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1.800 Rezepte, 8.700 Essensfotos: Warum die aktivste chefkoch.de-Nutzerin immer weitermacht

Petra Geck hat chefkoch.de durchgespielt: Niemand hat dort mehr gepostet als die 29-jährige Hobbyköchin. Im Interview erzählt sie, was sie an der Community begeistert – und was GöGa und KaSa bedeuten.

von Anna Biselli
18 Juli 2018, 9:23am

Alle Bilder: Petra Geck | Mit freundlicher Genehmigung

Fast 1.800 Rezepte, über 3.100 Schritt-für-Schritt-Anleitungen und mehr als 8.700 Bilder: Petra Geck aus Franken ist die aktivste Nutzerin auf chefkoch.de. Auf der nach eigenen Angaben größten Koch- und Rezepte-Community Europas nennt sie sich patty89. Das beliebteste Rezept aus ihrer Küche: Wintersalat mit Honig-Senf-Dressing. Aber auch wer ein Einkorn-Emmer-Brot backen oder sich Thunfisch-Steaks auf Estragon-Senf-Sauce braten will, ist bei ihr richtig.

Chefkoch.de ist eine der wenigen Communitys, der auch der Aufstieg von Facebook nichts anhaben kann. Seit 1998 gibt es die Seite, die inzwischen zur Verlagsgruppe Gruner und Jahr gehört. Und seit ihrem Start vor 20 Jahren wächst die Seite auch heute noch unbeirrt weiter – sie umfasst mehr als 324.000 Rezepte. Inzwischen gibt es sogar Lesungen der "schlimmsten" chefkoch.de-Rezepte, wobei eine Häufung von Fleischwurst als Hauptzutat auffällig ist.

Auch eine eigene Sprache hat sich in den chefkoch.de-Foren und Kommentarspalten entwickelt. "Dem GöGa hats geschmeckt" ist die wohl bekannteste Abkürzung der Community, seit 2001 hat sich die Abkürzung für Göttergatte im chefkoch.de-Universum etabliert. Wir haben mit der 29-Jährigen Petra Geck über ihre Karriere zur Top-Userin auf chefkoch.de gesprochen – und sie gefragt, was sie tut, wenn einmal das Internet ausfällt.

Motherboard: Du hast über 8.701 Bilder (Stand: 18. Juli) auf chefkoch.de veröffentlicht. Fotografierst du alles, was du kochst?
Petra Geck: Meistens ja, das ist wie eine Routine. Ich koche und mache dann meine Bilder.

Wie viel Zeit verbringst du pro Tag auf chefkoch.de?
Oft sind das so ein, zwei Stunden, wenn die Kinder abends im Bett sind. Das macht mir Spaß und hilft mir dabei, runterzukommen. Was im Fernsehen läuft, interessiert mich oft nicht.


Ebenfalls auf Motherboard: Wie ich mich 30 Tage lang nur von Soylent ernährte


Bleibt dir noch Zeit für Hobbys außer Kochen und der chefkoch.de-Community?
Ich habe sonst kein Hobby, das so intensiv ist. Ein Hobby ist auch Wurst zubereiten. Wenn man in den Supermarkt geht und schaut, was da drin ist, ist das wirklich Wahnsinn. Wenn ich das selber mache, weiß ich einfach was drin ist.

Es betrifft ja auch den Alltag, da verbindet sich das Hobby mit dem, was sowieso nötig ist. Mir macht das Kochen sehr viel Spaß, ich kann da auch mal etwas abschalten. Bei manchen kommt Fertigpizza auf den Tisch, bei mir gibt es was frisch Gekochtes. Ich stehe auch gerne im Garten und baue Gemüse an, dabei hilft mir auch mein Mann viel. Mir ist es wichtig, meine Familie ausgewogen und relativ gesund zu ernähren, und ich bereite viele vollwertige Gerichte und Backwaren zu. Die kleinen Handwerksbäcker werden immer rarer. Bei denen, die noch richtiges Bauernbrot machen, kriegt man fast nichts mehr, weil die Nachfrage so groß ist. Da ist Selberbacken eine gute Alternative und man kann schön variieren.

"Es gibt Leute, die melden sich an und spammen, beschimpfen und beleidigen, bis der Account dicht gemacht wird"

Wie kamst du zu chefkoch.de?
Das hat so im Jahr 2008 angefangen. Schon bevor ich einen Account hatte, habe ich mir ab und an Rezepte rausgesucht. Den Tipp, dass es Chefkoch gibt, hat mir mein Mann gegeben. Damals war er noch mein Freund und wir wollten am Wochenende bei ihm was Leckeres kochen. Man hat ja meistens kein Kochbuch, wenn man bei seinem Freund ist. Da lag es nahe, mal schnell was aus dem Internet rauszusuchen. Er hat gesagt: "Wenn du Rezepte suchst, schau da nach. Das ist die größte Community, da findest du für alles was".

