Ein User klickt die App Clubhouse auf seinem Smartphone an
Foto: Florian Gaertner | imago
Tech

Hype-App: So riskant ist es, sich auf Clubhouse anzumelden

Es geht nicht nur um deine Daten, sondern auch um deine Gesundheit.
21.1.21

Eine App geht um in Deutschland. Sie heißt Clubhouse und wenn du gerade nicht hinter dem Mond lebst, wird dir der Name schon mal untergekommen sein. Falls doch, hier eine kleine Erklärung: Clubhouse ist ein soziales Netzwerk, bei dem du dich – klar – mit anderen Menschen verbinden kannst. Der Unterschied: Clubhouse funktioniert über Audio-Gespräche in sogenannten Rooms. Die Gründer nennen das "Live-Podcast". Stell dir einfach vor, du bist auf einer WG-Party und kannst von Grüppchen zu Grüppchen laufen, zuhören und mitreden.

Anzeige

Aber wie eine WG-Party, bei der es keine Musik gibt, hat auch diese App ein kleines Problem. Spätestens nach dem dritten Gespräch über diese tolle neue Serie, die du gesehen haben musst, stellst du fest: war dämlich herzukommen. 


Auch bei VICE: Bewegung und Party: Das Skate-Life in Zürich


Schon der Name der App zeigt, wie sehr Alpha Exploration – so heißt die Firma, die Clubhouse besitzt – dir weismachen will, dass du endlich wieder in langen Schlangen vor den Clubs stehen kannst. Du musst nämlich von jemanden eingeladen werden, der die App schon hat. So entsteht die Illusion von Exklusivität. Was knapp ist, ist auf einmal viel interessanter. Ein toller Marketingtrick, den Marken, wie zum Beispiel Supreme, schon lange benutzen, um dein Gehirn auszuschalten. 

Dieser künstlich erzeugte Mangel erzeugt aber eine Ungleichheit, die gar nicht sein müsste. Es geht ja nicht um einen "echten" Platz in einem Raum, den du wegnimmst. So bleibt aber wieder nur das miese Gefühl, das du bekommst, wenn jemand statt dir am Türsteher vorbeikommt, weil er ihn kennt. Das trifft diejenigen, die sozial am wenigsten vernetzt sind. Einsamkeit – besonders in Corona-Zeiten ein Problem – verringert es deswegen nicht. 

Diese App kennt deine Gynäkologin

Soziale Netzwerke verdienen meist nur mit einer Sache Geld: Daten. Nicht umsonst gibt es den Spruch: "Wenn ein Service im Internet kostenlos ist, bist du selbst die Ware." Klar es gibt Ausnahmen, aber wie Clubhouse jetzt schon zeigt, gehört die App nicht unbedingt zu den Guten. 

Wenn du dich anmeldest, fragt dich Clubhouse nach deiner Handynummer, angeblich, um Trolle fernzuhalten. Das kann sogar stimmen, aber eine Handynummer hat noch einen Vorteil für die Firma: Menschen wechseln sie viel seltener und extra eine Nummer für Clubhouse zu besorgen ist aufwändig. Somit bist du viel einfacher als du zu identifizieren.

Falls du die App gar nicht benutzt, aber Freunde hast, die es tun, ist es für dich übrigens vermutlich zu spät: Die App legt sogenannte Schattenprofile an. Also Profile von Leuten, die vielleicht noch nie von der App gehört haben. Clubhouse fragt dich, ob du Zugriff auf dein Adressbuch gewähren willst, um dann Einladungen verschicken zu können. Klingt nach einem fairen Deal, aber die App speichert, wer alles in deinem Telefonbuch steht und lädt die Daten auf Server in den USA hoch. 

Daraus generiert sie dann die Schattenprofile. Clubhouse geht sogar noch weiter, indem es dir anzeigt, wenn deine Freunde die gleiche Nummer in ihrem Adressbuch haben, also das gleiche Profil kennen. So könntest du beispielsweise herausfinden, dass du die gleiche Psychologin wie dein Arbeitskollege hast. Und warum zur Hölle hat dein Freund eigentlich die Nummer von dieser einen Bekannten, die ihr letztens beim Zoom-Kochen kennengelernt habt? Das findet übrigens auch die Vorsitzende der Datenschutzkonferenz nicht so gut und sagte der Wirtschaftswoche: "Dass Nutzer dem Dienst ,Clubhouse‘ Zugriff auf ihre Kontakte gewähren und ihm somit Kontaktinformationen von Personen zur Verfügung stellen, die selbst nicht Teilnehmer des Dienstes sind, ist grundsätzlich kritisch zu sehen." 

