„Flüchtlingsheim“ in Selbstverwaltung: zu Besuch auf dem Wagenplatz Kanal
Foto: Jo Swarzynska
LGBTQ

„Flüchtlingsheim“ in Selbstverwaltung: zu Besuch auf dem Wagenplatz Kanal

Seit Jahren setzen sich die Aktivisten des „Queer Radical Wagenplatz Kanal“ für queere Refugees ein, nun will die Stadt Berlin auf dem Gelände in Neukölln ein Flüchtlingsheim bauen. Das Ende einer Utopie?
13.4.16

Inmitten von Kleingartenkolonien an der Grenze von Neukölln zu Treptow befindet sich Berlins „Queer Radical Wagenplatz Kanal". Nicht nur Wohnort für Aktivisten, sondern mittlerweile auch ein Verein, der von „queeren, mehrheitlich geflüchteten Menschen, Migrant_innen, Schwarzen Menschen, PoC und Rrom_nja" betrieben wird. Anders als zum Beispiel auf der Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg, die im vergangenen Jahr geräumt und nun neu bebaut werden soll, wohnen die Leute hier offiziell und zahlen Miete an das Land Berlin.

Die Bewohner verstehen den Wagenplatz als kulturelles Zentrum, als Standort für verschiedene Organisationen und Projekte, die sich insbesondere an Geflüchtete richten. „Wir beschäftigen uns nicht nur mit der Thematik queerer Geflüchteter, wir leben sie und zwar seit Jahren!" heißt es in einem politischen Statement des Kanals. Umso überraschender scheint es deshalb, dass genau dieser Platz nun einem Flüchtlingslager weichen soll. Der Bau ist bereits für den Sommer geplant. Das Argument von Berlin: sie brauchen das Land, um 500 Flüchtlinge unterzubringen und können daher keine Rücksicht auf etwa 20 Aktivisten nehmen, die dort in Wohnwagen leben wollen. Die Bewohner kämpfen nun um den Erhalt ihres Projekts und tatsächlich ist der Wagenplatz das einzige bewohnte Grundstück auf einer Liste von Flächen, die für den Bau von Flüchtlingslagern vorgesehen sind. Zeit, sich von der queeren Oase ein Bild zu machen, solange sie noch existiert.

Ich fahre mit dem Fahrrad unter einer Brücke durch und an einer Baustelle vorbei, eine schnurgerade Straße hinunter, links und rechts menschenleere Kleingärten. Ein Kiesweg führt zu einem verschlossenen Tor mit einer blickdichten Plane, auf die in riesigen Lettern die Hausnummer des Wagenplatzes gesprayt ist. Während ich auf Jo, die Fotografin, warte, hoffe ich, dass wir doch noch ein paar der Bewohner fotografieren dürfen. Mein Vorschlag, das individuell mit jeder Person zu besprechen, wurde klar zurückgewiesen. Darüber werde im Vorfeld gemeinsam im Plenum entschieden.

Der Wagenplatz. Foto: Kanal

Als wir uns dem Tor nähern, kommt gerade eine Frau aus dem Gelände und lässt uns hinein. Ich kenne den Wagenplatz nur von Veranstaltungen im Sommer—wie zum Beispiel dem queeren Filmfest „Entzaubert"—, wenn es hier von Menschen wimmelt. Den Platz so ruhig und einsam an diesem kühlen grauen Märztag zu sehen, fühlt sich seltsam an. Ich habe keine Ahnung, wer hier tatsächlich wohnt. Ist das nicht ein bisschen kalt im Winter? Bunte Wagen, die an Zirkuswagen erinnern, stehen zwischen dünnen Birken. Schilder wie „kitchen" weisen auf verschiedene Funktionen der Wagen hin. Eine große Bühnenkonstruktion im Zentrum des Platzes und eine angebaute Veranda strahlen Dauerhaftigkeit aus.

Ein paar Leute versammeln sich um uns und stellen sich vor. Sie wirken jung bis mittleren Alters und sind mehrheitlich Frauen. Wir sprechen Deutsch. „Du schreibst also für VICE?" fragt mich eine, so als wäre das eine sehr zweifelhafte Tätigkeit. Die Gruppe um uns löst sich auf, als vier neue Leute dazustoßen, die mit uns das Interview machen wollen. Mir wird eine Pressemappe in die Hand gedrückt, danach werden wir in einen Gemeinschaftswagen eskortiert. Wir dürfen keine Menschen fotografieren. Die Vorsicht gegenüber Medien kommt nicht von ungefähr. Als „spießig" und widersprüchlich wurden sie bezeichnet, weil sie das Gelände halten wollen. Von einem Kompromiss, bei dem sie über die Hälfte der Fläche abtreten müssten, halten sie nichts.

