Sex

Wir haben mit Franzosen gesprochen, die Lockdown-Orgien veranstalten

"Wir können nicht für immer mit Käfigen um unsere Muschis und Schwänze leben."
19.2.21
Ein Sofa, auf dem zwei Menschen rummachen, eine dritte Person liegt schlafend daneben, in Paris veranstalten Libertins auch während Corona weiter Orgien
Symbolfoto: Getty Images

"Die Gesundheitslage kann nicht das unbändige Verlangen nach Sex unterdrücken", schreibt Robin aus Paris. Eigentlich heißt er anders. Robin sagt, dass er während der Pandemie regelmäßig Orgien besucht und auch selbst welche veranstaltet habe. Seit dem 16. Januar sind die Boulevards von Paris nach Sonnenuntergang menschenleer. Es herrscht eine strenge Ausgangssperre von 18 Uhr bis 6 Uhr morgens. Wenn noch irgendwo etwas passiert, dann hinter verschlossenen Türen.

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So haben sich Robin und andere trotz der weiterhin anhaltenden Pandemie nicht davon abhalten lassen, Orgien und Swingerpartys zu organisieren. Die meisten von ihnen rechtfertigen das mit dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Und es scheint einer ganzen Menge Menschen so zu gehen. Ende Januar erst stürmte die Polizei eine große Orgie in einem Pariser Vorort und belangte 81 Menschen wegen Corona-Vergehen.

VICE hat mit acht Menschen gesprochen, die während der Pandemie an Orgien, Gruppensex oder Swingerpartys teilgenommen haben. Sie alle bezeichnen sich als Libertins, ein französischer Begriff für Menschen, die sexuell aufgeschlossen sind und an Gruppensex oder Orgien teilnehmen.


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Die Libertinage kannst du dir in etwa als die französische, extrem bourgeoise und weitaus ältere Cousine der Freie-Liebe-Bewegung der 1960er vorstellen. In der Vergangenheit wurde dieser Lebensstil vor allem mit Frankreichs politischer, gesellschaftlichen und intellektueller Elite assoziiert, die sich in den exklusiven Pariser Libertin-Clubs wie dem Les Chandelles zu Sexpartys traf. 

Eine Kehrseite dieser Kultur, die sexuelle Freiheit fast über alles stellt, wird aktuell in der französischen Inzest-Debatte diskutiert, in der die Elite des Landes gerade einen MeToo-Moment erlebt.

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Ganz so elitär geht es heute allerdings nicht mehr zu. Zwar gibt es weiterhin exklusive Clubs wie Les Chandelles, viele der selbsternannten Libertins, mit denen VICE gesprochen hat, stammen allerdings nicht aus den obersten Rängen der französischen Gesellschaft. Tatsächlich sagte ein Libertin uns, dass man in seinen Kreisen absichtlich Partys veranstalte, die offen für alle sind, auch queere Menschen. Sie wollten dem Begriff so eine neue Bedeutung geben.

Ob elitär oder nicht, sie alle sind sich einig, dass Libertinage nicht bloß etwas ist, das man macht, sondern ein Lebensstil, der gleichermaßen befreiend und anstrengend sein kann. Für sie ist es ein wichtiger Teil ihrer sexuellen Identität.

"Libertins erkennen sich gegenseitig, wo immer sie sind", sagt uns ein Libertin. "Ein Libertin zu sein, ist eine Frage des Respekts: Respekt für den Körper und das Verlangen deines Partners, Respekt für deinen eigenen Körper. Libertin zu sein bedeutet eine aufrichtige Ehrlichkeit und vor allem den Respekt der Privatsphäre."

Schön und gut, aber es dürfte ziemlich unmöglich sein, eine Sexparty mit FFP2-Maskenpflicht und vor allem Social Distancing zu veranstalten. Eine Orgie während einer Pandemie ist mindestens fahrlässig. Im November vergangenen Jahres erst wurden 41 Menschen nach einem Swingertreffen in New Orleans positiv auf Corona getestet.

Aus diesem Grund sagt uns ein Pärchen, beide sind Anfang 40, dass sie nur private Sexpartys besuchen würden, bei denen alle vorher einen Coronatest gemacht haben und sie die anderen Menschen kennen. Ein gewisses Risiko bleibe trotzdem, sagen sie.

"Das Verlangen nach Sex ist wichtiger als die Gesundheitsbeschränkungen geworden." – Robin

Neben der Gesundheit von sich und anderen riskieren Swinger auch saftige Strafen. Ein Verstoß gegen die Ausgangssperre kann 135 Euro kosten, bei Wiederholung sogar bis zu 3.750 Euro oder Gefängnis.

"Wegen der Ausgangssperre sind die Menschen vorsichtig, in welchem Zustand sie die Wohnung verlassen", schreibt Robin. "Sie achten darauf, dass sie nicht zu stoned sind oder zu fertig aussehen, falls sie Polizisten über den Weg laufen. Ansonsten hat sich nicht allzu viel geändert. Das Verlangen nach Sex ist wichtiger als die Gesundheitsbeschränkungen geworden. Die Leute wollen sich Treffen."

