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Rolli-Fahrer müssen draußen bleiben: Die deutsche Core-Szene hat ein Inklusions-Problem

Videos von crowdsurfenden Rollstuhlfahrern sehen vielleicht gut aus – verstecken aber ein Alltagsproblem für Menschen mit Behinderung.

von Susanne Siegert
03 November 2017, 11:32am

imago | Becker & Bredel

"Was ist es denn für ein Rolli? Eher was Sportliches oder gar ein E-Rolli? Wir müssen nur wissen, ob er im Rolli mit unserer Hilfe auf ein Podest gehoben werden kann oder ob es halt ein super schwerer ist, der nicht gehoben werden kann."

Kleine Rätselfrage: Wie passt diese Aussage einer deutschen – nach eigenen Angaben barrierefreien – Konzertlocation zur Definition von "Barrierefreiheit"? Die Antwort: gar nicht. Denn das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz definiert in Paragraph 4 den Begriff folgendermaßen:

"Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen (...), wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind."

Nils, 28, und schon fast sein ganzes Leben lang im Rollstuhl (ausgelöst durch Sauerstoffmangel und eine Hirnblutung bei seiner Geburt), bestätigt den Eindruck, den ich nach einer Reihe von Test-Anfragen an deutsche Konzert-Locations gewonnen habe: Der Begriff "barrierefrei" scheint seeehr dehnbar zu sein. Zwar schreiben viele, dass sie öfter Rollstuhlfahrer als Gäste hätten und es kein Problem sei, den Saal über Rampen zu erreichen, doch hört "Barrierefreiheit" da für viele Veranstalter schon auf. Und damit vergessen sie u.a. behindertengerechte Parkmöglichkeiten, geräumige Toiletten und Podestplätze, die eine halbwegs freie Sicht bieten, ohne dabei von anderen angerempelt zu werden – von Maßnahmen für blinde oder sogar taube Menschen ganz zu schweigen. Vor allem Podestplätze sind ein absolutes K.o.-Kriterium für viele Rollstuhlfahrer wie Nils: "Eine Location, die keinen abgetrennten Rollstuhlbereich hat oder eine Erhebung, damit Rollstuhlfahrer besser sehen können, ist für mich nicht behindertengerecht." Bilder und Videos von Menschen, die auf ihren Rollis in der Menge crowdsurfen, würden das Problem nur "romantisieren".

Eigentlich beginnt die Mission für Locations, die sich "Barrierefreiheit" auf die Fahnen geschrieben haben, sogar noch früher: nämlich dann, wenn es darum geht, auf Websites darüber zu informieren, ob es Rampen, Podeste und Co. gibt. Für deutsche Veranstaltungsstätten liegen zwar (noch) keine offiziellen Zahlen vor, doch die britische Organisation "Attitude Is Everything", die durch Partnerschaften in der Musikindustrie Live-Shows für Menschen mit Behinderungen zugänglicher machen möchte, fand in ihrer letzten Untersuchung (2016) heraus, dass unter 386 Websites von Venues und Festivals gerade mal ein FÜNFTEL "gute" Informationen zum Barrierefrei-Status beinhaltete. 35 Prozent dagegen ließen die Info einfach ganz weg.

Aus diesem Grund geht Nils' erster Handgriff nach einer Konzert-Ankündigung oft zum Telefonhörer: Er ruft beim Ticket-Verkäufer Eventim oder den lokalen Konzertstätten an, um zu erfahren, ob die Show-Location barrierefrei ist. So auch als Breakdown Of Sanity, DER Metalcore-Exportschlager aus der Schweiz, die November-Dates für seine fünf Abschieds-Konzerte in Deutschland verkündete – bevor sich die Band auf unbestimmte Zeit zurückziehen wird. "Ich habe bei den Locations in Stuttgart und in Köln [Anm.: Nils kommt aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz] angerufen und beide Male hieß es, es sei für körperbehinderte Menschen keine Rollitribüne da und ich müsste in der Menge stehen. Das ist per se zwar nicht 'nicht behindertengerecht' aber du weißt sicherlich, wie es bei so einem Konzert abgeht. Daher wäre mir ein bisschen unwohl dabei, mich in die Menge zu stellen..."


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Einfach in die Menge stellen, auf die Bühne oder auf ein kleines Podest: Diese drei Möglichkeiten haben Konzertbesucher mit Behinderung im Leipziger Conne Island. 2014 gewann die Location mit dem Konzept der damaligen Geschäftsführerin Franka sogar den "Barrierefreiheitspreis" des Landesverbandes Soziokultur. Darin enthalten war vor allem der Plan für eine Rampe, die Rollstuhlfahrern den seitlichen Zugang zum Konzertsaal und somit zu einem kleinen Podest ermöglichen soll. Doch damit ist das Barrierefreiheits-Potential auch schon ausgeschöpft: "Wir haben mit einem Architekten des Behindertenverbandes schon mehrmals Begehungen gemacht – aber es gibt hier keine weiteren Möglichkeiten. Weder haben wir Platz für eine barrierefreie Toilette, noch gibt es die Möglichkeit, drinnen noch eine Rampe zu bauen, damit man direkt aus dem Saal auf das Podest hochkommt. Das geben die Räumlichkeiten leider nicht her."