Wir lassen uns auf zwei alten Sofas nieder, ein Ofen verbreitet angenehme Wärme in dem schmalen Wagen. Ein langes bis fast auf den Boden reichendes Fenster sorgt für Tageslicht. Zusammen mit den hellen Holzwänden macht der Raum einen frisch renovierten Eindruck.

„Alles, was auf diesem Platz zu sehen ist, haben wir selbst gebaut." Mir direkt gegenüber sitzt T., mit der ich mich per Telefon verabredet hatte und die auch am gesprächigsten ist. Sie sammeln oft Sperrmüll, den sie dann reparieren. Sogar das Stromhäuschen hätten sie selbst gebaut, sowie die Kabel verlegt, über die die Wagen mit Strom versorgt werden. Letzten Sommer habe es hier ein „Baucamp" gegeben, das unter anderem diesen Wagen und einen Pizza-Ofen gebaut hat. In der Presse wurde ihnen vorgeworfen, luxuriös zu leben. „Es ist alles viel Arbeit.", wehrt sich K., die rechts neben T. sitzt und sonst nicht viel redet. „Wir müssen unser Holz selber hacken und wir müssen es selber hierher karren, selber mit der Kettensäge zersägen, und das ist Arbeit." Der kleine Wohnwagen mit Holzofen wirkt eher lebensnotwendig als luxuriös.

Besucher eines Konzerts auf dem Neuköllner Areal. Foto: Kanal

T. gibt mir einen kurzen Überblick über die Geschichte des Wagenplatzes, die vor 30 Jahren auf einer Brache an der Spree begann. Das Projekt mit einer ursprünglich gemischten Gruppe hat sich zu einem Frauen-Lesben-Projekt und danach zu einem trans-inklusiven FLT-Projekt entwickelt. Vor sechs Jahren ist der Platz nach langen Verhandlungen mit dem Senat nach Neukölln, an seinen jetzigen Standort, umgezogen. Die aktuelle Gruppe, die hauptsächlich aus „Geflüchteten und Migrantinnen, schwarzen Menschen, POC und Rrom_nja" besteht, hat sich erst vor etwa anderthalb Jahren gebildet. Einige seien von der Cuvry-Brache oder der Gerhart-Hauptmann-Schule gekommen, andere über eine der Organisationen, die den Platz nutzen. Sie hätten verschiedene politische Hintergründe, aber „viele von uns kommen aus der Refugee-Bewegung der letzten vier, fünf Jahre." T. sagt, sie hätten „keinen Bock mehr im Soli-Zimmer zu leben oder irgendwo temporär zu sein." Neben mir sitzt M., die hier seit einem Jahr und ein paar Monaten wohnt. Sie habe vorher mit verschiedenen Gruppen zu tun gehabt, die hier aktiv sind, und sei dann aus Wohnungsmangel hergezogen.

Alle auf dem Platz identifizieren sich als queer, lehnen aber die westlich-akademische Definition ab, die queer meist auf Sexualität reduziere. „Queer zu sein ist für uns mehr, als mit wem ich schlafen will." Es gehe darum, sich gegen verschiedene Formen von Diskriminierung einzusetzen und intersektionelle Ansätze im Kopf zu haben. „Für uns sind Rassismus und Klassismus superwichtige Aspekte, wichtiger als unser Bett." Sie wollten einen Raum schaffen, in dem sich Leute nicht nur wohlfühlen, sondern in dem sie sich auch vernetzen und zusammen kämpfen können.

Für sie ist der Wagenplatz nicht einfach nur ein Ort, an dem sie wohnen. Der Kanal sei stattdessen ein kulturelles und politisches Zentrum geworden, das in vielen Jahren Arbeit im Kiez aufgebaut wurde.

