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kapitalismus

Es gibt einen offiziellen 0-Euro-Schein und er macht Leute reich

Wir haben nachgefragt, wie viel der Schein wirklich wert ist – und ob wir unser Gesicht darauf drucken lassen dürfen.

von Tim Geyer
24 Mai 2017, 2:51pm

Foto: EuroSchein-Souvenir GmbH

Eigentlich ist Bargeld so was von durch. Dänemark hat letztes Jahr seine letzte Münzprägeanstalt geschlossen und die indische Regierung überlegt gerade, komplett auf digitales Bezahlen umzusteigen. Trotzdem macht eine Berliner Firma seit 2016 das große Geld mit Scheinen. Genauer gesagt: mit 0-Euro-Scheinen. Ganz offiziell nach den Standards der Europäischen Zentralbank (EZB). Wie kann das sein?

Die Idee für den Handel mit wertlosem Geld stammt aus Frankreich. Seit April 2015 vertreibt der Franzose Richard Faille Scheine, auf die Städte oder Institutionen ihre Sehenswürdigkeiten, Denkmäler und Museen drucken lassen können, um damit für sich zu werben. Aktuell hat der überkonfessionelle Verein gott.net zum 500. Reformationsjubiläum 10.000 0-Euro-Scheine mit dem Bild der Luther-Statue in Wittenberg bestellt. Aber wie hat Faille es geschafft, eine EZB-lizensierte Druckerei davon zu überzeugen, alte Gebäude auf echtes Geldpapier zu drucken?

Bereits 1996, nachdem er drei Jahre um eine Genehmigung dafür gerungen hatte, begann Faille bei der staatlichen französischen Münzprägeanstalt Monnaie de Paris Souvenirmünzen herstellen zu lassen. Wie sich herausstellte, ein ziemlich gutes Geschäft. Bis heute hat Faille nach Angaben seines deutschen Geschäftspartners über 60 Millionen Münzen verkauft – und so Millionen verdient.

Das große Geschäft mit wertlosen Scheinen

Eine Auswahl wertloser Scheine | Foto: EuroSchein-Souvenir GmbH

Inzwischen hat Faille sein Geschäftsmodell auf Scheine ausgeweitet, die er ganz offiziell in einer der 16 von der EZB lizenzierten Banknotendruckereien drucken lässt. Auf echtem Euro-Papier, mit Wasserzeichen, Kupferstreifen, Hologramm und individuellen Seriennummern. Die Lizenz hat er für den deutschen Markt an Gonzague Cunningham verkauft, den Geschäftsführer der EuroSchein-Souvenir GmbH. Seit 2016 verkauft Cunningham auch hierzulande 0-Euro-Scheine an Menschen, die gerne wertvolles Geld in wertloses Papier tauschen.


Auch bei Vice: Der echte Wolf of Wall Street


Dieses kafkaeske Tauschgeschäft wirft Fragen auf: Können wir unser Gesicht auf 10.000 0-Euro-Scheine drucken lassen? Oder noch wichtiger: Kann Frauke Petry ihr Gesicht auf 0-Euro-Scheine drucken lassen?

"Sie können nicht jedes Motiv auswählen", sagt Cunningham gegenüber VICE. "Die Scheine sind nicht für private Zwecke oder Unternehmen gedacht. Wir wollen damit touristischen Zielen und dem kulturellen Erbe Europas eine Plattform bieten." Wertloses Geld als papierener Kulturbotschafter, made by EZB?

Nicht ganz. Wie ein Sprecher der Europäischen Zentralbank VICE mitteilt, reguliert oder genehmigt diese die Produktion von Souvenir-Noten nicht direkt. Wenn offizielle Gelddruckereien solche Scheine herstellen, müssen sie sich aber an die EZB-Regeln halten und sicherstellen, dass man die falschen Scheine von echten unterscheiden kann.

100 unterschiedliche Motive gibt es in Deutschland und Frankreich jedes Jahr, die meisten in einer Auflage von 10.000 Stück. Das Konterfei Martin Luthers geht genauso wie gelangweilte Affengesichter oder Achterbahnen des Europa-Parks.

Wie man aus einem 0-Euro-Schein 300 Euro macht

Eine Version dieses 0-Euro-Scheins brachte 300 Euro | Foto: EuroSchein-Souvenir GmbH

Dank dieser Geschäftsidee könnte "Haste mal 0 Euro?" bald ein beliebter Satz unter Straßenpunks sein. Denn die meisten 0-Euro-Scheine werden für mindestens 2 Euro weiterverkauft. Oder für 300: Zum 300-jährigen Jubiläum der Kasseler Herkules-Statue ließ die Stadt das Motiv auf 5.000 Scheine drucken. "Am ersten Verkaufstag gab es eine Schlange am Museumsshop des Herkules-Monuments. Ein Schein hatte das Herkules-Baujahr 1817 in seiner Seriennummer. Der ging bei einer Online-Auktion für 300 Euro weg", sagt Cunningham. "Wir verstehen das manchmal auch nicht. Es gibt Scheine, die gehen bei Ebay für fünf oder sechs Euro weg, obwohl sie in den jeweiligen Souvenirshops noch für zwei Euro erhältlich sind."

Fassen wir also zusammen: Eine Berliner Firma hat es geschafft, wertlose Geldscheine zu drucken, diese hunderttausendfach an Städte und Sehenswürdigkeiten zu verkaufen, woraus sich wiederum ein Markt für Sammler entwickelt hat, auf dem der Wert der Scheine nochmals steigt. Mit dem Ganzen soll dann das europäische Kulturerbe bewahrt werden.

Eine schönere Metapher auf die magische Welt des Kapitalismus hätten wir uns auch nicht ausdenken können.

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