Mit diesem Problem müssen sich viele Szene-Locations auseinandersetzen: Sie liegen in alten Gebäuden (das Conne Island wurde zum Beispiel schon Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und war früher mal ein Tanzsaal) und die lassen sich nur bis zu einem bestimmten Grad behindertengerecht umbauen. Für das Conne Island heißt das: Rollstuhlfahrer können das Konzert weiterhin entweder direkt von der Bühne aus anschauen (Nachteil: "Du bist dort halt ausgeschlossen vom Konzertgeschehen") oder sich über die erwähnte Rampe auf ein kleines Podest schieben lassen (Nachteil: "Du wirst dort 'abgestellt' und kommst alleine nicht zum Tresen, da dazwischen eine große Stufe liegt".) Die meisten Rollifahrer entscheiden sich deshalb für Option Nummer drei, fahren "ganz normal" in das ansonsten ebenerdige Conne Island und genießen das – so Franka – "selbstverständlichste Konzerterlebnis". Auch wenn das vielleicht bedeutet, nur Kniekehlen statt Stick To Your Guns und Co. zu betrachten.

Alte Bausubstanz ist aber nicht der einzige Grund für mangelnde Barrierefreiheit in deutschen Core-Venues. Neben den fehlenden finanziellen Mitteln vermutet Franka vor allem: "Ich glaube das größte Problem ist nicht, dass es relativ wenige Gäste gibt, die darauf zurückgreifen [Anm.: Im Conne Island sollen es zwei bis drei regelmäßige Gäste im Rollstuhl sein], sondern dass es in den Crews – sowohl in den Läden als auch in den Bands – keine Aktiven gibt, die eine Behinderung haben, die sie insoweit einschränkt, dass sie Maßnahmen einfordern und das Problem präsent machen würden."

Anstatt Konzerte kleinerer Core-Bands zu besuchen, muss sich Nils deshalb eher auf "mainstreamigere" Acts beschränken, die eben in großen Venues spielen. In seiner "Lieblingslocation", der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart (Kapazität: 15.500 Besucher), gibt es zum Beispiel kostenlose Parkplätze für Menschen mit Behinderung, einen Extra-Eingang über eine Rampe, einen Aufzug zur Garderobe, barrierefreie Sanitäranlagen – und abgetrennte Rolli-Plätze auf den Innenraumtribünen. In den letzten Jahren war er zum Beispiel zweimal bei Rammstein, zweimal bei Korn und einmal bei Limp Bizkit, im Dezember kommen noch In Flames und Five Finger Death Punch dazu. "Ich muss dann einfach hoffen, dass die ein oder andere kleinere Band, die ich gern sehen würde, dort mal als Vorband spielt oder so."

Neben dem "Hoffen" bleibt Nils und auch uns – ob Rollifahrer oder nicht – vor allem eines, um etwas an der fehlenden Inklusion in der deutschen Konzertlandschaft zu ändern: Druck auf Konzertstätten ausüben. Und dabei sieht Conne Island-Franka auch "normale" Besucher in der Pflicht: "So wie es Aufgabe von Männern ist, darauf zu achten, dass sie nicht scheiße zu Frauen sind, ist es Aufgabe von Menschen ohne Behinderung, anderen Leuten, die im Rollstuhl sitzen oder die nicht sehen können, nicht ständig Steine in den Weg zu legen." Und auch Nils versucht, Veranstalter auf das Thema aufmerksam zu machen: "Ich denke, wenn man nichts unternimmt, sollte man sich auch nicht beschweren. Und Deutschland ist nun mal, was das Thema 'behindertengerecht' angeht, nach wie vor ein Dritte-Welt-Land."

Auch Bands könnten – und sollten – für das Thema einstehen: In Großbritannien arbeiten u.a. Enter Shikari direkt mit der bereits erwähnten Organisation "Attitude Is Everything" zusammen,um gemeinsam auf "#MusicWithoutBarriers" ,so der Name der Kampagne, aufmerksam zu machen. Doch vielen Bands wird das Problem – genauso wie vielen Konzertbesucher – gar nicht bewusst sein. Nachdem ich Breakdown Of Sanity in einer Facebook-Nachricht Nils' Lage schildere, äußert sich Gitarrist Oly zum Beispiel folgendermaßen:

"Ehrlich gesagt wurden wir damit bis heute noch so gut wie nie konfrontiert – mit deiner Anfrage vielleicht dreimal in zehn Jahren. Bzw. hat man sich diesbezüglich auch noch nie groß Gedanken gemacht. Ich denke zum einen, weil wir eher selten Menschen im Rollstuhl bei Konzerten sehen, und damit automatisch davon ausgehen, dass es wohl so gut wie keine Rollstuhlfahrer gibt in unserer Fanbase (was augenscheinlich falsch ist). Und andererseits, weil man irgendwie davon ausgeht, dass doch die meisten öffentlichen Gebäude barrierefrei konstruiert oder eingerichtet sein müssten. Das ist ziemlich schade, denn heutzutage sollten auch kulturelle Veranstaltungen entsprechend eingerichtet sein – gerade in Ländern, in denen es sonst für jeden Quatsch eine Regelung, Norm oder Vorschrift gibt!"

AMEN.

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