Sex

Ich will kein Masochist mehr sein

Mein Fetisch hat meine Beziehungen zerstört – und fast auch mich.

von James Greig; illustrationen von Ella Strickland de Souza
02 April 2019, 2:39pm

Illustration: Ella Strickland de Souza

Solange ich denken kann, bin ich Masochist. Mit sechs Jahren guckte ich einen Film im Kinderprogramm, in dem ein nerdiger, schwächlicher Junge von älteren drangsaliert wurde. Die Aufregung, die ich dabei in mir spürte, kann ich nur als erstes Aufflackern meines Fetischs beschreiben.

Mein richtiges sexuelles Erwachen erlebte ich, als andere Jungs mich für mein Schwulsein schikanierten. Wie fast immer in solchen Fällen waren es die beliebten Jungs, die schönsten, die arrogantesten und die prolligsten, die mich fertigmachten. Die ersten Typen, auf die ich stand, waren die, die mich mit Verachtung und Schlägen straften. Gewalt und Verlangen wurden eins. Mein ganzes Leben bin ich Masochist gewesen, aber jetzt will ich es zum ersten Mal nicht mehr sein.

Vergangenes Jahr war ich mit einem Mann zusammen, Thomas. Fast sofort verfiel er in die Gewohnheit, mir Anweisungen zu geben – und ich in die Gewohnheit, seinen Anweisungen zu folgen. Ständig entschuldigte ich mich, bat um seine Erlaubnis. Es war ein bisschen versaut und vor allem entspannt, bis mich Thomas eines Abends nach der Arbeit zu sich einlud.


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Als ich ankam, machte er gerade einen griechischen Salat. Während er die Gurken schnippelte, umarmte ich ihn von hinten und küsste seinen Nacken. Nach dem Essen machten wir es uns auf dem Sofa bequem. Ich legte meinen Kopf in seinen Schoß, schaute zu ihm auf und sagte ihm, wie sehr ich alles genossen hatte, was er bei unserem letzten Treffen mit mir angestellt hatte. Er schaute schmunzelnd zu mir runter und, ohne etwas zu sagen, schlug er mir mit der flachen Hand fest aufs Ohr. Es tat weh, sehr weh. Ein statisches Fiepen erklang in meinem Ohr, aber ich sagte nichts. Hatte ich ihm doch gerade erst zu verstehen gegeben, dass er alles mit mir anstellen könne. Kurz darauf schlug er mich wieder auf die gleiche Stelle. Das Fiepen wurde lauter. Während ich gegen den Schmerz anzulächeln versuchte, ging er mit den Händen durch meine Haare und zog fest an einer grauen Stelle.

"Du hast so viel graue Haare", sagte Thomas. "Du bist so alt." Trotz des Lächelns, das mir immer noch wie festgefroren im Gesicht stand, fühlte ich mich auf eine Art erniedrigt, die mir überhaupt keinen Spaß mehr machte. Ich war richtig sauer. Meine Unterwerfung war nie bedingungslos gewesen und konnte zu jedem Zeitpunkt wieder entzogen werden. Das wollte ich ihm jetzt zeigen. Mit wem zur Hölle glaubte er eigentlich zu reden? Ich stellte mich hin, schlüpfte hastig in meine Schuhe und watschelte, die Fersen noch rausstehend, zur Tür.

Ich hatte den Knauf schon in der Hand, als Thomas sagte: "Warte …" Ich drehte mich um. Er hielt meine Tasche in der Hand, hielt sie mir hin und schaute mich verwirrt-verletzt an. Ich schnappte meine Sachen.

"Wo gehst du hin?", fragte er.

"Auf solches Zeug stehe ich nicht", entgegnete ich und knallte die Tür hinter mir zu.

Im Bus nach Hause glaubte ich, einen endgültigen Schlussstrich gezogen zu haben. Ich würde Thomas nie wiedersehen oder zulassen, jemals wieder so behandelt zu werden. Das hielt etwa bis zum nächsten Tag. Dann schrieb ich ihm eine Nachricht, in der ich mich für mein Verhalten entschuldigte. Ob wir nicht ins Kino gehen wollen?

