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Foto Soldat: imago | photothek

Die Saga vom rechtsextremen Soldaten, der sich als Flüchtling ausgab, wird immer verrückter

Matern Boeselager

Franco A. wird wohl freigelassen, weil er offenbar keine konkreten Anschlagspläne hatte. Was wollte er dann?

Foto Soldat: imago | photothek

Der bizarrste Kriminalfall dieses Jahres begann damit, dass die österreichische Polizei ein Klo im Wiener Flughafen stürmte. Die Beamten hatten seit Tagen auf die Stürmung gewartet: Nachdem eine Putzkraft in einem Schacht einer Toiletten-Kabine eine geladene Pistole entdeckt hatte, beschlossen die Ermittler, das Versteck mit einer Kamera auszustatten. So konnten sie zuschlagen, sobald der Verdächtige zurückkehrte, um die Waffe zu holen.

Der Plan ging auf, und die Österreicher verhafteten einen Mann, der sich bald als deutscher Bundeswehr-Offizier erwies. Der 29-jährige Franco A. gab zu, die Waffe versteckt zu haben. Seine Erklärung: Er habe die Pistole knapp zwei Wochen vorher in einem Gebüsch gefunden, als er betrunken vom "Ball der Offiziere" nach Hause ging. Am nächsten Morgen habe er die Waffe zunächst völlig vergessen, bis er sie am Flughafen in seiner Jackentasche bemerkt und dann aus Angst in dem Klo versteckt habe. Jetzt sei er zurückgekommen, um die Sache zu "regeln".

So unglaubwürdig diese Geschichte auch klang, sie sollte bald von einer noch unglaublicheren Wendung überholt werden: Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung fanden die Österreicher heraus, dass der deutsche Bundeswehr-Offizier gleichzeitig ein Flüchtling war. Seine biometrischen Daten passten genau zu einem syrischen Bauern namens "David Benjamin", der am 30. Dezember 2015 in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hessen registriert worden war.

Die Österreicher leiteten zunächst trotzdem nur ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz ein, dann ließen sie Franco A. gehen. Aber sie übermittelten ihre Erkenntnisse über dessen doppelte Identität an das deutsche BKA, das die Ermittlungen aufnahm.


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Im Laufe der Ermittlungen bestätigte sich: A. hatte sich tatsächlich 2015 als syrischer Flüchtling ausgegeben und einen Asylantrag gestellt, im November 2016 wurde ihm subsidiärer Schutz zugesprochen. Über ein Jahr lang führte A. ein Doppelleben zwischen Kaserne und Erstaufnahmeunterkunft, er soll dabei sogar mehrere tausend Euro Leistungen kassiert haben. Gleichzeitig stießen die Ermittler auf zahlreiche Hinweise, dass der echte A. sich online in fremdenfeindlichen und rechtsextremen Kreisen bewegte.

Am 26. April verhaftete das BKA Franco A., der gerade an einem Häuserkampf-Lehrgang in Hammelburg teilnahm. Der Vorwurf: A. soll aus rechtsextremen Motiven einen Terroranschlag auf Politiker vorbereitet haben. Gleichzeitig habe er sich eine falsche Identität als syrischer Flüchtling zugelegt, damit der Anschlag diesem fiktiven Asylbewerber angelastet würde.

Kurz darauf verhafteten die Fahnder noch zwei mutmaßliche Komplizen A.s: einen weiteren Bundeswehr-Offizier – den zusammen mit A. im Jägerbataillon 291 im französischen Illkirch stationierten Maximilian T. – und den Studenten Matthias F.

Der Fall sorgte für einen Skandal. Viele befürchteten damals, dass in der Bundeswehr eine rechtsterroristische Zelle entstanden war. Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stellte ihre eigene Armee unter Generalverdacht, als sie in einem Interview im ZDF erklärte, die Bundeswehr habe ein "Haltungsproblem" und "offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen". Kurz darauf kam heraus, dass bei A. eine Liste mit Namen linker Politiker, religiöser Vertreter und der Grundriss des Büros einer linken Stiftung gefunden worden waren. Für die Öffentlichkeit sah es so aus, als sei eine hochgefährliche Terror-Zelle, die sich von langer Hand auf einen spektakulären Anschlag vorbereitet hatte, in letzter Sekunde gestoppt worden.

Je länger die Ermittlungen dauerten, desto mehr löste sich dieses Bild jedoch auf. Die beiden Komplizen F. und T. waren bereits Anfang Juli aus der Untersuchungshaft entlassen worden, am Mittwoch gab der Bundesgerichtshof bekannt, dass auch A. selbst wieder auf freien Fuß gesetzt werde. Der Grund: Aus den bisherigen Ermittlungen lasse sich ein dringender Tatverdacht für die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat nicht herleiten.

Das ist ein schwerer Rückschlag für die Ermittler. Und es wirft die Frage auf, was Franco A. sonst antrieb, sich eine zweite Identität als Flüchtling zuzulegen. Die Antwort könnte auch sein: Vielleicht wusste A. es selbst nicht so genau.

Zusammen mit NDR und WDR hat die Süddeutsche Zeitung recherchiert, dass A. bei Weitem nicht der kühle Rechtsterrorist war, als der er zunächst wahrgenommen wurde. Stattdessen zeichnet die Reportage das Bild eines verunsicherten Mannes, der Probleme mit seinem Selbstwertgefühl hatte und sich über seinen fehlenden Erfolg bei Frauen ärgerte. Zu den Ermittlungen gehören auch über hundert Aufnahmen von A.s Handy, in denen der Soldat offenbar eine Art Tagebuch führte. In einer davon erzählt er, dass er es nicht schaffe, "er selbst zu sein". Diese Unsicherheit, mutmaßt die Süddeutsche, habe ihn "anfällig für rechtsradikale Ideen" gemacht. Das hätte man allerdings wissen können: Schon 2013 hatte A. für seinen Offizierslehrgang eine Masterarbeit mit dem Titel "Politischer Wandel und Subversionsstrategie" abgegeben, deren Inhalt damals von gleich zwei Lektoren als "extremistisch und unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" eingestuft worden war. Trotzdem entschloss sich die Bundeswehr, Franco A. mit einer Verwarnung davonkommen zu lassen, er erhielt nicht einmal einen Eintrag in seine Akte.

Trotzdem gibt es offenbar wenig Anhaltspunkte, dass A. einen konkreten Anschlag plante. Seine mutmaßliche "Todesliste" enthält zwar den Namen von Heiko Maas, aber auch den Chaos Computer Club. Und direkt daran schließt sich eine Art Aufgabenliste an – unter anderem mit den Einträgen "Erding Commerz anrufen", "Kühlschrank" oder "Musikböxchen".

Schließlich bleibt das Rätsel, warum A. sich monatelang als Flüchtling ausgab. Sein Anwalt behauptet, A. habe das zu "Recherchezwecken" getan. Ein Ziel lässt sich jedenfalls nicht erkennen: A. verbrachte kaum Zeit in den Unterkünften und tauschte sich wohl so gut wie nie mit den anderen Geflüchteten aus. Und wenn er wirklich vorhatte, die Schuld an einem Anschlag seiner falschen Flüchtlings-Identität anzuhängen, warum entschied er sich dann dafür, sich nicht als Muslim, sondern als verfolgter Christ auszugeben?

Mittlerweile ist nicht mehr sicher, ob die Bundesanwaltschaft an ihrer Anklage wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat festhalten wird. Wenn es nicht zu einem Prozess kommt, werden die vielen offenen Fragen im Fall Franco A. wohl nie geklärt werden.

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