Religion

„Wertvolle Dienerinnen Gottes“ – Frauen bei den Zeugen Jehovas

Die kontroverse Glaubensgemeinschaft mutet ihren Mitgliedern so einiges zu – Frauen müssen jedoch besonders unter den patriarchalischen Rollenbildern der Anhänger leiden.

von Osia Katsidou
15 September 2016, 6:05am

Foto: imago | Objektif

„Doch die Frau, die Jehova fürchtet, ist es, die sich Lobpreis schafft." Dieses Bibelzitat steht in einer der jüngsten Ausgaben von Erwachet!, einer Zeitschrift der Zeugen Jehovas. Sie wird neben dem Wachtturm regelmäßig von Anhänger_innen der streng christlichen Glaubensgemeinschaft an öffentlichen Plätzen und beim Klingeln an Haustüren verteilt, oder kann, ganz fortschrittlich, auch online eingesehen werden. Unterwürfig und folgsam—ein Geschlechterbild, das sich elementar darauf auswirkt, wie Frauen in der Gemeinschaft behandeln werden.

Der betreffende Artikel, in dem das Zitat aufgeführt wird, trägt den Titel „Das Aussehen" und beschäftigt sich mit der übertriebenen Fixierung der Gesellschaft auf oberflächliche Schönheit. Neben Bibelversen—wie zum Beispiel „Putzt euch nicht äußerlich heraus ... Eure Schönheit soll von innen kommen!"—wird dort auch ein wissenschaftlicher Bericht von der American Psychological Association genannt. Er soll bestätigen, dass sich die Versessenheit auf oberflächliche Schönheit auf das Wohlbefinden und die Gesundheit auswirkt und zum Beispiel zu Essstörungen oder Depression führt. Was im ersten Moment als Body Positivity oder dem Appell nach mehr Tiefsinn anmutet, entpuppt sich schnell als tief verwurzelter Sexismus, der das Patriarchat als Ordnungsidee innerhalb der Glaubensgemeinschaft festigen soll.

Mehr lesen: Von Chemtrails zu Morddrohungen—eine Verschwörungstheorie-Aussteigerin erzählt

Besonders für Mädchen ist es laut Erwachet! ein Problem, wenn sie sich zu sehr mit ihrem Äußeren beschäftigen, denn so würden sie zum „Objekt der Begierde". Das würde sie uninteressant für wahre Freunde machen und vor allem potentielle Ehepartner abschrecken. Sabine Rieder, Pädagogin und Geschäftsführerin bei der Sekteninfo NRW, sagt über die Erwartungen der Zeugen: „Eine Frau soll bescheiden und dezent in ihrem äußeren Erscheinungsbild sein." Denn sexuell anziehend soll sie bloß für ihren Ehemann wirken.

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist für die Zeugen Jehovas von zentraler Bedeutung und die Rollen aller Beteiligten darin ganz klar verteilt. Jehova wünscht sich laut Erwachet!, dass eine Frau ihren Mann von Herzen respektiert und ihn dabei unterstützt, als Haupt der Familie zu fungieren, denn „für ihren Mann und für Jehova wird sie dadurch noch schöner". Sex außerhalb der Ehe ist für die Glaubensgemeinschaft, ganz nach biblischer Auslegung, Hurerei und somit eine schwerwiegende Sünde—gleichzusetzen mit Mord. Mit Hurerei meint die Bibel alle außerehelichen sexuellen Handlungen, Prostitution und Ehebruch. Falls sich jemand wundert, klärt die Webseite der Religionsgemeinschaft auf, dass dazu auch ausdrücklich Handlungen wie Oral- und Analverkehr zählen.

Gott wird demnach „jeden, der seinen Ehepartner leichtfertig verlässt, noch dazu in der Absicht, sich einen anderen Partner zu nehmen, persönlich zur Rechenschaft ziehen." Scheiden dürfen sich Zeug_innen Jehovas lediglich, wenn ihre Partner_innen ihnen sexuell untreu waren. Folglich ist also auch häusliche Gewalt kein ausreichender Scheidungsgrund.

Die Frau ist die ‚Gehilfin' des Mannes. Ihre Rolle ist es einerseits zu missionieren, andererseits für ihre Familie da zu sein.

Entstanden sind die Zeugen Jehovas 1840 unter Charles T. Russell, der die Forschungsgruppe „Ernste Bibelstudien" aus seinem strengen christlichen Glauben heraus startete. Bis heute orientieren sie sich an einer direkten Lesart der Bibel und glauben, dass bald das Hermagedon ansteht: ein Ereignis, das eine tausendjährige Gesundung des Menschen auslöst und am Ende ins ewige Paradies führt.

Die Gemeinschaft veröffentlicht regelmäßig Zeitschriften, darunter den für die Sekte bekannten Wachtturm. In einem eigenen Verein publizieren Zeugen diesen bis heute für freies Essen und ein kleines Taschengeld. Die Predigt und Missionierung ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit der Zeugen Jehovas. Daher sind sie besonders dafür bekannt, dass sie an Haustüren klingeln, um weitere Anhänger_innen zu gewinnen. Besonders für Frauen ist die Predigt ein wichtiger Aspekt. Sie machen laut Webseite den Großteil der über eine Million Vollzeitprediger_innen aus. Ihre Aufgabe entnehmen sie folgendem Bibelvers: „Jehova selbst gibt das Wort; die Verkündigerinnen der guten Botschaft sind ein großes Heer."

