Ich habe mich einen Tag lang mit ASMR zugedröhnt, damit ihr es nicht müsst

16 Stunden lang flüsterten, schmatzten und hauchten mir Menschen ins Ohr. Am Ende wurde ich fast wahnsinnig – und ein bisschen traurig.

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19 Oktober 2018, 1:42pm

Unsere Autorin hörte 16 Stunden lang ASMR | Foto: Flora Rüegg

Ich kann nicht schlafen. Es ist die dritte Nacht in Folge, in der ich mich im Bett wälze. Gestresst von der Arbeit, dem hektischen Großstadtleben und enttäuschenden Tinder-Dates. Entspannung muss her, Frieden, irgendetwas gegen die Rastlosigkeit in mir. Während ich mich durch Spotify scrolle, stoße ich schließlich auf ASMR-Playlists. Sie sollen mich entspannen. Und zwar mit flüsternden Stimmen und Schmatzgeräuschen.

ASMR steht für "Autonomous Sensory Meridian Response", ein angeblich beruhigendes und angenehmes Kopfkribbeln. Wie es funktioniert, weiß niemand so genau. Es soll aber schon Ängste und Depressionen geheilt haben und Kribbel-Experten bieten inzwischen sogar Sprechstunden an. Das Gefühl wird durch die verschiedensten Geräusche erzeugt, durch Knistern, Atmen, Flüstern, Reiben, Schmatzen. Manche Menschen bekommen davon einen regelrechten "Braingasm". Genau den möchte ich erfahren – und zwar nicht nur in schlaflosen Nächten, sondern den ganzen Tag über. Vom Aufstehen bis zum Einschlafen will ich mich mit ASMR zudröhnen, bis ich dieses Phänomen verstehe.

7 Uhr: Aufstehen

Mein Wecker klingelt und ich bin ausnahmsweise sofort wach, weil jemand in mein Ohr schmatzt. Es is Gentle Whispering, eine YouTuberin mit 1,5 Millionen Abonnenten und eine der erfolgreichsten Sprecherinnen der ASMR-Community. Hinter dem Account steht die 32-jährige Maria, sie wurde in Russland geboren und lebt nun in den USA. Sie sieht genauso aus, wie man sich eine Person, die ASMR-Videos macht und Maria heißt, vorstellt: blonde Locken, strahlende Augen, weiche Gesichtszüge, unschuldiges Lächeln. Sie flüstert zu mir. Ganz leise, ganz sanft, ganz langsam begrüßt sie mich. Maria wird mich an diesem Tag immer wieder begleiten.

9 Uhr: Arbeiten

In der U-Bahn bin ich aber erstmal verwirrt. Die Welt ist zu schnell für diese ruhige Stimme, die scheinbar zusammenhanglose Wörter in mein Ohr haucht: "Magst du das Geräusch von gefaltetem Papier? Es fühlt sich so gut an. Hör zu. Hör zu." Ich lausche also gefaltetem Papier, während um mich herum hektische Menschen vorbeirauschen, die offenbar besser geschlafen haben als ich.

Erst im Büro kann ich mich wieder auf Marias Stimme einlassen. Dabei ist es komisch, wenn mich meine Kollegen in normaler Lautstärke ansprechen. Im Vergleich zu Maria klingen sie, als seien sie sauer auf mich. Ich merke: ASMR ist vielleicht nicht der beste Soundtrack für den Alltag im Großraumbüro. Ich scrolle durch die News und kann mich absolut nicht konzentrieren. Aber es ist auch nicht alles schlecht: Ich beobachte vorbeilaufende Leute und das Wasser der Spree. Ich bin in Trance. Alles zieht an mir vorbei. "OK. OK. OK", sagt die Stimme in meinem Ohren und atmet dabei intensiv ein und aus. Ich bin mir sehr sicher, high zu sein. Ein interessantes Gefühl, wenn auch nicht gerade ideal zum Arbeiten.

11 Uhr: Meeting

Meetings sind merkwürdig, wenn eine Flüsterstimme dabei Komplimente in mein Ohr haucht. Wie toll ich mein Leben meistere. Wie sehr sie mich mag. Wie einzigartig ich bin. Die Kollegen und Kolleginnen diskutieren über Demos, die AfD, den Papst. Die Stimme in meinen Ohren erzählt über den größten Baum der Welt. Er heißt General Sherman. Er ist 220 Jahre alt. OK.

