Sex

Wir haben Dominas angerufen und sie gefragt, was deutsche Leitkultur ist

"Ich arbeite in Bayern. Während ich die Katholiken fessel, erzähl ich denen, was ich von der Kreuzigung halte."

von VICE Staff
02 November 2017, 1:56pm

Collage bestehend aus: Domina: imago | blickwinkel; Smartphone: Wikimedia | Justin14 | CC BY-SA 3.0

Wenn die CSU wie aktuell in den Sondierungsgesprächen für eine schwarz-grün-gelbe Koalition mal wieder eine deutsche Leitkultur herbeijodeln will, ist das so, als wäre Harald Glööckler plötzlich Experte für DDR-Klamotten: ein bisschen unglaubwürdig. Warum sollte ausgerechnet die bayerische Weißwurstpartei mit Großmachtfantasien wissen, wofür ganz Deutschland steht? Pünktlichkeit und Fliesentischromantik oder doch eher Flüchtlingsheimzündeleien? Schwierig.

Der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte am Mittwoch trotzdem, seine Partei wolle sich in den Jamaika-Verhandlungen dafür einsetzen, dass eine deutsche Leitkultur zur Grundlage für Integration werde. Die Leitkultur müsse auf dem Grundgesetz und den deutschen Gesetzen basieren, sagte Scheuer, "aber trotzdem kommt viel mehr dazu". Was genau er damit meint, ließ er offen.

Also überlegten wir uns, wer es stattdessen wissen könnte. "Lass doch mal Dominas fragen", sagte jemand aus der Redaktion, "deutsche Leidkultur und so, hahaha". Zuerst ignorierten wir den infantilen Witz, bis ein anderer Kollege meinte, Domina, das sei doch der deutscheste aller Berufe überhaupt: Menschen, die jeden Tag Zucht und Ordnung in dieses Land bringen, keinen Humor verstehen und nach getaner Arbeit ihr Werkzeug fein säuberlich desinfiziert an der Wand aufreihen.

Lady Violet Black: "Vielleicht ist es typisch deutsch, Dominas zu besuchen?"

Foto: Privat

VICE: Die CSU will eine deutsche Leitkultur einführen. Hast du eine Idee, was das sein könnte?
Violet Black: "Leitkultur" ist ein erfundenes Wort. Wen will man leiten? Wozu? Kulturen entstehen von innen, dazu kann man nicht anleiten, schon gar nicht künstlich und von außen.

Was müsste ich tun, um so deutsch wie dein deutschester Kunde zu sein?
Deutsche sind oft sehr verbohrt und eher Kopfmenschen. Manchmal fällt es ihnen schwer zu kommunizieren, was sie wollen.

Was wollen sie denn, wenn sie zu dir kommen?
Das ist sehr unterschiedlich. Allerdings sind die meisten Kunden Deutsche, vom Businesstypen bis zum Hartz-IV-Empfänger, der sich das Geld nur für den Besuch zusammenspart. Es kommen sehr wenige Leute mit anderen Nationalitäten – kaum welche aus dem arabischen Sprachraum. Vielleicht ist es typisch deutsch, Dominas zu besuchen?

Also doch eher Leid- als Leitkultur?
Ja! Schließlich leiden auch viele meiner Kunden.


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Lady F. (will anonym bleiben)

VICE: Kannst du mir erklären, was deutsche Leitkultur ist?
Lady F.: Keine Ahnung, was soll das sein?

Das sollst du ja mir erklären. Was deutsche Leitkultur für dich bedeutet.
Oh Mann, das ist ja eine tolle Frage. Ich lebe für gar keine Kultur, ich lebe für mich! Beispiel: Ich bin ja in Bayern, da gibt es diese ganzen Feiertage, da halte ich überhaupt nichts von.

Also die christliche Kultur, das ist nicht so dein Ding?
Nein, überhaupt nicht! Das sind alles nur Menschen, die das irgendwo niedergeschrieben haben. ich frag mich jedesmal: Sind diese neuen Testamente per Luftpost gekommen, oder haben dreizehn verschiedene Leute dran rumgekritzelt? Aber der Mensch ist halt ein Rudeltier, der hält sich gerne an den Mob, ne.

Da hast du Recht. Aber nochmal zur Leitkultur: Würdest du sagen, dass du bei deinem Beruf etwas über die Deutschen gelernt hast?
Hmmm… nö? Was soll ich von denen lernen? Im Gegenteil, die müssen sich ja von mir Sachen anhören! Hier in Bayern sind die ja immer Katholiken, und während ich die fessel, erzähl ich denen, was ich von der Kreuzigung halte.

