Ikan Hyu
Foto: oliverbaer.photograpy
Neue Musik

Die Space-Pop-Band Ikan Hyu tritt dem Schweizer Mainstream in den Hintern

"Wir bewegen uns gegen den Strom – oder schneller als der Strom." Das Zürcher Duo über Mut zum Anderssein, Haifische und Schubladisierung.
05 November 2018, 12:39pm

Zwei Frauen in silberglänzenden Overalls drummen, shredden, röhren und rappen, sodass man meinen könnte, es stehen mindestens fünf von ihnen auf der Bühne. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Bluesrock, Pop, Soul, HipHop und überhaupt allen Genres. Ikan Hyu sind Pop-Rebellinnen, die gegen musikalische Schubladisierung kämpfen. Von mindestens sechs Instrumenten umgeben, tanzen Hannah Bissegger und Anisa Djojoatmodjo auf der Bühne rum und bedienen mit Händen und Füssen die vielen Pedale und Knöpfe, die für ihre markanten, spacigen Effekte sorgen.

Am 19. Oktober haben Ikan Hyu endlich ihre erste EP, Zebra, gedroppt. Die Songs nehmen uns mit auf eine experimentelle Reise, die nicht nur nach Pop klingt, sondern auch nach den Tiefen des Ozeans und kosmischen Geheimnissen. Dass die beiden Multi-Instrumentalistinnen so überzeugen, ist beeindruckend, wenn man sich ansieht, wie planlos sie anfangs noch waren: "Wir haben einfach mal gemacht", sagen sie gegenüber Noisey, als sie uns in unserem Zürcher Büro besuchen. Ihre lebhafte Art und ihr Modebewusstsein tragen sie nicht nur auf der Konzertbühne aus: Die beiden lachen viel, Hannah trägt beim Interview abstehende Zöpfe und violett-glänzenden Lidschatten, Anisa ein schlichtes schwarzes Rollkragenshirt und weite Hosen.

Hannah und Anisa lernten sich während dem Popmusik-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) kennen. Als zwei der wenigen Frauen im Kurs fanden sie schnell zusammen und gründeten vor zwei Jahren das Projekt Ikan Hyu. "Wir haben erst mal einige Songs mit einer Gitarre und Hannahs Drumpad gejammt", erklärt Anisa. "Es hat aber voll scheisse geklungen. Uns fehlte nämlich der Bass." Da hätten sie sich ihren ersten Synthie-Bass gekauft, den sie heute abwechselnd bedienen – mal mit der Hand, mal mit dem Fuss. "Diese Dinge machen unseren Sound einzigartig", sagt Anisa. "Wir nutzen solche Koordinationsschwierigkeiten dafür, kreativ zu werden und musikalisch alles rauszuholen, was wir können."

Viele Künstlerinnen und Künstler fangen im Studio an und trauen sich erst nach und nach auf die Bühne. Ikan Hyu haben's einfach andersrum gemacht: Ganz im Sinne ihres Gegen-den-Strom-Mottos schritten sie ohne Aufwärmphase direkt ins Rampenlicht. Nach ihrem ersten Gig in der Winterthurer Villa K kamen ihnen die Auftritte nur so zugeflogen. Entweder durch Freunde, die Partys organisierten, oder kraft ihres eigenen Hustles. Die jungen Frauen wollen's nämlich selber schaffen. Und zwar schnell.

Ikan Hyu haben sich als Liveband unter Musik-Insidern schon bald als Geheimtipp etabliert, sich in unserer Newcomer-Liste Lift Up einen Platz gesichert und wurden im November von SRF zum "SRF 3 Best Talent" auserkoren. Ihre Shows sind ein Erlebnis: In Space-Anzügen, knalligem Make-up und weirden Brillen wippen und springen sie über die Schweizer Konzertbühnen. Dabei sind sie ausgelassen, selbstbewusst und beeindrucken im fliegenden Wechsel auf ihren diversen Instrumenten. "Es ist wie eine Choreographie. 'Supernova' zu spielen ist Hochleistungssport!", lacht Anisa.