Alles was du sagst, kann gegen dich verwendet werden

Clubhouse verspricht dir lockere Gespräche mit Leuten oder eben das Live-Podcast-Event. Es zeigt dir aber erst bei genauem Hinsehen, dass es deine lockeren Gespräche aufzeichnet und speichert. Die Firma verspricht, die Daten nur verschlüsselt zu speichern und auch am Ende der Sitzung zu löschen, sollte es nicht währenddessen zu einer Beschwerde kommen. Trotzdem sind die Daten deiner Stimme und alles was du sagst zumindest kurzzeitig gespeichert, können abgerufen und dann auch als Beweismittel verwendet werden.
Alpha Exploration schreibt in der eigenen Datenschutzordnung, dass es Daten mit den Strafverfolgungsbehörden teilen wird, wenn es dazu verpflichtet ist oder “in gutem Glauben, dass eine solche Aktion nötig ist". Das bedeutet: Auch der private Raum  mit Freundinnen und Freunden bleibt nicht unbedingt privat.

Übrigens kann die Firma deine Daten, also wie du die App benutzt, wann und wo, welchen Leuten du folgst, an andere weitergeben. Deine Daten sind also Freiwild.

Die Angst etwas zu verpassen macht dich krank

In den USA ist die App schon seit dem Sommer sehr beliebt. Dort aber auch bei Rassisten und Sexisten. Viele Nutzerinnen und Nutzer beschweren sich über die unkontrollierten Räume, in denen auch Fakenews und Hassbotschaften geteilt werden. Die Gründer der App wollen aber keine Moderation einführen und "glauben an die einzigartige Kraft der Stimme, um Empathie aufzubauen, und sehen Clubhouse als einen Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Hintergründen und Lebenserfahrungen ihr Verständnis erweitern und ihre Weltanschauungen weiterentwickeln." In Deutschland scheinen die Räume noch von solchen Problem sicher zu sein, dass es aber keine richtige Moderations-Möglichkeiten gibt, kann zu einem werden, wenn Rechtsextreme die App für sich entdecken.

So kam es etwa kürzlich zu einem Stressfall in einer Journalisten-Diskussionsrunde. Dort diskutierte man in einem Room zweieinhalb Stunden aufgeregt darüber, dass am Anfang der Diskussion die rechte Bloggerin Anabel Schunke im Raum gewesen war und sich offenbar auch zwei, dreimal zu Wort gemeldet hatte. Nachdem irgendjemand einen empörten Screenshot davon auf Twitter gepostet hatte, war sie offenbar rausgeflogen, aber seitdem kam die Runde über das Thema nicht mehr hinweg: Hätte man sie gleich rausschmeißen oder gar nicht erst reinlassen sollen? Oder war es nicht irgendwie im Gegenteil bizarr, zwei Stunden über sie, aber nicht mit ihr zu reden? Was war wichtiger: Solidarität mit denen, die von der Hetze rechter Bloggerinnen betroffen sind oder Meinungsfreiheit auf Clubhouse? Ein Ergebnis dieser Debatte wurde, wie zu erwarten war, nicht erreicht.

Unabhängig von solchen Diskussionen berichten einzelne Nutzerinnen und Nutzer von einem starken FOMO, also der Fear of Missing out. Das Gefühl, was es bei anderen sozialen Netzwerken auch gibt, wenn du deinen Instagram-Feed bis nach unten scrollst, wird durch das Live-Gefühl der App verstärkt. Du hast das Gespräch zwischen deinen Arbeitskollegen verpasst, bei dem sie nebenher das nächste Projekt besprochen haben? Sorry, Nachholen ist nicht möglich. Dass du deswegen ständig auf dein Handy schaust kann sogar deine Gesundheit gefährden. Entweder, weil du blind auf eine Straße läufst oder weil die ständige Angst, etwas auf Clubhouse zu verpassen, zu einer Depression führen kann. Und du hast auch noch lange angestanden, um in diesen Club überhaupt rein zu dürfen.

Folge VICE auf FacebookInstagramYouTube und Snapchat.