Die Bewohner des Wagenplatzes bieten unter anderem Fahrrad-Workshops für geflüchtete Frauen an. Foto: Jo Swarzynska

M. arbeitet beim Fahrrad-Workshop mit, in dem Fahrräder repariert oder neu zusammengebaut werden, die die Gruppe dann in Flüchtlingsunterkünfte in der Umgebung fährt. Da sie beobachtet haben, dass gespendete Fahrräder meist bei den Männern landen, geben sie die Fahrräder gezielt an Frauen. Außerdem bieten sie Kurse an, in denen geflüchtete Frauen das Fahrradfahren lernen können. Der Platz wird von mehreren Frauenorganisationen genutzt: Women in Exile, die sich seit Jahrzehnten für geflüchtete Frauen einsetzt, International Women Space, eine feministische Gruppe, die eine Etage in der Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt hatte, und Dest Dan, eine Organisation für kurdische Frauen. Im Sommer ist unter anderem ein Musikfestival von und für bpoc mit Diskussionen zum Thema kulturelle Aneignung von Musik geplant. Neben Musik-Workshops und Sportgruppen gibt es auch ein Medienprojekt, in dem Media-Skills wie Fotografieren, Schreiben und Filmen an Leute vermittelt werden, deren Perspektiven sonst wenig Beachtung finden.

Sie seien ein „Kollektiv im echten Sinne: Wir leben zusammen, wir machen alles zusammen, also Wohngruppe und auch Projektgruppe. Die Leute haben ihren Wagen, die leben da drin, aber wir sind Freunde und wir sind auch Genoss_innen." Meine Frage, ob aber dennoch jede ihr eigenes Zimmer, also ihren eigenen Wagen, hat, oder ob sie mal hier mal da schlafen und wohnen, finden sie zu privat.

T. dreht sich eine neue Zigarette und lehnt die Füße gegen den wackligen Stuhl, der als Couchtisch dient. Der Stuhl rutscht ein bisschen und ich mache mir Sorgen um das Aufnahmegerät, das darauf liegt. Alles werde gemeinsam im Plenum entschieden. Und wenn es keinen Konsens gibt? „Dann reden wir solange weiter, bis es einen Konsens gibt." Es gebe damit aber wenig Probleme, da sie einander vertrauten und eine gemeinsame Perspektive hätten.

Jetzt wollen sie auf einmal ganz viele Flüchtlinge hierherbringen. Das ist absurd.

Sie lachen, als ich frage, wie sie sich finanzieren. „Wir gehen zur Arbeit wie alle anderen Menschen auch." T. arbeitet in einer Bar, K. in einer Werkstatt. Als Kollektiv organisieren sie sich auch wirtschaftlich zusammen. „Nicht jede von uns hat den gleichen Access. Einige von uns sind hier geboren, sogar als nicht-weiße Leute, und wir teilen unsere Möglichkeiten und unseren Zugang miteinander." Gibt es also eine gemeinsame Kasse, in die jede einzahlt? Nein, zumindest nicht in dem Sinn, dass alle einen bestimmten Betrag beisteuern müssen. „Wir leben zusammen und wir teilen das zusammen, ohne darüber zu reden, wer mehr und wer weniger hat: ob du einen Euro hast oder 5 oder überhaupt keinen Euro oder 100 Euro—Hauptsache, es wird alles zusammen geteilt. Und bis jetzt hat das sehr gut funktioniert." Es sei gefährlich, wenn Wissen oder finanzielle Macht konzentriert werden. Darum haben sie sich dafür entschieden, in einem Kollektiv zu leben, in dem „alles transformiert wird. Geld, Wissen, Zugang, alles, was du dir vorstellen kannst."

Obwohl es seit zwei Jahren Streit mit dem Vermieter, der BIM (Berliner Immobilienmanagement), gibt, zahlen sie auch weiterhin Miete für den Platz. Grund für den Streit ist ein neuer Mietvertrag mit einer „Klausel, dass Asylsuchende und Rrom_nja-Leute sich hier nicht aufhalten und wir denen kein Obdach leisten dürfen. Das könnte ein Grund für eine fristlose Kündigung sein." Es habe Beschwerden von Nachbarn gegeben.

„Wir haben uns geweigert, einen Vertrag zu unterschreiben, der uns (also Refugees u.a.) verbieten wollte, hier zu leben. Die Projekte, die hier sind, haben diesen Charakter, also sie arbeiten mit POC, Refugees etc, und deswegen haben wir das natürlich nicht gemacht. Und jetzt wollen sie auf einmal ganz viele Flüchtlinge hierherbringen. Das ist absurd."