Was denn?
Na ja, ganz einfach: Kennst du Woodstock? Da war ja Peace, Frieden und liebt auch alle untereinander. Nazareth, oder wo der Mann geboren wurde, das war ja damals 'ne Weinstadt. Ich weiß nicht, was man in der Zeit alles gefuttert oder welche Kügelchen man zu sich genommen hat, vielleicht sind die auch nächtelang aufgeblieben – aber der Typ wollte eigentlich nur sagen: Hört doch mal auf mit dem Mist, lasst uns doch alle mal miteinander, liebe deinen Nächsten. Aber da war er eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Und dann wurde er ans Kreuz genagelt. Heute würde man wahrscheinlich was anderes mit dem machen. Außer er kommt zu mir, da kann er auch genagelt werden, haha!

Wie reagieren deine bayerischen Kunden dann?
Ach, die machen schon manchmal große Augen, aber dann verstehen sie es auch.

Domina Pixie Pee Magic

Foto: Privat

VICE: Kannst du kurz erklären, was deutsche Leitkultur ist?
Pixie Pee Magic: Nee. Das ist ein blödes Konzept, und ich dachte, das wär auch schon längst um die Ecke.

Ach ja?
Ich finde es seltsam, wenn man Kultur unter "Leitung" stellen möchte. Und dann auch noch unter deutsche Leitung! Mit der Begriffskombination stimmt doch irgendwas nicht. Da fällt es schwer, drüber nachzudenken, was eigentlich gemeint sein könnte, weil es dermaßen unsympathisch klingt. Als Domina ist man da ja auch automatisch irgendwie draußen.

Warum das denn?
Weil ich als Sexarbeiterin Stigmatisierung ausgesetzt bin. Aktuell zum Beispiel durch die Repression durch das neue Prostituiertenschutzgesetz. Da wird klar, wie wenig Fähigkeit zur Selbstbestimmung Prostituierten, zu denen Dominas ja auch gezählt werden, zugestanden wird. Außerdem beschäftigt man sich als Domina ja per se mit dem "Perversen", und das passt eben nicht so gut mit dem Veranschlagen von Leitkultur zusammen. Das ist in der christlichen Tradition wohl so gereift, dass man sich mit Sex, insbesondere mit Sex für Geld, besser nicht offen beschäftigt – und mit dem sexuell Devianten für Geld schon gar nicht.

OK, das kann ich verstehen.
Wenn die CSU das sexuell Perverse zur Leitkultur erhebt, bin ich natürlich wieder dabei!

Das wird wohl noch eine Weile dauern.
Ja. Und wehe du vergisst, meine Webseite zu verlinken!

Lady Lou

Foto: Privat

VICE: Hallo, ich bin Journalist bei VICE und wüsste gerne, was für dich als Domina deutsche Leitkultur ist.
Lady Lou: In Bezug auf was genau?

Die CSU fordert in den Sondierungsgesprächen, es müsse eine deutsche Leitkultur geben, woran sich alle orientieren können, und ich wüsste gerne, was du darunter verstehst.

Dann würde ich sagen, dass es darum geht, im Einklang mit der Natur und der Umwelt, also auch anderen Menschen, zu sein.

Wenn du von deinen Kunden ausgehst, wie sind die Deutschen so drauf?

Wir tun so, als ob wir ein offenes Volk wären, aber haben wahnsinnige Probleme mit der Akzeptanz gewisser Dinge. Und so was treffe ich natürlich im Studio.

Wen triffst du da?

Na bei mir dürfen die Leute über den Tellerrand schauen, wir brechen Grenzen, die bei anderen in den Köpfen sind. Diese Leute werden in der Außenwelt vielleicht als krank dargestellt, sind es aber gar nicht. Die Zeit bei mir im Studio ist für sie wie ein Kurzurlaub

Aber was heißt das für die Leitkultur, wie müsste die sein?
Auf der einen Seite muss sie geprägt sein von Akzeptanz, natürlich auch gegenüber anderen Kulturen. Wobei andere Kulturen uns auch akzeptieren müssen. Es ist ein Geben und ein Nehmen.

Wie bei dir im Studio?
Genau. Wir sind so viele Menschen, dass wir eine Kette um die ganze Welt bilden könnten. Aber was tun wir? Wir zerfleischen uns, wir machen uns gegenseitig fertig und machen die Natur kaputt. Wir brauchen ein Gleichgewicht, nicht nur auf der sexuellen Ebene. Ich habe Psychologie studiert und mir gewünscht, ich käme in die Schocktherapie, und genau da bin ich jetzt.

Das merkt man.
Das Endziel sollte immer sein, zu seiner goldenen Mitte zu kommen. Aber ich finde, es werden heute nicht mehr diese grundlegenden Werte vermittelt, die ja auch ausschlaggebend für die Gesellschaft und alles weitere sind, wie zum Beispiel Respekt und Grenzen. Das Wichtigste ist Akzeptanz.

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