Menschen

Ich habe versucht, auf eine illegale Lockdown-Party eingeladen zu werden

"Berlin ist gebrochen", sagt ein Freund, der vor der Pandemie jedes Wochenende in Clubs verbracht hat. Wirklich?
18.1.21
WhatsApp-Verlauf und eine Party im Hintergrund; Ich habe versucht auf eine illegale Lockdown-Party eingeladen zu werden
Hintergrund: imago images / Westend6

Ein Blick auf Instagram reicht. Während ich in meine Enge-Freunde-Story poste, wenn ich mit Strohhalm aus einem Essiggurkenglas trinke, nutzen andere ihre Story dazu, ihre Regelverstöße gegen die Coronabeschränkungen zu dokumentieren. Als müssten sie ihren Followern beweisen, dass sie den Hedonismus noch nicht ganz verlernt haben, filmen sie sich gegenseitig, wie sie im Wohnzimmer um eine Box rumtanzen. Eine richtige Party aber habe ich seit September in keiner Story mehr gesehen. 

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Ich wende mich an jemanden, der sich auskennt. "Berlin ist gebrochen", sagt ein Freund, der vor der Pandemie so gut wie jedes Wochenende in Clubs verbracht hat. "Die Szene ist tot. Leute, die früher den Boden im Berghain geleckt hätten, trauen sich jetzt nicht mehr aus der Wohnung." Es ist Samstagmorgen. Er und ich sitzen nebeneinander auf einer Bank und blinzeln in die Sonne. Wir treffen uns nur noch draußen und mit Abstand. Gäbe es keine Pandemie, würden wir wohl gerade den Schweiss und die Ausdünstungen der Nebelmaschine aus unseren Augen blinzeln, die Sonne wäre weit weg, außerhalb der Clubmauer.

Aber ist die Szene wirklich tot? Klar, die Clubs sind zu, die Tanzflächen leer, keine Schlange vor den Toiletten und keine spirituellen Physiotherapeuten mit Glitzer im Gesicht, die ihre Hand auf deinen Arsch pressen, wenn sie sich vorbeidrängen. Aber können überlastete Krankenhäuser jungen Menschen wirklich die Feierlaune verderben?


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Ich selbst treffe kaum noch Leute. Außerhalb meines Hausstands gibt es nur eine weitere Person, die ich regelmäßig sehe. Zu Freunden nach Hause eingeladen werde ich schon seit November nicht mehr, weil sie wissen, wie strikt ich mich an die Regeln halten will. Zu unserem Schutz heißen die erwähnten Leute und ich in diesem Text anders.

Manchmal machen meine Mitbewohner und ich nach zu viel Prosecco und selbstgemachtem Ingwerschnaps Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann von Nena an und tanzen um 2 Uhr nachts durch die Küche und denken an die "Wenn das alles wieder vorbei ist"-Freiheit, die gerade immer utopischer und immer weiter weg scheint.  

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Doch wie feiern die, die gar kein danach brauchen, denen das jetzt vollkommen reicht? 

Ein Typ namens Julian meldet sich bei VICE mit einer langen Nachricht:

"Ein Bro von mir ist Veranstalter für Partys in Berlin." Er erzählt davon, dass ein Freund illegale Partys organisiere. Die Location sei dann meist ein privater Großraum, der für die Party umfunktioniert wird.

"Einmal ging er sogar soweit, dass er das ganze Event offiziell als Filmdreh über die Firma eines Freundes angemeldet hat."

Ich melde mich bei Julian und frage, ob er mich mit seinem Freund in Verbindung setzen kann. Wir schreiben hin und her. Ich beteuere, dass er selbstverständlich anonym bleiben kann. Nach einer Woche schickt mir Julian die Nummer von Jonathan.

Am Telefon klingt Jonathans Stimme wie die eines Motivationstrainers, selbstbewusst und selbstverständlich. Er ist Veranstalter. Schon vor der Pandemie hat er Events organisiert. Er will, dass ich verstehe, was er sagt. Manchmal stellt er mir Fragen, nur um sie dann selbst zu beantworten. Nach jeder Aussage pausiert er lange genug, damit ich "Oh, wie krass!" sagen kann. Er betreibt eine App, über die er auch nach Corona noch Partys promoten will. Im Store ist sie getarnt, zum Beispiel als Dating-App.

"Von Berlin denkt man ja, dass das Stadtzentrum komplett vollgebaut ist, richtig?" Ich bejahe, ohne wirklich zu wissen, ob ich das wirklich glaube. 

"Stimmt nicht." Durch Bekanntschaft hat er Zugang zu leerstehenden Gebäuden in Berlin, die groß genug seien für eine Party. Wer über die App ein Ticket kauft, bekommt einen Treffpunkt mitgeteilt. Meist steht dort dann eine Person, welche die Feierwütigen zur richtigen Location lotst. Das sichert die Veranstalter ab. Etwa 300 Leute feiern bei diesen Partys. Wenn Jonathan erzählt, wie er Partys organisiert, klingt es einfach, als gäbe es kein Risiko, als wäre es nicht eine verdammt rücksichtslose Idee. Ich bin so verblüfft, dass ich fast vergesse, das alles doof zu finden. Ich frage mich, ob er die Wahrheit sagt. Bevor er mir mehr erzählt, will er mich aber persönlich treffen.

