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Wie sich Gamer mit psychischer Erkrankung weltweit Hilfe und Halt bieten

Seit Jahren organisiert sich die Gaming-Community in Selbsthilfegruppen. Ihr Zuspruch kann für psychisch Erkrankte manchmal Leben retten. Ein Besuch in einer dieser Gruppen zeigt, welche Verantwortung hier gemeinsam geschultert wird.

von Dominik Schott
02 Februar 2018, 4:29pm

Gemeinsam ist man stärker – das klingt nach einem ausgenudelten Spruch, stimmt aber trotzdem | Bild: Ubisoft

Eigentlich ist die Welt von For Honor blutig, matschig und erbarmungslos: Auf den mittelalterlichen Schlachtfeldern dieses Videospiels schlüpfen Spieler in die Rüstung von Wikingern, Rittern und Samurai, um sich mit brachialen Exekutionen gegenseitig die virtuellen Gliedmaßen abzureißen. Faris Khalifa aber sollte ausgerechnet in dieser unfreundlichen Spielwelt genau das finden, was ihm im echten Leben lange Zeit gefehlt hat: Verständnis, Geduld und ein offenes Ohr.

Eine schwierige Krankheitsgeschichte erreicht ihren Höhepunkt

Der 29-Jährige leidet seit seiner Kindheit unter Depressionen, Angststörungen und Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). An seiner Schule im englischen Liverpool wurde er als verwaistes Kind einer sudanesischen Flüchtlingsfamilie immer wieder zur Zielscheibe seiner Mitschüler. Er galt als Außenseiter, bekam Ess- und Schlafstörungen. Anfang 20 hat er schließlich erfolglos versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. Bis heute sei er suizidal und durchlebe regelmäßig emotionale Tiefphasen. Geprägt von dieser Biographie engagiert er sich seit Jahren als Redner und Autor dafür, das Stigma rund um psychische Erkrankungen einzureißen.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Abseits der Podien und Präsentationen musste Khalifa die Symptome seiner Erkrankung allerdings weitestgehend alleine ertragen. Obwohl er begeisterter Videospieler ist, war er nie auf eine der Online-Selbsthilfegruppen gestoßen, die für Menschen wie ihn da sind und ein offenes Ohr anbieten. So musste er sich vor etwa zwei Wochen auf eigene Faust durch die Symptome seiner psychischen Erkrankungen schlagen – ein Kampf, den er ohne die Hilfe eines unbekannten Mitspielers beinahe nicht überlebt hätte.

In einem Interview mit der britischen Boulevardzeitung Mirror erzählt der 29-Jährige, was ihm widerfahren ist: Mitte Januar traf er sich online mit einem anderen Spieler, den er erst kürzlich im Netz kennengelernt hatte, um gemeinsam For Honor zu spielen. Sein Mitstreiter bemerkte nach kurzer Zeit, dass sich Khalifa merkwürdig verhielt und hakte nach – das war überraschend, wie der 29-Jährige im Interview mit Mirror erklärte: "Wir hatten zuvor schon einige Male miteinander gespielt, aber er war dabei nie besonders gesprächig. In dieser Nacht muss er allerdings bemerkt haben, dass irgendwas nicht stimmte und fragte mich, ob es mir gut ginge."

Diese aufrichtige und interessiert klingende Nachfrage ermutigte Khalifa dazu, sein Schweigen zu brechen und sich dem unbekannten Mitspieler anzuvertrauen: "Ich war ehrlich zu ihm – und dann gestand er mir seine eigenen psychischen Probleme." Das unverhoffte Verständnis und vertraute Gespräch habe Khalifa an diesem Abend das Leben gerettet. "Ich kann gar nicht genug betonen, was für einen großen Unterschied das für mich gemacht hat, dass da jemand war, der mir zuhörte und mich so akzeptierte, wie ich bin."

Online-Selbsthilfegruppen als Kurort für die Psyche

Verständnisvolle Gespräche in einem sicheren Umfeld zwischen Gleichgesinnten ersetzen für Menschen mit psychischen Erkrankungen zwar keine Therapie oder ärztlichen Rat – und doch können sie das nagende Gefühl vertreiben, mit den eigenen Beschwerden alleine zu sein. Diese Erkenntnis ist auch in der Gaming-Community angekommen, die sich seit Jahren online in größeren und kleineren Selbsthilfegruppen organisiert.

NightHaven, benannt nach einer Kleinstadt in der fiktiven Rollenspielwelt von World of Warcraft, ist eine der größten Plattformen und Treffpunkte, die es für Spieler mit psychischer Erkrankung dort draußen gibt. Die Community von NightHaven zählt derzeit über 500 aktive Mitglieder, die täglich im offiziellen Subreddit, auf Facebook und vor allem in den verschiedenen Chat-Räumen des eigenen Discord-Servers miteinander in Kontakt treten können.

