Meinung

Warum Reisen dich zu einem schlechten Menschen macht

Du bist kein Nahost-Experte, weil du mal eine Portion Hummus in Bethlehem gegessen hast.

von Krsto Lazarević
19 September 2018, 2:19pm

Symbolfoto: imago | Westend61 

Work and Travel in Australien oder nach dem Abitur einmal durch Lateinamerika – eine längere Reise gehört inzwischen zum festen Bestandteil des Lebenslaufs deutscher Mittelschichts- und Wohlstandskinder. Buchtitel wie Mit 50 Euro um die Welt erwecken den Eindruck, jeder könne spontan den Globus bereisen. Das stimmt natürlich nur, wenn man den richtigen Pass, die richtigen Kontakte und ein überzeugendes Couchsurfing-Profil hat.

Je nachdem wo man hingeht, kann es auch helfen, weiß zu sein, um einen lukrativen Job zu bekommen. Eine Freundin von mir hat in China als Barkeeperin das Vierfache ihrer Kollegen bekommen, weil sie eine blonde Deutsche ist.

Also räumen wir gleich mit der falschen Vorstellung auf, alle Menschen könnten mal eben eine Weltreise beginnen. Das kann in der Regel, wer privilegiert ist, Geld zurücklegen konnte oder im Notfall Geld von Mama und Papa geschickt bekommt. Reisen ist längst ein Statussymbol. Bilder von exotischen Stränden auf den Malediven, den Wolkenkratzern New Yorks und dem Himalaya-Gebirge bringen auf Instagram mehr Likes als ein Neuwagen vor der Garageneinfahrt.

Vielen reicht es nicht, einfach Urlaub am Strand zu machen. Sie wollen in die "Kultur eintauchen", "ferne Länder kennenlernen" und "sich selbst verwirklichen". Dabei geht es vor allem darum, zu Hause erzählen zu können, wie "oberflächlich" die New Yorker, wie "schön, aber gefährdet" die Malediven und wie "arm und trotzdem glücklich" nepalesische Waisenkinder seien.


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Beim Reisen lernen die meisten ebenso wenig über andere Länder wie beim Yogakurs über die zentralen Schriften des Hinduismus. Reisen ist ein Luxus für Menschen, die es sich leisten können.

Der Alman und die Welt

Es lässt sich schwer nachvollziehen, wann sich in Deutschland die Idee etablierte, Reisen sei gut für den Charakter. Goethe schrieb Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre: "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen." Andererseits musste sich Goethe auf seinen Italienreisen nicht mit eimersaufenden Abiturientinnen, ungewaschenen Backpackern und bierbäuchigen Sextouristen rumplagen.

Deutsche reisen sehr viel. Noch am abgelegensten Strand irgendwo am Ende der Welt wird man Deutsche treffen. 2017 gaben Deutsche laut Jahresbericht der Welttourismusorganisation 84 Milliarden US-Dollar für Auslandsreisen aus. Pro Kopf gerechnet geben die Deutschen damit mehr aus als US-Amerikaner und Chinesen.

Immer wieder heißt es auch, Reisen sei gut gegen Rassismus, weil man "fremde Menschen und Kulturen" kennenlerne. Historisch betrachtet hat das den Deutschen aber den Rassismus nicht ausgetrieben. Der Generalleutnant Lothar von Trotha reiste in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und gab dort den Befehl Zehntausende Herero und Nama zu vernichten. Es gilt als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Hier erprobten die Deutschen das Konzept des Konzentrationslagers.

Auch den Kolonisatoren aus anderen europäischen Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, Italien, den Niederlanden und Großbritannien haben ihre Weltreisen eher nicht dabei geholfen, ihren Rassismus zu überwinden. Stichwort: Sklaverei.

Reisen macht dich nicht zum Experten

Man könnte nun einwerfen, dass die Kolonisatoren zum Plündern, Erobern und Menschenraub ausgezogen sind und nicht um zu Reisen. Doch auch sie haben sich als Entdecker neuer Welten gefeiert. Der spanische Konquistador Hernán Cortés schrieb: "Ich liebe es zu reisen, aber ich hasse es anzukommen."

