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E.ON und Vattenfall nutzen Windkrafttechnik von Firma, die Zwangsarbeiter aus Nordkorea beschäftigte

Motherboard-Recherchen enthüllen ein Zwangsarbeitssystem kurz hinter der deutschen Grenze. Hier schweißen Nordkoreaner Stahlteile, die wohl in den Windparks vieler deutscher Großkonzerne verbaut wurden. Die Devisen finanzieren Kim Jong-uns Atombombe.

von Max Hoppenstedt und Sebastian Weis
06 Februar 2018, 3:24pm

Der E.ON Windpark Rødsand II | Pressebild E.ON | Rechts: Ein Nordkoreaner beim Schweißen auf einem Werftgelände in Polen, das zur Partner-Werft gehört | Bild: A&O Büro

Dieser Text ist Teil unseres Themenschwerpunkts über nordkoreanische Zwangsarbeiter.

Sechs Stunden schweißen die Arbeiter schon an einem Schiffsrumpf, als der Werftchef an ihnen vorbeischlendert. An diesem Sommertag zeigt das Thermometer in der Mittagshitze auf dem abgelegenen Gelände am Rande des Stettiner Hafens in Polen 35 Grad. Auf der Werft schweißen auch Nordkoreaner. Die Arbeiter schwitzen stark, immer wieder fallen ihnen einzelne Tropfen von der Stirn. Die Nordkoreaner haben ihre Unterkunft an diesem Morgen wie jeden Wochentag pünktlich um 5:15 Uhr in einem VW-Bus mit getönten Scheiben verlassen. Schichtbeginn für die Männer in der abgewetzten orangefarbenen Arbeitskluft: sechs Uhr. Der polnische Werftchef Piotr Żabiński, der mit seiner Firma J.M.A. auf dem Werftgelände Schiffe montieren lässt, weiß genau, was er an den asiatischen Schweißern hat: "Sie sind sehr fleißig", erklärt er seinen Besuchern, die er über das Werksgelände führt. "Wenn Sie Polen fragen, ob sie am Samstag oder Sonntag kommen, heißt es: 'Nein, ich muss trinken.' Wenn Sie die fragen, sagen sie: Ja, kein Problem. Die kommen auch mitten in der Nacht."

Die Besucher, das sind Undercover-Journalisten, die dem Verdacht nachgehen wollen, dass die Werft Zwangsarbeiter beschäftigt. Hätten sie sich zu erkennen gegeben, hätten sie nie die Einblicke in das geheime Ausbeutungssystem bekommen, das die nordkoreanischen Schweißer an den Stadtrand Stettins geführt hat. Der Besuch in der Werft ist der Höhepunkt einer monatelangen Recherche von Motherboard und von Journalisten der Arte-Dokumentation "Dollar Heroes". Offiziell streitet Piotr Żabiński ab, irgendetwas mit nordkoreanischen Arbeitern zu tun zu haben oder in seiner Firma Nordkoreaner zu beschäftigen.

Die beteiligten polnischen Firmen produzieren nicht für ihren heimischen Markt, sondern fürs europäische Ausland. Am Ende der Lieferkette landen ihre Produkte in Holland, Norwegen, Großbritannien und auch in Deutschland. Die Partner-Werft (polnisch Stocznia Partnerska) in Stettin, auf der die Nordkoreaner arbeiten, hat zahlreiche Schiffe für die Duisburger Binnenschifffahrtsreederei Imperial gebaut. Eine andere Stettiner Firma, die Nordkoreaner beschäftigt hat, fertigt Stahlbauten für Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee: JW Steel.

Der Stromkonzern E.ON verbaut in einem Windpark 35 Kilometer vor der Küste Rügens Bootsanleger dieser Firma. Auch für Windparks von EnBW, Vattenfall, den Stadtwerken München und dem Bremer Offshore-Großkonzern wpd hat die Stettiner Firma laut eigenen Angaben Technik und schwere Stahlteile geliefert. E.ON-Sprecher Markus Nitschke sagte auf Anfrage, man verpflichte alle Zulieferer vertraglich, Richtlinien einzuhalten, die Menschenrechtsverstöße oder Zwangsarbeit verbieten. "Wir werden dem Vorgang nachgehen", sagte Nitschke. Der Bremer Offshore-Konzern wpd sagte, dass man von Zwangsarbeitern bei JW Steel nichts gewusst habe.

