Schon wieder Wahlen!!!

Ursula Stenzel stört die Enthüllung​ einer jiddischen Gedenktafel in Wien Leopoldstadt

Ein anderes FPÖ-Mitglied hat in der Zwischenzeit auf WhatsApp Fotomontagen von sich neben Nazi-Größen verschickt. Alles wie immer, eigentlich.

Könnt ihr euch noch erinnern, als Bill Gates damals Windows 98 präsentierte und der PC in den blauen Bildschirm des Todes wechselte? Vermutlich nicht, aber zur Auffrischung: Die Menge tobte vor Lachen, der Bildschirm wurde so schnell wie möglich ausgeschaltet, Bill Gates hielt sein Kinn fest, aber der Schaden war bereits angerichtet und die Peinlichkeit für immer auf Video festgehalten.

Ziemlich genau so geht es Österreich gerade mit seinem Wahlkampf. Am liebsten würden wir unseren ausländischen Beobachtern (und auch einander, wenn wir schon dabei sind) ständig nur zurufen: "Weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen!" Aber während wir das sagen, wirken wir doch nur wie diese eine Stelle in Die Nackten Kanone, bei der Leslie Nielsen die Leute zum Weitergehen auffordert, während hinter ihm ein ganzes Haus explodiert.

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Alles Weitere steht im Wahl-Tagebuch. Hier könnt ihr alle Einträge bis zurück zum 1. September nachlesen.


12. 10. 2017:
Facebook hilft beim Wählen, Stenzel hilft beim Wahlkämpfen, Kurz vs. Kern hilft beim Wähler-Frustrieren, Plazenta-Essen hilft bei genau gar nichts

Liebes Tagebuch,
heute veröffentlichte die Medizinische Universität Wien eine Pressemitteilung mit dem Hinweis, dass sich Plazenta nicht als Superfood eignet – und ich kann nicht anders, als es politisch zu verstehen. Vor allem, weil die Med-Uni nicht nur darauf hinweist, dass die Plazenta ein Abfallprodukt ist, sondern, wie der Gynäkologe Alex Farr sagt: "Nachdem die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen der Plazenta an Kannibalismus." Boom!

Könnte es sein, dass nicht nur die Revolution ihre Kinder frisst, sondern auch wir? Sind wir die Revolution? Wollten wir eigentlich den Aufbruch, die Veränderung, das Aufbegehren – und haben uns am Ende selbst statt einer neuen toleranten Gesellschaft eine Terrorherrschaft errichtet, genau wie in Georg Büchners Theaterstück Dantons Tod, wo das Zitat "Die Revolution frisst ihre Kinder" herkommt?

Der Wahlkampf ist inzwischen zu einem Rorschach-Test geworden und ich habe Angst davor, was das alles über mich aussagt. Dantons Tod wurde übrigens erst 68 Jahre nach seiner Veröffentlichung uraufgeführt, weil es lange als unspielbar galt. 68 Jahre! Revolution!! Versteht ihr!!! Die Presseinfo geht aber noch weiter: "Das Baby einer Mutter, die Plazentakapseln gegessen hatte, erlitt mehrmals eine lebensbedrohliche Blutvergiftung durch Streptokokken." Wie das jetzt zum Revolutionsvergleich passt, weiß ich auch nicht, aber ich schätze, die Moral hat irgendwie body-horror-mäßig mit Soylent Green zu tun ("Soylent Green is people!").

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Auch auf VICE: 10 Fragen an Roland Düringer, G!LT


Gestern fand außerdem das letzte TV-Duell zwischen Sebastian Kurz und Christian Kern statt. Endlich. Laut Kern ist klar, dass einer der beiden der nächste Kanzler wird. Laut Wikipedia ist ein Duell übrigens "ein freiwilliger Zweikampf mit gleichen, potenziell tödlichen Waffen […], um eine Ehrenstreitigkeit auszutragen. Das Duell unterliegt traditionell festgelegten Regeln. Duelle sind heute in den meisten Ländern verboten." Das mit den traditionell festgelegten Regeln wäre zumindest eine Idee. Das mit den tödlichen Waffen vielleicht auch. Von der Ehre will ich lieber gar nicht erst anfangen. Und das mit dem Verbot … eh auch.

