Von Mimosen, Kuschelecken und Powerfrauen: Österreichs Medien im Wahlkampfmodus

Ihr wolltet schon immer wissen, auf welcher Seite des Betts Strache schläft? Nein? Wir auch nicht. 'Die ganze Woche' hat ihn trotzdem gefragt. Und das ist längst nicht alles.
4.10.17

Gerade buhlen nicht nur die Parteien mit allen Mitteln (von völlig bizarren Wahlkampfvideos bis hin zu vermeintlich gefälschten Statistiken) um die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen. Auch bei den österreichischen Medien ist Wahlkampf angesagt.

Und damit meinen wir, dass gerade so ziemlich alle darum kämpfen, sich irgendwie von der täglichen Flut an völlig generischer Wahlberichterstattung abzuheben. Zum Beispiel in Form von Kommentaren, die schon fast als Wahlempfehlung durchgehen könnten, oder Artikeln, die Norbert Hofers oe24-Homestory fast noch an Absurdität übertrumpfen – ganz zu schweigen von Fehden mit Politikern, die man bis zum letzten Klick ausschlachtet ("Denk NICHT an Kerns Rücktritt, denk NICHT an Kerns Rücktritt, denk NICHT…").

Wir haben uns durch die österreichischen Medien gewühlt und für euch ein paar Schmuckstücke der Wahlberichterstattung zusammengetragen. Und wir werden das auch noch den restlichen Wahlkampf über tun: Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

Christian Kern gegen den Boulevard (und umgekehrt)

Nachdem die Gratiszeitung Österreich über ein internes SPÖ-Dossier berichtet hatte, in dem Bundeskanzler Christian Kern als "Prinzessin mit Glaskinn", die auf Kritik oft "mimosenhaft" reagiert, bezeichnet wurde, und alle Menschen, die es immer noch witzig finden, einen Mann als Frau zu bezeichnen, mal wieder etwas zu Lachen hatten, fasste Kern den Entschluss, nicht mehr mit dem Medienhaus zu kooperieren.

So hat er alle Wahlkampfinserate eingestellt und will der Zeitung und dem dazugehörigen Onlinemedium oe24 keine Interviews mehr geben. Bei einem Pressetermin sagte Kern, er sei sich bewusst, dass Österreich samt Herausgeber Wolfgang Fellner die Kampagne gegen ihn nun vielleicht noch wütender führen werden, aber es auch für ihn Grenzen gebe. Wolfgang Fellner sah den Abdruck des Dossiers als journalistische Pflicht.

In einem Artikel reagierte Österreich auf die Entscheidung von Kern und zog den Kanzler ins Lächerliche, da es bei den Inseraten lediglich um "die atemberaubende Summe von 50.000 Euro ginge, die weder den Wahlsieg noch den wirtschaftlichen Erfolg von Österreich beeinflussen werden". Fellner verglich Kern außerdem mit Donald Trump, betonte aber, dass der Inseratenstopp die Berichterstattung über Kern nicht beeinflussen werde. Auch die deutsche Bild-Zeitung eilte Österreich zur Hilfe und nannte Kern eine "Prinz-ösi-n auf der Erbse". Ha. Ha.

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Für Kern hagelte es aber nicht nur Kritik von Österreich und Fellner, er wurde auch dafür kritisiert, die Inserate in Österreich aus den falschen Gründen eingestellt zu haben, nämlich wegen Kritik an ihm selbst, und nicht wegen der reißerischen, hetzerischen und oftmals fragwürdigen Berichterstattung.

Auch in einem Krone-Artikel, der Ende September erschien, hatte Kern genug von boulevardesken Aufmachern und wirkte Kern alles andere als bereit, bei einem Persönlichkeitscheck mitzumachen. Er brach den Test laut Krone ab und nannte ihn "einen lächerlichen Gag".

Die Silberstein-Hysterie

Ein Thema, das die österreichischen Medien derzeit dominiert wie kein anderes, ist die sogenannte "Silberstein-Affäre". In Zusammenhang mit dieser Affäre wurde der Begriff "Dirty-Campaigning" wahrscheinlich so oft gedroppt wie niemals zuvor und die Kommentarschreiber und Bubble-Analysten überschlugen sich mit Gedanken dazu, wie die Sache der SPÖ das Genick brechen werde. Gleichzeitig fragten sich einige, wie relevant die Sache wirklich für die Wählerinnen und Wähler da draußen ist, die ihre Tagesfreizeit nicht auf Twitter verbringen – und ob eine so abstrakte und komplexe Geschichte für Durchschnittsösterreicher tatsächlich einen Unterschied bei der Wahlentscheidung macht.

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Die Hysterie um das Thema ging zuletzt sogar so weit, dass Die Presse am Dienstag einen leeren Artikel veröffentlichte, in dem sie neue Updates zur Causa um 18 Uhr ankündigte.

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Das gekaufte Interview mit Sebastian Kurz

Wir wissen nicht, wer hier mehr im Wahlkampfmodus ist: Der Standard oder das Frauenmagazin Woman. Dort erschienen nämlich direkt hinter dem "Großen Polit-Check" ein Interview mit Sebastian Kurz und eine anschließende Präsentation der "Powerfrauen im Team Kurz", die zwar beide als entgeltliche Einschaltungen gekennzeichnet waren, aber trotzdem stark an redaktionelle Inhalte erinnern. Obwohl im Artikel des Standard zwar explizit erwähnt wird, dass es sich beim Interview und den "Powerfrauen"-Portraits um werbliche Einschaltungen handelt, scheint sich die Etat-Redaktion dennoch an der möglicherweise irreführenden Platzierung zu stören.

Straches Kuschelecke in der Ganzen Woche

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Die ganze Woche unterhalb eures Radars fliegt – außer ihr besucht regelmäßig eure Oma, was ziemlich lobenswert wäre. Jedenfalls: Ein Artikel, die im September in der ziemlich erfolgreichen Illustrierten erschien, zeigt, wie perfekt Geschichten im Wahlkampf auf die Zielgruppen einzelner Medien zugeschnitten sein können. Für eine Homestory in Die ganze Woche zeigt sich FPÖ-Obmann und ewiger Bürgerkanzler-Kandidat Heinz-Christian Strache nun nämlich als schmusiger Kuscheltiger und Spiegelei-Experte.

Unter dem für manche grausamen und für andere verheißungsvollen Titel "Im Bett bin ich der Linke" erzählen Heinz-Christian und seine Frau Philippa von ihrer gemeinsamen Kuschelecke und der Hündin Odi, schmeißen sich gemeinsam unter einer Decke in Pose und Heinz-Christian wird sogar beim Kochen abgebildet. Und mit Kochen meinen wir, dass er zwei Spiegeleier in einer Pfanne brät.

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Die Strache-Kurz-Lobpreisung

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Nach dem Duell zwischen Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache auf oe24.tv veröffentlichte Herausgeber Wolfgang Fellner einen Kommentar zur Sendung, in dem er sich allem Anschein nach gar nicht entscheiden konnte, welchen von beiden er mehr liebt. So attestierte er Strache "Entertainerqualitäten" und lobte auch Kurz über alle Maße. Er schrieb, er sei sich sicher, dass man den künftigen Kanzler hier schon gesehen habe. Und wir sind uns sicher, dass es da, wo all diese Artikel herkommen, noch viel mehr gibt. Steht uns bei.

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