Foto: imago | Carsten Thesing

Ich habe den 1. Mai in einem Luxushotel mitten in Kreuzberg verbracht

Linke hatten dem Hotel Orania für den Tag mit "Zwangsräumung" gedroht. Vom Piano-Salon beobachten wir, wie die ersten Raketen fliegen.

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02 Mai 2018, 2:19pm

Foto: imago | Carsten Thesing

Von hier oben sehen sie klein aus, aber sie sind trotzdem zu erkennen: Hunderte Mittelfinger, die sich uns aus der Menge auf dem Oranienplatz entgegenstrecken. "So Leuten wie denen da oben in dem Luxushotel" – das letzte Wort hatte der Sprecher auf der Bühne unter uns fast in sein Mikrofon gespuckt – "die Kreuzberg nicht verstanden haben, denen zeigen wir jetzt alle mal den Mittelfinger!" Die Menge gehorchte, und ich war plötzlich Teil des neuen Berliner Klassenkampfes.

Aber deshalb bin ich ja auch hier oben, auf dem Balkon des neuen Boutique-Hotels "Orania.Berlin". Schon die ersten Gerüchte, dass Dietmar Müller-Elmau, der Betreiber des bayerischen Luxushotels Schloss Elmau, mitten in Kreuzberg ein Hotel eröffnen will, machte die Gentrifzierungsgegner im Kiez nervös. Seit das Hotel im vergangenen August tatsächlich offen ist, haben Unbekannte es schon mehrmals mit Farbbeuteln und Steinwürfen angegriffen – bis heute sind die Einschlaglöcher und langen Risse in fast allen Fenstern zum Oranienplatz hin zu sehen.

Eingeworfenes Fenster des Orania
Ein Fenster des Orania nach einem Steinwurf im Oktober | Foto: imago | PEMAX

Wenn man den Ankündigungen glaubte, dann war das alles aber nur Vorgeplänkel zu dem, was am 1. Mai passieren sollte. Am Freitag davor waren Vermummte in das Hotel eingedrungen und hatten Flugblätter durchs Restaurant geworfen, auf denen sie dem Hotel und seinen Gästen "Kiezverbot" erteilten. Außerdem kündigten die Flyer die "Zwangsräumung" des Hotels an – am 1. Mai um 18 Uhr, also genau zu der Zeit, zu der draußen auf dem Oranienplatz die "Revolutionäre 1.-Mai-Demo" anfangen würde. "Wir brauchen kein Luxushotel in unserem Kiez", hieß es in der Ankündigung. "Verteidigen wir diesen, Kreuzberg ist unser Zuhause!"

Proteste gegen Gentrifizierung durch das Orania-Hotel
Protestplakat vor dem Hotel im vergangenen September | Foto: imago | Christian Ditsch

Als ich am Vorabend im Hotel ankomme, ist von Anspannung nichts zu merken. Die fröhliche Rezeptionistin bringt einen "Welcome Drink" und erklärt beinahe respektvoll, dass es sich bei den geborstenen Fensterscheiben um "eine Art politischen Protest" handele. Und ja, dass es morgen rund ums Hotel auch mal ein bisschen voller werden könnte. Um die eigene Sicherheit müsse man sich aber keine Sorgen machen: "Die greifen keine Menschen an, sondern nur Sachen."

Jazz im Orania
Der Pianist im großen Saal | Foto vom Autor

Kurz darauf sitze ich auf einem Designer-Sofa und trinke einen Cocktail namens "Hashtag Magic", während ein Pianist auf dem Steinway in der Ecke Jazz improvisiert. Der Saal im Erdgeschoss ist wirklich schön: viel gutes Holz (zehn verschiedene Sorten, hat Müller-Elmau mal verraten), ein Kamin, warme, rote Stoffe, auf die Kissen sind indische Elefanten gestickt. Nur zwei weitere Gäste sitzen im Salon, ein Ehepaar, das aussieht, als wäre es direkt vom Tegernsee in den Albtraum eines linken Kreuzbergers gebeamt worden: er in roter Hose und hellgrünem Schilfleinenjanker, sie im frühlingsfarbenen, teuer aussehenden Kleid, Trachtenmantel über dem Stuhl und rosa Pullover um die Schultern. Die Abendsonne bricht sich in den Rissen der Panorama-Fenster, die Stimmen der Passanten dahinter dringen nur gedämpft durch die Scheiben. Man fühlt sich ein bisschen, als würde man in einer wohlgepolsterten Tauchglocke sitzen, während das chaotische Kreuzberg an einem vorbeitreibt.