Mango-Dessert mit Chia-Samen
Mango-Dessert mit Chia-Samen | Alle Bilder: Petra Geck | Verwendet mit freundlicher Genehmigung

Apropos Mann: chefkoch.de ist ja für die Abkürzung "GöGa" berühmt. Meinen Leute das ernst oder benutzt man das ironisch?
GöGa kenn ich auch, das heißt Göttergatte und wird manchmal ironisch genommen. Aber auch ganz normal als Abkürzung, das liest man im Kontext leicht raus. Es gibt auch noch anderen Slang, wo zum Beispiel Kartoffelsalat als "KaSa" abgekürzt wird.

Und seit wann bist du in der Koch-Community aktiv?
Ich habe mich im Jahr 2011 ursprünglich angemeldet, weil es so leichter ist, Rezepte zu speichern und wiederzufinden. Bei den Rezepten waren viele tolle Bilder dabei und dann dachte ich: "Ok, jetzt probier ich das auch mal aus. Vielleicht sind meine Bilder irgendwann auch so schön."

Es gab auch viele Nutzer, die mir damals Rat gegeben haben, wie ich etwas schöner dekorieren kann. Mit den Jahren ist das immer mehr geworden und Kochen ist mittlerweile ein richtiges Hobby für mich.

Was magst du an der Community?
Die Community hat mir viele Tipps gegeben. Vor allem wenn man sich in komplizierte Gefilde wie Brotbacken begibt, geht am Anfang mal was schief. Da kamen zum Beispiel ganz platte Flundern raus oder irgendwelche kompakten Steinklötze, die man dünn aufgeschnitten gerade so essen konnte. Die ganze Hilfe, die ich da erfahren habe, hat dazu beigetragen, dass ich da immer mehr gemacht habe.

"Die Inspiratoin kommt vom Mut, einfach mal Zutaten ganz neu zu kombinieren"

Ist bei chefkoch.de immer alles in Butter zwischen den Leuten oder gibt es da auch mal Beleidigungen und Diskriminierungen?
Ja, das gibt es und das ist ein großes Problem. Es gibt Leute, die melden sich an und spammen, beschimpfen und beleidigen, bis der Account von den Admins dicht gemacht wird oder ein Moderator eingreift. Ich glaube, die haben da ganz schön aufgestockt. Man kann auch KMs, das sind "Kochmails", Forenbeiträge und Rezeptkommentare melden. Chefkoch.de ist da sehr hinterher und löscht oder nimmt Teilsätze raus.

Wie gehst du mit sowas um?
Wenn man sehr aktiv ist, gibt es genug Leute, die einem in privaten KMs Beleidigungen an den Kopf werfen oder im Forum Unsinn schreiben. Als User kann man eins machen: sich das nicht zu Herzen nehmen.

Es gibt ganz liebe Leute und eben die, die meinen, sie müssten jetzt mal Dampf ablassen. Das sollte man einfach wissen. Statt wenigstens konstruktive Kritik zu üben, schreiben sie es auf eine beleidigende Weise oder einfach nur Blödsinn. Manche würden sich das vielleicht im echten Leben nicht trauen und fühlen sich hinter ihrem Nickname sicher. Aber es haben sich schon einige einst sehr aktive User aus den öffentlichen Foren zurückgezogen, weil es sie einfach nervt.

Einkorn-Emmer-Brot mit Kürbiskernen
Einkorn-Emmer-Brot mit Kürbiskernen

Kennst du andere chefkoch.de-Nutzer persönlich?
Ich habe dort einen kleinen Freundeskreis – mit denen treffe ich mich einmal im Jahr.

Kocht ihr dann gemeinsam?
Zum Kochen kommen wir gar nicht, dafür ist die Zeit zu kurz. Wir sind über ganz Deutschland verstreut und treffen uns in einer Stadt, wo alle gern hinmöchten. Da unternehmen wir was gemeinsam.

Hattest du mal Erlebnisse, wo ein Kochversuch so richtig schiefgegangen ist?
Ich hatte jemanden zu Besuch und sie wollte was Glutenfreies probieren. Wir haben uns gedacht: Warum nicht einen Fladen aus reiner Speisestärke backen? Dann haben wir Speisestärke mit Wasser angerührt und geschaut, was passiert. Das war einfach ein harter Klumpen, der wäre eine super Gipsfigur geworden.

Hast du erst durch chefkoch.de richtig kochen gelernt?
Nein, die Basics konnte ich schon vorher. Mama hat mich früh mit an den Herd gestellt und gesagt: "Mädchen, das musste lernen, das solltest du können".

