Ein Psychologe erklärt, warum du deinen Adventskalender so schnell leerfrisst

Und wieso dich das zu einem Kultur-Rebellen macht.

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Dez. 6 2017, 1:08pm

Foto: Hanko Ye

Lieber Weihnachtsmann, es tut mir leid, ich habe es wieder getan: Schon am 6. Dezember habe ich mich in meinem Adventskalender bis zum zehnten Türchen vorgefressen. Schon jetzt weiß ich, dass mein Weihnachtskalender auch in diesem Jahr nicht bis Weihnachten überleben wird.

Dabei soll er "die Wartezeit bis zum Weihnachtsfest verkürzen und die Vorfreude steigern", sagt Wikipedia. Ich trete diese Tradition mit Füßen, so wie mir geht es aber offenbar vielen Leuten. Im Internet finde ich in zahlreichen Foren Menschen, die von ähnlichen Problemen berichten. "Was passiert, wenn man seinen Schokoladen-Adventskalender schon aufgegessen hat?", fragt etwa ein User auf gutefrage.net. Die "hilfreichste Antwort" hilft mir nicht weiter: "Hab ich auch gerade gemacht." Warum können wir alle nicht warten?

Ich rufe bei Johann Christoph Klotter an. Der Psychologe forscht an der Hochschule Fulda rund um Ernährung – und er weiß, warum ich den Inhalt meines Kalenders jedes Jahr auf einmal plündere. "Es liegt daran, dass unser limbisches System im Gehirn bedingungslos Belohnung verlangt", sagt er. Die Belohnung ist in meinem Fall Schokolade. Dass man sich mit Süßigkeiten belohnt, habe historische Gründe. "Bis vor 200 Jahren war Zucker das Zeichen des Paradieses, es stellte absoluten Luxus dar", erklärt mir Klotter. "Und Zucker ist immer noch mit dem Gedanken verbunden, dass man alles hat, solange man Zucker hat." Das gelte auch für Schokolade. Ein weiterer Grund, wieso ausgerechnet der Adventskalender dran glauben muss: Er ist schon da, wir müssen nicht in den Supermarkt rennen, um andere Süßigkeiten zu kaufen. "Er hängt direkt an der Wand und alles, was sichtbar und verfügbar ist, wird schneller gegessen", so Klotter.


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Das Luxusgut Zucker war bei meinen Eltern zu Hause auch knapp. Schokolade war so selten wie glitzernde Pokémon-Karten auf dem Schulhof. Könnt ihr euch noch an dieses Nachbarskind erinnern, das bei sich zu Hause eine Süßigkeiten-Schublade und immer Cola im Kühlschrank stehen hatte? Ich war der Freund von diesem Kind, kam gerne zum Spielen vorbei, trank sehr viel von der Cola und stopfte Gummibärchen in mich rein.

Schon mit fünf Jahren hatte ich meinen Schokoladen-Adventskalender irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Advent komplett geplündert. Ich hatte einfach Bock auf Schoki und fraß mich in einen Rausch. Und fortan wiederholte sich dieses Vergehen jedes Jahr. Immer im Hinterkopf: das schlechte Gewissen.

Ich hatte schließlich Angst um meine Geschenke und vor Ärger mit meinen Eltern. Da meine Mutter damals nichts von dem geheimen Doppelleben ihres Sohnes erfahren durfte, entwickelte ich über die Jahre immer perfidere Methoden, mit denen ich meine krankhafte Disziplinlosigkeit zu vertuschen versuchte. Während ich zu Anfang noch amateurhaft die Türchen einfach wieder zuklappte, klebte ich sie irgendwann sogar zu. In einem Jahr kratzte ich auch mal meine letzten 1,50 Euro Taschengeld zusammen und kaufte mir im Supermarkt eine exakte Kopie meines schon an Nikolaus leergefressenen Kalenders. Den entheiligten Vorgänger ließ ich in der Dunkelheit in einem Mülleimer im Park um die Ecke verschwinden.

Im Jahr 2003 flog dann alles auf. Ich war 12 Jahre alt und mein Kalender wieder mal leer. Also beschlagnahmte ich in einem Moment der Schwäche den Adventskalender meines kleinen Bruders. Ich öffnete gleich den ganzen Karton und zog das Plastik mit den Schokoladen-Stücken heraus. Ich aß alles, schob das Plastik wieder rein und klebte den Karton zu. #Fettsackstyle.

Mein Bruder öffnete anschließend jeden Morgen leere Türchen und brauchte Tage, eh er verstand, dass der Weihnachtsmann ihn doch noch lieb hat und sein Bruder der Grinch ist. Meine Eltern tobten und ich musste meinem Bruder einen neuen Kalender kaufen.

"Ihr seid Kultur-Rebellen"

Der Streit mit den Eltern ist der dritte Grund, wieso man seinen Adventskalender so schnell leer isst, erklärt Psychologe Klotter: "Wenn wir zur Vernunft gerufen werden, also jeden Tag ein Türchen öffnen sollen, wird in diesem Augenblick unser Widerstand provoziert."

"Ihr seid Kultur-Rebellen", sagt Dr. Klotter. Eine gesellschaftliche Regel mache die Rebellion nur noch attraktiver.

Ich will noch wissen, wie ich es nun verhindern kann, dass ich meinen Adventskalender schon vor der zweiten Adventskerze plündere. "Willst du es denn verhindern, es hat doch Spaß gemacht?", fragt mich Klotter. "Ich plädiere für eine gewisse Toleranz." Das einzige, was mir nach meiner Plünderung also bevorsteht, bringt ein User von gutefrage.net auf den Punkt: "Gar nix, jetzt hast du halt keine Schokolade mehr."

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