Es ist Anfang Dezember. Ich sitze im Empfangsbereich eines Barbiers in Charlottenburg auf einer Ledercouch. Jonathan ist zehn Minuten zu spät und ich komme mir komisch vor, weil ich so viel zu früh da gewesen bin, dass ich zuerst noch einige Minuten vor dem Laden gewartet habe.

Jonathan kommt. Als Erstes sage ich, dass ich eigentlich nie in Charlottenburg bin. Er empfiehlt mir ein Restaurant in Kreuzberg. Wir sprechen etwa eine halbe Stunde über die Silvesterparty, die er plant. Gerade sind sie in der Vorbereitung. Mit einer Drehgenehmigung wollen sie die Coronaregelungen umgehen. Er zeigt mir Videos von den Partys im Sommer. Coronafälle hatten er noch keine in seiner Partyreihe. Ob sie Contact-Tracing machen können, falls ein Fall auftritt? Er nickt. Er ist sympathisch und offen. Ich tue mir schwer, ihn komplett zu verachten. So wie ich sonst die Leute verachte, die sich nicht an die Corona-Regeln halten.

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Vor Weihnachten schreibt mir Jonathan, dass seine Silvesterparty wahrscheinlich nicht stattfindet. Sie haben Anträge geschrieben, um eine Drehgenehmigung zu bekommen. Das scheint nicht geklappt zu haben.

An Silvester kommt dann nach der ersten Flasche Crémant doch eine Nachricht. 

"Hey was machst du?", schreibt Jonathan. Heute soll doch eine Party steigen. Die hat er zwar nicht organisiert, aber sie könnte trotzdem interessant sein für meinen Text.

Ich sage zu. Für Silvester wollten meine Mitbewohnerin und ich Lasagne essen und dann leicht angetrunken Lime-Scooter fahren. Das muss ich jetzt verschieben.

Direkt danach ruft mich ein Kumpel an und wir sprechen lange über wenig. Wir sagen einander, wie doll lieb wir uns haben, und ich merke, dass ich sonst nicht viel vom Telefonat kapiere. Ich bin schon zu angetrunken. Wenn ich mich gleich auf Recherche begeben will, habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann jetzt entweder Lasagne essen, um wieder nüchtern zu werden, oder mir auf Telegram Acid nach Hause bestellen, a lá Hunter S. Thompson, und mir gleich auf dem Dancefloor Corona einfangen. Ich esse Lasagne.

Ich fahre in eine Gegend von Berlin, in der das Hostel liegt, in dem ich untergekommen bin, als mein erster Freund mit mir Schluss gemacht hat und ich danach in Berlin meine Hirnzellen loswerden wollte. Hier scheint es immer ein bisschen dunkler als anderswo in Berlin und irgendwie ist die nächste U-Bahn-Station auch immer viel zu weit weg. Wie es sich gehört für eine Fahrt zu einer Coronaparty höre ich "Burning up" von Madonna.

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Jonathan schickt mir dann die genaue Location der Party auf Whatsapp. Ich rufe ein Uber, später steigt einer von Jonathans Freunden zu mir auf die Rückbank. Jonathan und ein anderer Typ wollen nachkommen.

Tim holt gerade sein Abi nach. Er will Ernährungswissenschaften studieren. Sein Opa ist vor Kurzem gestorben. Der Uber-Fahrer hört uns zu und mir ist es unangenehm, dass er weiß, dass ich gerade mit einer völlig fremden Person im Auto sitze.

Unter der Maske atme ich den puderigen Geruch meines Lippenstifts ein. 

Der Uber-Fahrer, Tim und ich. Um Mitternacht wünschen wir drei uns ein Frohes Neues. Wir sagen es so sehr nebenbei, dass es fast wie ein Versehen klingt. Vielleicht geht es auch nur mir so. Weil es sich auch wie ein Versehen anfühlt, dass ich gerade nicht bei mir zu Hause am Küchentisch sitze, sondern in diesem Auto am anderen Ende Berlins. Tim fragt mich, ob es OK ist, wenn er kurz seine Oma anruft. Er muss jetzt mehr für sie da sein, seit Opa weg ist. Kurz überlege ich, wie das zusammenpasst. Diese Sorge um die Oma und die illegale Lockdown-Party. Meine Oma kann ich gerade nicht anrufen, sie hat bestimmt ihr Gebiss für die untere Zahnreihe schon rausgenommen und dann will sie nicht mit mir sprechen.

"Frohes Neues!", sagt Tim am Telefon. "Ich sitze gerade mit Clara im Uber… Ne, nicht Clara meine Ex. Eine andere Clara. Die kennst du nicht."