Als ich dann mein eigenes Süppchen gerührt habe, hat sich noch einiges verändert. Ich habe mich gefragt: Wie ist denn mein Geschmack? Als ich aufgewachsen bin, gab es immer die gleichen Gerichte. Irgendwann war ich das leid, vielleicht mag ich auch deswegen so gern die Abwechslung. Dann kam auch noch der Geschmack von meinem Mann dazu. Der war von seiner Mama was ganz anderes gewöhnt. Das war eine Herausforderung, etwas auf den Tisch zu bringen, was uns beiden schmeckt.

Was ist denn euer Lieblingsrezept?
Im Sommer mögen wir gerne Zucchinigemüse mit Tomatenmark und Sahne. Das geht immer. Hauptsache es ist etwas Selbstgemachtes, gerne mit viel Gemüse. Zwischendrin esse ich aber gern auch mal ein gutes Stück Fleisch oder Fisch.

Kartoffeln, Hackfleisch und Zucchini-Gemüse mit Tomatenmark und Sahne
Kartoffeln, Hackfleisch und Zucchini-Gemüse mit Tomatenmark und Sahne

Worauf legst du besonders viel Wert beim Kochen?
Frische Zutaten, sehr viel frisches Gemüse. Je nach Saison aus meinem eigenen Garten. Ich lege auch Wert auf die Herkunft und muss nicht auf Biegen und Brechen im Winter Sommergemüse haben, das aus Marokko kommt. Ich achte darauf, sehr viel regional zu kaufen.

Darf dein Mann eigentlich mitkochen?
Früher hat mein Mann viel gekocht, damals konnte er das lustigerweise sogar besser als ich. Mittlerweile hat er sich aus der Küche zurückgezogen und ich kann einiges mehr als er. Aber meine größere Tochter schnibbelt schon sehr gerne Gemüse mit. Sie wird jetzt bald sechs Jahre alt und fragt immer nach: "Mama, wie geht das?" oder sagt: "Mama, ich möchte das auch gern ausprobieren!"

Schon als sie klein war, wollte sie den Sparschäler in die Hand nehmen und probieren, eine Gurke zu schälen. Meine kleinere Tochter, die anderthalb Jahre alt ist, will auch schon nachmachen, was Mama gerade tut.

Gurkensalat mit Lavendeldressing
Gurkensalat mit Lavendeldressing

An meine erste Kartoffel im Kindergarten, bei der ich mir in den Finger geschnitten habe, erinnere ich mich auch noch.
Klar, ganz ohne Blessuren geht es nicht. Ich habe mir ja auch schon versehentlich in den Finger gehobelt.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Rezepte?
Das kommt von der langen Kocherfahrung und dem Mut, einfach mal Zutaten ganz neu zu kombinieren. Es kommt bei mir öfter vor, dass ich genau weiß, was ich kochen will und es das noch nicht gibt. So entsteht ein neues Rezept. Wenn mir das Ergebnis gefällt, stelle ich es auf chefkoch.de.

Benutzt du überhaupt noch Kochbücher?
Ich habe nur ganz wenige Kochbücher. Heutzutage braucht man das nicht mehr, wenn man nicht was ganz Spezielles sucht. Außer das Internet funktioniert nicht, dann ist es natürlich gut, wenn man ein oder zwei Standardkochbücher zu Hause hat und sich nochmal das Grundrezept für eine Bechamel raussuchen kann.

Mein Mann ist Informatiker, für ihn war von Anfang an klar, dass man keine Kochbücher braucht, sondern das im Internet nachschauen kann. Mittlerweile kenne ich mich mit Computern dementsprechend auch gut aus. Auf meinem PC läuft auch Linux und nicht Windows.

Hast du irgendwelche verrückten Kochutensilien?
Ich habe ein paar sehr spezielle Sachen, die nicht jeder hat. Zum Beispiel einen Zesten-Abzieher oder einen Melonenkugel-Former. Einen Fleischcutter und einen Bratwurstabfüller habe ich mir auch zugelegt. Und einen Slow Cooker, in dem man wunderbar gekochten Schinken machen oder am Sonntag einen superzarten Rehbraten zaubern kann.

Reh aus dem Slow-Cooker
Reh aus dem Slow-Cooker

Bist du eigentlich noch in anderen Foren oder auf Instagram mit deinen Rezeptbildern unterwegs?
Nein, das würde mir auch irgendwann zuviel werden mit Haus, Garten und Familie.

Hast du schonmal eine Anfrage bekommen, ob du Werbung für Kochprodukt-Hersteller machen willst, zum Beispiel einen neuen Mixer in deinen Bildern zeigen?
Nein, Geld verdienen kann man auf chefkoch.de nicht. Es gab aber mal Aktionen zum Jubiläum der Seite, da haben die aktivsten User ein Pfannenset gewonnen oder so. Wenn jemand ein Rezept für das Chefkoch-Magazin bereitstellt, bekommt man auch ein Magazin kostenlos als Dankeschön.

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