Thomas erinnert sich übrigens anders an den Abend. Er besteht darauf, dass ich ihn darum gebeten hätte, mich zu schlagen. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber komplett ausschließen will ich es nicht. Ich war betrunken, Thomas war nüchtern. Ich will ihn auch gar nicht als Täter darstellen. Egal, ob ich ihn explizit darum gebeten habe oder nicht: Er hat mich geschlagen, weil ich ihm gesagt habe, dass ich solche Sachen mag. Bei unserer letzten Begegnung davor hatte ich ihm explizit die Erlaubnis dazu gegeben. Wie sollte er jetzt also wissen, dass meine Zustimmung nicht mehr galt? Es muss irritierend sein, wenn dir jemand sagt, dass du alles mit ihm machen kannst, und der dann wutentbrannt abhaut, sobald du einmal von der dir verliehenen Macht Gebrauch machst.

Ich kenne eine Reihe schwuler Männer und Frauen, die mit Männern schlafen, die mir von ähnlichen Erfahrungen berichtet haben. Weil ich mich mit den Dynamiken in heterosexuellen Beziehungen weniger auskenne, habe ich mit Sarah gesprochen, einer feministischen Akademikerin aus Glasgow, die die Normalisierung von gewalttätigem Sex kritisiert.

Ich selbst hatte vermutet, dass schwule Männer und heterosexuelle Frauen durch groben Sex ihre eigene Unterdrückung fetischisieren. Sarah stimmt mir zu. "Ich glaube, es geht vor allem um die Fetischisierung männlicher Dominanz. Bei brutalem Hetero-Sex, bei dem Männer in der dominanten Rolle sind, hat das nichts Subversives. Wenn sie Frauen erniedrigen, spielen Männer nur eine extrem zugespitzte Version der Position, die sie tatsächlich innehaben."

Aber warum gefällt so vielen Menschen harter Sex? Eine generelle Aussage dazu lässt sich laut Sarah nicht machen. Sie wolle auch niemandem vorwerfen, Unterdrückungserfahrungen zu internalisieren. "Wir müssen uns unbedingt vor moralischer Sexfeindlichkeit hüten. Brutaler Sex ist nicht problematisch, weil er irgendwie unanständig ist. Er ist problematisch, weil er schädlich ist", sagt sie. Es könne zahlreiche Gründe geben, die Menschen beeinflussen, sich darauf einzulassen. Die Entscheidung entsteht nicht immer aus freiem Willen. Und es muss nicht der Partner sein, der einen dazu überredet. Gesellschaftliche Erwartungen können auch eine Rolle spielen.

Es kann Spaß machen, auf Befehl jemandem einen zu blasen. Weniger Spaß macht es, auf Befehl Kippen kaufen zu gehen, weil es draußen regnet und die Person selbst zu faul ist.

Aber was genau ist schädlich an grobem Sex? "Er kann Missbrauchskreisläufe erhalten", sagt Sarah. Was im Schlafzimmer geschieht, kann sich auf den Alltag übertragen. Es kann deine Wahrnehmung verzerren und inakzeptables Verhalten deines Partners akzeptabel erscheinen lassen. "Wenn Sex ausschließlich in einem Vakuum in einer fernen Utopie stattfinden würde, wäre das kein Problem, aber das tut er nicht und wird er niemals."

Obwohl ich ein Mann bin, und die Machtdynamiken in schwulen Beziehungen etwas anders sind, deckt sich das mit meinen eigenen Erfahrungen. Wenn du eine Dynamik der Gewalt und Unterwerfung erschaffst, lässt sich diese nur schwer im Schlafzimmer einschließen. Mit der Zeit sickert sie raus. Es kann Spaß machen, auf Befehl jemandem einen zu blasen. Weniger Spaß macht es, auf Befehl Kippen kaufen zu gehen, weil es draußen regnet und die Person selbst zu faul ist.

Thomas begann eine neue Beziehung und wir machten den furchtbaren Fehler, weiter Freunde zu bleiben. Eines Abends gerieten wir in einer Bar in eine Diskussion über die Privatuni, die er besuchte. Ich machte mich so laut über seinen Standpunkt lustig, dass die Leute um uns herum alles hören konnten. Ich gestikulierte wild mit den Armen, brüllte irgendwas von vererbten Privilegien und fühlte mich generell in Bestform. Gleichzeitig war da allerdings auch das Gefühl, dass ich das alles nur tat, um eine Reaktion zu kriegen. Ich wollte ihn provozieren und er durchschaute das. Ich wollte, dass er mich am Hals packt und mir sagt, ich solle endlich die Schnauze halten. Ich wäre sofort ruhig gewesen. Ich hätte mich entschuldigt. Ich hätte ihm kleinlaut zugestimmt. Irgendwann bat er mich darum, endlich das Thema zu wechseln, worauf ich sagte: "Und wenn ich mich weigere?" Er erhob seine Hand und ließ sie sofort wieder fallen. "Nichts", sagte er.

