Wir haben mit einem Trash-TV-Manager über die Abgründe des Promi-Business gesprochen

"Egal wie reich sie sind, in den VIP-Bereichen und Promi-Umkleiden wird schlimmer geklaut als am Alexanderplatz."

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15 Juni 2017, 1:45am

Deutsche TV-Shows spülen jedes Jahr Hunderte unbekannte Gesichter (und Brüste und Penisse) auf die Bildschirme: Germany's Next Topmodel , Deutschland sucht den Superstar , das Dschungelcamp, Der Bachelor, Naked Attraction . Ihre Würde ist den Teilnehmern oft nicht so wichtig, denn als Belohnung winkt, ihren Namen in der Bild oder der InTouch zu lesen. Meistens verschwinden sie nach ihren 15 Minuten Ruhm aber wieder von der Bildfläche. Wenn der Traum von Reichtum und Prominenz in Erfüllung geht, hat meistens jemand wie Ramón Wagner seine Finger im Spiel. Der 29-Jährige ist "Künstlermanager". Seine "Künstlerinnen" heißen Micaela Schäfer, Tatjana Gsell oder Edona James und sind vor allem für ihre entblößten Silikonbrüste bekannt. Micaela Schäfer kann davon aber immerhin leben. Wir haben mit dem Manager über das Geschäft mit dem Trash gesprochen.

VICE: Nehmen wir an, ich will unbedingt prominent werden – was muss ich tun?
Ramòn Wagner: Prominent werden kannst du schnell, indem du bei einer TV-Show unangenehm oder auch positiv auffällst. So wie Daniela Katzenberger, die 2009 irgendwie den Zeitgeist traf als Kosmetik-Blondine mit tätowierten Augenbrauen, die nach L.A. geht, um in den Playboy zu kommen. Die Shows mit ihr hatten Wahnsinns-Quoten. Die Leute mochten sie. Und natürlich hatte Katzenberger schon früh die richtigen Leute im Hintergrund.

Könnte ich auch einfach mit einem Sex-Skandal berühmt werden?
Klar. Als Mann wäre das aber für dich wahrscheinlich schwieriger als für eine Frau. Ein gutes aktuelles Beispiel ist die ehemalige GNTM-Kandidatin Linda, die schon immer nach Aufmerksamkeit gesucht hat. Jetzt hat sie auf Ibiza mit Julian Draxler rumgeknutscht, der eigentlich eine Freundin hat. Damit landet sie im Moment täglich in der Bild. Aber das Wichtigste ist, sich auch auf Dauer vermarkten zu können.

Will ich überhaupt prominent sein?
Aufmerksamkeit ist ein Gefühl, das jeder schön findet. Du wirst auf der Straße angesprochen, auf Instagram bekommst du Liebeserklärungen, alle wollen Fotos mit dir. Aber sehr viele Leute setzen Prominenz immer noch mit Reichtum gleich. Sie denken, dass jede Person, die im Fernsehen auftaucht, in Geld schwimmt. Dass tatsächlich viele von diesen Promis am Hungertuch nagen, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Viele Leute tingeln auf unzähligen Events rum, aber ich weiß: Die haben keinen Cent in der Tasche und zu Hause ist der Kühlschrank leer.

Hast du da ein Beispiel?
Ich will niemanden bloßstellen. Bei Naddel weiß man es ja. Sie war schließlich letztens bei Raus aus den Schulden. Phasenweise hat sie es geschafft, aus ihrer Prominenz Geld zu machen, aber nicht auf Dauer. Nehmen wir an, sie hat 2004 60.000 Euro für ihre Teilnahme am Dschungelcamp bekommen. Da denkt man erstmal, das sei viel Geld. Aber da gehen dann ja noch Steuern ab, sie muss ihr Management bezahlen. Dann kann sie von dem Geld auch nicht lange leben. Wenn nichts nachkommt, geht einem die Luft aus. Bei vielen neuen Aufsteigern in der Prominenten-Szene fällt mir auch immer wieder auf, dass sie das Finanzamt nicht auf dem Schirm haben. Dann gehen sie mit ihrem frisch verdienten Geld zu Gucci und Louis Vuitton und nach einem Jahr fragt dann das Finanzamt an und möchte die Steuern haben. Zu dem Zeitpunkt haben sie schon alles verprasst.


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Warum stürzen so viele Promis ab?
Menschen wollen auch wegen des Geldes prominent werden, unterschätzen aber die Arbeit, die dahintersteckt, oder geraten direkt nach ihrem Auftauchen wieder in Vergessenheit. Viele scheitern schon daran, dass sie einfach faul sind. Du musst sehr fleißig sind. Die Jobs, mit denen du Geld machst, sind ja oft öffentliche Auftritte, meistens abends, nachts und am Wochenende. Und viele gehen ohne Konzept an eine Sache. Du kannst nicht in eine Show gehen und denken, danach regelt sich alles von allein. Du brauchst ein Team, das sich auskennt und sich um deine Auftritte kümmert. Du musst als Promi immer in den Medien stattfinden, Geschichten erzählen, damit dich jemand bucht. Nicht jeder hat eine Daseinsberechtigung in dem Geschäft. Du musst schon dafür gemacht sein, musst polarisieren und hart arbeiten.