"Wir sind doch auch vom Volk"

Essenstand am 1. Mai in Kreuzberg
Ein Essensstand am 1. Mai | Foto: imago | Emmanuele Contini

Am nächsten Morgen um elf laufen die Vorbereitungen für das MyFest auf der Straße vor dem Hotel bereits mit voller Kraft. An Dutzenden Ständen feuern die Betreiber ihre Grille an und zapfen die ersten Biere. "Köfte, Köfte!", ruft einer: "Sehr, sehr lecker, kommt ran hier!" Ein anderer kontert: "Bratwurst! Bratwurst! Beste Bratwurst!" Die Männer und Frauen hinter den Ständen lachen und scherzen miteinander, allen ist die Vorfreude auf das gute Geschäft mit den MyFest-Besuchern anzusehen. Auf dem Bürgersteig direkt vor den Fenstern des Orania baut eine Truppe von Männern emsig ihren Stand auf. Von den Drohungen gegen das Hotel haben sie nichts mitbekommen. "Wenn's Krawall gibt, gibt’s halt Krawall", antwortet eine fröhliche Frau, die selbst aus Kreuzberg kommt. "Hol einfach alle deine Freunde, dann können wir hier alles ausverkaufen und schon vor sechs abhauen!"

Auf der Kreuzung vor dem Hotel haben mittlerweile zwei Skateboard-Artisten angefangen, Kunststücke zu machen und Geld einzusammeln. An einer Bank schräg gegenüber vom Hotel halten zwei mittelalte Männer vom Typ Altlinke an und schauen missmutig auf das Gebäude und die HipHop-Bühne, die direkt davor auf dem Oranienplatz aufgebaut wurde. "Was meinste, wie das Orania sich am MyFest beteiligt? Mit 'nem Champagnerstand?", fragt der mit der Schiebermütze den anderen. "Aber clever gemacht, dass die die Bühne direkt davor gestellt haben. So ist die Seite halt perfekt geschützt", sagt er noch und sieht dabei nicht so aus, als würde er sich darüber freuen. "Clever sind sie schon, das muss man ihnen lassen."

Auf der Webseite des Hotels schwärmen die Betreiber von Kreuzberg als dem "kreativen Herzen der Stadt", in der Minibar gibt es "Berliner Luft", auf den iPads der Kellner tauchen Kreuzberger Graffiti als Bildschirmschoner auf. Trotzdem war es bei all der zur Schau gestellten Zuneigung zum Stadtteil vielleicht ein bisschen naiv, Kreuzberger Lokalkolorit verkaufen zu können, ohne Kreuzberger Probleme zu bekommen.


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Tatsächlich scheint sich jemand gut überlegt zu haben, wie man das Hotel am effektivsten gegen Angriffe schützen kann, ohne es so aussehen zu lassen: Die Fenster zum Oranienplatz sind durch die HipHop-Bühne verstellt, die zur Oranienstraße durch den Imbissstand. Niemand kann hier Steine gegen die Fenster schmeißen, ohne zu riskieren, andere zu verletzen. Als ich nochmal an dem Stand vorbeikomme, hält die Betreiberin mich an: "Du glaubst doch nicht, dass die uns angreifen würden, oder?", sagt sie. "Ich meine, wir sind doch auch vom Volk!" In dem Moment läuft ein junger Mann am Stand vorbei und ruft "Schönen Stress euch!", geht dann aber schnell weiter.

Kurz darauf drückt mir ein Mädchen eine Ausgabe der linskradikalen Zeitung Straßen aus Zucker in die Hand. In einem Artikel versuchen die Autoren, eine "Argumentationshilfe" für die Gewalt beim G20-Gipfel im Juli zu geben. Natürlich, argumentiert der Artikel etwas verschwurbelt, bringen brennende Kleinwagen niemanden weiter. Aber in unseren harten Zeiten könne es trotzdem "befreiend" sein, "wenn mal etwas 'der Punk abgeht'":

"Einfach mal in den Laden zu gehen und sich die teure Schoki zu nehmen, die man sich sonst immer verkneift; einfach mal flaschenweise Champagner rauszunehmen, wenn eine_r eben danach ist. Mal kurz spüren, wozu die Champagner-Produktion eigentlich da sein sollte: Nicht, um den Pommery möglichst gewinnbringend zu verkaufen, sondern um Menschen, die gerade Champagner trinken wollen, Champagner zu geben." – Straßen aus Zucker, Seite 21

Auf der HipHop-Bühne rappt gerade die AOB-Crew ihr Lied "Gib mir das Geld": "Alle woll'n die Scheine – du bist neidisch oder hast was!" Wollen am Ende vielleicht also doch alle das Gleiche?

Das Hotel als Wegbereiter der Verdrängung?

