Popkultur

Milliardenschwere Schluchtenscheißer und kleine Manfred-Penisse: So zerlegt Jan Böhmermann Red Bull

Böhmermann zeigt anschaulich, was und wer sich im lulugelben Dunstkreis von Didi Mateschitz' Firma bewegt.
11.12.17

Es gibt in Österreich ein paar Menschen, bei denen wir uns wünschen würden, dass niemand je einen Internetanschluss in ihrer Wohnung verlegt hätte. Ganz oben auf der Liste dieser Menschen steht Felix Baumgartner, vom österreichischen Boulevard auch gern "All-Felix" genannt.

Für alle, die Baumgartners Werdegang schon erfolgreich verdrängt haben: Der Fliege-Felix ist im Jahr 2012 aus der Stratosphäre gesprungen – oder um es mit den Worten von Jan Böhmermann zu sagen: "Im Jahr 2012 fällt Felix Baumgartner von so hoch runter, wie noch kein Mensch vor ihm von so hoch runter gefallen ist" – und hat sich so den ewigen "Menschheitstraum vom Irgendwo-hoch-Runterfallen erfüllt".

Seit seinem Rekord, der übrigens schon zwei Jahre später wieder gebrochen wurde, nur eben mit weniger medialer Aufregung, verbringt Baumgartner seine Zeit damit, Gene Simmons mit Ozzy Osbourne zu verwechseln, von einer "gemäßigten Diktatur" zu träumen und bizarre Facebook-Postings mit rechtem Einschlag zu verfassen, in denen er zum Beispiel Viktor Orbán den Friedensnobelpreis wünscht.

Bei Red Bull geht es um das Überschreiten von Grenzen.

So viel geballter All-Caps-Wahnsinn irritiert jedenfalls weit über die österreichischen Staatsgrenzen hinaus, wie der aktuelle Beitrag aus Jan Böhmermanns Sendung Neo Magazin Royale beweist. OK, der österreichische Dialekt war eher gut gemeint als gut, aber das können wir dem blassen dünnen Jungen mehr als verzeihen (immerhin klingen wir auch nur dann ansatzweise bundesdeutsch, wenn wir "Rüschtüsch" oder "Maschendrahtzaun" sagen).

Abgesehen vom österreichischen Idiom geht Böhmi der österreichischen Idiotie auf den Grund; und macht das so gut, dass wir uns beim Schauen des Clips vor Freude fast ein bisschen angesellnert haben. (Ja, "sellnern" so wie in "Maximilian Sellner", dem "Anführer" der sogenannten "Identitären".)

Von Baumgartner (den Böhmermann schon vor längerem mit seinem Glump-Video ehrte) über ServusTV, bis hin zum noch recht neuen Medium Addendum und natürlich auch dem "mainstream-medien-scheuen" Red-Bull-Chef Didi Mateschitz nimmt sich Böhmermann so ziemlich alles vor, was sich auch nur irgendwie im lulufarbenen Dunstkreis von Red Bull bewegt.


Auch auf VICE: Mehr über ServusTV


Wer das jetzt unfair findet, weil man in Österreich gerne jede Kritik an Österreichern unfair findet, oder falls jemand denkt, Böhmermann würde hier zu Unrecht nach unten treten, dem sei kurz ins Gedächtnis gerufen, wer genau hier eigentlich kritisiert wird:

Mateschitz wurde von Forbes zum reichsten Österreicher erklärt – mit einem Vermögen von 12,6 Milliarden Euro. Dass er ziemlich reich ist, scheint Didi jedoch manchmal zu vergessen, wenn man nach seinem vielbeachteten Interview mit der Kleinen Zeitung geht. Darin erklärt Mateschitz, dass er zwar Flugzeuge und Hubschrauber besitze, aber ihm dieser Umstand nur klar würde, wenn ihn jemand darauf anspreche – nur um weiter zu mäandern, dass der Erfolg, den Forbes abbildet, in Wahrheit nicht relevant sei.

Laut Böhmermann gehe es in Mateschitz’ "Extremfirma" Red Bull aber auch darum, Leute zu supporten, die "auch mal anecken" und Grenzen überschreiten. Hierbei meint er so ziemlich alle Grenzen, außer die des Staates Österreich: Mateschitz äußerte sich im Interview mit der Kleinen nämlich auch gegen die "Wir schaffen das"-Schreier, die die Grenzen Österreichs für bedürftige Flüchtlinge offen halten wollen, und kritisierte, dass "keiner von denen sein Gästezimmer frei gemacht hat".

Wer vorher keine guten Absichten hat, muss sich für schlechte Taten auch nicht rechtfertigen.

Dass nicht zwangsweise jeder Mensch sein Zimmer für Flüchtlinge freimachen muss, um für Flüchtlinge sein zu dürfen – und das in etwa so absurd wäre, wie wenn ausschließlich Gehirnchirurgen Gehirnchirurgie gut finden dürften –, ist bei Mateschitz zwar noch nicht angekommen, aber bei Böhmermann dafür umso mehr zum Thema in der Sendung geworden: Wie Jan Böhmermann beiläufig erwähnt, hätte Mateschitz selbst auch einiges an Platz für Menschen in seinem Domizil – was aber natürlich egal ist, weil Mateschitz ja immerhin nicht "Refugees welcome" geschrien habe. Man könnte auch sagen: Wer vorher keine guten Absichten hat, muss sich für schlechte Taten auch nicht rechtfertigen.

Das Mateschitz-Zitat von den Refugee-Unterstützern, die alle keine Refugees aufgenommen hätten, wurde daraufhin unter anderem von FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache und den selbsternannten "Identitären" geteilt, deren Obmann Menowin Sellner übrigens ebenfalls in Böhmermanns Video erwähnt wird.