Wer hat es versucht, aber nicht geschafft?
Jede Bachelor-Gewinnerin ist bis jetzt gescheitert. Da müsste ich schon recherchieren, wie die letzte Gewinnerin überhaupt hieß. Und die waren sieben oder acht Wochen lang on air mit Berichterstattung drumherum und drei Millionen Zuschauern.

Also sollte ich es mit dem Prominent-Werden gar nicht erst versuchen?
Na ja, der Weg zurück ist schwierig. Wenn du einmal bekannt geworden bist, aber keine Kohle mehr verdienst, kannst du nicht mehr im Klamottenladen arbeiten oder Burger braten. Man stellt dich nicht ein, weil du für etwas anderes stehst oder dir die Blöße im Fernsehen gegeben hast. Aber eigentlich will auch niemand zurück. Wenn man einmal Blut geleckt hat, sich an das Geld, die Geschenke und die Aufmerksamkeit gewöhnt hat, will man nichts anderes mehr. Viele Menschen halten das Prominenten-Dasein aber psychisch nicht aus: Du wirst vorverurteilt, auf der Straße erkannt, beleidigt, hast permanent ungewollte oder gewollte Skandale. Das bricht Menschen.

Und dann wird zur Flasche gegriffen?
Ja, Alkohol spielt eine große Rolle in der Szene. Egal auf welche Veranstaltung du gehst, bekommst du immer ein Glas in die Hand gedrückt. Viele sind dauerbesoffen, müssen erstmal zwei Flaschen Wein trinken, bevor sie arbeiten können. Das sieht man am verquollenen Gesicht. Ich kenne Prominente, die waren auf Veranstaltungen so voll, dass sie sich eingepinkelt haben, ohne es mitzubekommen. Oder sie pinkeln in die Hotelbetten. Dazu kommen andere Drogen. Sehr beliebt ist Koks. Gewisse Promis verschwinden alle fünf Minuten auf Toilette und reiben sich danach die Nase. Ecstasy ist auf Promi-Partys auch beliebt, vor allem weil es billiger ist.

Was war der schlimmste Absturz eines Promis, den du beobachtet hast?
Ich war mal auf einer Fußballveranstaltung und habe dort eine Prominente getroffen, die sturzbesoffen war. Später fiel sie dann ohnmächtig um, redete sich aber auf Facebook raus: Ihr hätte jemand etwas in den Drink getan und sie anschließend sexuell missbraucht. Das Event fand am helllichten Tag statt.

Helfen denn Drogen-Skandale beim Prominent-Bleiben?
Drogen-Skandale helfen nie. Da geht es halt oft auch um Verantwortung für sich, die Familie, für andere Verkehrsteilnehmer, und das findet die Öffentlichkeit nicht so toll. Aber generell schadet es nicht, mit Skandalen zu provozieren. Wenn mal auf dem roten Teppich aus Versehen der Busen herausfällt, hilft das. In Amerika wird ja gerne mal ein privates Sex-Tape veröffentlicht, was für mich aber einen Schritt zu weit geht. Beim Skandal gilt: Die wirklichen Probleme eines Menschen will niemand sehen.

Welche Skandale hast du schon inszeniert?
Bei Micaela sind viele Skandale eher unvorhergesehen. Damals nach dem Dschungel hatten wir zum Beispiel eine Autogrammstunde in einem Münchner Einkaufszentrum und für einen Vater war sie etwas zu freizügig unterwegs. Der zeigte sie dann an, das ging durch die Presse. Aber wir provozieren trotzdem gerne: Wenn sie irgendwas Durchsichtiges trägt, landet das automatisch in der Presse. Ihre Freizügigkeit ist eben ihr Markenzeichen. Letztens waren wir am Ballermann, da waren viele andere prominente Frauen, Micaela hatte einen tief ausgeschnittenen Baywatch-Badeanzug an – und sie war die einzige, die in der Bild auf der letzten Seite abgedruckt wurde. Das ist natürlich toll.

Bei welchen weißt du, dass sie inszeniert waren?
Gina-Lisa und Loona haben 2011 eine Lesben-Beziehung inszeniert. Ich fand das von Anfang an unglaubwürdig, aber für ihre PR war es gut.