Vattenfall-Sprecher Stefan Müller bestätigte, über einen Zulieferer Teile für den Windpark Sandbank von JW Steel bezogen zu haben. Man könne aber ausschließen, dass Nordkoreaner an Teilen geschweißt haben, die im Sandpark-Windpark vor der Küste Sylts gelandet sind. "Wir nehmen das Thema sehr ernst und haben intensiv unsere Listen aller Mitarbeiter geprüft", sagte Sprecher Stefan Müller. Vattenfall antwortete auf unsere Anfrage auch im Namen der Stadtwerke München, mit denen der Energiekonzern den Sandbank-Windpark zusammen betreibt. EnBW wollte sich auf Anfrage bisher nicht zu den Recherchen von Motherboard äußern.

Nordkoreanische Arbeiter auf dem Gelände der Partner-Werft in Stettin | Bild: A&O Büro. Verwendet mit freundlicher Genehmigung der Arte-Dokumentation Dollar Heroes

Laut Motherboard vorliegenden Dokumenten verdienen nordkoreanische Arbeiter in Stettin offiziell einen Monatslohn von 2.000 Zloty, was nach aktuellem Wechselkurs 480 Euro entspricht. Ausgezahlt wird der Lohn an die Strohfirma Redshield, die von vier Nordkoreanern in Polen geleitet wird. Dort sind die Schweißer offiziell angestellt und versichert.

Mehrere Nordkoreaner, die in anderen Betrieben in Polen arbeiten, berichten gegenüber Motherboard übereinstimmend, dass der Lohn bei ihnen nie ankommt. Tatsächlich erhalten sie nur zwischen 80 und 100 Euro im Monat. Manchmal, so beklagen sie, werden sie mehrere Monate gar nicht bezahlt. Den Rest des Geldes behalten nordkoreanische Sicherheitsleute als sogenannte Revolutionssteuer ein. Geld, das Diplomaten dann aus Polen zurück nach Nordkorea schmuggeln, und das dort vom Kim-Clan verteilt wird: Es finanziert den Luxus der Elite, das Militär – und den Bau der Atombombe, wie ein hochrangiger nordkoreanischer Ex-Diplomat gegenüber Motherboard erklärt.

Die Nordkoreaner wohnen direkt neben dem Werkstor einer Stahlfirma

Wer die nordkoreanischen Schweißer sehen will, muss vorbei an grauen Mietskasernen und endlosen Hafenanlagen bis an den nördlichen Stadtrand Stettins fahren. Bevor das Industriegebiet in einen Wald übergeht, biegt rechts ein einspuriger Kopfsteinpflasterweg mit tiefen Schlaglöchern ab. Über Gleise für Güterzüge und vorbei an sowjetischen Fabrikruinen führt der Weg auf das karge Gelände der Partner-Werft.

Direkt vor dem Werkstor der Werft steht ein weißer Bau. In einem der Fenster zeichnen sich vier direkt aneinandergestellte, schmale Doppelstockbetten ab. "Das ist unser Hotel für die Jungs", sagt Werftchef Żabińsk. "Wenn sie in der Stadt wohnen würden, wüsste ich nicht, ob sie nach dem Wochenende den Weg zurückfinden. Hier auf dem Werftgelände ist alles unter Kontrolle."

An diesen Ruinen und alten sowjetischen Fabrikhallen muss man vorbeifahren, wenn man die Unterkunft der nordkoreanischen Schweißer sehen will | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard
Die Unterkunft der Nordkoreaner unmittelbar vor dem Tor der Partner-Werft. Oben rechts sind die eng aneinander gestellten Doppelstockbetten zu erkennen | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

An einem anderen Sommertag stehen die Nordkoreaner nach Feierabend auf dem staubigen Parkplatz vor ihrer Unterkunft und rauchen. Am Wochenende soll jeder Arbeiter einen halben Liter Wodka und drei Bier bekommen. Das berichtet zumindest der Wachmann der Partner-Werft, der seinen Posten in dem Gebäude hat. "Das ist ihre Unterhaltung, um etwas abzuschalten."

Mit den Nordkoreanern über ihr Leben in Polen zu reden, ist nur heimlich und unter großem Aufwand möglich. Den Journalisten der Arte-Dokumentation "Dollar Heroes" und Motherboard-Redakteuren ist dies nach mehreren Monaten dennoch gelungen. Einer der ersten Sätze, den die Arbeiter auf koreanisch gegenüber den Journalisten sagen: "Ich darf nicht mit euch sprechen."

