Die Fotografin, die intime Pärchenfotos mit ihren Tinder-Matches macht
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Feminisme

Die Fotografin, die intime Pärchenfotos mit ihren Tinder-Matches macht

Marie Hyld hat sich mit wildfremden Menschen getroffen – und Fotos geschossen, die eher nach jahrelanger Beziehung statt erstem Date aussehen.
MH
Fotos von Marie Hyld
29.1.18

"Ich habe mich durch Facebook, Instagram und Tinder gescrollt und gewischt, bis mir schlecht war", sagt Marie Hyld. Die 24-jährige Fotografin aus Dänemark findet, dass die Oberflächlichkeit der Online-Welt unser echtes Leben beeinflusst, vor allem beim Dating. Das optimierte Ich, das wir auf Tinder präsentieren und bei einem Date aufrechterhalten wollen, lässt es kaum zu, jemandem offen und ehrlich näherzukommen. Dieser Gedanke steckt hinter Hylds neuen Projekt Lifeconstruction, für das sie intime Porträts mit frischen Tinder-Bekanntschaften schießt.

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Um das Projekt zu starten, musste Hyld erst einmal ihr Tinder-Profil neu einrichten. In ihrer Bio erklärte sie die Prämisse: Hyld wollte ihre Matches besuchen und mit ihnen Fotos inszenieren, die aussehen, als wäre sie mit diesen Menschen seit Jahren in einer Beziehung, oder zumindest verliebt. Auch dass sie vorhatte, die Fotos zu veröffentlichen, erklärte sie in ihrer Beschreibung. "Ich war sehr gespannt darauf zu sehen, was für Menschen diese Idee gut finden und auf meinen Vorschlag anspringen", sagt Hyld. Letztendlich hätten fast alle Matches zu einem Foto geführt.

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In der linken unteren Ecke jedes Bilds hat Hyld vermerkt, wie viel Zeit verstrichen war, seit sie ihren Foto-Partnern das erste Mal gegenüberstand. Uns hat sie erzählt, wie es ist, derart intime Fotos mit Fremden zu machen.

Broadly: Hattest du schon vor den Dates einen Plan, wie du die Fotos gestalten wolltest?
Marie Hyld: Meist lasse ich mich von meiner Umgebung inspirieren. Ich hatte die Wohnungen der Leute ja noch nie gesehen. Das fand ich an diesem Projekt auch sehr spannend – ich konnte nichts planen und musste improvisieren. Eins meiner großen Ziele bei diesem Projekt war es, loszulassen und das zu tun, was sich richtig anfühlt.

Ich glaube, dass wir heutzutage nicht mehr genug Zeit von Angesicht zu Angesicht mit anderen verbringen. Wir sind bei den meisten Interaktionen gar nicht wirklich präsent. So wie ich das sehe, wird es immer schlimmer, und die sozialen Medien sind schuld. Schon ironisch, dass mein Projekt ohne Tinder praktisch gar nicht zustande gekommen wäre.

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Das Foto von dir und einem Tinder-Match in Latex-Outfits sticht ziemlich hervor. Wie kam es dazu?
Soweit ich mich erinnere, nannte er sich auf Tinder "Mr. BDSM". Ich fand es sehr cool, dass er kein Problem damit hatte, in meiner Gegenwart er selbst zu sein. Ich wollte außerdem eine Art "Wow-Moment" in meiner Reihe haben. Ein Bild, das jemanden besonders verletzlich macht, weil es viel preisgibt. Ich habe ihm gesagt, dass ich persönlich nicht auf BDSM stehe und das nur für mein Fotoprojekt mache.

Als er die Tür aufmachte, hatte er normale Kleidung an, bis auf ein paar Latex-Socken. Sein Blick war ganz warm. Dann zeigte er mir seine Garderobe: alles voller Latex. Er lieh mir ein Outfit, das seiner Ex gehört hatte. Ich musste mich einölen, um überhaupt reinzukommen. Dann machte er dasselbe mit seinem Outfit und wir mussten ein bisschen über die ganze Situation lachen. Er zeigte mir ein Loch in seinem Anzug, das für seinen Penis bestimmt ist, und wir redeten darüber, dass die Haut in so einem Outfit nicht atmen kann, und wie unbequem es ist. Wir schossen ein Bild nur für meine Mutter. Sie hatte Angst, weil ich zu einem Fremden in die Wohnung ging. Aber wäre ich nicht offen gewesen und hätte ich nicht diese Chance wahrgenommen, hätte ich bestimmt keinen so interessanten Dienstag gehabt.

Das Foto, in dem du und dein Date vor dem Computer sitzt, fand ich auch bemerkenswert. Weshalb hast du dich für diese Pose entschieden?
Er stand total auf Computerzeug, und seine ganze Wohnung spiegelte das auch wider. Ich war überzeugt, dass seine Leidenschaft für diese Dinge in unserer hypothetischen Beziehung auch eine große Rolle spielen würde. Das war so ein Moment, wo ich mich einfach von meiner Umgebung habe inspirieren lassen.

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