geschichte

Vergöttert und vorgeführt: Die Kulturgeschichte bärtiger Frauen

Von bärtigen adligen Frauen auf Ölgemälden zu Umhängebärten als Machtsymbol: Frauen mit Gesichtsbehaarung waren nicht immer geächtet.
9.12.16
„Magdalena Ventura“ von Jusepe de Ribera | Wikimedia | gemeinfrei

Haare am weiblichen Körper scheinen für große Teile unserer Gesellschaft nach wie vor in schwieriges Thema zu sein. Das, was einige Feministinnen vor knapp vierzig Jahren als Ausdruck lästiger Schönheitsnorm ganz bewusst wuchern ließen, wird heutzutage radikal gekürzt. 97 Prozent der Frauen rasieren sich laut einer Studie an mindestens einer Körperstelle regelmäßig. In einer anderen Umfrage sagten 84 Prozent aus, sich bereits „ein Leben lang" zu rasieren. Während bei Intimbehaarung noch über Geschmack gestritten werden kann, hört bei Achsel- oder gar Beinhaaren das Verständnis meistens auf: Irgendwie eklig, zu maskulin oder unästhetisch finden viele die Vorstellung, dass auf Beinen oder unter Armen plötzlich dunkle Haare sprießen.

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Wenn schon eher unauffällige Körperbehaarung eine Frau in den Augen vieler zum unattraktiven und belächelnswerten „Mannweib" macht, wie muss es es dann erst Frauen gehen, die richtigen Bartwuchs (bis hin zum Vollbart) haben? Das Phänomen wird medizinisch unter Bezeichnungen wie Hypertrichose oder Hirsutismus gefasst. Durch das gängige haarlose Schönheitsideal und die Auffassung, ein weiblicher Bart sei eine Krankheit, gibt es viele Frauen, die ihren Bart aus Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung lieber verstecken. Kein Wunder, da Bärte eigentlich nur Männern zustehen und historisch stets mit Potenz, Stärke und Macht assoziiert wurden. Wenn Frauen Bärte wuchsen, galten diese meistens als Hexen, Wahrsagerinnen oder Heilige, später dann als Unterhaltungsobjekte.

Verhasst und vergöttert

Die Kulturgeschichte der Bearded Ladies, wie es auf englisch wesentlich flotter klingt, ist also wie der Gegenstand selber: überaus lang und sehr divers. Die ägyptische Königin Hatschepsut (um 1479-1458 v. Chr.) beispielsweise pflegte sich zu feierlichen Anlässen einen goldenen Bart umzuhängen, um Macht zu demonstrieren. Auch aus dem alten Griechenland gibt es Überlieferungen durch den Arzt Hippokrates von Kos (um 460- 370 v. Chr.), welcher mehrere bärtige Frauen beschrieb, ohne ihren Bartwuchs als etwas krankhaftes einzuordnen. Manche bärtige Frauen wurden in Persona der Heiligen St. Kümmernis oder der Liebesgöttin Aphrodite sogar angehimmelt. Letztere galt jahrhundertelang als Symbol weiblicher Schönheit und wurde in Tempeln rund um das Mittelmeer teilweise als Bärtige verehrt.

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Ab dem 16. Jahrhundert entstanden vermehrt künstlerische Darstellungen bärtiger Frauen, die Teil des damaligen Interesses am Sammeln und Abbilden fremder sowie kurioser „Objekte" waren. Der Schauwert war hierbei zentral für die Epoche des Barocks, in der die Tragik der betroffenen Personen hinter der Kuriositätensucht dieser Zeit verschwand.

Das Bildnis der Magdalena Ventura von Jusepe de Ribera ist das wohl Bekannteste einer bärtigen Frau. De Ribera bekam 1631 den Auftrag des neapolitanischen Vizekönigs Duca d'Alcalá (Ferdinand des Zweiten), ein Porträt der Magdalena Ventura aus Abruzzo anzufertigen. Es bildet die stillende 52-Jährige mit ihrem Mann und einem Neugeborenen ab. Da es relativ unwahrscheinlich ist, dass Ventura in diesem Alter noch ein Kind gebar, wird vermutet, dass sich Ribera die Szenerie wohl nur ausdachte, um Ventura als Frau deutlich erkennbar zu machen.