Wer rassistische Denkmuster verinnerlicht hat, wird diese beim Reisen in andere Regionen der Welt nur an jeder Ecke suchen. Ein Bekannter von mir war einige Monate in Botswana und erzählte mir: "Es stimmt wirklich, die N**** mögen einfach große Ärsche." Als ich ihn auf die Verwendung des N-Wortes ansprach, meinte er nur, dass er dies nun dürfe, nachdem er so lange in Afrika war. Er rechtfertigte seinen rassistischen Sprachgebrauch mit seiner Reise.

Wer sich Kommentare von Rechten auf sozialen Medien anschaut, wird merken, dass viele ihre ausländerfeindlichen Aussagen damit untermauern, dass sie bereits muslimische Länder bereist hätten und die Menschen dort eben so seien. Anders gesagt: Eine Reise durch Nordafrika bewahrt nicht davor, die AfD zu wählen. Und AfD-Bundestagsabgeordnete sind schließlich auch selbst durch Syrien gefahren, um sich vor Ort zu vergewissern, dass Aleppo sicherer ist, als der Kölner Hauptbahnhof.

Viele glauben, es würde sie zu Experten für eine Region machen, wenn sie dort ein paar Tage verbracht haben, aber das ist Bullshit. Das wird man erst, wenn man die Sprache beherrscht, sich mit der Geschichte befasst hat, das politische System kennt und weiß, wie die Wirtschaft vor Ort funktioniert. Man ist kein Nahost-Experte, weil man eine Portion Hummus in Bethlehem gegessen hat und auch kein Südostasien-Experte, wenn man sich bei einer Vollmondparty auf Koh Samui mit MDMA weggeballert hat.


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Nichts ist schlimmer als ein Selbstfindungstrip

Eine besondere Qual sind Kinder reicher Eltern auf Selbstfindungstrip. Man trifft sie in jedem Hostel zwischen Quito und Phnom Penh. Sie sind weiß, tragen Dreadlocks, spielen die immer gleichen Bob-Marley Songs auf der Gitarre und lieben Mutter Erde. Das hält manche aber nicht davon ab, regelmäßig nach Südostasien zu fliegen und mit einem Flug mehr Schadstoffe in die Luft zu pusten, als eine kambodschanische Großfamilie in einem ganzen Jahr. Es ist OK, die Umwelt retten zu wollen. Es ist nicht OK, gleichzeitig eine schlechtere Klimabilanz als zehn neue Volkswagen mit manipulierten Abgasanlagen zu haben.

Armut ist nicht romantisch

Oft ist es auch dieser Typ Mensch, der Armut romantisiert. Es ist unangenehm, wenn Leute, die sehr viel Geld für Flugtickets ausgeben können, einem erzählen, wie glücklich andere Menschen mit ihrer Armut seien und dass sie doch ein viel schöneres Leben hätten als "Wir im Westen". Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir das Leute gesagt haben. Und es ist verdammt einfach, so etwas zu sagen, wenn man ein Rückflugticket hat.

Was sie dann beschreiben, findet sich in europäischen Roma-Ghettos genauso wie in brasilianischen Favelas. Armut ist nicht fremd, es gibt sie vor unserer Haustür. Und Armut ist scheiße und gehört bekämpft.

Was gegen Armut nicht hilft, sind sogenannte Freiwilligendienste. Regelmäßig sehe ich Fotos von Bekannten und alten Schulfreunden, die sich in ehemaligen deutschen Kolonien inmitten armer Schwarzer Kinder fotografieren lassen. Klar, es gibt Menschen aus reichen Ländern, die in armen Gegenden wirklich helfen können. Ärzte zum Beispiel. Aber die Leute in meinem Facebook-Feed sind keine Ärzte. Sie sind einfach nur Menschen, die ein paar Monate in armen Ländern abhängen und sich einbilden, irgendetwas tun zu können, wozu die Leute vor Ort nicht in der Lage sind. Das hilft niemanden, außer vielleicht dem Wohlbefinden der vermeintlichen Helfer.

Reisen macht die Welt nicht besser

Reisen macht dich nicht zu einem besseren Menschen. Wenn du ein rassistisches Arschloch bist, dann wird eine Tour durch die Anden oder Zentralasien daran nichts ändern. Genau Genommen macht dich Reisen meistens zu einem schlechteren Menschen, weil du mit deinen Flügen das Klima ruinierst. Wenn du trotzdem Bock hast, um die Welt zu fliegen, dann mach es halt. Aber bilde dir nicht ein, du würdest die Erde damit zu einem besseren Ort machen. Oder dich zu einem besseren Menschen.

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