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Und wie sehen die Treffen der Libertins aus? "Es ist ein Kommen und Gehen", sagt Robin. "Es können fünf im Schlafzimmer und vier im Wohnzimmer sein oder andersrum. Wir sind für uns selbst und andere verantwortlich. Wir drängen niemanden zu irgendwas. Wenn du nicht angefasst werden willst, setzt du dich hin, rauchst ein Zigarette und unterhältst dich. Das ist nicht nur durchgehendes Gerammel."

Für manche, die die Größe und das chaotische Gewusel der Libertin-Clubs gewöhnt sind, ist Corona eine Zeit des Experimentierens gewesen. Einige haben sich dazu entschlossen, das Ganze ins Internet zu verlegen und zum Beispiel Sex vor einer Webcam zu haben oder an virtuellen Sexpartys teilzunehmen. Für andere ergab sich durch Corona die Gelegenheit, intimere Verbindungen mit den Menschen zu formen, mit denen sie Sex hatten.

"Mehr Zeit zu Hause auf dem bequemen Sofa hat bei uns einige Neigungen verstärkt wie unsere Bisexualität oder Aktivitäten, die mehr Privatsphäre, Zeit und Geduld brauchen, wie zum Beispiel für mich, einen Mann zu peggen", sagt eine Frau. Sie und ihr Partner sind beide Mitte 30. "Da wir jetzt eine engere Beziehung mit einigen Menschen haben, können wir ihre Fantasien kennenlernen und eine echte Komplizenschaft entwickeln. Eine Diskussion über Sex ist zu Hause immer entspannter, ehrlicher und leidenschaftlicher als an der Bar eines Clubs mit lauter Musik."

Diejenigen, die sich weiterhin zum Gruppensex treffen, wissen, dass die meisten ihr Verhalten kritisieren werden. Für manche ist es schwer, das Verlangen nach sozialer, sexueller und emotionaler Genugtuung mit der aktuellen Realität unter einen Hut zu bringen.

"Wir haben manchmal ein schlechtes Gewissen, aber wir treffen auch Vorkehrungen, um eine Corona-Ansteckung zu vermeiden", sagt uns eine Frau am Telefon, die während der Pandemie mit ihrem Partner Orgien besucht hat. "Und überhaupt, ich glaube, dass die Menschen, die so über uns herziehen, die Regeln auf andere Art verletzt haben. Das ist doch nur natürlich. Es gibt hier so viel Scheinheiligkeit. Ja, irgendwo mögen sich 100 Libertins an einem Ort treffen, und wir glauben nicht, dass das eine gute Idee ist, aber was ist mit den Tausenden Ravern, die zwei Tage durchfeiern, ohne dass jemand sie aufhält?"

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Für andere ist es auch ein Ventil. "Scheiß auf Macron", sagt einer. "Ich glaube, die Menschen haben ein dringendes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und sich zu treffen. Alles ist zu, die Leute sind allein. Wir können nicht für immer mit Käfigen um unsere Muschis und Schwänze leben. Immerhin impfen wir jetzt in Frankreich."

"Natürlich ist es unrealistisch zu erwarten, dass Menschen monate- oder jahrelang wie im Zölibat leben." – Sozialpsychologe Justin Lehmiller

In jedem Fall, sagt der Sozialpsychologe Dr. Justin Lehmiller, sei das Reizvolle an Gruppensex für manche, dass sich damit schnell die soziale und körperliche Leere füllen lasse, die die Coronabeschränkungen bei vielen auslösen.

"Ich schätze, dass einige Menschen durch Gruppensex ihr Bedürfnis nach Sex mit dem nach menschlicher Nähe kombinieren", sagt Lehmiller VICE über Zoom. Er arbeitet mit dem Kinsey Institute zusammen und hat das Buch Tell Me What You Want geschrieben. "Dazu kommt der Reiz des Verbotenen, dass man die Regeln bricht und erwischt werden kann. Das macht es für manche noch aufregender." 

Es gibt natürlich auch Libertins, die auf persönliche Treffen komplett verzichten. Wie überall in der Gesellschaft ist das für manche einfacher als für andere. Ein Pärchen sagt, Freunde von ihnen seien sehr einsam geworden – manche sogar depressiv. Andere können dem sexuell etwas moderateren Leben sogar etwas abgewinnen.

"Nein, es war nicht schwer", schreibt ein Paar. "Wir sehen unsere horizontalen Freunde jetzt in einem vertikalen Kontext, ohne Spielereien. Das Swingen wird warten, bis wir es wieder sicher tun können."

"Es ist der gleiche Unterschied wie zwischen einem Candlelight-Dinner mit einem Lover und einem Essen mit Freunden", sagen sie. "Beides hat seine Vorzüge, aber sie konkurrieren nicht miteinander." 

Ob man nun Gruppensex während einer Pandemie hat oder nicht: Lehmiller weist darauf hin, dass die allermeisten Menschen versuchen, bei dem was auch immer sie tun, so verantwortungsvoll wie möglich zu sein. "Natürlich muss ich als Wissenschaftler und Aufklärer Menschen dazu ermutigen, verantwortungsvoll zu sein. Den sichersten Sex hat man immer noch alleine. Aber natürlich ist es unrealistisch zu erwarten, dass Menschen monate- oder jahrelang wie im Zölibat leben. Wenn du Sex mit anderen hast, egal wie vielen auf einmal, triff Vorsichtsmaßnahmen."

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