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Schaulust und Kuriositätensucht

Das Interesse an der künstlerischen Darstellung bärtiger Frauen nahm ab dem 19. Jahrhundert schlagartig ab, nachdem sich andere Möglichkeiten und Formate boten, deren Existenz live zu erleben oder direkter abzubilden. Neben sogenannten „abnormalen" und „missgebildeten" Wesen traten sie nun—zum Teil auch unfreiwillig—vermehrt in den „Freak-Shows" und Zirkussen des 18. und 19. Jahrhunderts auf. Bereits seit dem Mittelalter waren „Freaks", „Missgebildete" und „Abnormale" ein Teil des fahrenden Volkes und wurden auf Marktplätzen oder Jahrmärkten vorgeführt. Noch im 17. und 18. Jahrhundert, bis zur französischen Revolution, hatten sie die Fürstenhöfe bevölkert.

Monstrositäten und Missbildungen gehörten zu den Kuriositäten, die mit derber Belustigung bestaunt oder „wissenschaftlich" betrachtet wurden. Die Attraktionen wurden als die kleinsten, größten, dicksten oder dünnsten Menschen der Welt angekündigt oder waren sogenannte Tiger-, Affen- oder Rumpfmenschen, was Personen mit fleckiger Pigmentstörung, Ganzkörperbehaarung oder fehlenden Gliedmaßen meinte. Zwar begaben sich die meisten „Freaks" freiwillig ins Showgeschäft, vielen blieb aber schlichtweg keine andere Möglichkeit als ihren Lebensunterhalt dort zu verdienen, da sie gesellschaftlich isoliert, geächtet und gefürchtet waren. So auch bärtige Frauen, deren Existenz damit festgeschrieben war: Sie waren Unterhaltungsobjekte.

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Wer bärtige Frauen nicht in den jeweiligen Shows oder Jahrmärkten betrachten konnte, hatte durch die Entwicklung der Fotografie auch die Möglichkeit dies auf Sammelbildern und Grußkarten zu tun, wo sie in anmutigen körperbetonten Kleidern sowie mit langer Haarpracht extra feminin in Szene gesetzt wurden—wie es Susanne Regener in Bartfrauen. Fotografien zwischen Jahrmarkt und Psychiatrie beschreibt.

Annie Jones | Foto: Charles Eisenmann | Wikimedia | Public Domain

So auch Annie Jones, die 1865 in Virginia geboren wurde und eine der berühmtesten Bartdamen ihrer Zeit war. Im Alter von neun Monaten hatte Annie bereits einen Vollbart und zog das Interesse von Phineas Taylor Barnum auf sich, der sie als Attraktion in seinen Zirkus aufnehmen wollte. Ihre Eltern stimmten der Karriere ihrer Tochter aufgrund finanzieller Not zu und ihre Mutter begleitete sie bis zu ihrem neunten Lebensjahr auf Tour. Annie blieb danach allein im Zirkus zurück und heirate mit 15 den Zirkussprecher Richard Elliot, von dem sie sich später scheiden ließ. Als Annie mit 37 Jahren während einer Tour an Tuberkulose erkrankte, verstarb sie kurz darauf. Interessanterweise verdiente sie mit der monatlichen Gage von 2000 Dollar ihrerzeit mehr als der Präsident der Vereinigten Staaten!

Bärtige Frauen in der Geschlechterwissenschaft und Rassenbiologie

Im ersten Drittel des 20 Jahrhunderts avancierten Bartfrauen und „Freaks", vom Unterhaltungsobjekt zum wissenschaftlichen Objekt in medizinisch-psychiatrischen Lehrbüchern. In diesem Zusammenhang gab es aber Ausnahmen, wie den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der in seinem fünfbändigen Buch Geschlechtskunde Annie Jones vorstellte, aber nicht pathologisierte. Er deutete ihre optische Uneindeutigkeit als eine Art geschlechtliche Zwischenstufe und versuchte damit seine These zu untermauern, dass es verschiedene Arten von Männlichkeit sowie Weiblichkeit gab. Hirschfeld sprach sich dafür aus, dass jede Person das Recht haben sollte, ihr Geschlecht frei wählen zu können, wodurch er als absoluter Pionier der modernen Geschlechterwissenschaft bezeichnet werden kann.

