Ein junges Paar im Bett, die Verhütung wird oft noch den Frauen überlassen, viele wollen aber nicht mehr die Antibabypille nehmen.
Eine Szene aus dem Film 'Lucia und der Sex' von 2001 | Credit: AA Film Archive / Alamy Stock Photo
Sex

Warum immer weniger Frauen die Pille nehmen

Weniger Lust auf Sex, die ganze Verantwortung und tonnenweise Nebenwirkungen: Die Pille hat viele Nachteile. Aber es gibt hormonfreie Alternativen.
5.1.21

"Es lohnt sich fast allein schon, weil es eine so schöne Sache ist. Es ist ein militanter, feministischer, ein politischer Akt", sagt die 29-jährige Lucile. Sie meint eine Vasektomie. Ihr Partner überlegt momentan, eine an sich vornehmen zu lassen. 

Wie viele Frauen hat Lucile zur Verhütung jahrelang Hormone genommen.

Schon früher hatte sie die Pille immer mal wieder abgesetzt, denn hormonelle Verhütung hat viele Nebenwirkungen. Bei Lucile waren es Depressionen und weniger Lust auf Sex. Wenn sie die Pille nicht nahm, verhütete sie mit Kondomen oder mit der Rauszieh-Methode – wirklich sicher ist letztere natürlich nicht. "Am Ende habe ich mich von meiner Gynäkologin überzeugen lassen, wieder mit der Pille anzufangen. Bisher hat mir kein Arzt etwas Negatives über die Pille gesagt", sagt Lucile. "Der generelle Konsens scheint: Die Pille ist das beste Verhütungsmittel."


VICE-Video: Warum es noch keine Pille für den Mann gibt


Seit vier Jahren nimmt Lucile die Pille gar nicht mehr. Jetzt ist sie in einer neuen Beziehung und hat das Thema mit ihrem Freund besprochen. Er ist etwa so alt wie sie. "Mir ist klar geworden, dass es auch seine Verantwortung ist. Er ist ein Mann – bis jetzt hat noch niemand mit ihm über Verhütung gesprochen. Verhütung ist aber nicht nur Frauensache." Nachdem sie sich darauf geeinigt hatten, dass sie keine Kinder wollen, kamen sie auf die Idee mit der Vasektomie. "Ein bisschen Angst" habe ihr Freund schon gehabt, aber am Ende zugestimmt.

Lucile ist nur eine von vielen Frauen, die genug von der Pille haben. Bérengère Arnal ist seit 36 Jahren Gynäkologin und berichtet, dass die Patientinnen, die sie nach Alternativen fragen, auch immer jünger werden. "Sie haben sich mit den Risiken der Hormone auseinandergesetzt", sagt sie. Sabrina Debusquat, Autorin des Buchs J'arrête la pilule (Ich setze die Pille ab), sagt, dass in Frankreich die Verhütung mit der Pille zwischen 2000 und 2016 um 20 Prozent zurückgegangen ist. In Deutschland ging die Verwendung der Pille bei 18- bis 29-Jährigen zwischen 2011 und 2019 um 16 Prozent zurück. "Wenn du jung bist, tust du, was die Leute dir sagen – Ärzte, Eltern, die Gesellschaft. Du denkst noch nicht kritisch über Hormone nach", so Debusquat.

Eine Alternative ist die Spirale, das Intrauterinpessar. Marine, 30, hat damit allerdings traumatische Erfahrungen gemacht. Mit 16 begann sie die Pille zu nehmen. Nachdem sie neun Kilo zugenommen und immer weniger Lust auf Sex hatte, stieg sie auf die Spirale um. "Nach fünf oder sechs Monaten bekam ich fürchterliche Periodenkrämpfe und Darmprobleme", sagt sie. "Irgendwas war seltsam, ich kenne meinen Körper." Eine Ultraschall-Untersuchung zeigte, dass sich die Spirale in ihrer Gebärmutter verschoben hatte. Das Gewebe war stark angeschwollen. Die Reaktion ihrer Ärztin? Zurück zur Pille. "'Auf keinen Fall', hab ich gesagt", erzählt Marine. "Ich will nie wieder über Verhütung nachdenken. Das hat 15 Jahre meines Lebens ruiniert."

Jetzt nutzt sie eine App, mit der sie ihren Zyklus überwacht. Wenn sie ihren Eisprung hat, benutzen ihr Mann und sie manchmal Kondome, aber generell gilt: "Wenn es halbwegs sicher ist, machen wir uns keinen Kopf." Das Paar kennt die Risiken, "aber wenn ich schwanger werden würde, wäre das kein Weltuntergang", sagt Marine. "Ich kenne meinen Körper jetzt viel besser und verstehe, wie mein Zyklus funktioniert. Außerdem haben wir als Paar gelernt, was man außer Penetration noch so machen kann." Irgendwann, wenn sie Kinder bekommen haben, will Marines Mann eine Vasektomie machen lassen und seiner Frau die Verhütung abnehmen.