Exklusive Bilder aus dem Leben nordkoreanischer Zwangsarbeiter in Polen

Manche nordkoreanischen Arbeiter leben seit zehn Jahren in Polen, jeder bleibt mindestens drei Jahre, berichten uns die Arbeiter übereinstimmend. Gelegentlich dürfen sie ihre Familien besuchen, doch jeglicher Heimatbesuch müsste bewilligt werden. Außer zum Arbeiten und Lebensmittel Kaufen verlassen die meisten Nordkoreaner ihre Unterkunft fast nie. "Ich würde mich so gerne frei bewegen und treffen, wen ich möchte", berichtet ein Arbeiter, mit dem wir in einer anderen polnischen Großstadt sprechen. Neben den Schweißern schickt das nordkoreanische Regime auch Aufpasser aus dem Geheimdienst nach Polen. Jedes Mal, wenn die Nordkoreaner in einem ihrer VW Busse mit getönten Scheiben durch Stettin fahren, sitzt einer von ihnen auf dem Beifahrersitz. Wenn sie ein verdächtiges Auto in der Nähe ihrer Unterkunft ausmachen, notieren sie sofort das Nummernschild. Die Aufpasser sind auch aus der Ferne leicht auszumachen: Sie tragen Hemden, Lederjacken, neue Jeans und saubere Schuhe; die Schweißer einfache, abgewetzte Klamotten. Manchmal sieht man sie sogar im kalten polnischen Winter nur im dünnen Pullover oder im Unterhemd.

Ein nordkoreanischer Arbeiter kommt aus der Unterkunft neben der Partner-Werft | Bild: A&O Büro

Kaum einer der im Ausland arbeitenden Nordkoreaner traut sich zu flüchten. "Wenn man abhaut, zahlt die ganze Famillie den Preis", sagt ein Arbeiter. Ausgewählt werden die Männer für ihren Auslandseinsatz nur, wenn sie in Nordkorea eine Frau und ein, besser zwei Kinder haben. Wegen dieser Arbeitsbedingungen bezeichnen Wissenschaftler, wie der niederländische Koreaexperte Remco Breuker, das in Polen aufgebaute System in ihren Veröffentlichungen als Zwangsarbeit: "Nordkorea ist letztlich die größte illegale Arbeitsagentur der Welt", sagt Breuker.

Nordkoreaner schweißen auch Stahlteile für Offshore-Windparks

Neben der Partner-Werft haben nordkoreanische Arbeiter bis vor Kurzem für andere polnische Firmen gearbeitet, eine davon: das Stahlbauunternehmen JW Steel. Das bestätigen mehrere Mitarbeiter der Firma und auch einer der Geschäftsführer, Waldemar Dolgopol, gegenüber Motherboard. JW Steel fertigt Stahlteile, die für Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee genutzt werden. Manche der Teile werden als Bootsanleger an den Fundamenten der Windräder angebracht, andere dienen als riesige Metallbefestigungen, um Windräder und Fundamente für die 40 Meter hohen Türme auf Transportschiffen zu verankern.

Das Gelände von JW Steel liegt nur wenige Autominuten von der Partner-Werft entfernt. Unscheinbar am Ende einer Sackgasse zwischen einer Kleingartensiedlung und einem Fußballplatz stehen die großen Werkshallen, aus denen ab 7 Uhr der Lärm der Schweißmaschinen dröhnt. In einem Einfamilienhaus direkt neben dem Fabrikgelände des Stettiner Mittelständlers brennt jeden Morgen schon früher Licht: Im dem grauen Haus mit der Nummer 71 wohnen mehrere Nordkoreaner. Vor der Tür parkt ein weißer Bus mit getönten Scheiben.

