuhalten. Das Foto galt dann quasi als Beweis für ihr Können. Dieser Trend wurde auch von Spieleherstellern und Computerspiel-Magazinen gepusht, die die Gaming-Community dazu aufforderten, Screenshots einzuschicken.

Der Game-Publisher Activision veröffentlichte zum Beispiel früher noch Listen mit Highscores und Zielen, zudem bekamen die Spieler und Spielerinnen für ihre eingeschickten Screenshots einen besonderen Aufnäher als Belohnung. Das Magazin Nintendo Power ging ähnlich vor und zeigte den Fans, wie die ihre eigenen Screenshots machen können. Die höchsten Scores wurden dann auf die Rückseite der Ausgaben gedruckt.

Laut Jacob Gaboury, einem Dozenten für Film und Medien an der University of California, Berkeley, war der Screenshot damals nicht nur eine Möglichkeit, Highscores festzuhalten, sondern half den Spielern und Spielerinnen auch dabei, das Zocken an sich zu personalisieren und sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. In den 60ern waren CAD-Screenshots eine Referenz dafür, zu was Computer fähig sind. In den 80ern wurden sie zu einem Werkzeug für die breite Öffentlichkeit, um noch intensiver mit der virtuellen Welt zu interagieren. Heute ist es auf allen Gaming-Plattformen möglich, Screenshots zu machen. Innerhalb eines Spiels zu fotografieren, hat sich sogar zu einer eigenen Kunstform entwickelt.

Eine Anleitung dazu, wie man am besten einen Screenshot von einem Videospiel macht | Bild: Page 94, via Retrovolve / Internet Archive

In den 90er Jahren wurde die "Druck"-Taste bei allen Computern zum Standard. Somit war es endlich möglich, Screenshots so zu machen, wie wir es heute kennen – nämlich ohne separate Kamera. Inzwischen verbringen wir immer mehr Zeit vor verschiedenen Bildschirmen. Dadurch hat sich auch die Bedeutung von Screenshots verändert: Wir können damit teilen, was passiert, wenn wir allein im Internet unterwegs sind. Sie werden genutzt, um riesige Archive aufzubauen. Und sie dienen als wichtige Beweise, wenn es darum geht, die Scheinheiligkeit oder das Fehlverhalten von Personen und Unternehmen aufzudecken.

Als Snapchat 2011 auf den Markt kam, schien das bestimmende Feature der App – die geposteten Fotos gingen nach einer gewissen Zeit automatisch wieder weg – dank der Screenshot-Funktion erstmal sinnlos. Deswegen wurde auch schnell eingeführt, dass man eine Meldung bekommt, wenn jemand die Snaps per Screenshot festhält.

In einer schnellen, digitalen Welt bietet der Screenshot die Möglichkeit, einen virtuellen Moment festzuhalten, bevor er direkt wieder vorbei ist. Vielleicht drifte ich hier zu sehr ins Philosophische ab. Vielleicht sollte ich aber auch einfach mein Handy reparieren lassen.

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