Die Autorin Debusquat hat es sich zur Aufgabe gemacht, natürliche Verhütungsmethoden zu verteidigen. Diese gelten in der breiten Öffentlichkeit immer noch als unsicher. "Wenn man die korrekt anwendet, sind sie sehr effektiv", sagt sie. In ihrem Buch beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Temperaturmethode. Dabei kontrolliert man jeden Morgen die Temperatur und den Zervixschleim, die sich im Laufe des Zyklus verändern. "Ich wollte weder regelmäßig Kondome benutzen noch ein Diaphragma. Mit dieser Methode musste ich nur an den fruchtbaren Tagen verhüten."

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Debusquat ärgert sich, dass ihr keine Gynäkologin oder Gynäkologe davon erzählt hat. "Ärzte sollten ihren Patienten echt besser zuhören", sagt sie. "Mir erzählen Frauen, dass sie nicht mehr zum Arzt gehen, weil die ihnen nicht zuhören. 'Nimm einfach die Pille' reicht heutzutage nicht mehr."

Apps klären die Verhütungsfrage laut Debusquat leider auch nicht: "Ein Algorithmus kann die Feinheiten des menschlichen Körpers nicht verstehen." Frauen sollen ihre eigenen Entscheidungen treffen. "Es landen Frauen im Krankenhaus, weil sie die Pille genommen haben – das ist fürchterlich und niemand redet darüber. Ganz normale Frauen, die einfach Sex haben wollten. Ich bin durch meine Recherchen eine militante Feministin geworden."

Natürliche Verhütung kann eine Option sein. Aber wer ohne Hormonpräparate Sex haben möchte, braucht die Unterstützung des Partners. Amandine, 35, wollte ihrem Körper einmal eine Hormonpause geben, nachdem eine Kollegin mit 25 einen Herzinfarkt von der Pille bekommen hatte. Amandines Partner bestand aber darauf, dass sie weiter die Pille nimmt. Sie müsse "Verantwortung übernehmen". Die Rauszieh-Methode bezeichnete er als "eine Form von Sadismus". Amandine ließ sich überreden und nahm wieder die Pille, obwohl sie das eigentlich nicht wollte. "Als ich sie absetzte, fühlte ich mich schuldig. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass es nicht normal sei, kein Verhütungsmittel zu nehmen."

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Schließlich trennte sich das Paar. "Es war nicht gut für mich, wieder mit der Pille anzufangen. Ich dachte viel über Männer- und Frauenrollen nach und darüber, wie ich Sex hatte." Mit ihrem aktuellen Freund ist Amandine jetzt drei Jahre zusammen. Er unterstützt sie gerne bei der natürlichen Verhütung. "Wir wissen, dass immer etwas passieren kann, aber wenn du in einer stabilen Beziehung bist, macht dir das viel weniger Angst. Außerdem ist es ein spannendes Thema und mein Partner hat viel über meinen Zyklus gelernt, wie dieser meine Psyche beeinflusst und so. Er übernimmt Verantwortung und es fühlt sich viel ausgeglichener an." Für Amandine ist die natürliche Verhütung nicht nur eine Gesundheitsfrage. "Sie hat auch meine Vorstellungen davon verändert, was Sex sein kann."

Wer natürlich verhüten will, muss sich über die Risiken bewusst sein. Edwige ist seit 20 Jahren mit ihrem Partner zusammen und wurde trotz natürlicher Verhütung schwanger. "Es war mehr oder weniger ein Unfall", sagt sie, "aber wir wollten das Kind bekommen und haben es nie bereut." Sie erzählt, dass ihr Partner und sie anders miteinander umgegangen sind, als sie die Pille abgesetzt hat. "Wir haben angefangen, uns anders zu berühren und mehr auf unsere Körper zu achten und er hat meine Perspektive verstanden. Er war immer an meiner Seite."

Bei all den Vorteilen ist natürliche Verhütung nicht für alle eine geeignete Methode. Die Gynäkologin Arnal empfiehlt ihren jungen Patientinnen, nicht mit natürlichen Methoden zu starten. Sie empfiehlt Kondome oder eine östrogenfreie Pille. "Du solltest deinen Körper schon sehr gut kennen, bevor du natürliche Methoden ausprobierst."

Arnal sagt, dass viele Frauen zur Spirale wechseln, wenn sie die Pille absetzen. Die Temperaturmethode kommt für weniger Frauen infrage. "Dabei ist das die sicherste natürliche Methode, die es gibt", sagt Arnal. Für Debusquat ist die natürliche Verhütung das einzig Logische: "Der Sex wird besser, du kommunizierst besser. Du entdeckst den eigenen Körper neu und lernst, wie du auch ohne Penetration Sex haben kannst. Die meisten Frauen, die einmal natürlich verhütet haben, wollen nie wieder zurück." Außerdem setzt du deine Gesundheit nicht aufs Spiel und bist nicht allein für die Verhütung verantwortlich.

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