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Die „Andersartigkeit" von Bartfrauen wurde von Ärzten gemeinhin eher rassenbiologisch gedeutet und der weibliche Bartwuchs galt als Symptom für Geisteskrankheit. Die Fotografien einer angeblich schizophrenen jüdischen Bartfrau wurden, durch den weitverbreiteten Antisemitismus, in Zusammenhang zum jüdische Erbgut gedeutet. Es ist daher auch keine Überraschung, dass „Freak-Shows" in Deutschland in den 1930ern von der NSDAP verboten wurde.

Diskurswechsel

Auch jenseits des NS-Staates neigte sich die Ära des menschlichen Kuriositätenkabinetts dem Ende zu—allerdings aus einem wesentlich menschlicheren Grund: Das Ausstellen von missgebildeten oder andersartigen Menschen wurde inzwischen als schockierend und pietätlos empfunden. Die öffentliche Präsenz und der Diskurs um Gesichtsbehaarung von Frauen verschob sich seither von der pathologisierten und ausgestellten Bartdame zum kosmetischen Problem des Damenbarts. Haarentfernung bei Frauen wurde seit den 1950ern regelrecht zur Mode. Allan Peterkin erläutert in seinem Buch Tausend Bärte. Eine Kulturgeschichte der Gesichtsbehaarung: „Nicht überraschend etablierte sich eine frühe Industrie von Cremes und Haarentfernungsmitteln, die das sogenannte „unerwünschte Haar" ausmerzen sollten. Frauen waren schließlich dafür bestimmt weich, blass und glatt im Gesicht zu sein, um ihren Männern, den einzigen Bartträgern der Familie, zu genügen und sie zufrieden zu stellen."

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Fakebärte, Unterhaltungskunst und Empowerment

Als der Druck, einem haarlosen Schönheitsideal zu entsprechen stetig größer wurde, mischte sich die zweite Frauenbewegung in die Debatte ein. Ab den 1970er Jahren wurde der weiblichen Körperbehaarung freien Lauf gelassen und der weibliche Bart erneut Gegenstand der Kunst: Feministische Künstlerinnen wie Eleanor Antin, Ana Mendieta oder Adrian Piper benutzten den Bart als eine Art Werkzeug im Rahmen ihrer Performance- und Konzeptkunst. Durch Bartattrappen versuchten sie, Sehgewohnheiten zu irritieren, eigneten sie sich einen männlichen Habitus an und machten gleichzeitig geschlechtliche Variabilität sichtbar.

Denkt man an einen künstlerischen Umgang mit Damenbärte, kommt man an der Künstlerin Frida Kahlo, der Sängerin Peaches oder Conchita Wurst nicht vorbei, welche auf ganz unterschiedliche Weise (ihre) Bärte in Szene zu setzen wussten und wissen. Aber auch die New Yorker Performancekünstlerin Jennifer Miller macht während ihrer Performances im „Circus Amok" die Geschichte von Bartfrauen und ihren eigenen Bart zum Gegenstand der Betrachtung. Mittels der „Bartfrauennummer" verwickelt sie das Publikum in eine Diskussion um Schönheitsideale und versucht, diese aufzuweichen. Miller tritt dabei bewusst im Showkontext auf, in dem noch keine hundert Jahre zuvor Bartfrauen als Ausstellungs- und Unterhaltungsobjekte galten und erstreitet sich dadurch einen Subjektstatus, der bärtigen Frauen durch die stetige Objektivierung lange nicht zustand.

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Ebenso sichtbar und selbstbewusst zeigt sich auch Harnaam Kaur. Die 26-jährige Britin thematisiert auf ihrer Instagram-Seite, wie schwer es für sie gewesen ist, sich damit abzufinden, dass ihr ein Bart wächst. Sie sagt, dass sie viel zu oft dafür gemobbt und verletzt wurde und sogar Selbstmordgedanken hatte. Jetzt ist er der Grund dafür, dass sie kürzlich ins Guinessbuch aufgenommen wurde. Als jüngste Frau der Welt, die einen Vollbart trägt.

Vielleicht wird es in Zukunft normaler, dass auch Frauen ihre Bärte öffentlich zeigen. Die Kulturgeschichte der bärtigen Frauen zeigt uns nämlich eins: Man sollte nicht vergessen, dass all jenes, was als normal gilt, sich letztendlich stetig wandelt und immer eine Sache der Deutungshoheit und Perspektive ist.


Titelbild: „Magdalena Ventura" von Jusepe de Ribera | Wikimedia | gemeinfrei