Es gibt einen alten Witz, der geht so: "Schlag mich", sagt der Masochist. "Nein", antwortet der Sadist.

Schließlich schenkte er mir die ultimative Zurückweisung und ich musste alleine weitertrinken. Hatte ich das so gewollt? Was stimmte nicht mit mir? Es hilft wahrscheinlich nicht besonders, romantische Gefühle für jemanden zu entwickeln, wenn du die Person beim ersten Sex schlägst und beleidigst. Ich hatte das Gefühl, dass er mich dominieren wollte, mich aber gleichzeitig dafür verabscheute, weil ich ihn ließ – vielleicht sogar, weil ich es zu sehr genoss. Machte ich es durch meine Unterwürfigkeit unmöglich für andere, mich zu respektieren?

Nichts war weniger erotisch, als mit etwas Anstand behandelt zu werden.

Aus sexuellem wurde zunehmend emotionaler Masochismus. Ich fühlte mich zu Kälte hingezogen: Männer, die mir tagelang nicht auf Nachrichten antworteten; Männer, die mich dazu brachten, mich zu entschuldigen. Da war der eine, der zu mir sagte, er wolle nicht als dumm bloßgestellt werden, als ich mir einen harmlosen Spaß mit ihm erlaubte. Da war der andere, der mir sagte, er habe mich wahrscheinlich mit Tripper angesteckt, und der mich dann eine Woche lang ignorierte. Als er sich dann wieder bei mir meldete, schwärmte er von seinem neuen Typen und lud mich ein, seinem Lesekreis beizutreten. Ich lehnte ab. Ich fühlte mich zu diesen Männern nicht hingezogen, obwohl sie mich so furchtbar behandelten, sondern weil sie es taten. Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen oder Begeisterung andererseits waren für mich "Betteleien". Nichts war weniger erotisch, als mit etwas Anstand behandelt zu werden.

Ich war auch davor schon in Missbrauchsbeziehungen gewesen und ich brauche wohl nicht extra sagen, dass das weder sexy noch spaßig war. Es war vor allem anstrengend. Das ständige Drama, die Gewalt und die Drohungen. Das Letzte, was ich wollte, war diese Erfahrung zu wiederholen, aber immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich ungesunde Machtdynamiken romantisierte. Warnsignale waren mein größter Fetisch. In Anbetracht meiner persönlichen Geschichte war das der reinste Wahnsinn. Ich hätte mich sofort Hals über Kopf in die nächste ungesunde Beziehung mit jeder meiner Affären des vergangenen Jahres gestürzt. Das einzige, was mich davon abhielt, war, dass keiner von ihnen eine Beziehung mit mir wollte.

Aber nicht nur mein eigenes seelisches Wohl stand auf dem Spiel, sondern auch das der anderen. Macht verläuft beim Sex selten an einer klaren Grenze. Du kannst unterwürfig sein und gleichzeitig das Sagen haben. Am Ende ist "Schlag mich!" immer noch eine Anweisung. Und der Sex, der mir gefällt, lässt sich im Grunde auf folgende Formel runterbrechen: "Zwing mich dazu, Dinge zu tun, die ich extrem befriedigend finde." Daran ist im Grunde nichts falsch. Ich will damit nur zeigen, dass Unterwürfige auf ihre Weise ein Dominanzverhalten an den Tag legen können.

Aber ich habe mich dazu entschieden, mit dieser Form von Sex aufzuhören – jedenfalls vorübergehend. Er schadete meinen Beziehungen. Ich fühlte mich schlechter mit mir selbst und schadete vielleicht auch anderen Menschen. Ich will die Vorstellung überwinden, dass sexuelle Kompatibilität das Maß aller Dinge ist. Ein Freund versicherte mir, dass "Verlangen überraschend formbar ist". Und auch wenn ich anfangs skeptisch war, sehe ich langsam, dass da etwas dran sein könnte. Ich habe in der Zwischenzeit etwas mit einigen Typen gehabt, die überhaupt nicht dominant oder brutal waren. Es war schön zu entdecken, dass Sex aufregend sein kann, ohne erniedrigend zu sein. Manchmal muss ich mir allerdings Mühe geben, es nicht zu langweilig zu finden.

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