Bundestagswahl 2017

Wir haben die unwichtigsten Parteien gefragt, warum sie nicht einfach aufgeben

"Ich verschwende am Tag keine drei Stunden Zeit auf Facebook."
05 September 2017, 9:33am
Foto: imago | Jens Jeske

Sie fordern "Finderlohn um 300% erhöhen" oder wollen Krankenkassen in "Gesundheitskassen" umbenennen. Bei dieser Wahl treten 42 Parteien und Kleinparteien an – so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Ihre Forderungen sind dementsprechend vielfältig und teilweise kurios. Die Aussicht, auf über fünf Prozent der Wählerstimmen zu kommen, ist für die meisten ziemlich bescheiden. Trotzdem labern sie jeden Tag Menschen mit ihren Visionen voll und haben Tausende Unterschriften gesammelt, um überhaupt zur Bundestagswahl zugelassen zu werden. Wir haben da eine Frage: Warum zur Hölle machen die das eigentlich?

Die V-Partei (Veränderung, Vegetarier und Veganer)

Die V-Partei will bis 2030 Tierschlachtungen für Nahrungsmittel, Kosmetik, Kleidung und Gebrauchsgegenstände verbieten.

Lena Friedrich, 24, Bremer Landesvorsitzende der V-Partei | Foto: privat

VICE: Warum brauchen wir vegane Politik?
Lena Friedrich: Weil die Massentierhaltung unsere Umwelt zerstört. Und diese Umweltzerstörung sorgt dafür, dass der Welthunger größer wird. Nicht nur die Tiere, auch viele Menschen leiden darunter.

Habt ihr euch da nicht ein bisschen viel vorgenommen?
Ich sehe das so: Man muss hohe Ziele haben, um gute Kompromisse einzugehen. Ich denke, der Aufwand ist es wert, weil wir durch die Wahl bekannter werden. Wenn wir nichts machen, haben wir bald keinen Regenwald mehr und keine Bienen, die uns beim Bestäuben helfen.

Warum trittst du nicht einfach bei den Grünen ein?
Die Grünen sind nicht mehr glaubwürdig. Ich habe das Gefühl, die Partei will nicht mehr überzeugen, sondern sich nur noch selbst erhalten.

Kann ich auch bei euch mitmachen, wenn ich jeden Tag Fleisch esse?
Wir überprüfen nicht, ob jemand noch Fleisch isst, bevor er aufgenommen wird. Man sollte sich aber grundsätzlich mit dem Parteiprogramm identifizieren. Wir holen jeden da ab, wo er steht. Wenn das an der Currywurstbude ist, ist das auch gut.


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Die Urbane. Eine HipHop-Partei

Die Urbane kämpft für soziale Gerechtigkeit und orientiert sich dabei an den Anfängen der HipHop-Bewegung. Diese habe Konzepte wie den positiven Wettstreit (Battles) oder Nachbarschaftsinitiativen hervorgebracht, um Armut und Gewalt zu bekämpfen.

Raphael Hillebrand, 34, Bundesvorstand Die Urbane | Foto: VICE | Melanie Manthey

VICE: Was hat Hip Hop mit Politik zu tun?
Raphael Hillebrand: HipHop war schon immer eine grundpolitische Bewegung. Gegründet wurde sie in den 70er Jahren von Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt waren. Und die haben sich selbst ermächtigt und gezeigt: Wir haben einen Wert und wir wollen mitmachen. Und genau das wollen wir auf unsere politischen Prozesse übertragen.

Welcher Politiker hat am meisten Street Credibility?
Hans-Christian Ströbele. Er hat noch Werte und würde zum Beispiel nicht einfach für die Atomlobby arbeiten.

Sollten Plenardebatten wie Battle-Rap ablaufen?
Es würde bestimmt Vorteile bringen, was den Entertainment-Faktor betrifft. Was den inhaltlichen Faktor angeht, wäre es vorteilhaft, weil die CSU nicht mitmachen könnte. Die hat nämlich keinen Flow. Allerdings geht es uns nicht darum, die HipHop-Ästhetik in die Politik zu tragen, sondern es geht uns um die Grundwerte des HipHop, zum Beispiel Repräsentanz, Identifikation, Teilhabe, individuelle Selbstentfaltung und eine machtkritische Perspektive.

Wenn du Angela Merkel mit einem Rapper vergleichen müsstest, welcher wäre das?
Niemand. Der Diss wäre einfach zu hart.

Partei für Gesundheitsforschung

Mehr Arbeitsplätze? Egal. Weniger Steuern? Egal. Die Partei für Gesundheitsforschung will nur eins: Die bessere Erforschung von Alterskrankheiten wie Alzheimer oder Krebs. In einer Regierung würde sie sich nur für dieses Thema einsetzen.

