Unheiliger Abriss: Die $uicideboy$ haben mit ihrer Show ein ehemaliges Krematorium zerlegt
Alle Fotos: Christoph Voy
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Unheiliger Abriss: Die $uicideboy$ haben mit ihrer Show ein ehemaliges Krematorium zerlegt

Beim Auftritt des finsteren Rap-Duos wurde schon zum Warm-up-DJ ausgerastet. Unser Fotograf hat die beiden schon vor der Show getroffen.

Von 1910 bis zur Schließung 2002 wurden im Krematorium in Berlin-Wedding fast 100 Jahre lang Leichen verbrannt. Inzwischen wurde es zu einer Kulturlocation namens Silent Green umgebaut. Innen deutet nur noch wenig auf die ursprünglich morbide Nutzung des Gebäudes hin. Von außen fällt einem jedoch sofort der Schornstein auf, der an diesem Abend Ende August dunkel in den Himmel ragt. Es gibt wohl in ganz Berlin keinen passenderen Ort für ein Konzert der $uicideboy$. Das Rap-Duo aus New Orleans versteht sich auf düstere, aggressive bis apathisch freudlose Texte mit melancholischen und harten Beats. Auf der einen Seite der depressive Ruby, auf der anderen der drogenabhängige $crim, die sich mal die Hände aufgeschnitten und einen blutigen Pakt geschlossen haben sollen: Wenn sie mit 30 noch nicht erfolgreich sein sollten, bringen sie sich um.

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Jetzt sind die $uicideboy$ 28 und 29 Jahre alt und glücklicherweise touren sie dank ihrer Musik durch die Welt. Dass sie damit längst gutes Geld verdienen, scheint jedoch nicht die inneren Löcher zu stopfen. Im Juli verkündete das Duo via Instagram, dass sie trotz ausverkaufter Touren, Geld und Ruhm noch immer nicht ihren Frieden gefunden hätten. Schade für sie, gut für die Musik, lebt ihre Kunst doch von dem Schmerz, den sie immerzu mit sich rumtragen und ins Mic spucken.

"Braucht ihr Benzos?", fragt mich ein großer Typ. Ich schätze ihn auf 20, er wirkt sehr aufgeregt. Ich verneine, er zuckt mit den Schultern und dreht sich wieder zu seinen Freunden. Etwa 300 Leute passen in den runden Saal des Silent Green, natürlich ist die exklusive Show längst ausverkauft. Fast keine Frauen, dafür umso mehr junge Männer, deren Style irgendwas zwischen Hypebeast und Hardcore-Metal-Show ist. "Ich falle hier gar nicht auf", bemerkt meine Begleitung. Lange Haare, schwarze Klamotten, Cap tief ins Gesicht – er verschmilzt tatsächlich mit der Meute.

Bereits beim Warm-up-Set des DJs drehen die Leute durch. Ich meine nicht, dass sie begeistert mit dem Kopf mitnicken, nein, sie springen rum, schreien die Texte der Songs von der verstorbenen Lil Peep oder XXXTentacion aus voller Kehle mit – drehen das Thermometer schon auf Anschlag, bevor die eigentliche Show überhaupt beginnt. Als hätten sie die ganze Woche oder sogar Monate darauf gewartet, endlich ihre ganze Energie an diesem Abend rauszuschleudern.

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Die $uicideboy$ betreten schließlich die Bühne und sofort öffnet sich ein Kreis. Beim Beatdrop rennen die Fans aufeinander zu, Moshpit nach Moshpit nach Moshpit. Fast jeder Song wird textsicher zur Bühne gebrüllt. Viele springen längst oberkörperfrei rum. $crim und Ruby müssten eigentlich nur ihre Songs runterrattern und die Leute hätten trotzdem den Spaß ihres Lebens. Das ist den beiden aber natürlich nicht genug. Immer wieder animieren sie zum Abgehen, rufen irgendwann sogar zum Circle Pit auf, der zunächst auf generelles Unverständnis trifft, bis sich zwei, drei Leute erbarmen und im Kreis rennen. Mal nehmen sie auch das Tempo mit langsameren Songs raus, um allen dann mit dem Bass voll in den Magen zu boxen. Euphorie und Schweißgeruch liegen in der Luft.

Nach einer Zugabe ist es schließlich vorbei. Alle strömen nach draußen, viele grinsen fröhlich, lehnen sich erschöpft ans Treppengeländer. Man wird das Gefühl nicht los, dass heute Abend nach all den Jahren wieder etwas im Krematorium verbrannt wurde. Keine Leichen, dafür ein Teil der kräftezehrenden Probleme und Gedanken, die viele $uicideboy$-Fans plagen.

Aber genug der Worte. Wir übergeben an den großartiegn Christoph Voy, der die $uicideboy$ für uns exklusiv einen Tag lang mit der Kamera bei ihrem Berlin-Stopp begleiten durfte.

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