"Ikan Hiu" ist Indonesisch und bedeutet Haifisch. Was hat das Tier mit zwei jungen Künstlerinnen aus Zürich zu tun? "Es ist eigentlich ziemlich spannend", beginnt Anisa, "denn es gibt einige Hai-Arten, wie zum Beispiel der Weisse Hai oder der Walhai, die sich bewegen müssen, um nicht zu ertrinken." Hannah erklärt für ihre Bandkollegin weiter: "Und das ist unser Motto: Wir bewegen uns gegen den Strom – oder schneller als der Strom." Dies verstehe zwar niemand. Und viele hätten Probleme, den Namen auszusprechen. "Doch irgendwann können es alle", ist Hannah überzeugt.

Die beiden Pop-Künstlerinnen ergänzen einander, obwohl sie offensichtlich sehr ähnlich ticken und sich mit wenigen Worte verstehen. "Wenn wir mit anderen Leuten reden, müssen wir uns oft daran erinnern, dass wir vieles ausführlicher erklären müssen, weil wir uns so aneinander gewöhnt haben", erzählt Anisa. Weil sie so gut harmonieren, sehen die beiden in Ikan Hyu ein langfristiges Projekt, das mit ihrem ersten EP-Release erst richtig ins Rollen kommt. "Es macht echt nur Spass. Und jetzt geben wir noch viel mehr Gas!", grinst Hannah.

Ihre Energie wollen die beiden nun auch nach Indonesien bringen. Aktuell planen sie eine einmonatige Tour durch den Inselstaat. "Wir gehen einfach mal bei verschiedenen Venues vorbei und fragen, ob wir am nächsten Tag da spielen können", sagt Hannah. Dieser an Naivität grenzende Mut passt zur Devise der Band: "Einfach mal machen."

Ikan Hyu

Foto: Julie Saacke

Ikan Hyu nutzen verschiedene Samples, Loops und Effektgeräte. Damit erschaffen sie angenehm repetitive Grooves – und durchbrechen diese gekonnt wieder. Anisas solide Raps und Hannahs starke, bluesige Pop-Stimme ergänzen das elektronische Gerüst um eine Sanftheit und Dynamik, die ihren Sound einzigartig machen.

"Wir sind keine Fans von Stilbezeichnungen", erklärt Hannah. "Sie engen die Musik voll ein. Deshalb haben wir uns für etwas wie 'Elastic-Plastic-Future-Space-Pop' entschieden. Diese Bezeichnung gibt den Leuten ein Gefühl für unsere Craziness und Abgespacetheit." Einfach alle Einflüsse zu einem Genre-Namen zusammenflicken? Kann man machen. "Wenn die Leute schon alles schubladisieren wollen, können sie das haben!", rechtfertigt sich Hannah.

Die Zwei-Frau-Band möchte ihre Positivität und Kreativität nicht bloss in ihrer Musik ausdrücken, sondern auch mit ihrem gesamten Image in die Welt tragen. "Macht euer Ding und seid so ausgefallen, wie ihr wollt! Seid ihr selbst und habt Freude daran", ermutigen die Künstlerinnen ihre Fans. "Die tiefgründigen und melancholischen Parts gehören da natürlich dazu – Hauptsache ehrlich", ergänzt Anisa. "So funktioniert Kunst nun mal: Wenn man etwas sagt und Emotionen reingibt, macht das etwas mit den Leuten. Wenn sich Menschen mit unserer Kunst verbinden können, ist das Ziel schon erreicht."

In diesem Elastic-Plastic-Future-Space-Pop-Duo steckt verdammt viel Potenzial. Die beiden Zürcherinnen wagen einen Schritt aus der Komfortzone des Pop und beweisen auf Zebra, dass sie auch ohne konkreten Plan nicht verloren sind.

Ikan Hyus EP Zebra könnt ihr euch hier anhören.

**

Mehr zum Thema:

Folgt Noisey Schweiz auf Facebook, Instagram und Spotify.

Folgt Noisey Austria auf Facebook, Instagram und Twitter.

Folgt Noisey Deutschland auf Facebook, Instagram und Snapchat.