Sabine Rieder fasst die Stellung der Frau in der Gemeinschaft zusammen: „Ihre Regeln leiten die Zeugen Jehovas grundsätzlich aus der Bibel ab. Die Frau ist die ‚Gehilfin' des Mannes. Ihre Rolle ist es einerseits zu missionieren, andererseits für ihre Familie da zu sein. Ist eine Frau verheiratet, ist es ihre Aufgabe, Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu sein. Es ist durchaus erlaubt, einen Beruf auszuüben, aber wenn Kinder da sind, soll die Frau sich der Familie widmen. Die fortschreitenden gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen werden eher abgelehnt."

Aufsteller der Zeugen Jehovas vor dem Landesamt für Gesundes und Soziales in Berlin-Wilmersdorf | Foto: imago | Stefan Zeitz

Masha ist 18 Jahre alt, Studentin und YouTuberin aus Berlin und stieg mit 16 aus der Glaubensgemeinschaft aus, die vielerorts—allerdings nicht überall—als Sekte angesehen wird. Das Video, in dem sie öffentlich über ihren Ausstieg bei den Zeugen Jehovas spricht, hat über eine halbe Million Aufrufe.

Für Masha ist ganz klar, dass das Leben in der Gemeinschaft Mädchen und Frauen diskriminiert.„Die Frau steht eindeutig unter dem Mann. Seine Meinung hat einen höheren Stellenwert", erklärt sie gegenüber Broadly. „Frauen sollen ihre Männer unterstützen und dabei Gehorsam zeigen." Masha beschreibt die sexistischen Strukturen und erklärt, dass die höheren Ämter innerhalb der Zeugen ausschließlich Männern vorbehalten sind: „Frauen dürfen nie den Posten von einem Dienstamtgehilfen oder Ältesten einnehmen. Oft gibt es auch Seminare und Weiterbildungen für Männer. Frauen ist es verboten, sie darüber auszufragen. Frauen dürfen zwar vorbeten, wenn sie den Kopf bedecken, doch öffentlich tun dies nur die Männer. Frauen nehmen passiv am Geschehen teil."

Für Masha war es nicht nur die Diskriminierung als Mädchen, die sie veranlasste, auszusteigen. Sie wollte vor allem dem Druck entkommen und in Freiheit trinken, flirten und Freunde außerhalb der Sekte haben können. Ausschlaggebend war eine Fernbeziehung, für die sie von ihrer damaligen besten Freundin bei den Ältesten der Religionsgemeinschaft verpfiffen wurde.

Wenn man ausgeschlossen wird, ist man für die ehemaligen Freunde und Familienmitglieder gestorben. Das gilt für Frauen und Männer—auf einmal herrscht Gleichberechtigung.

Sabine Rieder erklärt, dass die patriarchalen Strukturen der Sekte bei Frauen verstärkt zu einem Mangel an Selbstbewusstsein und psychischer Stabilität führen könnten, wenn sie wie Masha entscheiden, der Glaubensgemeinschaft den Rücken zu kehren. „In der Regel leiden sie beim Ausstieg aber nicht mehr als Männer, weil das Hauptproblem der Verlust des bisherigen sozialen Umfeldes ist. Den erleiden Männer und Frauen gleichermaßen", so Rieder.

Masha bestätigt, dass es Aussteiger_innen unabhängig ihres Geschlechts schwer haben. „Wenn man ausgeschlossen wird, ist man für die ehemaligen Freunde und Familienmitglieder gestorben. Das gilt für Frauen und Männer—auf einmal herrscht Gleichberechtigung." Sie erzählt von der Reaktion ihrer Mutter, die ihr nach ihrem Ausstieg sagte: „Nun habe ich mein zweites Kind verloren." Einige Jahre zuvor war Mashas Bruder verstorben.

„In dieser Sekte wird niemand verschont", sagt Masha. Trotzdem folgt das Weltbild der Zeugen Jehovas strengen traditionellen Geschlechterrollen, die sich auf heteronormativen Ansichten begründen. So verurteilen sie ganz deutlich und ausgesprochen die Homosexualität. Dazu sagt Erwachet!, dass entsprechende Neigungen unterdrückt werden sollten—und zwar „um Gott zu gefallen". Auf der Webseite wird ausgeführt, wie weit die Ablehnung von Homosexualität geht, denn diese wird unmittelbar aus der Bibel entnommen: Gott hat die Sexualität nur für die Ehe zwischen Mann und Frau gedacht. Damit diese Ideologie auch schon im Kindesalter verstanden wird, gibt es sogar ein animiertes „Aufklärungsvideo".

Mehr lesen: Der Einsatz einer UFO-Religion gegen weibliche Genitalverstümmelung

Sollte man sich homosexuellen Neigungen hergeben, so ginge das laut den Zeugen Jehovas zugunsten Satans Erfolgsquote.

Die rückständigen Geschlechterstrukturen und der Umgang mit nicht heteronormativen Lebenswelten sind bloß eine Auswahl der vielen Ideen, die das absurde Weltbild der Zeugen Jehovas unterstreichen. Doch gerade sie verdeutlichen die Rückständigkeit, die patriarchale Strukturen für das menschliche Miteinander bedeuten. Für eine Person, die Frauen auch im 21. Jahrhundert noch in einer ausschließlich dienenden Rolle sieht, ist wahrscheinlich auch die Annahme, dass Gott und Jesus mit einem Engelsheer Satan bekämpfen und im Anschluss ein tausendjähriges Friedensreich errichten, in dem nur die Gehorsamen überleben, gar nicht mehr so abwegig.


Titelfoto: imago | Objektif

Tagged:
Feminisme
gott
Sexismus
gesellschaft
emanzipation
Deutschland
Sekte
Zeugen Jehovas