Popkultur

'All Gas No Brakes' zeigt die irre Welt von Flat Earthern, Corona-Leugnern und Trump-Fans

Andrew Callaghan reist für seine YouTube-Show quer durch die USA und schafft es dabei irgendwie, nicht verprügelt zu werden.
30 Juli 2020, 1:41pm
Andrew Callaghan, der Moderator der YouTube-Sendung All Gas No Breaks interviewt einen Teilnehmer eines Anti-Lockdown-Protestes in Sacramento
Der All Gas No Brakes-Moderator Andrew Callaghan bei einem anti-Lockdown-Protest in Sacramento | Screenshot: YouTube

Pornofans, Hippies, Trump-Fans, Verschwörungsgläubige, Furries, Waffennarren und Menschen unter dem Einfluss jeder erdenklichen Droge: Andrew Callaghan hat sie alle interviewt. Seit einem knappen Jahr reist er mit Freunden in einem Wohnmobil durch die USA zu den bizarrsten Menschenansammlungen, die das Land zu bieten hat, und interviewt dort in einen schlecht sitzenden Anzug gekleidet Menschen, um die die meisten von uns einen großen Bogen machen würden. Die Videos, die wir auf dem Instagram- und YouTube-Kanal All Gas No Breaks bewundern können, sind lustig, manchmal schmerzhaft und fast immer verstörend.

Sein Instagram-Account hat 1,4 Millionen Abonnenten, der YouTube-Kanal knapp 37 Millionen Aufrufe. Wir haben mit Andrew über das Format, seine rappenden Interviewpartner und die Ziele gesprochen, die er mit All Gas No Breaks verfolgt – oder auch nicht.

VICE: Fangen wir am Anfang an: Wie Ist All Gas No Brakes entstanden?
Andrew Callaghan: Ich war schon mit 19 von der Idee angetan, keinen festen Wohnsitz zu haben und ständig rumzureisen, also bin ich ein paar Monate alleine per Anhalter durch die USA gereist. Mich hatte vor allem Ed Buryns Buch Vagabonding in America beeinflusst. Ich habe mir ein Aufnahmegerät gekauft und die Geschichten von Leuten aufgenommen, die ich unterwegs getroffen habe. Ich bin zu Motels, Busbahnhöfen und Cafés gegangen und habe mich mit den am sonderbarsten aussehenden Personen in meiner Sichtweite angefreundet. Das hat mich zwar in ein paar ernsthaft beschissene Situationen gebracht, am Ende hatte ich dafür aber ein großes Audio-Archiv voll mit Lebensgeschichten von Aussteigern. Mit vielen von ihnen bin ich heute noch befreundet.

Ein paar Jahre später habe ich die Aufnahmen transkribiert und in einem Sammelband Veröffentlicht. Als ich dann einen Videotrailer dafür gemacht habe, in dem ich auch das VICE-Office in Williamsburg crashe, habe ich gemerkt, dass mir Videos viel mehr Spaß machen als das Schreiben. Das war perfekt, denn die meisten Menschen hassen Lesen.

Meine ersten Instagram-Videos habe ich Ende 2018 gemacht. Das waren Interviews mit besoffenen Partybesuchern in New Orleans, wo ich auch aufs College gegangen bin. Die Videos verschafften mir ein bisschen Bekanntheit und schließlich auch eine Partnerschaft mit Doing Things Media. Mit ihrer Unterstützung habe ich dann mit All Gas No Brakes angefangen. Vor rund zehn Monaten haben sie mir diesen alten Wohnwagen gekauft, einen 1999er Coachmen. Seitdem bin ich damit unterwegs und drehe nonstop. Seit Corona sind wir aber ein bisschen auf die Bremse getreten.

Was ist mit deinem Kameramann? Die ganze Ästhetik spielt ja eine wichtige Rolle bei deinen Videos.
Mein Kameramann, Nic Mosher, ist ein alter Freund von mir, mit dem ich in New Orleans aufs College gegangen bin. Als wir nach meinem Abschluss zusammen per Anhalter durch die USA gereist sind, ist uns bei ein paar Bier in Miami Beach auch die Idee für eine "Gonzo Roadshow" gekommen.

Was war der Durchbruch?
Die Videoserie, die uns wirklich bekannt gemacht hat, war die vom Burning-Man-Festival. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mir der Dreh keinen Spaß gemacht und wahrscheinlich werde ich es auch nie wieder tun. Da sind einfach viele Senior IT Project Manager high auf Pillen, die sich unbedingt mit dir unterhalten wollen. Sobald sie Black Rock City aber wieder verlassen haben, wollen sie dich unbedingt verklagen. Was Festivals angeht, filme ich lieber bei regionalen Veranstaltungen wie dem Gem & Jam in Tucson. Das war großartig.

