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Drogen

Liebe Kiffer, wir müssen endlich über Ästhetik reden

Hanf-Blätter, Reggae-Poster, Dreadlocks – dass Cannabis noch immer nicht legalisiert ist, liegt auch daran, wie die Szene sich optisch präsentiert.

von Fabian Herriger
22 Juni 2017, 10:03am

Titelfoto: imago | ZUMA Press

Am Wochenende fand "Deutschlands größte Hanf-Messe", die Mary Jane, in Berlin statt. Im backsteinernen Funkhaus, dem ehemaligen Sitz des DDR-Rundfunks direkt an der Spree, tummelten sich zu diesem Anlass Hunderte Aussteller mit den neuesten Vaporizern, Growboxen und Hanf-Klamotten.

Es sah dort aus, wie es bei einer Hanf-Messe, in jedem Headshop und in jedem Amsterdamer Coffeeshop eben aussieht: Bongs, grüne Hanf-Blätter, Abbildungen kiffender Rastafaris, ein wilder Mischmasch aus "abgespacten" Schriftzügen in Rot, Gelb und Grün (oder in Rot-Gelb-Grün) und noch mehr grüne Hanf-Blätter, mal gemalt, mal fotografiert, mal gebatikt. Die verteilten Flyer und die Werbebanner sahen teilweise aus, als hätte Photoshop-Philipp höchstpersönlich den Auftrag "Mach mal etwas, das den Kiffern gefällt" bekommen. Zwischendurch "glänzte" dann immer wieder das charakterlose, cleane Design eines Start-ups für medizinisches Cannabis hervor, das zwar an Hanf-Blatt-Symbolik spart, dafür letztendlich aber den Charme einer Zahnarztpraxis versprüht.

Ob diese Darstellungen nicht auch einfach rassistisch ist, klären wir dann beim nächsten Mal | Foto: imago | Schöning

Dieser Wald aus Hanf-Blättern, Rasta-Mützen und Zahnarztpraxen hat nichts mit mir zu tun. Dabei kiffe ich seit meiner Jugend, nicht täglich aber ab und zu, schreibe als Journalist über die deutsche Cannabis-Politik und setze mich dafür ein, dass Gras als Genussmittel legalisiert wird. Ich identifiziere mich schon irgendwo als "Kiffer" – und so sollte eine Hanf-Messe doch auch für mich der richtige Ort sein, oder? Aber die Hanf-Blatt-Logo-auf-Rasta-Mütze-Ästhetik des Kiffens führt dazu, dass ich mich ausgeschlossen fühle, nicht als Teil dieses Kults. Für mich ist der Look des Kiffens ein Angriff auf die Sinne. Hanf-Blatt und abgespacte Schriftzüge haben für mich im Jahr 2017 nichts mehr mit Kiffen zu tun.

Das Auge kifft mit

Fast 42 Prozent der 18- bis 25-jährigen Männer haben laut Drogenbericht mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert, bei den Frauen in dieser Altersgruppe ist es jede vierte. 48 Prozent der Deutschen sprechen sich dafür aus, dass Gras frei erhältlich sein sollte. Diese Zahlen lassen vermuten, dass der deutsche Durchschnittskiffer (oder die Hälfte der deutschen 18- bis 25-jährigen Männer) nicht aussieht wie James Franco in Pineapple Express, sondern eher wie Lucas Gregorowicz in Lommbock .

Demo-Wagen | Foto: mediaparker | Flickr | CC BY 4.0

Die Wahrnehmung von Cannabis hat sich schon so stark gewandelt, dass der Joint als stilvolles, mehr oder weniger unvernünftiges Genussmittel für Erwachsene gelten könnte, wie Zigarren, Rotwein und Gin. Wie für die Welt des Weins könnte es auch anspruchsvolle Magazine für Lifestyle-Kiffer geben (stattdessen gibt es aber bloß das Highway-Magazin, das Hanfjournal oder das gutgemeinte, aber lame In.fused). Wenn Gras mehr als Genuss- oder gar Gesundheitsprodukt vermarktet werden würde, wäre vielleicht bald schon die andere Hälfte der Deutschen überzeugt, dass der Gesetzgeber Cannabis entkriminalisieren sollte – und dann könnte auch die Politik den Wunsch der Wähler nicht mehr ignorieren. Aber ein letzter Konjunktiv in diesem Absatz: All das könnte sein, wäre da nicht diese "kultige" Nische rund ums Hanf-Blatt, die sich seit Jahrzehnten keiner Mode, keinem Geschmack oder Zeitgeist unterworfen hat und Gras den Geruch von alten Paprika-Chips und Räucherstäbchen verleiht.

Dreadlocks und Hanf-Blätter

Als die Bild vergangene Woche über eine mögliche "Jamaika-Koalition" in Schleswig-Holstein berichtete, zierten Angela Merkel mit Rastazöpfen und Christian Lindner mit Joint den Artikel. Sollte die Branche nicht endlich damit aufhören, sich auch noch selbst mit diesen Klischees darzustellen, wenn es schon die Bild macht?


