"Ich akzeptiere keine Grenzen": Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot im Interview
Alle Fotos: Grey Hutton

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Politik

"Ich akzeptiere keine Grenzen": Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot im Interview

Wir haben mit der Aktivistin über Putins Problem mit Feminismus, die Unausweichlichkeit der Angst und ihr neues Buch "Anleitung für eine Revolution" gesprochen.
21.3.16

Der Aufenthalt in einem sibirischen Gefangenenlager ist heute nicht angenehmer als zu Zeiten des sowjetischen Gulags: Zwangsarbeit, eisige Kälte und faulige Kartoffeln bestimmen den Gefängnisalltag. Und wie zu Stalins Zeiten, benutzt der russische Staat die Lager nicht nur um Mörder und andere Schwerverbrecher vom Rest der Gesellschaft fernzuhalten, sondern auch, um unbequemen Dissidenten eine Lektion zu erteilen. Nadja Tolokonnikowa und ihre Band-Kollegin Mascha Aljochina bekamen das im Jahr 2012 am eigenen Leib zu spüren, als sie für den Auftritt von Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden. Der Auftritt dauerte nur 41 Sekunden. Das Youtube-Video des Punk-Gebets machte Pussy Riot einem großen Publikum bekannt, der darauffolgende Prozess weltberühmt. Prominente Unterstützer wie Madonna, Hillary Clinton und Slavoj Žižek setzten sich für die Freilassung der beiden Aktivistinnen ein. Ohne Erfolg.

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Als Putin ihr schließlich den Rest ihrer Strafe erließ, hatte Nadja bereits achtzehn Monate lang in Haft verbracht—den größten Teil davon im Lager Mordwinien, 500 Kilometer östlich von Moskau. Seitdem ist sie in Deutschland für ihr politisches Engagement ausgezeichnet, in Sotchi ausgepeitscht und fürs Nähen auf einem öffentlichen Platz erneut verhaftet worden. In einer Episode von House of Cards durfte sie dafür zumindest dem fiktiven russischen Präsidenten Viktor Petrov beim Dinner die Meinung geigen. Gemeinsam mit Mascha Aljochina hat sie außerdem die NGO „Zone des Rechts" gegründet, die sich für bessere Bedingungen im russischen Strafvollzug einsetzt. Über ihre eigene Zeit im Lager und die Anfänge von Pussy Riot hat Nadja jetzt ein Buch geschrieben, dass vorerst nur auf Deutsch erscheint, weil sich in Russland kein Verleger dafür finden lässt: Anleitung für eine Revolution. Als wir uns in Berlin treffen, hat Nadja bereits eine Lesung hinter sich und freut sich eigentlich nur noch auf Rotwein und Zigarette. Herausgekommen ist trotzdem ein überaus aufgewecktes Gespräch über menschliche Ängste, das Schicksal der russischen Protestbewegung und Wladimir Putins sexuelle Frustration.

Alle Fotos: Grey Hutton

Broadly: In deinem Buch schreibst du „Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden." Trotz der krassen Darstellungen des Alltags in der Strafkolonie erwähnst du Angst mit keinem Wort. Hattest du wirklich keine?
Nadja Tolokonnikowa: Jeder Mensch kennt das Gefühl, Angst zu haben. Es ist ganz natürlich und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich keine gehabt hätte. Ich habe aber absichtlich nicht darüber geschrieben, weil ich generell versuche, mich nicht auf meine Angst zu konzentrieren. Angst kann dich davon abhalten, Dinge zu tun, die dir wichtig sind. Ich konzentriere mich also lieber darauf, wie ich am besten das durchsetzen kann, was ich durchsetzen will. Obwohl es vielleicht naiv und ein bisschen kindisch ist, nicht über die möglichen Konsequenzen nachzudenken.

Für mich klingt das einerseits naiv, andererseits aber auch ziemlich stark. Andere Menschen sind ständig in ihrer Angst gefangen und dadurch in ihren Taten und Entscheidungen extrem gehemmt. Andere benutzen ihre Angst, um damit alles mögliche zu rechtfertigen. Ist es bei dir eine aktive Entscheidung oder liegt das einfach in deinem Charakter?
Ich glaube, ein bisschen von beidem. Als ich mit ungefähr Dreizehn damit begann, mir über meine eigene Persönlichkeit Gedanken zu machen, habe ich auch damit angefangen, aktiv gegen meine Ängste anzugehen. Eigentlich war ich ein total schüchternes Kind, aber dann habe ich angefangen, mich zu überwinden und zum Beispiel fremde Leute auf der Straße angequatscht. Ich war sehr gut in der Schule und habe immer alle Regeln befolgt, dann fing ich an mit Ladendiebstählen und dann kam Punk. Ich wollte mit meinem alten Leben und allen Regeln brechen. Ich wollte etwas erleben, Dinge tun, die noch keiner vorher getan hat. Das ist bis heute so geblieben.