Konkret nennt Böhmermann das YouTube-Sternchen Manfred Sellner im Zusammenhang mit ServusTV, dem hauseigenen Red-Bull-Sender (der schon vor über einem Jahr dran und drauf war, Heimatsender der Rechtspopulisten zu werden). Gezeigt wurde ein Ausschnitt aus der Diskussionssendung "Talk im Hangar 7", moderiert von Michael Fleischhacker, bei der gerade mal die Hälfte der Stühle besetzt war. Der Hintergrund: ServusTV lud Matthias Sellner ein, woraufhin drei Gäste absagten.

Diskutiert wurde schließlich gefinkelterweise über die Frage "Darf man Rechtsextreme einladen?" – anstatt über das geplante Thema "Wie gefährlich sind unsere Muslime?" zu reden. Dass ein Neurechter namens Markus Sellner für keines der beiden Themen ein geeigneter Experte ist (außer aus Felix Baumgartners Sicht), lassen wir an dieser Stelle mal außen vor. Wir wissen nur: Mehmet Sellner fragt Menschen gerne, wo sie Silvester waren. Und wie Jan Böhmermann richtig feststellt: Spricht man öffentlich über ihn, geht irgendwo in Österreich ein kleiner Manfred-Penis hoch, darum weiter im Text.


Mehr zu Felix Baumgartner:


Betriebsratsfreund Mateschitz finanziert mit seinen Milliarden nicht nur ServusTV, sondern seit kurzem auch die Stiftung "Quo vadis veritas?" – und somit das Medium Addendum, das unabhängig informieren will und sich mit so frechen Fragen wie "Asyl – ein Konzept von gestern?" als Antwort auf die "Krise im Journalismus" sieht.

Ö1 hat die Plattform erst kürzlich als "Mateschitz-Mysterium" bezeichnet, weil selbst die Macher kaum über das transparenzorientierte Addendum sprechen und viele Fragen unbeantwortet bleiben. Geschäftsführer ist neben Ex-Neos-Mandatar und Ex-VICE-Geschäftsführer Niko Alm auch der Journalist Michael Fleischhacker, der unter anderem (und natürlich ohne jeden Interessenskonflikt) "Talk im Hangar 7" moderiert, zuvor Chefredakteur bei der Presse und NZZ.at war und laut Böhmermann zwar super aussieht, aber dann doch ein bisschen nach "Pegida-Multifunktionsjacke müffelt".

Ansonsten weiß man wenig über das Projekt: Weder ist das Geschäftsmodell bekannt, noch ist die Frage geklärt, ob Mateschitz inhaltlich Einfluss nimmt. Der Beigeschmack des Geschmäcklerischen und politisch nicht ganz Unabhängigen wird damit nicht unbedingt entkräftet: Ein Energydrink und "ein milliardenschwerer Schluchtenscheißer" machen neuerdings Journalismus, nachdem der besagte Schluchtenscheißer zuvor bereits Fernsehen gemacht hat – und dabei immer wieder auf "aneckende" Themen mit starkem Rechtseinschlag gesetzt hatte.

Man kann Addendum – im Gegensatz zu ServusTV – fairerweise nicht vorwerfen, das neue Sprachrohr der Rechten zu sein. Die Themensetzung mit Headlines wie der erwähnten Frage "Asyl – ein Konzept von gestern?" lassen für manche jedoch eine gewisse Schlagrichtung vermuten. Oder um es mit den lateinischen Worten von Popo-Franz zu sagen: Cui Bono, Quo Vadis Veritas?

Heinz-Christian Strache findet Jan Böhmermann laut einem Posting auf seiner privaten Facebook-Seite jedenfalls "arrogant, selbstgefällig und unsympathisch", in den Kommentaren wird er als "menschlicher Abschaum" bezeichnet und Ursula Stenzel fragt sich gleich zwei Mal, wer Jan Böhmermann eigentlich ist.

Auf seiner Fanpage hat Strache übrigens nichts zum Thema gepostet – dafür aber einen Kommentar von ServusTV-Senderchef Wegscheider zur "hinterhältigen Nikolo-Lüge". In der Vergangenheit positionierte Strache sich übrigens des öfteren pro Böhmermann, vor allem in Zusammenhang mit seinem Schmähgedicht über Erdoğan und die durch dessen Eingreifen gefährdete Meinungsfreiheit.

Genau über diese vielzitierte Meinungsfreiheit sind wir ziemlich froh. Ohne sie gäbe es zwar einerseits keine fragwürdigen Interviews von Didi Mateschitz, viel zu lange Facebook-Postings von Austro-Felix oder YouTube-Kanäle wie den von Michael Sellner.

Aber es gäbe andererseits auch keine Videos wie die von Jan Böhmermann, in denen er zeigt, was passieren kann, wenn reiche Männer Medien gründen, bei denen dessen eigene Meinung dann doch nicht ganz außen vor gelassen wird – zumindest im Fall von ServusTV. Aber wir in Österreich sind sowas ja gewohnt, immerhin haben wir auch andere reiche Medien-"Lieberhaber" und Zeitungs-Wohltäter; man denke nur an den sprachgewandten, geistig gelenkigen und politikversierten Herausgeber von Österreich, Wolfgang Fellner.

Wenn Böhmermanns Red-Bull-Beitrag im Neo Magazin Royale eines tut, dann aufzeigen, wie große Männer mit Geld andere Männer mit Geld groß zu machen versuchen – auch und vor allem Männer, die sonst sehr schnell sehr klein aussehen würden. Nicht nur, wenn sie knapp 40 Kilometer von der Erde entfernt sind.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.