Eine weitere Unterkunft von Nordkoreanern in Stettin. Direkt rechts neben dem Haus beginnt das Werksgelände der Firma JW Steel. Auf der Straße werden nahezu jeden Tag schwere Stahlteile verladen, die bei der Firma geschweißt werden | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Der Eingang zum zweigeschossigen Haus liegt versteckt im Garten, die Gardinen und Rolladen sind an allen Fenstern rund um die Uhr zugezogen. Auf der Straße sieht man die Nordkoreaner fast nie. Trotzdem kennt fast jeder, der hier wohnt oder bei JW Steel arbeitet, eine Geschichte oder Gerüchte über die Nordkoreaner: "An Sonntagen habe ich schon gesehen, wie sie in Zweierreihen hier auf der Straße auf- und abmarschieren und koreanische Lieder singen", berichtet zum Beispiel ein Nachbar. "Manchmal hören wir, wie ihr Chef sie anbrüllt und so einschüchtert, dass sie danach heulen", sagt ein anderer. "Sie können nur einen einzigen Satz Polnisch", erzählt die Verkäuferin eines kleinen Kiosks, bei dem die Nordkoreaner manchmal eingekauft haben sollen. "'Guten Tag, Sie sehen heute sehr gut aus.' Jedes Mal wenn sie in meinen Kiosk kommen, begrüßen sie mich mit diesem. Jeder Einzelne von ihnen hat den Satz wiederholt", sagt die Verkäuferin, deren Laden dreihundert Meter vom Haus Nummer 71 entfernt liegt.

Die Nordkoreaner sind nicht direkt bei der polnischen Firma angestellt – sondern bei einem Subunternehmer

Der Chef von JW Steel erklärte auf unsere Anfrage, dass seine Firma nie direkt Nordkoreaner beschäftigt habe. Man habe sie durch das Subunternehmen Redshield in den Betrieb geholt. Motherboard vorliegende Dokumente beweisen, dass die Firma Redshield ausschließlich Nordkoreaner beschäftigt. Geschäftsführer sind vier Nordkoreaner, die in Stettin in eigenen Wohnungen leben.

Keiner der von Redshield angestellten Arbeiter verdiente offiziell mehr als 500 Euro pro Monat. Die nordkoreanischen Chefs von Redshield preisen ihre Arbeiter als besonders flexibel und fleißig an: "Unsere Jungs können auch vier Wochen durcharbeiten. Und wenn es mal elf Stunden pro Tag sein müssen, ist das auch kein Problem."

Der Chef von JW Steel wollte sich offiziell nicht zu den Arbeitsbedingungen der Nordkoreaner äußern, zu möglichen Verstößen gegen Arbeitsgesetze oder den Vorwurf, dass die Firma indirekt das nordkoreanische Atomprogramm unterstütze. Über welchen Zeitraum sie für das Unternehmen gearbeitet und an welchen Projekten sie konkret geschweißt haben, wollte er ebenfalls nicht sagen. Der Grund: Seine Firma habe ja nie direkt Nordkoreaner angestellt.

Inzwischen habe man die Zusammenarbeit aber beendet, erklärt der JW Steel-Chef. "Es gibt Sanktionen der UN. Wir sind ja keine Barbaren, da fügen wir uns", sagte Dolgopol, als wir ihn vor seinem Haus treffen. "Soweit ich weiß, organisieren sie gerade Flugtickets. Bis Ende Januar sollen sie aus Polen abfliegen." Wann genau die Nordkoreaner JW Steel verlassen haben sollen und wieviele es waren, sagt er nicht.

Das Eingangstor zum Werksgelände von JW Steel | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard
Fertig geschweißte Teile warten vor der Werkshalle von JW Steel darauf, von LKWs abgeholt zu werden | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Laut Dolgopol haben die Nordkoreaner nie an Projekten für ausländische Kunden gearbeitet. Sowohl auf der polnischsprachigen als auch auf der englischen Website führt die Firma allerdings nur ausländische Kunden an.

Auf Fotos und YouTube-Videos präsentiert JW Steel stolz die Kunden und Offshore-Windparks, bei denen die von der Firma gefertigten Teile zum Einsatz kommen. Neben Schweißern mit Schutzmasken über dem Gesicht und Aufnahmen großer Stahlkonstruktionen stehen dort die Namen der Offshore-Windparks EnBW Baltic 2, Butendiek, Sandbank, Horns Rev 3, Wikinger oder Race Bank. Sie werden von deutschen Konzernen wie Vattenfall, von den Münchner Stadtwerken, dem dänischen Staatsunternehmen Ørsted, dem größten spanischen Stromproduzenten Iberdrola oder dem schottischen Großkonzern SSE betrieben.