Seit du mit Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kirche das Punk-Gebet aufgeführt hast, hat sich in Russland einiges geändert. 2012 gingen noch Tausende auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren, inzwischen gab es die Annexion der Krim, den Krieg in der Ukraine und die russische Intervention in Syrien. Putin ist dadurch offiziell wieder sehr beliebt beim Volk, ist die Protestbewegung tot?
Tot ist der Protest nicht. Manche Leute sind ins Ausland gegangen, andere sind geblieben, aber befinden sich in einer Art innerer Immigration und äußern sich nicht mehr über das politische Geschehen, weil es zu gefährlich für sie geworden ist. Verglichen mit 2011/2012 ist es heute wirklich viel gefährlicher. Aber nur weil ihre Stimmen verstummt sind, heißt es nicht, dass die Menschen nicht noch genauso denken wie vorher. Sie sind immer noch da und eines Tages könnten sie wieder laut werden. Ich habe im Gefängnis so viele Menschen getroffen, die Putin nicht unterstützen, und zwar nicht nur aus der Mittelschicht, sondern aus allen Teilen der Gesellschaft. Menschen, deren Eltern zum Beispiel völlig verarmt sind und sich keine Medikamente leisten können; die realisieren, dass das System Putin nicht funktioniert, aber nicht wissen, was sie tun sollen. Ich glaube, dass das Protestpotenzial weiterhin sehr groß ist, gerade jetzt, wo sich das Land in einer wirtschaftlichen Krise befindet, die Putin zum Teil mit seinen kriegerischen Abenteuern im Ausland selbst verschuldet hat. Wenn die Menschen merken, dass Putin keine starke Wirtschaft garantieren kann, wird er schnell an Rückhalt in der Bevölkerung verlieren.

Das klingt optimistisch. Ist auch das ein Grund, warum du Russland nicht verlassen willst? In deinem Buch schreibst du, du hättest Angebote bekommen, mit deinem Gesicht für große Kosmetikfirmen zu werben. Du könntest dir im Westen ein unbeschwertes Leben machen, anstatt dich in Russland öffentlich attackieren zu lassen.
Ich akzeptiere keine Grenzen. Ich will überall dort leben können, wo ich etwas zu tun habe. In Russland habe ich meine NGO, in LA nehme ich gerade neue Songs auf. Ich finde es allgemein absurd, dass in Zeiten der wirtschaftlichen Globalisierung Waren alle Grenzen überqueren dürfen, Menschen aber nicht.

So ist das Leben,
du gehst Risiken ein.

Du hast keine Angst, dass dir etwas zustoßen könnte, wenn du in Russland bleibst und dort arbeitest?
Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Ich meine, ich weiß, dass etwas passieren könnte, aber so ist das Leben, du gehst Risiken ein.

Der Patriarch Kyrill I (das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche) hat den Feminismus in öffentlichen Reden oft als unheilvolle Bedrohung dargestellt, die die christliche Werteordnung in Frage stellt. Glaubst du, dass ihr für das Punk-Gebet auch deswegen so hart bestraft wurdet, weil es ein weiblicher Protest war?
Die orthodoxe Kirche fürchtet sich definitiv vor dem Feminismus. Sie wollen, dass Frauen Kinder gebären und im Haus bleiben und nicht aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Sie versuchen immer noch, Frauen davon zu überzeugen, dass dieser Weg der richtige ist—warum auch immer. Ich glaube allerdings nicht, dass die Kirche momentan wirklich so viel Einfluss hat. Die Kirche war einfache eine Karte, die Putin gespielt hat. Er hat versucht, dem Volk zu zeigen, dass er an etwas glaubt. Aber er ist nicht ehrlich, denn er hat noch nie an irgendwas geglaubt, er hat die Kirche nur benutzt. Jetzt hat er seine Kriegsspiele und kümmert sich nicht mehr um den Glauben, und das Fernsehen zeigt nichts mehr über Religion, sondern nur noch Berichte über die Ukraine, die Krim und Syrien.

Kann man sagen, dass das Verhältnis der russischen Bevölkerung zum Feminismus generell problematisch ist?
Es ist kompliziert. Wir waren eins der ersten europäischen Länder, in dem Frauen wählen durften. In den 1920ern gab es eine Bewegung, bei der muslimische Frauen, sich gegen das Patriarchat stellten und sich auf öffentlichen Plätzen die Kopftücher herunterrissen. Sie gingen damit große Risiken ein, wurden getötet oder vergewaltigt. Dann kam Stalin. Er verbot Abtreibungen, aber Frauenrechte waren ein Teil des Sozialismus. Vielleicht haben wir deshalb ein so merkwürdiges Verhältnis zum Feminismus, weil es einmal Teil der Staatsdoktrin war und die Menschen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion extrem misstrauisch gegenüber allem sind, was in irgendeiner Weise mit staatlicher Ideologie verbunden ist. Man müsste den Feminismus vielleicht neu definieren und den Leuten erklären, was Feminismus heute bedeutet. Gleichzeitig glaube ich, dass russische Frauen heutzutage eigentlich ziemlich frei sind. Viele sind davon überzeugt, dass sie die Freiheit haben, zu ficken mit wem auch immer sie wollen.

Und das tun sie auch?
Ja, auf jeden Fall, die ficken ziemlich viel! Was ich aber eigentlich sagen will ist, dass die russische Bevölkerung längst nicht so konservativ ist, wie Putin sie gerne hätte. Ich kenne viele Frauen aus ländlichen Gebieten und kleinen Dörfern, die sexuell befreit sind. Die Hälfte der Frauen im Gefängnis waren offen für lesbische Beziehungen. Putins Märchen, dass Russen allgemein feindlich gegenüber LGBT und ihren Angelegenheiten sind, ist absoluter Schwachsinn! Viele—nicht alle—können ohne Probleme ihre Sexualität ausleben und werden auch von den anderen akzeptiert.

Glaubst du, dass Putin ein persönliches Problem mit Frauen hat?
Ich weiß nicht. Ich glaube, er hat nicht genügend unterwürfige Frauen, die er ficken kann, und ist deshalb frustriert. Was mich nervt, ist dieses ganze „Putin ist schwul"-Gerede. Das ist total homophob. Es ist eine Beleidigung für alle Schwulen, zu behaupten, Putin wäre einer von ihnen.