Ich will dich hier nicht mit einer Nacherzählung der 42. TV-Konfrontation langweilen, drum exemplarisch nur zwei Sätze aus der Sendung (es ging ursprünglich um Kampagnen-Großspender der ÖVP):

Kern: "Den Leuten bleibt viel zu wenig netto von ihrem Brutto übrig."
Kurz: "Tal Silberstein sitzt im Gefängnis und das Dirty-Campaigning hört nicht auf."

Mein Highlight war übrigens Christian Kerns Mappe mit einem Aufkleber seiner Tochter drauf. Auch kalkuliert, klar, aber zumindest netter als das restliche leidige House of Cards-Spiel. Lasst uns mehr über diese Mappe reden. Es ist eine schöne Mappe, mit einem sehr lieben Gesicht in Herzform. Weißt du, wer auch ein Gesicht in Herzform hat? Sebastian Kurz. Ich kann das Foto hier aus rechtlichen Gründen nicht zeigen, aber wenn ihr einfach hier klickt und euch ein Herz dazu denkt, das seine zwei Flügel dort hat, wo bei Kurz die Ohren liegen, und das in Kurz' Kinnspitze zusammenläuft, werdet ihr mir sicher zustimmen.

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Womit wir wieder beim freien Assoziieren wären. Und damit auch bei all den Meldungen der letzten paar Stunden, die mein wahlgeschwächtes Herz ein bisschen angeknackst haben. Da ist zum einen Peter Puller, der Mitarbeiter von Tal Silberstein, der mit einem zwielichtigen Lügendetektor-Test auf YouTube beweisen wollte, dass die ÖVP ihm 100.000 Euro für einen Seitenwechsel geboten habe. Das Ganze war so "shady", dass Puls4 die Geschichte gleich ganz fallen ließ und Der Standard auch nur abfällig darüber berichtete.

Dann ist da ein FPÖ-Nationalratskandidat, der auf WhatsApp Fotomontagen von sich versendet hat, die ihn neben Nazi-Größen unter anderem bei den Nürnberger Prozessen zeigen. Wie DerStandard.at berichtet, hat er das Ganze auch noch mit dem Text "Don't cry because it's over, smile because it happened" versehen.

Und dann ist da außerdem noch Ursula Stenzel. Grundgütiger Gott. Die ehemalige Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, die sich selbst als "politisches Animal" bezeichnet, hat im 2. Bezirk die Enthüllung einer jiddischen Gedenktafel gestört: Zuerst musste sie explizit erwähnen, dass die FPÖ die Initiative unterstützt habe, dann beschwerte sie sich, weil sich der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch ziemlich deutlich gegen die FPÖ aussprach; ein Affront, der im Protokoll gar nicht vorgesehen war!

(Ein Freund von mir sagt gerne, Stenzel wäre mit ziemlicher Sicherheit auch die einzige, die einen "Heil Hitler"-rufenden Nationalsozialisten zuerst wegen Anstandsverletzung und Ruhestörung und dann erst wegen Wiederbetätigung anzeigen würde. Ich halte das natürlich für Wahnsinn und habe ihm für diese unschickliche Aussage einen flachen Schlag aufs Ohr verpasst. Die einzige Sprache, die diese Linken verstehen.)

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Du siehst, liebes Tagebuch: Die Nerven liegen blank. Und das nicht nur bei mir. Als vorhin gerade das Internet im gesamten VICE-Haus ausgefallen ist, hat uns das in der Redaktion zu zwei Dingen veranlasst: Erstens zu einer Wette, wer bei der Wahl auf wie viele Prozent kommen wird und zweitens zu einer Debatte darüber, mit welchem Tier man am ehesten Sex hätte, wenn man müsste.

