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Wie es ist, mit einem Häftling als Vater aufzuwachsen

Auch meine Mutter war bis kurz vor meiner Geburt im Gefängnis. Meinen Vater habe ich nie in Freiheit gesehen.

von Ainoa Martínez Cuervo
15 August 2017, 3:33am

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Ich kam vor 19 Jahren zur Welt, nur Wochen nachdem meine Mutter aus dem Gefängnis entlassen wurde. Mein Vater war bei der Entbindung nicht dabei, er saß nämlich noch im Gefängnis. Zum ersten Knast-Besuch nahm mich meine Mutter mit, als ich ein paar Monate alt war. Er saß in einem Hochsicherheitsgefängnis in Cádiz, einer Stadt im Südwesten von Spanien. Später erzählte mir meine Mutter, er habe mir bei der ersten Begegnung kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Er fragte nicht, wie es mir gehe oder wie ich so sei – hauptsächlich interessierte ihn, ob sie geschafft hatte, ihm etwas ins Gefängnis zu schmuggeln, das er verkaufen konnte. Zwischen mir und meinem Vater lag eine riesige Distanz, nicht nur emotional sondern auch räumlich: Die Busfahrt zum Gefängnis dauerte 10 Stunden.

Ich wurde in den Inbegriff einer zerrütteten Familie hineingeboren. In den fast zwei Jahrzehnten meines Lebens war ich noch nie mit meinen beiden Eltern allein in einem Zimmer. Insgesamt habe ich mit meinem Vater vermutlich nicht mehr als 24 Stunden verbracht. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater wurden wegen Drogenschmuggels inhaftiert. Vor meiner Geburt saß meine Mutter ganze acht Jahre lang. Sie war im selben Gefängnis wie mein Vater und lernte ihn beim Hofgang kennen. Die Männer durften nicht in die Nähe der Frauen, aber sie schafften es, einander Briefchen zu schreiben. Nur sechs Monate später heirateten sie im Gefängnis.


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Als Kleinkind hatte ich noch keine Vorstellung davon, dass mein Leben von Kriminalität und Drogen geprägt war. Dass meine Familie anders ist, merkte ich allerdings schon früh. Meine Nachbarn, Lehrer und überhaupt alle Erwachsenen behandelten mich mitleidig. Alle sahen in mir das arme Mädchen, das inmitten von Verbrechern aufwachsen muss. Die Armut, in der meine Mutter und ich lebten, ließ sich auch nicht verbergen. Wir hatten nur das Bisschen Sozialhilfe, das man meiner Mutter nach ihrer Entlassung zugestanden hatte.

"Niemand erklärte mir, was genau das für ein Ort war, an dem mein Papa lebte."

Ich merkte, dass etwas nicht stimmte, doch es dauerte Jahre, bis ich unsere Lage verstand. Niemand erklärte mir, was genau das für ein Ort war, an dem mein Papa lebte. Ich fragte nie, warum wir so weit reisen mussten, um ihn zu sehen, oder warum wir an Wärtern vorbeimussten. Warum wir nur durch eine dicke Glasscheibe mit ihm sprechen konnten, umgeben von Fremden, die schreien müssen, damit ihre Angehörigen sie hören.

Meine erste Begegnung mit der väterlichen Seite meiner Familie, im Alter von vier Monaten

Anfangs besuchten wir ihn noch regelmäßig. Meine Mutter hatte die Scheidung noch nicht eingereicht und fühlte sich verpflichtet, mir eine Beziehung zu meinem Vater zu ermöglichen. Rückblickend finde ich, dass es falsch war, mich in so jungen Jahren unter Druck zu setzen, ihn so häufig zu sehen. Für ein Kind war das alles sehr viel, was ich verarbeiten musste. Und näher kam ich meinem Vater dadurch auch nicht. Als ich noch ein Baby war, kam er irgendwann frei – doch nur Tage später verhafteten sie ihn wegen eines neuen Verbrechens. In seinen paar Tagen in Freiheit kam er mich kein einziges Mal besuchen.

"Meine Mutter organisierte mir ein paar staatlich finanzierte Termine bei einer Therapeutin, aber das half mir auch nicht sonderlich weiter."

Erst mit sechs Jahren begann ich allmählich, Fragen zu stellen. Meine Mutter wich zuerst aus, also wurde ich wütend und redete ein paar Tage lang nicht mit ihr. Ein paar Monate später zeigte das die erwünschte Wirkung. Es war Sommer, und sie nahm mich mit zum Strand von Huelva, einer Stadt etwa zwei Stunden westlich von Cádiz. Wir saßen im Sand, ich schleckte meine Eiskugel, und meine Mutter streichelte mir den Kopf und erklärte, wo mein Vater war. "Dein Papa ist im Gefängnis", sagte sie. Ich nickte und aß weiter – was das bedeutete, war mir nicht klar, und meine Mutter war nicht in der Lage, es mir richtig zu erklären.

Sie organisierte mir ein paar staatlich finanzierte Termine bei einer Therapeutin, aber das half mir auch nicht sonderlich weiter. Wenn ich die Familie meines Vaters nach ihm fragte, hieß es einfach, er sei im Gefängnis, weil er krank sei und dort Behandlung bekomme.