Zurück im Hotel ist die Stimmung mittlerweile angespannter. Am Eingang beäugen drei muskulöse Securitys in weißen Polohemden jeden, obwohl man sowieso nur noch mit Karte reinkommt. Die Bar im Erdgeschoss ist geschlossen, wer was trinken will, muss in den "Salon" im 5. Stock hochfahren. Aber auch hier sind keine anderen Gäste: Die Einzigen, die sich den immer voller werdenden Oranienplatz von oben anschauen, sind der Restaurantmanager und eine Handvoll Kellner und Köche.

1.-Mai-Demo vor dem Orania in Kreuzberg
Der Platz kurz vor Demobeginn von oben | Foto vom Autor

Einer der Köche sagt, dass er es richtig finde, dass die Leute gegen Gentrifizierung auf die Straße gehen. Aber trägt das Hotel nicht selbst zur Verdrängung bei, indem es den Bezirk aufwertet? "Das ist schon eine schwierige Frage", sagt er. "Aber wir finden das nicht." Die Künstler zum Beispiel, denen das Hotel durch die zahlreichen Klavierkonzerte Arbeit geben würde, kämen "zu achtzig Prozent aus Kreuzberg und zu hundert Prozent aus Berlin". Das würden auch andere im Kiez bemerken. Im Vorfeld auf den heutigen Tag hätten viele Anwohner dem Hotel Karten und Briefe geschickt, um ihre Unterstützung auszudrücken. "Die haben geschrieben: Das sind nicht wir, das ist nicht Kreuzberg, Kreuzberg ist tolerant."

Die Frage, ob das Orania als das perfekte Feindbild für Bewahrer taugt, ist tatsächlich schwierig. Auf der einen Seite hat ein Gentrifizierungs-Experte der Zeit neulich erklärt, ist eine solche Eröffnung natürlich "ein Signal an den Markt". Das könne zu steigenden Mieten für die anderen Geschäfte führen, die dann durch zahlkräftigere, aber gesichtslose Ketten ersetzt würden. Auf der anderen Seite ist das Orania selbst das Gegenteil einer gesichtslosen Luxusklitsche für Neureiche: Jedes Detail ist liebevoll zusammengestellt, und die Betreiber geben sich alle Mühe, nicht nur die lokale Kunstszene einzubinden, sondern auch die Händler aus der Umgebung zu beauftragen: Alle Nüsse kommen von Smyrna Kuruyemis direkt um die Ecke, die Blumen von einem Traditionsgeschäft am Oranienplatz. Und was haben die Gegner davon, argumentiert Betreiber Müller-Elmau in dem Artikel der Zeit, wenn statt des Hotels wieder Leerstand in dem monumentalen Eckhaus herrschte? Oder wenn sich eine anonyme Immobilienfirma das ganze Ding unter den Nagel reißen und zu "Luxury Lofts" umbauen würde?

Langsam geht es auf die 18 Uhr zu. Unten auf dem Platz bildet sich ab halb fünf die "Revolutionäre 1-Mai-Demo": Die Teilnehmer, die sich zuerst in Kleingruppen unter die MyFest-Besucher gemischt hatten, wachsen zu einem massiven Demo-Zug zusammen. Von oben kann man gut sehen, wie die Polizei und die MyFest-Ordner die Präsenz vor dem Orania ebenfalls verstärken, den Zug aber sonst unbehelligt lassen. Nachdem die Zuhörer der HipHop-Bühne ihre Mittelfinger nach oben geworfen haben, passiert eine ganze Weile nichts.

Demo vor dem Oriania in Kreuzberg
Der Beginn der Demo vor dem Hotel | Foto: imago | Carsten Thesing

Und dann, um halb sieben, kommt Bewegung in die Demo, und plötzlich knallt es – erst unten, dann platzen rund ein Dutzend Raketen in der Luft neben dem Dach des Orania. Die Menge unten johlt, und als die Raketen immer näher an den Balkonen explodieren, werden wir reingeholt. "Jetzt mal alle bitte weg von den Fenstern", ruft eine Rezeptionistin. Aber nach einer Minute ist alles vorbei: Der Beschuss hört auf, die Demo hat sich endgültig in Bewegung gesetzt, und ein paar Minuten später dreht jemand die Jazzmusik im Salon wieder auf.

Wieder im Erdgeschoss kann man die Demonstranten aus nächster Nähe betrachten, wie sie zu Tausenden an den großen Fenstern vorbeiziehen. Der ein oder andere schaut zwar neugierig ins Hotel, aber niemand wirft auch nur eine Wasserflasche. Wie auch immer die "Zwangsräumung" des Orania ablaufen sollte – heute ist es nicht passiert.

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