Wie weit gehen Promis, um den Schein des Reichtums aufrechtzuerhalten?
Viele prominente Frauen aus dem Fernsehen arbeiten als Escortdame. Man wundert sich, dass sie gar nicht so oft im TV auftreten und trotzdem diesen Lebensstil führen. Man erkennt es dann daran, dass sie auf Instagram ständig Fotos aus Dubai oder Miami posten – Hotspots der Promi-Escort-Szene –, wo sie ihren Lebensstil von reichen Scheichs finanziert bekommen. Auch immer wieder erschreckend finde ich, wie die Promis sich untereinander beklauen. Egal wie reich sie sind, in den abgesperrten VIP-Bereichen und Promi-Umkleiden wird schlimmer geklaut als am Alexanderplatz. Wenn eine Prominente bei einer anderen Frau eine Louis-Vuitton-Tasche sieht, aus dem der Dior-Geldbeutel herausguckt, dann ist der schnell mal verschwunden.

Wenn Leute mit einer Castingshow berühmt werden wollen, rätst du ihnen davon ab, weil sie vorgeführt werden?
Das sind Erwachsene. Wer sich da bewirbt, muss wissen, worauf er sich einlässt. Viele haben aber eine falsche Wahrnehmung von sich selbst, glauben, sie seien etwas Besonderes. Und die Shows stellen Dinge natürlich immer etwas überspitzt dar. Aber das Problem ist gar nicht mal die Darstellung, sondern eher, dass zum Beispiel zu den Castingshows Leute kommen, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Sie schicken eine Bewerbung ab, werden angenommen und ohne große Vorbereitung in die Mühle hineingeworfen.

Und das geht dann schief?
Bei Germany's Next Topmodel haben die "Mädchen" ein tolles Leben, fliegen nach L.A., werden von den besten Fotografen der Welt fotografiert. Wenn der Dreh vorbei ist, sitzen sie aber wieder in ihrem Dorf und sehen, wie sie im Fernsehen dargestellt werden. Der eigentliche Stress beginnt für sie mit der Ausstrahlung. Beim Dreh werden sie von der Außenwelt abgeschnitten. Die Produzenten tricksen, um die Show interessanter zu machen, beispielsweise mit Schlafentzug: Wenn die Mädels ein Shooting um 10 Uhr haben, lassen sie die extra um 4 Uhr aufstehen und vor Ort warten. Wenn du wenig geschlafen hast, bist du schneller genervt, gestresst, weinst und streitest dich heftiger.

Warum machen trotzdem immer wieder Frauen mit?
Für die eine oder andere ist es eben auch ein Sprungbrett. Die Frauen glauben zwar, sie würden durch GNTM zu Models werden, aber eigentlich werden sie eher zu Promis und Influencern. Schau dir Stephanie Giesinger an, die heute mit fast drei Millionen Followern bei Instagram durchstartet. Außerdem gewinnst du Geld, früher waren das 400.000 Euro. Damit kannst du dir auch etwas aufbauen. Aber die meisten können die Aufmerksamkeit nicht nutzen und versinken wieder im Nirvana.

Wo liegen die Honorare im Geschäft?
Wenn du beim Dschungelcamp gewinnst, kannst du danach für einen zweistündigen Auftritt gut 7.000 Euro verlangen. Für die Teilnahme bekommst du je nach deinem Bekanntheitsgrad mal 20.000 Euro, mal 60.000 Euro oder sogar 150.000 Euro und mehr. Für das Perfekte Promi-Dinner schätze ich, liegen die Honorare zwischen 6.000 und 10.000 Euro.

Welche Rolle spielt das Dschungelcamp im Promi-Business?
Mehr Reichweite als im Dschungel gibt es für einen Promi nicht. Wenn man sich interessant vermarktet, kann man es zu großer Beliebtheit bringen. Aber sobald der Dschungel vorbei ist, muss man auch auch viel ackern, damit man nicht wieder versinkt. Man muss sich neue Dinge ausdenken, Promo machen, sich in den Medien einbringen. Als Micaela in den Dschungel kam, wussten wir: Das ist unsere einzige und letzte Chance. Danach haben wir uns super viel ausgedacht, das DJane-Projekt, die Nackt-Skandale. Wir haben nächste Woche einen Auftritt auf Mallorca und überlegen jetzt schon, was wir für die Medien machen können: ein provokantes Outfit oder ein paar freizügige Bilder am Strand. Die Menschen glauben, dass es von selbst läuft, wenn Millionen Menschen sie mal im Fernsehen gesehen haben. Aber nichts läuft von selbst.

Hast du Mitleid mit den Promis, die es nicht packen?
Nein. Jeder kann jederzeit die Notbremse ziehen und aussteigen. Das machen natürlich die wenigsten, weil das Geld am Ende zu verlockend ist.

Hast du das Gefühl, deine Arbeit in der Trash-TV-Branche macht Sinn?
Wir müssen ja alle irgendwas machen, um Geld zu verdienen. Und ich liebe Trash. Leichte Unterhaltung schadet uns nicht.

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