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Marihuana könnte Menschen mit HIV ein besseres Leben ermöglichen

US-Forscher haben die Vermutung, dass Cannabis Entzündungen hemmen und die Konzentration des HI-Virus verringern kann. Eine neue Studie soll Aufschluss geben.

Steven Blum

Steven Blum

Illustration: Lia Kantrowitz

"Cannabis als Medizin ist mit Sicherheit kein Wundermittel", sagt die deutsche Drogenbeauftragte Marlene Mortler, "aber jeder soll das Recht haben, dass es bezahlt wird, wenn es hilft." Und das von einer CSU-Frau, die ansonsten in Cannabis eine große Gefahr für die Bundesrepublik sieht und dafür schon mal mit fragwürdige Quellen argumentiert. Seit 2017 ist Cannabis in Deutschland als Medizin freigegeben und immer mehr Patienten wollen sich mit Gras behandeln lassen.

Aber ab wann darf man etwas eigentlich als "Wundermittel" bezeichnen? Wenn es in der Natur wächst und gegen HIV hilft? Dann wäre Cannabis zumindest ein ernstzunehmender Anwärter auf die Bezeichnung. Die uralte Nutzpflanze gilt inzwischen bei vielen Gesundheitsproblemen als Hoffnungsträger: Sucht, Posttraumatische Belastungsstörung, chronische Schmerzen, neurologische Krankheiten und viele mehr. Und jetzt eben vielleicht auch HIV: Die Wirkstoffe im Cannabis können womöglich den HI-Virus davon abhalten, in Zellen vorzudringen, chronische Entzündung mildern und neurokognitiven Störungen vorbeugen, die HIV verursachen kann.

Auch in den USA gibt es immer mehr Unterstützer von Cannabis als Medizin. Robert L. Cook ist Professor für Epidemiologie an der University of Florida. Vor Kurzem hat er angekündigt, dass er eine Studie mit 400 Teilnehmern durchführen wird, um die Auswirkungen von Marihuana auf HIV-Infizierte zu untersuchen. Das Projekt soll fünf Jahre dauern, 3,2 Millionen Dollar kosten und das größte seiner Art werden. Cook will nicht nur die Wirkung von Cannabis auf die Gehirne der HIV-Patienten dokumentieren, sondern auch herausfinden, ob es dabei hilft, das Virus zu unterdrücken. Außerdem wird Cook darauf achten, welche Marihuana-Sorten die Patienten konsumieren und wie viel THC und andere Cannabinoide in ihren Dosen enthalten sind – laut Cook etwas, das anderen Forschern bisher noch nicht gelungen ist.

Wir haben mit Cook darüber gesprochen, warum Cannabis Menschen mit HIV zu einem besseren Leben verhelfen kann und warum Florida ein perfekter Ort für Grasforschung ist.


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VICE: Woher kommt Ihr Interesse an den Auswirkungen von Marihuana auf Menschen mit HIV?
Robert L. Cook: Ich bin auch Hausarzt und sehe ständig Patienten, die HIV haben. Ich wollte herausfinden, welche Art von Marihuana ich ihnen empfehlen sollte – und auch, ob meine Patienten es am besten inhalieren oder essen sollten. Es gab keine Daten darüber, ob eine bestimmte Cannabis-Sorte besonders geeignet für HIV-Patienten ist, also habe ich diese Studie geplant.

In der Studie können wir tägliche Konsumenten mit solchen vergleichen, die es nur gelegentlich nehmen. Wir werden toxikologische Urintests machen, um festzustellen, was das Marihuana enthält. Die meisten kaufen sich ein paarmal im Monat einen kleinen Vorrat und wissen wohl kaum, was sie da eigentlich bekommen.

Ideal wäre, wenn wir am Ende der Studie sagen können, gegen welche Symptome oder Beschwerden die Patienten es am ehesten einsetzen, wie etwa Schmerzen oder Stress. Wir hoffen insgesamt, hier Muster festzustellen.