Über Zulieferer kaufen auch deutsche Konzerne bei der Firma, die Zwangsarbeiter beschäftigt

In den kleineren Windparks rotieren mindestens 30 Windräder, in größeren sogar mehr als 90. Jede einzelne Anlage kann laut Angaben der Betreiber zwischen 300.000 und 400.000 Kunden mit grünem Strom versorgen. Ohne die Windräder in der Nord- und Ostsee würde die deutsche Energiewende vermutlich nicht funktionieren. Auch die Politik weiß um ihre Bedeutung: Als die EnBW-Anlage Baltic 1 ans Netz ging, erschien Kanzlerin Angela Merkel persönlich. Zur Einweihung des aus Polen belieferten Offshore-Windpark Butendieks im September 2015 hielt der Grünenpolitiker Jürgen Trittin die Festrede: "Butendiek setzt die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien fort. Eine Erfolgsgeschichte nicht nur für Deutschland – sondern für die Welt", sagte der ehemalige Umweltminister über den Windpark vor der Sylter Küste.

Luftaufnahme des Vattenfall-Windparks Sandbank. JW Steel erklärt auf der eigenen Website, dass man auch für diese Anlage Teile zugeliefert habe | Bild: Imago | Lars Berg

Der Bau solcher Offshore-Windparks kostet die Firmen mehrere hundert Millionen Euro und dauert Jahre. Die Stromkonzerne beauftragen Zulieferer, die wiederum Teile bei anderen Zulieferern einkaufen. Eine Firma wie JW Steel bekommt ihre Aufträge also nicht direkt von den Betreibern der Windparks – erst über Generalunternehmer oder andere Zulieferer landen die in Polen gefertigten Teile schließlich in den Windparks in der Nord- und Ostsee.

Das dänische Stahlbauunternehmen Bladt Industries spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die Firma ist nach eigenen Angaben Zulieferer für alle hier genannten Windparks. Firmensprecherin Tenna Hørbny bestätigte auf Anfrage, dass Bladt Industries tatsächlich für verschiedene Projekte mit JW Steel zusammengearbeitet habe. "Wir haben aber alle rechtlichen Vorgaben und Regularien eingehalten", erklärte Hørnby per E-Mail.

Seit Kurzem sollen die Nordkoreaner nicht mehr in der Stahlfirma arbeiten

Auch für den EnBW-Windpark Baltic 2, für die E.ON-Anlage Arkona und für den vom Bremer Konzern wpd betrieben Windpark Butendiek, habe die dänische Firma Teile bei JW Steel eingekauft, wie ein Bladt Industries-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, gegenüber Motherboard erklärte.

Das Unternehmen soll vor rund drei Monaten aber auch dafür gesorgt haben, dass bei JW Steel jetzt keine Nordkoreaner mehr arbeiten. Das berichten zumindest zwei polnische Arbeiter von JW Steel gegenüber Motherboard.

Lest hier mehr zum Fall Arkona und was E.ON und die anderen deutschen Konzerne zu den nordkoreanischen Zwangsarbeitern bei JW Steel sagen

Blick auf das Haus Nummer 71. Hier wohnen die Nordkoreaner direkt neben dem Werksgelände von JW Steel | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Auch in anderen polnischen Firmen werden Nordkoreaner nicht mehr lange arbeiten können. Kurz vor Weihnachten hat das polnische Parlament eine Verschärfung des Arbeitsrechts beschlossen: Die Nordkoreaner müssen das Land verlassen, sobald ihre Arbeitsvisa ablaufen. Es ist das erste Mal, dass die polnische Regierung etwas unternimmt, um das System der nordkoreanischen Zwangsarbeiter zu beenden – mehr als drei Jahrzehnte lang haben die polnischen Behörden Arbeitsvisa an Nordkoreaner vergeben, gültig für mehrere Jahre. Teilweise mehrere Hundert im Jahr, auf dem Höhepunkt der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Nordkorea im Jahr 2010 sollen es laut Wall Street Journal sogar 815 Visa gewesen sein.

Auch der UN-Sicherheitsrat geht von Verbindungen zwischen den nordkoreanischen Zwangsarbeitern und dem Atomprogramm aus

Mit der neuen Regelung folgt Polen, das im Januar einen Sitz im UN-Sicherheitsrat übernommen hat, den zeitgleich in New York beschlossenen verschärften UN-Sanktionen. Diese verlangen, dass alle im Ausland arbeitenden Nordkoreaner bis Ende 2019 in ihre Heimat zurückkehren müssen. Der Grund für die Sanktionen: Die UN möchte Nordkorea unbedingt am Bau der Atombombe hindern und nimmt an, dass die Devisen aus dem Arbeitsprogrammen nicht nur in den Erhalt des Regimes allgemein fließen, sondern auch in das Atomprogramm von Diktator Kim Jong-un. Im Gespräch mit Motherboard bestätigt auch der hochrangigste Nordkorea-Experte der UN, dass der UN-Sicherheitsrat von einer Verbindung zwischen den Einnahmen der Arbeiter und dem Nuklearprogramm ausgeht. "Es ist schlecht für die Welt, dass all das Geld, das die Arbeiter verdienen für das Atom- und Raketenprogramm eingesetzt werden kann", so Hugh Griffiths im Gespräch mit Motherboard.