Es scheint als würdest du den USA direkt in die Augen schauen, wo heute viele nur noch in ihren eigenen Blasen leben. Was hast du dort gesehen?
Ein endloses Mosaik aus Blasen.

OK, anders gefragt: Willst du mit dem Format eine verborgene Wahrheit über dieses Land und seine Menschen ans Licht ringen?
Das ist alles viel weniger gewollt, als es vielleicht aussieht. Ich versuche, vorurteilsfrei an die Leute heranzugehen, die ich interviewe. Aber ich halte schon generell die Augen auf.

Bist du in deinem Ansatz wirklich neutral? Treffen dich die Sachen, die manche Menschen zu dir sagen?
Die meiste Zeit bin ich neutral. Es wurden aber schon Dinge gesagt, die ich nicht senden wollte, weil wir sonst Hassreden eine Plattform geboten hätte. Nur einmal habe ich ein Interview abgebrochen. Bei der Flat Earth Conference versuchte ein Typ namens Scott falsche Statistiken vorzulegen, die sich stark in Richtung Holocaustleugnung bewegten. Wir haben dann die Kameras ausgemacht.

Antisemitismus scheint sich wie ein roter Faden durch deine Videos zu ziehen. Warum ist das so?
Antisemitismus erlebt in den USA gerade einen rasanten Anstieg und durchdringt einen Großteil der hiesigen Gegenkulturen – von InfoWars-Bros bis hin zu Hippies. Durch die Coronavirus-Pandemie ist es noch schlimmer geworden. Es ist eigentlich egal, mit welcher Verschwörungstheorie du dich beschäftigst – Chemtrails, Reptilienmenschen, UFOs, Illuminaten, Kristalle, 5G, Impfgegner oder die flachen Erde –, irgendwann landest du immer bei dieser Deepstate-Theorie von einer durch Zionisten angeführten Weltregierung, die im Hintergrund die Fäden zieht. Ich weiß das, weil bei jeder Verschwörungstheoretiker-Konferenz, die ich besucht habe, immer Leute sind, die unverblümt aus den Protokollen der Weisen von Zion zitieren, einem fingierten Dokument, das 1903 in Russland als antijüdische Propaganda veröffentlicht wurde. Obwohl man es mehrfach als Fälschung entlarvt hat, wurden die Protokolle immer wieder von mächtigen Antisemiten wie Henry Ford, Louis Farrakhan und natürlich auch Hitler neu aufgelegt und als Wahrheit verbreitet.

Aber wie gesagt, es überrascht mich nicht. Gerade bei den Babyboomern. Es scheint, als mache es ihnen Angst, wie schnell sich die Welt heute verändert. Jemandem die Schuld dafür zu geben, gibt ihnen einen gewissen Halt.

Was ist mit den ganzen Rappern in deinen Videos? Egal, wo du hingehst, du findest immer Leute, die spontan ein paar Bars raushauen.
Ich glaube, jeder Vierte hier hat ein paar Bars im Ärmel.

Die Videos sind offensichtlich lustig gemeint, wie man auch an den Schnitten merkt. Aber einige Inhalte und Personen bringen eine gewisse Dunkelheit mit rein. Wie balancierst du diese beiden Seiten aus?
Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich am besten lerne, wenn ich lache. Egal, ob ich als Kind Ali G geguckt habe oder Daily Show-Korrespondenten wie Wyatt Cenac, der Straßenumfragen gemacht hat. Es war der Humor ihrer Beiträge, der mich dazu gebracht hat, immer mehr und mehr davon zu schauen. Ich glaube, dass Lachen dem Gehirn grünes Licht gibt, Informationen aufzusaugen – positive wie negative.

Wo hast du den Anzug her?
Den Original-Anzug habe ich von der Heilsarmee in Tucson und später habe ich noch einen identischen in einem Goodwill in Beaverton, Oregon, gekauft.

Verstellst du dich bei den Interviews – vor allem, da du zu einem Internetphänomen geworden ist?
Das ist eine verdammt gute Frage. Manchmal fühlt es sich so an, aber ich liebe es trotzdem. Ich möchte aber bald einen Podcast starten, ohne Anzug. Mal schauen, wie ich mich dann fühle.

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