Und es sind nicht nur wir. Das ganze Land befindet sich in einem Zustand der konstanten Überreizung, wie eine Gesellschaft, der das naive Zahnpasta-Grinsen endgültig aus der Visage geschlagen wurde und die jetzt mit halb abgebrochenen Zähnen und freiliegenden Wurzeln in der Warteschlange vor den Wahlkabinen steht, statt einfach zum Arzt zu gehen.

Und glaub mir, wir alle hätten einen Arztbesuch inzwischen dringend nötig. Meine bevorzugte Anlaufstelle wäre ein Psychiater, der uns lustige Pillen verschreiben kann, damit bald alle so ausschauen wie das Herzgesicht auf Christian Kerns Mappe – mein einfacher Traum …


11. 10. 2017:
Zwei Verstoßene wollen eine "Alternative für Kärnten" gründen und wir begehen Jörg Haiders Todestag

Liebes Tagebuch,
Österreich ist ein merkwürdiges Land – nur falls du daran noch irgendwelche Zweifel gehabt haben solltest. Hier gewinnt derjenige, der schon am längsten am weitesten rechts war; und wenn es im rückblickenden Schwanzvergleich nichts zu gewinnen gibt, dann kann man in unserem Land immer noch als Rebell durchgehen, wenn man rechts von den Rechtskonservativen (der ÖVP), den Rechtsextremisten (der FPÖ) und den Ultra-Rechtsextremisten (der FLÖ) noch eine rechtsrechtsextremistische Partei gründet.

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Wie Kurier.at berichtet, wollen die beiden Politiker Martin Rutter und Karlheinz Klement eine n Austro-Ableger der AfD, eine Art "Alternative für Kärnten", gründen. Rutter, der auch als einziger Kärntner Abgeordneter das Volksbegehren zum EU-Austritt unterstützt hat, wurde zuvor aus dem Team Kärnten ausgeschlossen, Klement wurde von der FPÖ exkommuniziert – nämlich gleich dreimal, was weder für seine Umgangsformen, noch für die Konsequenz der FPÖ spricht.

Nachdem die Freie Liste Österreich mit Spitzenkandidatin Barbara Rosenkranz schon als Alternative zur FPÖ aufgetreten ist, versucht es die noch namenlose "Alternative für Kärnten" jetzt also als Alternative zu beiden.

Und was gäbe es für einen besseren Zeitpunkt dafür als den 9. Todestag von DOKTOR (!) Jörg Haider, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2008 auf tragische Weise zu Tode kam, als der Führer zu viel Gas gab und die Sonne in Österreich daraufhin vom Himmel fiel. Martin Rutter selbst verfasste dazu einen rührenden Facebook-Beitrag mit der Conclusio: "Politiker wie Jörg Haider/mit Gespür für's Volk/gibt es in Kärnten kaum." Das ist zwar weder ein Haiku, noch irgendeine andere Form von Lyrik, aber es hat bedeutungsschwangere Absätze und ist auf ganz andere Art trotzdem ein Gedicht von einem Posting.

Screenshot via Facebook

Ich frage mich ja, wann in der österreichischen Politik endlich mal jemand etwas wirklich Rebellisches macht. Zum Beispiel eine Mitte-Links-Partei gründen. Oder einen Wahlkampf in TV-Debatten und über Wahlwerbemittel führen, statt über Dirty-Campaigning. Aber für so viel ungezügelte, systemfremde Wildheit sind wir Bergbewohner wahrscheinlich einfach nicht bereit.

Noch fehlt den Rechtsrechten jedenfalls der Geldgeber, aber wenn sich einer finden lässt, will die neue Liste schon bei der Landtagswahl im März 2018 antreten. Und an rechten Millionären fehlt es in Österreich zirka so wenig wie an rechten Parteien.