Ein Liebesbrief an ...

Ein Liebesbrief von Yassin an die Arbeit

"Du wurdest übergriffig, mischtest dich in Freundschaften ein, stelltest dich zwischen meine Engsten und mich." – Yassin mit einem bittersüßen Brief ans Arbeiten.

von Yassin
23 Januar 2019, 12:14pm

Foto: V.Raeter

Zugegeben, wir waren auch erstmal verwirrt, dass Yassin einen Liebesbrief an die Arbeit schreiben will. Ausgerechnet an die Sache, die uns tagtäglich wertvolle Lebenszeit klaut und öfters das Lächeln aus dem Gesicht wischt? Dann haben wir den Brief des Berliner Rappers gelesen und verstanden, warum diese Liebeserklärung so wichtig ist.

Wie Yassin auf seinem fantastischen Album Ypsilon beweist, das Mitte Januar erschien, kann er vor allem eine Sorte Texte verdammt gut schreiben. Nämlich jene, die sich mit jeder Zeile immer tiefer in die eigenen Gedanken schleichen, bis man verwundert feststellt, dass man gar nicht mehr liest oder zuhört. Stattdessen war man viel zu sehr mit den Eindringlingen beschäftigt, die einen immer intensiver zum Nachdenken gezwungen haben. Also nochmal von vorne, immer und immer wieder.

Lest also hier Yassins Liebesbrief an die Arbeit, aber macht euch darauf gefasst, gedanklich ein bisschen in die Selbstreflexion abzuschweifen:

Ich war ungefähr 14, als wir uns richtig kennenlernten. Natürlich hatte ich schon von dir gehört. Aber nur die Großen hatten mit dir zu tun. Du warst ein Phantom, dessen Name ständig fiel, das man aber nie zu Gesicht bekam. Du warst der Grund, warum Papa nur so wenig zuhause sein konnte und warum die Kinder aus dem Stockwerk über uns ihren gar nicht mehr sahen.

Dass wir uns nun persönlich kannten, fiel mir erst auf, als es kompliziert wurde. Anfangs war das ein Spiel: Ich hatte mir am Computer etwas beigebracht, wofür andere bereit waren, Geld zu zahlen. Nicht an mich, aber das war in dem Alter auch nicht so wichtig. Stattdessen bekam ich Anerkennung, Respekt und Lob. Ich wurde behandelt wie ein Erwachsener. Allerdings auch von dir.

Plötzlich verbrachten wir Abende und Nächte miteinander, du holtest mich von der Schule ab, wenn es sein musste täglich. Du gabst mir Pflichten und Verantwortung, auch mal mehr als mir lieb war. Es war nicht so, als hätten wir uns auf Anhieb verstanden, aber ich spürte, dass du meine Eltern unter Druck setzen konntest und ich ihnen helfen konnte, wenn ich Zeit mit dir verbrachte.


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Und je mehr Zeit ich mit dir verbrachte, desto mehr verstand ich, wie du tickst. Seitdem habe ich das Gefühl, abhängig von dir zu sein. Nicht nur finanziell – da bin ich schließlich nicht der Einzige –, nein, auch emotional. Viele Freunde kamen und gingen, so wie Frauen, Drogen, Partys und Hobbys, aber du bliebst. Du warst nicht nur mein Financier, du warst mein zuverlässiger Vertrauter, der immer da war, wenn alle anderen keine Zeit für mich hatten. Oder hatte ich keine für sie?

Als ich erwachsen wurde und mich das Gefühl überkam, dass du mich von Größerem abhalten könntest, floh ich vor dir in eine andere Stadt. Einige Monate ließt du mich in Ruhe, während ich in dem Glauben lebte, es ginge auch ohne dich. Aber wie aus Rache bewiest du mir das Gegenteil.

Du wurdest übergriffig, mischtest dich in Freundschaften ein, stelltest dich zwischen meine Engsten und mich. Was sich vorher anfühlte wie eine Abhängigkeit wuchs zu einer Sucht. Plötzlich standest du an erster Stelle und gabst mir dafür weniger denn je. Unsere gemeinsame Zeit wurde anstrengender, ließ mich Prinzipien und oft auch meine Manieren vergessen. Die Kreise, in die du mich einludest, waren geblendet von dir.

Du hattest es geschafft, intelligente, erwachsene Menschen unter einem Banner zu vereinen, das die Botschaft irgendwelcher Fremder trug. Du als Erlöser, wenn wir nur genau das taten, was du verlangst.

Mein nächster Versuch, mich von dir zu lösen, ist noch nicht lange her. Auch er scheiterte. Dieses Mal nahmst du mir das Einzige, was ich all die Jahre vor dir schützen konnte. Meine einzige Leidenschaft, die ich länger kannte als dich. Jetzt macht ihr gemeinsame Sache, selten erwische ich einen von euch beiden allein. Vielleicht seid ihr schon ein und dieselbe. Wenn ich mit Freunden über euch rede, können sie mir oft nicht folgen, meine Eltern verstehen nicht, was wir da tun.

Doch ich habe mich damit abgefunden. Solange es dich gibt, werden wir ein merkwürdiges, angespanntes Verhältnis zueinander haben, davon bin ich überzeugt. Ich versuche, dir alles zu geben, was ich kann, nur um mir keine Vorwürfe machen zu müssen.

Ich kann dich nicht mit anderen teilen und du mich scheinbar auch nicht. Wenn wir mehr als 24 Stunden nicht voneinander hören, bekomme ich das Gefühl, wertlos zu sein. Du bist das erste, woran ich denke, nachdem ich aufstehe und das letzte, bevor ich schlafen gehe. Du kannst meine Haare ausfallen lassen und ich opfere dir noch mehr Zeit. Du kannst meine Beziehung bedrohen und ich schreibe dir heimlich auf der Toilette. Wenn du mich hungern lässt, mache ich alles für dich. Wenn du mich beschenkst, stelle ich dich auf ein Podest und verneige mich vor dir. Wenn alle gehen, bist du da. Wenn alles scheiße ist, dann oft wegen dir. Und trotzdem liebe ich dich und werde dir treu bleiben, bis ich nur noch Brei zu mir nehmen kann. Da bin ich mir sicher.

Für immer dein
Yassin

Yassin auf Tour

26.03. München, Strom
27.03. Stuttgart, Schräglage
28.03. Frankfurt/Main, Zoom
29.03. Berlin, Musik & Frieden
30.03. Leipzig, Naumanns
31.03. Hamburg, Prinzenbar

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