Gleichzeitig wollen Sie auch untersuchen, wie sich THC auf den Virus und seine Symptome auswirkt?
Ich habe sehr interessante Daten dazu gesehen. Man hat die Konzentration des Virus im Blut von Patienten gemessen, bevor ihnen antiretrovirale Mittel verabreicht wurden. Die Studie zeigte, dass Patienten, die Marihuana konsumierten, eine geringere Konzentration des Virus im Blut hatten. Das ist natürlich sehr positiv. Aber ich habe bisher keine klinische Studie dazu gesehen, wie sich THC direkt auf den Virus auswirkt. Es gibt bisher auch kaum Informationen darüber, wie sich entweder nur THC oder eine Kombination aus THC und CBD auf Menschen mit HIV auswirkt.

Wir werden außerdem die Auswirkungen von Marihuana auf Entzündungen untersuchen, und zwar unter viel genauer kontrollierten Bedingungen als bisherige Studien.

Außerdem wollen wir festzuhalten, inwiefern diese Patienten sich an ihre Medikamente halten. Möglicherweise hat Marihuana auch einen Einfluss auf den Verlauf einer HIV-Infektion, weil es das Verhalten der Patienten beeinflusst. Das Klischee bei Marihuana ist ja, dass Menschen davon weniger motiviert werden – sie sitzen auf dem Sofa, schauen fern und werden nachlässig mit ihren Medikamenten. Ich glaube nicht unbedingt, dass das stimmt, aber wir werden uns das ansehen.

Können Sie ein wenig genauer erklären, wie sich der Cannabis-Wirkstoff THC auf der Zellebene auswirkt?
THC knüpft hauptsächlich an CB1-Rezeptoren an – das sind Cannabinoid-Rezeptoren, die auf den gesamten Körper verteilt sind. Davon fühlen sich Menschen dann high oder anderweitig beeinflusst; unter anderem beeinträchtigt es das Kurzzeitgedächtnis. Die CB1-Rezeptoren sind nicht nur im Gehirn, sondern auch in vielen Immunzellen. Marihuana enthält 100 verschiedene Cannabinoide, und diejenigen, die diesen Rezeptor ansteuern, scheinen Entzündungen zu unterdrücken. Die Pharma-Industrie hat vor, synthetische Analoge für THC und CBD herzustellen, um diese Rezeptoren anzusteuern.

Aber ich habe bisher kaum Forschung gesehen, in der die klinische Wirkung von THC und CBD untersucht wird. Ich denke, THC an den CB1-Rezeptoren wird wohl eher für das High-Gefühl verantwortlich sein, während CB2-Rezeptoren für die entzündungshemmende Wirkung zuständig sind. Aber das gibt mir immer noch keine Gewissheit darüber, wie Schmerzlinderung bei Cannabis verläuft. Fühlen sich die Menschen besser, weil sie wirklich weniger Schmerzen haben, oder nur weil sie high sind?

Antiretrovirale Medikamente können die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden, aber Stoffe, die in Cannabis enthalten sind, eben schon. Das gibt sicherlich auch vielen Hoffnung für die entzündungshemmende Wirkung?
Ja, das ist sehr spannend. Wir können den Virus zwar mit Medikamenten kontrollieren, aber Menschen mit HIV altern trotzdem etwas schneller. Sie bekommen trotzdem vier bis fünf Jahre früher Herzkrankheiten, und viele sehen chronische Entzündung als die Ursache. Ein Produkt, das die Entzündung in den Griff bringt, könnte diesen Menschen helfen, länger und glücklicher zu leben.

Warum ist ausgerechnet Florida ein so geeigneter Ort für Ihre Forschung?
In den USA lebt jeder zehnte Mensch mit HIV in Florida. In diesem Bundesstaat gibt es die höchste Infektionsrate. In Florida leben auch mehr ältere Menschen. Viele, die zum ersten Mal Marihuana nehmen, sind über 50.

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