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Ein Sicherheitsexperte hat für uns den viralen Überfall auf einen Geldtransporter analysiert

"Er war immer noch angeschnallt, als er die Tür öffnete. Dieser Fehler hätte ihn das Leben kosten können."
11.5.21
Zwei Angestellte einer Sicherheitsfirma werden in ihrem Geldtransporter von Gangster beschossen und flüchten; ein Sicherheitsexperte hat für uns die Aufnahmen analysiert
Photo: YouTube / SA Trucker

Was Ende April in Südafrika passierte, hätte Hollywood nicht besser inszenieren können. Ein erfahrener Geldtransporterfahrer bekam einen ungeübten, jungen Kollegen an die Seite. Als die beiden einen Auftrag erledigten, eröffneten Gangster mitten auf der Autobahn das Feuer auf sie. Eine Verfolgungsjagd bei halsbrecherischer Geschwindigkeit folgte. Als das Fahrzeug schließlich zum Erliegen kam, zückte der Fahrer entschlossen sein Maschinengewehr und öffnete die Autotür. Cut.

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Die wilden Aufnahmen, die die Dashcam des gepanzerten Geldtransporters von dem Überfall auf Leo Prinsloo und Lloyd Mthombeni in Pretoria gemacht hat, sind kurz danach viral gegangen. 

Zum Pech der Gangster war Prinsloo früher Teil verschiedener Polizei-Spezialtruppen und fungiert immer noch als Berater bei einer Eliteeinheit. Für Mthombeni war es die erste Woche im neuen Job.

Wir haben das Video Dermot Cosgrove gezeigt. Der ehemalige Fremdenlegionär hat die letzten 25 Jahre als Sicherheitsexperte im Energie- und Bergbau-Sektor gearbeitet. Für uns analysiert er, wie sich Prinsloo und Mthombeni in ihrer brenzligen Situation geschlagen haben.

"Es sieht so aus, als habe Mthombeni nur wenige Tage Erfahrung in dem Job. Bei solchen Unternehmen ist es oft so, dass neue Mitarbeiter lediglich ein kurzes Training erhalten. Er folgt also nur Befehlen, schreibt Cosgrove per Signal-Messenger.

Damit hat er recht: Laut Medienberichten hatte Mthombeni gerade erst bei dem Unternehmen angefangen und nur ein paar Tage Training absolviert. Im Video bewahrt der junge Mann trotzdem Ruhe und folgt den Befehlen seines Kollegen.

Cosgrove schreibt, dass das besonders klar wird, als Prinsloo Mthombeni anweist, das Maschinengewehr bereitzuhalten, während er weiter das Fahrzeug steuert und den Kugeln ausweicht.

"Mthombeni ist geistesgegenwärtig und lädt das Gewehr, während sein Partner versucht zu entkommen", sagt Cosgrove. "Ich schätze, dass er zum ersten Mal Kontakt mit solchen Gangstern hat. Für eine solche Situation gibt es im Training normalerweise keine praktische Übung."

"Dieser Fehler hätte ihn das Leben kosten können."

Nach der Vorbereitung der Waffe gibt Prinsloo Mthombeni einen zweiten Befehl: Er weist ihn an, zwei andere Geldtransporterfahrer anzurufen, die gerade unterwegs sind. Er soll herausfinden, ob gerade mehr als nur ein Fahrzeug angegriffen wird. Prinsloo denkt auch noch an das Wohlergehen seiner Kollegen, obwohl er gerade selbst unter Beschuss steht.

In einigen YouTube-Kommentaren wird Mthombeni dafür kritisiert, dass er es im Verlauf des Videos nicht schafft, die Kollegen anzurufen. Die Aufnahmen zeigen aber, wie angestrengt er versucht, sich während einer Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagd und mit zwei Waffen in der Hand durch Prinsloos iPhone-Kontaktbuch zu scrollen.

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"Das ist quasi unmöglich", schreibt Cosgrove. "Ich kann mich ja kaum ordentlich durch meine Kontakte scrollen, wenn ich nur an meinem Schreibtisch sitze."

Im besten Fall agiert man laut Cosgrove in einem solchen Fall mit Funkgeräten, bei denen man nicht scrollen muss. Der Sicherheitsexperte schreibt, dass das unzureichende Equipment und das fehlende Training denselben Grund haben könnten: Geld. 

"Einige Unternehmen wollen nur UKW-Funkgeräte benutzen, die verschlüsselt senden. Die Geräte, die das können, sind ihnen dann aber oft zu teuer", schreibt er.

Um noch mehr Geld zu sparen – was bei der hohen Verbrechensrate und den immensen Sicherheitskosten in Südafrika nicht leicht ist –, stellen Unternehmen ihren älteren, erfahreneren Ex-Polizisten oder -Soldaten unerfahrene Angestellte an die Seite. 

Prinsloo habe mit seinem breiten Erfahrungsschatz als ehemaliger Elitepolizist und Waffenexperte alles richtig gemacht, sagt Cosgrove. Er hat mehrfach den Schwung seines Fahrzeugs genutzt, um aus dem Risikobereich des Angriffs zu entkommen. Dabei legte er auch eine 180°-Grad-Wende bei voller Geschwindigkeit ein, um die Verfolgungsjagd zu beenden. Cosgrove schreibt, dass Prinsloo nur beim Verlassen des am Ende fahruntüchtigen Transporters einen Fehler gemacht habe. Auszusteigen sei aber der richtige Schritt gewesen.

"Er war immer noch angeschnallt, als er die Tür öffnete. Dieser Fehler hätte ihn das Leben kosten können", schreibt Cosgrove.

Letztendlich gab es ein Happy End. Die Gangster wurden von Prinsloos Hartnäckigkeit wohl so aus der Bahn geworfen, dass sie flohen, ohne noch mal zu versuchen, an das Geld zu kommen. Prinsloo wird nun als Held gefeiert und mit diversen Actionhelden verglichen. Hollywood hätte kein besseres Ende schreiben können.

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