Arbeiter auf dem Gelände der Partner-Werft | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Werftchef Piotr Żabiński kennt die Sanktionen. "Es wird immer schwieriger, Nordkoreaner anzustellen, aber hier in Polen ist es noch möglich", erklärt er noch im Sommer 2017 vor der jüngsten Verschärfung der Sanktionen. "Man sagt, dass dadurch das Regime unterstützt wird", sagt Żabiński. Trotzdem rechtfertigt er, dass auf seiner Werft Nordkoreaner schweißen: "Wenn die einfachen Arbeiter etwas davon haben, ist das doch auch schon was. Sie bekommen ein paar Zloty und ein paar Dollar und das hilft auch der ganzen Familie dort." Ob sie wirklich etwas von dem Geld abbekommen, da ist auch Żabiński sich nicht sicher.

Ein geflohener hochrangiger Diplomat berichtet, dass das Geld in Nordkoreas Atomprogamm fließt

Internationale Experten sind sich einig, dass die im Ausland erwirtschafteten Devisen für das Regime lebensnotwendig sind – und dass nur ein Bruchteil des eigentlichen Lohns bei den Familien der Arbeiter ankommt. Das bestätigt auch der ehemalige hochrangige Diplomat Young-Ho Tae. Allerdings ist es kaum möglich, die Verbindung zwischen dem Zwangsarbeitssystems und dem Atomprogramm endgültig nachzuweisen. "Solche Dokumente haben bei den zuständigen Behörden in Nordkorea die höchste Geheimhaltungsstufe", sagt der inzwischen in Seoul lebende Tae in einem Interview für die Dokumentation "Dollar Heroes". Seit Tae von seinem Dienst als stellvertretender nordkoreanischer Botschafter in London geflohen ist, droht Nordkorea ihn zu ermorden. Aktuellen Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen zufolge hält das Regime rund 100.000 Menschen als politische Häftlinge gefangen, allein seit dem Amtsantritt von Kim Jong-un soll die Führung mehr als 300 Menschen ermorden lassen haben.

Unter hohen Sicherheitsauflagen treffen wir den Diplomaten an einem geheimen Ort. Erstmals spricht er mit Journalisten darüber, wie sich das Regime mit Hilfe der Zwangsarbeiter finanziert. "Wenn das Geld, dass die Nordkoreaner im Ausland beschaffen, für eine friedliche, wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt worden wäre, würde es der Wirtschaft Nordkoreas heute viel besser gehen", sagt Tae im Interview. "Wo ist also all das Geld gelandet? Natürlich finanzierte es den privaten Luxus der Kim-Familie, die Armee und das Atomprogramm." Ein Großteil der Bevölkerung in Nordkorea lebt in bitterer Armut.

Nordkoreaner gehen nach ihrer Einkaufstour mit neuen Reisekoffern zurück in das Einfamilienhaus mit der Nummer 71 | Bild: Rebecca Rütten | Motherboard

Vom Einfamilienhaus, das direkt neben dem Firmengelände vom Windpark-Zulieferer JW Steel steht, fährt der weiße VW Bus Ende Januar mit einer Gruppe Nordkoreaner Richtung Innenstadt. Nach wenigen Minuten erreicht der Bus mit den getönten Scheiben ein großes Einkaufszentrum. Die Männer wirken erleichtert und ausgelassen, machen Witze während ihrer Shopping-Tour. Neunzig Minuten später kommen sie zurück zu dem grauen Haus mit der Nummer 71: Als sie aus dem Bus steigen, trägt jeder von ihnen einen großen, neuen Reisekoffer zurück in das Haus.

Filmemacher der Dokumentation "Dollar Heroes": Tristan Chytroschek, Carl Gierstorf, Katarzyna Tuszynska. & Sebastian Weis.