Felix Werth, 39, Vorsitzender der Partei für Gesundheitsforschung | Foto: privat

VICE: Wahlkampf ist anstrengend. Hast du keine Angst, davon krank zu werden?
Felix Werth: Ich ernähre mich nach der Steinzeiternährung und versuche, mir so wenig Stress wie möglich zu machen. Zur Zeit nehme ich wegen der Parteiarbeit aber ein bisschen Stress auf mich, obwohl das natürlich nicht sehr gesund ist.

Sind Kinderkrankheiten nicht so wichtig wie Alterskrankheiten?
Wir haben uns auf Alterskrankheiten beschränkt, weil wirklich jeder davon betroffen ist. Deswegen wäre es gerechtfertigt, wesentlich mehr Steuergelder in die Forschung zu investieren. Die Erforschung anderer Krankheiten würde davon auch profitieren.

Im Wahlprogramm steht, in einer Regierung würde sich deine Partei nicht in andere Themen einmischen. Würdest du dich bei den Abstimmungen enthalten?
Wir würden mit dem Koalitionspartner zusammen abstimmen. Aber wir hätten wirklich nur eine Forderung für die Koalition: dass zusätzlich ein Prozent des Bundeshaushaltes in die Forschung fließt.

Die Bergpartei, die Überpartei

2011 schlossen sich die Berg- und die Überpartei zusammen. Ein richtiges Gesamtkonzept gibt es nicht, die linksalternativen Künstler sehen sich als Bewegung für Liebe, Frieden und Demokratie. Sie malen ihre Wahlplakate selber und philosophieren Mittwochs beim Parteitreff über die Welt.

Jenny Leibersperger, 27, von der Bergpartei, die Überpartei | Foto: Lara Gohr

VICE: Ihr habt keine Chance, es über die Fünf-Prozent-Hürde zu schaffen, warum engagierst du dich trotzdem?
Jenny Leibersperger: Das Ziel ist nicht, über fünf Prozent zu kommen. Es geht darum, dass sich Menschen zusammensetzen. Ich kann mich mit keiner der großen Parteien identifizieren. Aber bevor ich deswegen unpolitisch bin, engagiere ich mich lieber in einer kleinen.

Wie stellst du dir Deutschland vor?
Ich würde Anarchie sagen, aber dabei ist oft Chaos und Gewalt die erste Assoziation. In meinem Deutschland würde man sich in kleinen Kommunen organisieren. Und das ist nicht chaotisch, sondern setzt politisch gebildete Bürger voraus, die sich selber ihr System aufbauen.

Für jeden gefällten Baum wollt ihr ein Auto einschmelzen. Warum?
Wir kriegen oft den Stempel "Spaß-Partei" aufgedrückt. Wir haben zwar manchmal witzige Sprüche, aber wir wollen wirklich etwas verändern. Der Sinn hinter derartigen Forderungen ist, Menschen für das Thema Natur zu öffnen.

Partei der Vernunft

Die Partei der Vernunft fordert: weg mit den Gesetzen und Verordnungen. Der Staat soll uns allen weniger vorschreiben, damit jeder eigene Verantwortung übernehmen kann.

Alexander Malchow, 27, von der Partei der Vernunft | Foto: Grey Hutton

VICE: Warum wollt ihr den Staat abschaffen?
Alexander Malchow: Sicher gibt es bei uns Menschen, die gar keinen Staat wollen. Aber das wäre ja verfassungsfeindlich. Wir wollen nur, dass er sich auf seine Kernaufgaben zurückbesinnt: Das sind innere und äußere Sicherheit.

Was genau stört dich?
Ich bin es satt, dass Politiker so großen Einfluss auf unser Leben nehmen. Beispiele sind da das Glühbirnenverbot, die Bananen-Norm oder komplizierte Steuergesetze. Ich kann auch die Meinungen anderer Parteien nicht vertreten. Zum Beispiel, dass man den Reichen alles wegnehmen und den Armen schenken sollte. Da sage ich: "Jetzt ist Schluss mit Jammern und Zeit, was zu ändern."

Was ist das Unvernünftigste, das du je getan hast?
Ich habe mir von meinen Eltern eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann aufschwatzen lassen. Dabei hätte ich einfach sofort Abi machen und studieren sollen. Das ist natürlich verschwendete Lebenszeit. Am schlimmsten finde ich immer, wenn man seine Potentiale nicht nutzt. Ich verschwende am Tag keine drei Stunden auf Facebook.

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