Ebenfalls bei VICE: Wie das Cannabisverbot in Großbritannien versagt


"Gewisse ästhetische Momente halten sich lange", sagt Hans Cousto, der vergangenes Jahr auf der Mary Jane einen Vortrag über "50 Jahre Kifferkultur" hielt. Mit seinen 70 Jahren hat er die auch weitestgehend miterlebt. "Wenn man zurückschaut, dann haben viele in den 60ern und 70ern in Indien angefangen zu kiffen und haben von der Kultur der Sadhus etwas mitgebracht", sagt Cousto, "genauso wurden Elemente aus der jamaikanischen Kultur importiert." Auch Bob Marley beeinflusste damals die Wahrnehmung von Cannabis, sozusagen als kiffendes Pendant zum qualmenden Marlboro-Mann. Und ja, Bob-Marley-Poster zieren immer noch Coffeeshops und Kifferbuden. "Die Banker laufen ja auch noch alle im Pinguin-Look herum – ob das bequem ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, weil es eben Tradition ist", sagt Cousto. "Ich denke, es gibt kaum ein Blatt einer Pflanze, das in Deutschland so oft dargestellt wird wie ein Hanf-Blatt. Das ist eine Symbolik, eine Identifikation, und ich halte das für wichtig."

Cannabis-Produkte in einem Coffeeshop in Amsterdam | Foto: Nickolette | Wikimedia Commons | CC BY 4.0

Kein Mut zur Ästhetik aus Traditionsbewusstsein? Es mag stimmen, dass die Finanzwelt immer noch Anzug trägt. Aber immerhin wurden das ausladende Zweireiher-Sakko und der weinrote Schlips schon mit dem Slim-Fit-Jacket und offenem Hemdkragen ausgetauscht.

"Das Hanf-Blatt ist die Flagge der Kiffer, das wird aus Tradition immer hochgehalten werden", sagt auch Rainer vom Udopea Headshop in Berlin, der eher von der "klassischen" Sorte ist. "Wir haben natürlich auch Bob-Marley-Poster im Sortiment – die muss man da haben, weil vor allem ältere Kunden danach fragen." Der Renner seien die Poster aber nicht mehr, sagt Rainer, vor allem nicht bei den Jüngeren. Ich frage ihn, warum sich die eigenwillige Optik der Kiffer-Szene dann so hartnäckig hält. "Viele Kiffer fühlen sich in dieser Schublade wohl, weil sie dort Gemeinschaft und Zugehörigkeit empfinden", sagt Rainer. Und der Rest? "Das sind die unauffälligen Kunden. Die besorgen sich das Zeug, das sie brauchen, und verschwinden, fühlen sich aber nicht als Teil der Gemeinschaft." Für ihn als Headshop-Besitzer hat die Hanf-Blatt-Ästhetik auch noch den Vorteil, dass Leute seinen Laden erkennen: "Touristen kämen sonst hier rein und würden denken: 'Oh, schöne Vasen', und nicht merken, dass die gar nicht für Blumen gedacht sind. Wenn Bob Marley zu sehen ist, wissen die Leute meistens Bescheid." Aber auch Rainer stimmt zu, dass der alte Look für das Image von Gras nicht das Beste ist: "Für die Legalisierung wäre es höchstwahrscheinlich besser, wenn Cannabis als Gesundheitsprodukt vermarktet werden würde."

Eine neue Ästhetik

Dass Cannabis außerhalb medizinischer Behandlungen noch illegal ist, beeinflusst den Gras-Look. Denn solange die Droge nicht legal ist, gestaltet die eigenbrötlerische Subkultur ihr Auftreten. Erst mit der Legalität würden Unternehmen, Werbeagenturen und andere Firmen sich dem Gras annehmen und ein Image schaffen, das eine möglichst breite Bevölkerungsschicht anspricht – sie wollen ja möglichst viel Geld mit dem Gras verdienen. Momentan sind die einzigen Gestalter auf dem deutschen Markt Start-ups für medizinisches Cannabis (wie MedCann), und die schaffen nun eben das cleane Arztpraxen-Design.

Ein Blick nach Kalifornien und andere US-Staaten, in denen recreational cannabis schon legalisiert ist, zeigt, wie durch das Business mit Cannabis eine neue Ästhetik entstehen kann. Die Los Angeles Times schrieb im Januar: "Cannabis-Geschäfte versuchen, wie Apple Stores auszusehen", die New York Times beschrieb im März die Marke eines rosé-goldenen Design-Vaporizers als "Hermès of Marijuana". Rund um Cannabis-Tee, -Öl oder -Chips haben sich US-Firmen neue Designs für ihre Produkte ausgedacht, die ohne auch nur ein einziges Hanf-Blatt auskommen.

Das Plakat für die Hanfparade | Foto: Screenshot

Vielleicht ist mir bei meiner Recherche auch ein wunderschöner, moderner Headshop in irgendeinem entlegenen Winkel Deutschlands entgangen – dann verbessert mich gerne. Doch wahrscheinlich führt der Weg zu einer modernen Gras-Ästhetik nur über die Legalisierung und die daraus folgende Cannabis-Wirtschaft mit ihren kommerziellen Interessen. Damit es dazu schneller kommt, wäre es vielleicht nicht verkehrt, Plakate für Cannabis-Demos zu entwerfen, die man ein bisschen ernster nehmen kann. Dann fühlen sich auch alle dabei wohl mitzumachen.

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