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10 Fragen an eine Influencerin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Anastasia Rastorguev

Wie viel Geld verdienst du im Monat? Hast du schon mal Follower gekauft? Was photoshoppst du?

Foto: xeniaoverdose

Xenia van der Woodsen sitzt in einem Hamburger Café, bestellt eine Brezel und fotografiert sie nicht. Sie isst sie gleich. Für die fast eine Million Fans, die ihrem Account xeniaoverdose bei Instagram folgen, könnte das ein durchaus bemerkenswerter Vorgang sein. Die 26-jährige Hamburgerin verdient ihr Geld damit, dass sie in Klamotten um die Welt reist, die ihr Marken wie Dior oder Chloé schenken, und Fotos von sich – und eben auch mal von ihrem Essen – auf Instagram hochlädt.

Darüber wie viel Geld Influencer verdienen, machen die meisten von ihnen ein großes Geheimnis. Die New York Times schreibt, dass Influencer mit drei bis sieben Millionen Followern durchschnittlich 64.000 Dollar pro Post verlangen könnten. Vergleicht man die Reichweite einzelner Influencer mit dem, was man zahlen müsste, um so viele Menschen mit gewöhnlicher Werbung zu erreichen, klingt diese Summe realistisch. Je nach Verhandlungsgeschick, Bekanntheit, Interaktionsrate variieren die Preise aber stark.


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Auf Xenia richten sich viele Blicke: hier im Café – eine Gruppe Mädchen tuschelt und schaut immer wieder zu uns rüber –, bei Instagram, aber auch in den Landesmedienanstalten. Sie achten darauf, dass werbliche Posts als Anzeige gekennzeichnet sind. Und weil in den Sozialen Netzwerken oft die Grenzen zwischen privaten Posts und Werbung verwischen, werden Influencer immer wieder wegen Schleichwerbung abgemahnt. Xenia dokumentiert ihr Leben bei Instagram seit drei Jahren. Wir haben Fragen.

VICE: Ist es dir unangenehm, andere damit zu nerven, damit sie Fotos von dir machen?
Xenia van der Woodsen: Ja, das ist echt unangenehm. Normalerweise macht mein Freund die Fotos und er weiß ganz genau, wie ich alles haben möchte. Er achtet vor allem auf das Licht, wie die Haare sitzen, ob die Pose natürlich ausschaut. Neulich war ich mit zwei Freunden in L.A. und wir haben uns vorgenommen, viele Fotos zu machen. Aber die Jungs hatten irgendwann keine Lust mehr. Meine Ansprüche an ein gutes Foto sind inzwischen so hoch, dass ich nicht mehr "einfach so" ein Foto mache, sondern viel Mühe und Überlegung reinstecken muss. Ich versuche, mit meinen Bildern immer ein Gefühl zu vermitteln – zum Beispiel Freiheit, Lebensfreude, Aufregung –, das in ein Bild einzufangen, ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt.

Wie oft isst du kalt, weil du dein Essen erst fotografieren musst?
Ich habe eine Taktik: Ich könnte es niemals aushalten, hungrig ein Foto zu machen, während eine Mahlzeit vor mir liegt. Deswegen bestellen wir immer direkt mehrere Sachen: das Essen, das wir fotografieren, bevor es dann gegessen wird, und Snacks und ein Sandwich für mich, damit ich vorher essen kann und wir in Ruhe die Fotos machen können.

Wie oft bist du in deinem Job einfach nur Kleiderständer?
Wenn ich als Model für Kampagnenshootings gebucht bin, fühlt es sich tatsächlich ein bisschen so an. Es ist ein komisches Gefühl, weil du nicht deine Persönlichkeit und Individualität einbringen kannst, sondern das anziehst und machst, was der Kunde will. Ich bevorzuge es, Bloggerin zu sein, weil ich es gewohnt bin, mein eigenes Ich auszuleben und selbst zu bestimmen, wie ich alles haben möchte.

Wie viel Geld verdienst du im Monat?
Ich verdiene fünfstellig im Monat. Wie viel das für einen einzigen Post ist, kann ich nicht pauschal sagen. Es kommt darauf an, was man für einen Deal aushandelt. Ich mache ungern einmalige Sachen, sondern lieber Kooperationen mit langfristigen Partnern über einen Zeitraum von drei oder sechs Monaten. Das ist viel authentischer, als wenn man viele verschiedene Sachen postet und zur Dauerwerbesendung wird.

