Popkultur

Wie die Jugend von Havanna trotz Verbot skatet

Auf Kuba darf eigentlich keiner aufs Brett. Axel Auréjac hat Skater fotografiert, die trotzdem durch die Straßen von Havanna rollen.

von Paul Douard
22 Januar 2020, 3:49pm

Alle Fotos: Axel Auréjac 

Im Grunde wäre Havanna ein wahres Paradies für Skater. Die Sonne scheint das ganze Jahr, das Meer bildet eine wunderschöne Kulisse und in der kubanischen Hauptstadt wimmelt es nur so von abwechslungsreichen Spots. In Wahrheit ist Havanna aber das genaue Gegenteil: Skateboarden ist auf ganz Kuba verboten.

Dennoch gibt es auf der Karibikinsel eine Skateboard-Szene. Trotz vieler Schwierigkeiten – es gibt zum Beispiel keine Skate-Shops und die Polizei verhängt schnell Geldstrafen – wollen die Skateboarder und Skateboarderinnen ihre Leidenschaft nicht aufgeben. Hilfe bekommen sie dabei von Non-Profit-Organisationen und Spenden aus der ganzen Welt. So rollen sie jeden Tag durch die Straßen der kubanischen Hauptstadt und rebellieren auf ihre ganz eigene Weise gegen ein politisches System, das alles kontrollieren will. Der französische Fotograf Axel Auréjac hat die Skateboarder begleitet. Wir haben mit ihm über seinen Trip gesprochen.

Ein Skater auf einer Straße von Havanna
Der Skateboarder Alfonso im Barrio Chino

VICE: Wie kam dir die Idee für dieses Projekt?
Axel Auréjac: In Havanna gibt es zwei Non-Profit-Organisationen, die jungen Skateboardern weiterhelfen: Amigo Skate Cuba und Cuba Skate. Sie verteilen Skateboards und Zubehör an die Kids. Ich bin im Internet auf Amigo Skate Cuba gestoßen und war direkt neugierig. Dann beschloss ich, nach Havanna zu reisen.

War es schwer, Zugang zur Szene zu finden?
Anfangs ja, weil ich das Gefühl hatte, dass mir niemand vertraut. Ich war offensichtlich unerwünscht, viele Skateboarder wollten sich nicht fotografieren lassen. Erst nach ein paar Tagen wurde es besser. Um das Eis zu brechen, habe ich immer erzählt, warum ich Tausende Kilometer nach Kuba gereist bin, um dort zu fotografieren.


Auch bei VICE: Auf dem Skateboard durch Kuba


Ist die Szene von Havanna wie eine große Familie?
Nein. Sie ist quasi zweigeteilt. Zwischen Amigo Skate Cuba und Cuba Skate herrscht nicht gerade das beste Verhältnis, an den ganzen Skate-Spots war die Stimmung dementsprechend aufgeheizt. Da ich mit den Leuten von Amigo Skate Cuba abhing, wollten sich die Skateboarder von Cuba Skate nicht von mir fotografieren lassen.

Skater an einem Tisch, die Domino spielen
Domino gehört fest zur kubanischen Kultur. Auch die Skateboarder spielen das Spiel zwischen ihren Sessions

Wie schaffen es die kubanischen Skater, dem Verbot zu trotzen?
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, an ein Skateboard zu kommen: Entweder kennt man jemanden in Miami und lässt sich eins mitbringen. Oder man hofft darauf, dass eine der Non-Profit-Organisationen eine große Spende aus dem Ausland erhält.

Viele der Skateboarder würden am liebsten so schnell wie möglich weg aus Havanna. Wegen des durchschnittlichen Monatsgehalts von umgerechnet 20 Euro und der restriktiven Migrationsgesetze ist es allerdings sehr schwer, aus Kuba rauszukommen. Während die jungen Leute auf ihre Chance warten, die Welt zu erkunden, rebellieren sie mit Drogen, Partys, Graffitis und Skateboarden.

Ein Mann mit Skateboard spricht mit einem Mann in einem Auto
Roberto, ein talentierter Skateboarder aus Havanna, im Gespräch mit einem Anwohner

Wie hilft das Skateboarden den jungen Menschen in Havanna weiter?
Durch das Skateboarden können sie ihrem schwierigen Alltag entkommen. Junge Kubanerinnen und Kubaner wissen genau, dass ihnen viele Dinge vorenthalten werden. WLAN ist zum Beispiel erst vor ein paar Jahren auf die Insel gekommen. Sie wollen unabhängig und weltoffen sein, aber die Politik hindert sie daran.

Wenn man den ganzen Tag durch die Straßen skatet, entsteht automatisch ein Gemeinschaftsgefühl. Die Skateboarder bringen sich gegenseitig Tricks bei und entwickeln eine gemeinsame Haltung, zu der auch gehört, die Autorität der Polizei in Frage zu stellen.

Der junge Skateboarder und Fotograf Kevin skatet auf der Malecón – der Straße, die an der Küstenlinie Havannas entlangläuft
Der junge Skateboarder und Fotograf Kevin skatet auf der Malecón – der Straße, die an der Küstenlinie Havannas entlangläuft

Wie sieht eine typische Skate-Session in Havanna aus?
Normalerweise ist es so heiß, dass sich die Skateboarder erst spät nachmittags gegen fünf Uhr treffen. Der Hauptspot ist auf der La Rambla, einer großen Straße in der Altstadt. Die Skateboarder nehmen Tag für Tag mehr Raum ein, weil es immer mehr gibt.

Die Sessions selbst sind sehr lang und intensiv. Eine kleine Gruppe Skateboarder nimmt das Ganze auch richtig ernst, da gibt es kaum Pausen. Sie wollen wirklich gut werden und träumen davon, als Profi-Skateboarder aus Kuba wegzukommen. Trotzdem müssen sie immer auf die Polizei Acht geben. Das ist ein richtiges Katz-und-Maus-Spiel. Manche Skater werden aufs Revier mitgenommen, andere bekommen "nur" eine Geldstrafe und wieder andere sollen einfach nach Hause gehen.

Alfonso und Kevin auf der Straße, auf der Suche nach neuen Spots
Alfonso und Kevin auf der Suche nach neuen Spots

Kannst du mehr über die Beziehung zwischen der Polizei und den Skateboardern erzählen?
Es kommt natürlich immer auf die Polizei an. Manchmal machen die auch gar nichts. Allgemein sind sie immer in Gruppen unterwegs und bei der Bevölkerung recht gefürchtet. Eine Geldstrafe ist in etwa so hoch wie ein Monatsgehalt auf Kuba. Und niemand will ohne Geld dastehen.

Die meisten Skateboarder spielen aber lieber Spielchen mit der Polizei, statt zu gehorchen. Wenn sie von einem Spot weggeschickt werden, gehen sie kurz auseinander und treffen sich wenig später bei einem neuen Spot wieder. Es ist aber auch wirklich unfair: Alle anderen Sportarten wie Baseball, Fußball, Rollerskaten oder BMX-Fahren sind auf Kuba erlaubt. Nur das Skateboarden gilt als Ordnungswidrigkeit.

Kevin skatet durch eine schmale Straße auf Kuba
Kevin
Nick skatet in einem illegalen Skatepark, der in einem verlassenen Universitätsgebäude errichtet wurde
Nick skatet in einem illegalen Skatepark, der in einem verlassenen Universitätsgebäude errichtet wurde

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