Forschung

Stoßwellentherapie soll das neue Wundermittel gegen Erektionsstörungen sein

LIST („Low-intensity shock wave therapy“) ist die neueste Entwicklung im männlichen Streben nach zuverlässigen Erektionen. Doch die Schallwellen sollen noch mehr können.
18.1.17
Image by Eldad Carin via Stocksy

Wenn du liest „Stoßwellen sollen Erektionsstörungen beheben", was denkst du da? Vielleicht stellst du dir einen winzigen Defibrillator vor, eigens für schlaffe Penisse. Vielleicht gibt es dazu mikroskopische Paddel, die man zwischen Zeigefinger und Daumen hält und aneinander reibt. „Achtung, Schock!" und schon ist eine Erektion geboren. Oder ein Schockhalsband, ein bisschen wie das, mit denen man Hunde besser unter Kontrolle haben soll, nur eben für Penisse?

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Tatsächlich aber setzt die Stoßwellenbehandlung für Erektionsstörungen, die vor kurzem ausführlich in der Fachzeitschrift European Urology vorgestellt wurde, keinen Strom ein, sondern Vibration. „Low-intensity shock wave therapy", LIST abgekürzt, ist dabei die neueste Entwicklung im uralten Streben des Mannes nach Ständern. Dabei stimulieren Schallwellen die Entstehung neuer Blutgefäße im Penis. „Die Vibrationen führen zu Veränderungen im [Penis]-Gewebe", sagt Dr. Natan Bar-Chama, Leiter der Abteilung für männliche reproduktive Medizin am Mount Sinai Hospital in New York. „Sie führt zur Gefäßneubildung; ein Prozess, der Neovaskularisation genannt wird."

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„Erektionsstörungen haben verschiedene Ursachen", sagt Bar-Chama. „Die Hauptgründe haben etwas mit Veränderungen zu tun, die in den Muskeln und im Gefäßsystem des Penis auftreten. Herzkrankheiten, Diabetes, hohe Cholerestinwerte, Rauchen und Bluthochdruck können alle Ursachen sein." Eine Erektion ist im Grunde ein Wasserballon, der statt Wasser Blut enthält. Blut füllt die Schwellkörper (zwei schwammige Gewebepartien, die an beiden Seiten entlang des Penisschafts verlaufen) und sorgt dafür, dass er sich aufstellt. Wenn die Blutgefäße, die mit den Schwellkörpern verbunden sind, geschädigt oder eingeschränkt sind, kann das Blut die Schwellkörper nicht füllen, sodass der Ballon nur noch halb voll ist. Indem es neue Blutgefäße entstehen lässt, erschafft LIST einen neuen, gesünderen Weg, auf dem das Blut in den Penis gelangen kann.

Aber wie erschaffen Schallwellen Blutgefäße? Im Prinzip handelt es sich dabei um Training für das Gewebe. Wenn wir Sport machen, verursachen wir auch kleine Risse im Muskelgewebe. Die Muskeln verheilen wieder und werden stärker als vorher. Eine Studie von 2014 legt nahe, dass LIST-Stöße Mikrotraumata in den Schwellkörpern auslösen. Das fördert die Entstehung neuer Blutgefäße und verbessert die Durchblutung des Penis. „Hier wird die physiologische Ursache in Angriff genommen, statt nur Symptome zu behandeln", sagt Bar-Chama. „Keine andere Therapie für Erektionsstörungen macht das."

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Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE5i)—das sind Pillen wie Viagra und Cialis—sind noch immer die verbreitetste Behandlungsmethode für Erektionsstörungen. „Die Pillen werden von sehr vielen Patienten verwendet und sind extrem sicher und effektiv", sagt Bar-Chama. „Allerdings hören 40 bis 50 Prozent der Männer auf, die Medikamente einzunehmen, weil sie entweder nicht effektiv genug sind, oder weil sie die Nebenwirkungen nicht in Kauf nehmen wollen." PDE5i sind Vasodilatoren, was bedeutet, dass sie vorübergehend die beschädigten alten Blutgefäße weiten. Allerdings können sie keine neuen, gesunden Äderchen erschaffen. Deswegen könnte LIST effektiver darin sein, „spontane Erektionen" zu ermöglichen, als alles Viagra der Welt. Eine Studie von 2016 deutet auch darauf hin, dass LIST Männern, die PDE5i-Pillen einnehmen, helfen kann, sodass sie sowohl geplante als auch spontane Erektionen kriegen können.

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„Wie die meisten Krankheiten befinden sich Erektionsstörungen auf einem Spektrum, von leicht bis schwer", sagt Bar-Chama. Medikamente seien für leicht bis mittelstarke Erektionsstörungen noch immer die effektivste Lösung, doch die Schallwellentherapie könnte dafür sorgen, dass die Störung niemals schwerer wird.

Stoßwellentherapie hat viele mögliche Verwendungszwecke. Mediziner setzen die Schallwellen zum Beispiel auch ein, um Nierensteine aufzubrechen. „Sie wird auch bei Patienten mit Verbrennungen eingesetzt", sagt Bar-Chama. Die Methode kann also nicht nur Männern Erektionen bescheren, sondern auch Narben besiegen. Klingt nach good vibrations.


Foto: unsplash.com | Pexels | CC0