„Entzaubert", der Titel eines Filmfestivals, das auf dem Kanalgelände stattfindet. Foto: Jo Swarzynska

Das sieht die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin freilich anders. „Es ist angesichts der akuten Nöte durch die Flüchtlingskrise nicht zu rechtfertigen, dass ein von einer kleinen Gruppe ohne vertragliche Grundlage genutztes Grundstück nicht zur Disposition gestellt werden darf", wird Franziska Giffey von der Berliner Morgenpost zitiert. Die Verantwortung dafür läge allerdings nicht beim Bezirk, sondern dem Land Berlin und dem Berliner Immobilienmanagement. Die SPD-Politikerin hofft allerdings auf eine Lösung, mit der alle zufrieden sind.

Von den Bauplänen der Stadt haben die Bewohner_innen aus der Presse erfahren, als die Zeitungen im Dezember 2015 Listen mit Grundstücken veröffentlicht haben, auf denen die Stadt Flüchtlingsheime bauen will. „Wir waren natürlich sehr geschockt. Wir haben versucht, mit denen in Kontakt zu kommen—keine Kommunikation, niemand hat uns Bescheid gesagt. Das erste Mal, dass wir eine Ansage von denen bekommen haben, war, als wir Ende Februar eine Kundgebung vor dem Rathaus Neukölln organisiert haben."

Es sei wichtig, die Leute darauf aufmerksam zu machen, wer sie sind. „Du kannst nicht selbst Refugee sein und gegen Refugees sein. Der einzige Unterschied ist, dass wir selbstorganisiert leben, und die nicht. Die wollen uns unter der Kontrolle vom Staat haben, aber das wollen wir nicht." Sie fühlen sich in den Debatten um Flüchtlinge übersehen: „Die ignorieren uns als Frauen und als FLT-Gruppen, die hier ankommen. Sogar wenn sie über queer refugees reden, reden sie nur über Gays, über schwule Leute. Wir existieren überhaupt nicht." Und das wollten sie mit diesem Projekt ändern.

Die Leute werden entwürdigt: Du bist keine Person, du bist ein Refugee.

Flüchtlingslager sind für sie offene Gefängnisse. T. fragt: „Wieso können wir nicht wie alle Menschen in diesem Land die Möglichkeit haben, einfach unseren Wohnraum selber zu suchen und da zu leben?" Wenn man 500 Leute in ein Lager stecke, die nichts gemeinsam hätten, außer Refugees zu sein, könne nur ein Ghetto dabei herauskommen. „Die Leute darin werden entwürdigt: Du bist keine Person, du bist ein Refugee." Menschen in Lagern hätten keine eigene Stimme mehr, fügt M. hinzu.

„Wir lehnen die staatlich organisierte Massenverwaltung ab und setzen uns dafür ein, uns gemeinsam selbstverwaltete Räume schaffen zu können," steht in einer Pressemitteilung.

In ihrem politischen Statement heißt es: „Die Politik reduziert unser Leben häufig auf das, was in dominanter Meinung als existenziell anerkannt —Essen und Schlafen. Raum für eigene politische und kulturelle Arbeit wird dabei als Luxus deklariert, der uns nicht zusteht." Mit Projekten, die auch von geflüchteten Frauen initiiert werden, bietet der Kanal genau diesen Raum, und das ganz ohne staatliche Hilfe.

Einer der Wagen, die gemeinschaftlich genutzt werden. Foto: Jo Swarzynska

Die Leute auf dem Platz realisieren das, was der Staat mit der anonymen Versorgung von Hunderttausenden nicht schaffen kann: eine Möglichkeit zur Gestaltung des eigenen Lebens, anstatt auf das passive Empfangen von Leistungen beschränkt zu sein. K. findet, dass „sie in gewisser Weise auch dumm wären, uns zu räumen, weil sie das hier nicht bauen können. Das können nur wir selber bauen. Und das ist aber absolut notwendig für die Stadt."

Da das Flüchtlingslager schon im Sommer gebaut werden soll, befürchten die Bewohner_innen eine Zwangsräumung mit Gewalt, die in den nächsten Monaten stattfinden könnte. Bis dahin versuchen die Aktivisten, über eine Crowdfunding-Kampagne und mit der Aktion #kanalbleibt für möglichst viel Aufmerksamkeit zu sorgen.

Wir winken zum Abschied und gehen zurück zum Tor, das aber verschlossen ist. Wir werden an einem mit einer Plane überdachten Holzlager vorbei zu einem kleinen Nebenausgang gebracht. Der Weg aus der queeren Oase führt über einen Trampelpfad zurück auf die Straße.