Meine Mutter an ihrem Hochzeitstag, zusammen mit meiner Großmutter väterlicherseits. Die Hochzeit fand in dem Gefängnis statt, in dem mein Vater damals einsaß

Als mir langsam klar wurde, was es eigentlich bedeutete, einen Häftling als Vater zu haben, schämte ich mich. So, wie andere auf das Wort "Gefängnis" reagierten, wusste ich, dass das eine schreckliche Sache ist. Also erfand ich tausend Geschichten darüber, wer mein Vater war und wo er sich aufhielt. Mal kämpfte er in irgendeinem Krieg, mal war ich Halbwaise.

Etwa zur selben Zeit beschloss meine Mutter, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Sie hatte erkannt, dass mir das alles zusetzte und auch nicht besser werden würde. Ich schrieb ihm keine Briefe mehr, bekam auch keine von ihm, und wir besuchten ihn nicht mehr. Sie wusste, dass er sie deswegen vor Gericht zerren konnte – der Staat hätte ihr das Sorgerecht entziehen können, aber sie ging das Risiko ein.

Zwei Jahre nach dem Kontaktabbruch stellte mein Vater den Antrag, in ein Gefängnis verlegt zu werden, das näher an uns war. Ich würde liebend gern sagen, dass er den Kontakt zu seiner Tochter suchte, aber in Wahrheit wollte er nur näher bei seiner Mutter sein. Sie gab ihm das Geld, das er brauchte, um im Gefängnis über die Runden zu kommen.

"Meine Großmutter behauptete, der Freund meiner Mutter würde mich missbrauchen; sie hoffte sicher, dass ich es irgendwann selbst glauben würde."

Die Justizbehörde informierte meine Mutter nicht darüber, dass ihr Mann auf einmal nur wenige Fahrtminuten entfernt inhaftiert war. Es war meine Großmutter väterlicherseits, die uns das mitteilte. Sie hatte angefangen, meine Mutter psychisch zu missbrauchen. Es gefiel ihr nicht, dass meine Mutter einen neuen Partner hatte, und wenn ich alleine mit meiner Oma war, versuchte sie, mich gegen meine Mutter aufzubringen. Oft behauptete sie, der Freund meiner Mutter würde mich missbrauchen; sie hoffte sicher, dass ich es irgendwann selbst glauben würde. Warum stand sie so hinter meinem Vater, dem seine Verbrecherkarriere wichtiger war als seine Familie? Ich verstand es einfach nicht.

Etwa anderthalb Jahre nach seiner Verlegung bat mich mein Vater um einen Besuch. Ich war schon neun, also erinnere ich mich daran noch gut. Diesmal kam meine Mutter nicht mit.

Dieses Foto zeigt mich und meine Mutter, kurz bevor ich meinen Vater zum letzten Mal im Gefängnis besuchte

Vor dem Besuch spielte ich alles unzählige Male in meiner Vorstellung durch: Er würde reinkommen, wir würden darüber sprechen, wie es mir ging, und dann würde er sich aufrichtig dafür entschuldigen, dass er zugelassen hatte, dass wir uns so weit voneinander entfernt hatten. Nichts dergleichen geschah. Er fragte zwar, wie es mir ging, aber danach sagte er kaum noch etwas. Ich gab ihm ein paar Fotos von mir aus dem Ferienlager und er sagte: "Deine Freunde sehen älter aus als du." Als es an der Zeit war zu gehen, sagte er, dass er mich liebe. Und das war's.

Monatelang fragte ich mich, warum er mich zu sich gebeten und dann so wenig gesagt hatte. Warum hatte er nicht erklärt, warum er überhaupt im Gefängnis saß? Oder warum er in all den Jahren kein Interesse an mir gezeigt hatte? Manchmal dachte ich, dass er sich einfach schämte und von der Situation überfordert war. Doch am Ende kam ich immer wieder zum selben Schluss: Viel wahrscheinlicher war, dass ich ihm einfach egal war.

"Als Kind dachte ich, das Problem läge bei mir. Ich dachte, ich sei nicht liebenswert genug und mein Vater wolle deswegen keine Zeit mit mir verbringen."

Das war unsere letzte Begegnung. In den letzten zehn Jahren hat er um keine weiteren Besuche gebeten, und mir ist es die Enttäuschung und den Schmerz auch nicht mehr wert. Lange habe ich gehofft, dass er mir eines Tages alles erklären und um Verzeihung bitten würde, aber das hat er bisher nicht.

Als Kind dachte ich, das Problem läge bei mir. Ich dachte, ich sei nicht liebenswert genug und mein Vater wolle deswegen keine Zeit mit mir verbringen. Dieses Schuldgefühl hielt sich bis in meine Jugend. Es hat meine Freundschaften und Beziehungen belastet; ich konnte nie darauf vertrauen, dass Menschen, denen ich mich nahe fühlte, mich nicht im Stich lassen würden.

Zum Glück boten meine Mutter und ihr neuer Partner mir in meiner Kindheit ein Zuhause, in dem ich Halt fand. Das hat meine psychische Gesundheit gerettet. Manchmal habe ich immer noch damit zu kämpfen, aber ich bin fest entschlossen, mein Leben nicht von den Fehlern meines Vaters steuern zu lassen. Ich werde nicht zulassen, dass sein Schicksal meines bestimmt.

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