Macht es dir nichts aus, dass du mit deinen Posts eine materialistische Weltsicht förderst?
Ja, tatsächlich ist das der große Nachteil bei Instagram. Früher habe ich sehr persönliche und tiefgründige Blogposts geschrieben, über Lebensziele oder Terroranschläge. Jetzt mache ich Insta-Stories und werde auch YouTube mehr nutzen, um dazu überzugehen, über Themen mehr und tiefer zu reden. Ich lese sehr viel und werde Büchertipps geben, um einen Mehrwert zu bieten, der nichts mit Klamotten, Taschen und Schuhen zu tun hat.

Instagram bringt Leute dazu, sich im Vergleich mit Influencern hässlich und langweilig zu fühlen. Fühlst du dich verantwortlich für FOMO (Fear of missing out)?
Überhaupt nicht. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie er Content konsumiert. Ich habe Tage, da schaue ich mir Bilder von anderen an und denke: "Sie ist schön und ich nicht, sie macht das toll und ich mache alles schlecht." Ich habe auch FOMO. Und dann gibt es Tage, da schaue ich mir schöne Bilder an und fühle mich davon inspiriert und bin angespornt, mich zu verbessern. Was man fühlt, hängt von deiner Einstellung ab. Ich bin viel öfter inspiriert, als dass ich mir schlechte Sachen einrede.

Was photoshoppst du?
Meine Knie. Ich finde Knie so ekelhaft. Ich habe ganz faltige Knie und glätte sie immer. Und ich mache meine Haare kontrastreicher und strukturierter. Aber ich verändere nie meine Körperform. Ich achte schon beim Posen darauf, dass ich vorteilhaft aussehe, und weiß, wie ich dafür stehen muss. Es ist zum Beispiel wichtig, die Beine zu strecken und den Rücken gerade zu halten. Und mein Freund sagt mir während der Produktion, wenn mein Bein dick aussieht. Ich zeige mich auch sehr natürlich auf Insta-Stories, damit die Leute wissen, dass ich nicht immer so aussehe wie auf den Insta-Fotos, aber meine Winkel und Posen für gute Bilder kenne. Trotzdem mache ich nie anstrengende Posen, weil man es im Gesicht sieht, wenn es unangenehm ist. Obwohl: Gestern habe ich eine für meine Verhältnisse anstrengende Pose gemacht, ich saß auf dem Bürgersteig und musste meinen Rücken supergerade strecken und die Knie ganz hoch halten.

Muss man für den Job schön sein?
Ich denke, dass definitiv nicht jeder den Job machen kann, und das hat wenig mit Aussehen zu tun. Keiner von uns Bloggern ist superhübsch wie ein richtiges Model – dafür wäre ich zu klein und zu dick. Wenn man zu hübsch ist, ist man nicht mehr nahbar. Das Wichtigste ist, dass sich die Follower mit dir identifizieren können. Aber es ist vorteilhaft, was Außergewöhnliches zu haben, oder eine verrückte Seite. Ich bin tollpatschig und mache mich bei Insta-Stories ständig über mich selbst lustig. Der Job ist schwieriger, als viele denken. Man muss ein gutes Gefühl dafür haben, was auf Bildern gut aussieht, wie man Klamotten stylt, wie man fotografiert und Bilder bearbeitet. Und vor allem muss man bereit sein, das eigene Leben zu teilen.

Hast du schon mal Follower gekauft?
Nein, aber ich sehe es bei vielen anderen. Auf Plattformen wie Socialblade und Iconosquare sieht man genau, wer Follower und Likes kauft. ich verstehe nicht, dass Instagram nicht hinterherkommt, es zu verhindern. Follower zu kaufen, ist Betrug an den Followern und den Kunden, das regt mich so auf und es sollte nicht erlaubt sein. Ich habe für meine astreine Statistik hart gearbeitet und nie Tricks angewendet, um Kommentare und Likes zu pushen, wie es andere machen, die zum Beispiel ihre Follower auffordern, Bilder zu kommentieren, oder Like- und Kommentar-Gruppen organisieren, oder Bots einrichten, die automatisch Bilder anderer liken und kommentieren, um zurückgelikt zu werden.

Wie viel Geld investierst du in dein Aussehen?
Ich habe sehr viel Glück mit meiner Haut. Ich investiere tatsächlich viel in meine Haare, ich lasse da nur meine Friseurin in L.A. ran. Sie ist wahnsinnig teuer. Ich habe in eine durchsichtige Zahnspange investiert, die man nachts tragen kann. Meine Zähne sind seitdem so viel besser geworden. Zähne sind was Wichtiges, wenn man oft vor der Kamera steht. Aber sonst mache ich nicht viel.

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