Die Startseite von NightHaven begrüßt Neuankömmlinge mit einem Link zum Discord-Server, dem Herz dieser Community | Screenshot: Motherboard | Projekt NightHaven

Motherboard hat auf dem Discord-Server dieser Selbsthilfegruppe unter anderem mit den Moderatoren und Gründern des Projekts, Dale und Brandon, gesprochen. "Mir wurde eine Depression diagnostiziert, kurz nachdem meine Schwester nach drei Jahren an ihrer Krebserkrankung starb. Sie war gerade einmal 12 Jahre alt", erzählt der 21-jährige Brandon, der die ursprüngliche Idee für NightHaven hatte: "Nach ihrem Tod war ich wirklich lange arbeitsunfähig, konnte nicht mal mehr mein Zimmer verlassen und las ununterbrochen unsere alten Chat-Verläufe nach." Schließlich entschied sich Brandon dazu, Hilfe zu suchen und sich vor seinem Umfeld nicht mehr zu verschließen. Das habe ihm maßgeblich geholfen – und zu der Idee inspiriert, einen Ort wie NightHaven aufzubauen.

"Ich und mein Freund 'Guy' haben dieses Projekt auf die Beine gestellt, um Menschen in schwierigen Zeiten nicht alleine zu lassen – wenn sie das Gefühl haben, mit ihren Problemen alleine zu sein und niemanden zu haben, mit dem sie reden können." Mit diesen Worten fasst der 21-jährige Gründer die Idee von NightHaven zusammen, die mittlerweile noch weit mehr, als "nur" ein offenes Ohr zu bieten hat: Regelmäßig organisiert die Gruppe gemeinsame Karaoke- und Filmabende oder auch Diskussionsrunden über Lieblingsmusik und Lieblingsbücher.

Mitmachen dürfen alle, sofern die Regeln der Gruppe eingehalten werden. Die lassen sich mit dem einfachen Credo "Respektiert einander und seid verständnisvoll" zusammenfassen – und die Moderatoren schrecken nicht davor zurück, Verstöße gegen diese Richtlinien zu bestrafen, wie mir Gründer Brian erklärt: "Wir als Community haben durchaus schon Erfahrungen mit Trollen gemacht. Wir halten uns dabei an ein einfaches System: Wir sprechen drei Verwarnungen aus, anschließend wird die jeweilige Person aus der Gruppe entfernt." Verhält sich ein Mitglied allerdings besonders schlimm und auffällig, könne sie unter Umständen aber auch direkt aus NightHaven verbannt werden.

Ein ehrliches Gespräch mit Profis: MysteryPrincess schultert tonnenweise Verantwortung

Neben den Moderatoren gibt es noch eine weitere Gruppe, die in den Chat-Räumen des NightHaven-Discords unterwegs ist und eine sehr wichtige, aber auch fordernde Aufgabe übernimmt: Die sogenannten "Supports", also "Unterstützer", suchen gezielt Gespräche im Stil einer Seelsorge mit den Mitgliedern der Gruppe, die eine besonders schwere Phase durchleben oder ausdrücklich um ein offenes Ohr gebeten haben.

"Ob Depressionen, Beziehungsprobleme oder auch Fälle von häuslicher Gewalt – wir schultern diese Verantwortung und hören zu."

Zu diesen "Supports" gehört auch "Mystery Princess". Die Studentin aus England möchte zum Schutz ihrer Privatsphäre nur mit ihrem Nickname vorgestellt werden, der für Dutzende NightHaven-Mitgliedern zu einem Synonym der Hoffnung geworden ist: "Wir 'Supports' haben die Verantwortung, angemessen und verantwortungsbewusst auf die Probleme unserer Community-Mitglieder einzugehen – das betrifft sowohl alle möglichen Formen psychischer Erkrankungen, Beziehungsprobleme aber auch beispielsweise Fälle von häuslicher Gewalt", erklärt mir die junge Frau.

Die Selbsthilfegruppe ersetzt keine Therapie – hilft aber trotzdem

Dabei betont "Mystery Princess" immer wieder, dass sie und ihre Kollegen sehr wohl wissen, dass sie keine ausgebildeten Psychologen sind. Daher konzentrieren sich die "Supports" darauf, zuzuhören, nachzufragen und empathisch zu reagieren, statt wirklich mit therapeutischer Methodik zu arbeiten. Und im Zweifelsfall gebe es ein internes Regel- und Verhaltensbuch, das "Supports" auch während besonders anspruchsvoller Gespräche die richtigen Handlungsanweisungen geben soll.

Dabei hilft sicherlich auch, dass diese Seelsorger selbst eine gute Vorstellung davon haben, was ihr Gegenüber gerade durchmacht, wie mir "Mystery Princess" erklärt: "Wir, unser gesamtes Team, haben ausnahmslos am eigenen Leib erfahren müssen, wie psychische Erkrankungen ein Leben beeinflussen können. Wir kennen diesen inneren Kampf und hoffen, dass wir Betroffenen in diesen schwierigen Phasen beistehen können und wenn nötig sogar den Anstoß zu einer therapeutischen Behandlung geben können."

In einer Gemeinschaft, die zusammenhält, könne man selbst schwierigste Zeiten erfolgreich durchstehen – dieser Meinung sind nicht nur "Mystery Princess" und NightHaven, sondern auch Faris Khalifa, dessen Leben von einem Mitspieler gerettet wurde. Und dazu war nicht mehr nötig, als ein offenes Ohr und ein ehrlich gemeintes "Geht es dir gut?" – eine Frage, die in der "echten Welt" wohl leider viel zu selten gestellt wird.