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Um uns herum dröhnen Böller und Feuerwerk und es fällt mir plötzlich schwer, Tim für seine Feierlaune zu verachten. Tim ist nett. Das erste, was Tim im neuen Jahr tun will, ist, mit seiner Oma zu sprechen.

"Möge das neue Jahr besser sein", sagt seine Oma am anderen Ende der Leitung.

Das Auto holpert über unebenes Kopfsteinpflaster. Wir sind auf einem Fabrikgelände irgendwo in Reinickendorf. Wir sind da.

Der Raum ist groß. Es gibt zwei Stockwerke. Die Leute halten größtenteils Abstand, aber nicht bewusst, sondern weil nur etwa 30 Leute im Raum verteilt sind. Ich hätte mir den jugendlichen Leichtsinn eleganter vorgestellt. Koks-Lines auf perfekten Bizeps und Pos oder Champagnerkelche, überlaufend mit Dom Pérignon. Wenn schon Lockdown-Party, dann so richtig. Ich ziehe mir den Schal über die Nase. Weiter hinten im Raum gibt es große Metalltabletts mit Mozzarella-Sticks und Chicken-Wings. Der Veranstalter sagt mir, dass ich mir zwei kostenlose Drinks aussuchen kann, weil ich eine Frau bin. Ich habe schon lange keine Mische mehr getrunken, aber hier scheint es nichts anderes zu geben. Mit zwei vollen Plastikbechern gehen Tim und ich wieder raus in die Kälte. Ich ziehe mir den Schal vom Gesicht. Crushed Eis scheppert hin und her in meinem Becher. Meistens kommt die schlechte Laune, wenn die Party schlecht ist. Heute kommt sie nicht. Vielleicht weil es mir vor einem Fremden peinlich ist, schlecht gelaunt zu sein, oder weil ich gar nicht hier bin, um zu feiern.

Das Gefühl, am Anfang eines Abends ins Auto zu steigen und nicht zu wissen, wie die Nacht endet, habe ich heute das erste Mal wieder seit bald einem Jahr. Doch auch die Bestätigung, dass ich über die letzten Wochen Isolation eigentlich nichts verpasst habe, worauf ich nicht verzichten könnte.

Irgendwann winkt uns der Türsteher wieder rein.

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"Die Polizei steht vorne am Straßenrand. Alle rein!" 

Tim und ich ziehen uns die Masken über unsere Gesichter. Als die Tür hinter uns zufällt, endet die Musik und der kleine, glatzköpfige Veranstalter schreit:

"Hört alle mal zu. Das ist eine illegale Veranstaltung, die wir durchführen, damit ihr Spaß habt. Wenn ihr keinen Bock habt, dann geht. Es gibt kein Geld zurück." Spaß, naja.

Der DJ spielt wieder Musik, diesmal viel lauter als zuvor.

Ich gehe rüber zum DJ-Pult und frage, ob er mal "Ich rolle mit meim Besten" spielen kann. Er nickt energisch: "Klar. Aber erst wenn es bisschen voller ist." Hier hat wohl jemand die Hoffnung noch nicht verloren.

Tim und ich gehen wieder nach draußen und rufen Jonathan an.

Später fahren wir in den Grunewald. Dort kommen wir in eine Wohnung von einem Typen, der aussieht, als würde er mir einen Bausparvertrag andrehen wollen. 

"Wir alle haben einen Schnelltest gemacht. Wir sind alle negativ."

"Ich habe vor zwei Tagen einen Test gemacht", sage ich. Das reicht ihm.

Wir gehen in die Wohnküche. 

Auf der Küchenablage zwischen Herd und Spüle liegen eine Packung Covid-Schnelltests und ein Spiegel mit Koks-Lines.

Sie sehen so aus, als hätten sie Freunde, die eine Yacht besitzen.  

Sie tanzen zugekokst in weißen Hemden zu einer Art Ibiza-Party-Musik und ich freue mich, dass sich manche Witze selbst schreiben. Ich will mich über sie lustig machen, aber weil alle so lieb sind zu mir, will ich dann doch nicht. 

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Während ich neben den Tanzenden stehe, wechsle ich zwischen Vergessen und schlechtem Gewissen. 

Später fährt mich Ali nach Hause, ein Uber-Fahrer. Ali hatte gestern Geburtstag. Ali ist Impfgegner. Doch ich bin zu müde für eine Diskussion. Heute gehören mir meine Meinungen auch gar nicht, habe ich mich doch komplett gegen meine Prinzipien gestellt.

Jonathan hat davon gehört, dass die Party ein Reinfall war. Er hat mir versprochen, mich auf die nächste einzuladen. Zwei Wochen später ruft er mich an: 

"Ich bin am Samstag eingeladen. Willst du kommen? Austern, Lachshäppchen, Champagner, Wodka."

Klar will ich. Aber ich lehne ab.

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