13 Uhr: Mittagspause

Der Trancezustand macht keinen Spaß mehr, sondern nur noch müde. Mein Körper arbeitet in halbem Tempo, höchstens. Nach vier Stunden habe ich noch immer kein versprochenes Kribbeln gespürt, keine Gänsehaut. Inzwischen geht mir Marias Stimme auf die Nerven, also schlage ich eine neue Richtung ein. Die ASMR-Community ist schließlich eine der Größten auf YouTube, und es gibt tausende sogenannte "Trigger", die das Kribbeln auslösen können.

Irgendetwas muss doch dabei sein, was auch bei mir funktioniert. Ich höre mich durch die Klassiker: Auf Papier schreiben, Haare bürsten, Schminken, küssen. Letzteres verstört mich so sehr, dass ich wirklich wieder kurz wach bin. Da steht eine fremde Frau mit ihrem Gesicht direkt vor der Kamera und küsst mich links und rechts. Ich kann verstehen, weshalb ASMR gerade von Außenstehenden immer wieder sexualisiert wird. Für die meisten Fans ist es aber kein Fetisch; ihnen geht es nur um Entspannung und nicht um Erregung.

15 Uhr: Zweifel

Diese Entspannung suche ich immer noch vergeblich. Ich beginne, an dem Experiment und seiner Wirkung zu zweifeln. In einer der wenigen Studien, die über ASMR geführt wurden, heißt es, nicht jeder Mensch sei anfällig für die Geräusche, nicht jeder verspüre das Kribbeln. Enttäuschend. Passend zur Lunchzeit finde ich dann aber noch ein Highlight. Ein YouTube-Video, in dem eine Frau genüsslich Honigwaben und Brot verspeist. Zwölf Minuten lang. Der Clip hat 16 Millionen Aufrufe und enthält eines der ekligsten Geräusche, die ich jemals gehört habe. Das Schmatzen der Frau ist so laut als würde das Mikrofon in ihrem Hals stecken. In diesen zwölf Minuten schüttelt sich mein Körper mehrmals, ich habe Gänsehaut. Ist das hier dieses langersehnte Kribbeln? Dann bin ich froh, dass ich bis eben keins hatte.

16 Uhr: Tiefpunkt

Kopfschmerzen. Müdigkeit. Schlechte Laune. Absoluter Tiefpunkt. Ich hasse ASMR mit der Leidenschaft, für die ich zu müde bin. Ich will alleine sein, stattdessen höre ich wieder Maria zu, wie sie ihre Haare bürstet: "OK. OK. OK. OK. So. OK.OK. So. So. OK. So. OK. So. OK. So. So. OK. So. OK.OK.OK. So. OK. So. OK. So. So. OK. So. OK. OK. OK." Und ich so: müde, müde, müde.

19 Uhr: Entspannung

Mittlerweile stecke ich seit 12 Stunden in der ASMR-Dauerschleife. Ich laufe so schnell nach Hause, als könnte ich dadurch Maria entkommen. Aber Maria seufzt nur, wie schön meine Haare sind. Weil mich die frische Luft tatsächlich etwas runterbringt, spazieren wir gemeinsam durch die Straßen. Habe ich einfach nur diese 12 Stunden benötigt, um mich auf sie einzulassen? Oder bin ich so verzweifelt, dass ich mich füge? Definitiv Zweiteres.

Zum Abschluss möchte ich es aber noch einmal richtig wissen. Also tue ich das, wozu ASMR eigentlich gedacht ist: Entspannen. Ich mache mir eine dieser klebrigen, schwarzen Gesichtsmasken, koche Grünen Tee und zünde Kerzen an. Auf mich warten 70 Minuten Friseurbesuch und mein lang ersehntes Bett. Ich liege da und lasse mir von Maria eine passende Frisur aussuchen, die Haare waschen, schneiden, föhnen, und natürlich ausgiebig den Kopf massieren. Ich höre, wie Maria durch das Mikrofon richtige Haare schneidet, und male mir aus, wie sie in ihrem Studio zwischen Tausenden Perücken sitzt und sie frisiert. Wie lange sie das Studio danach wieder sauber machen muss, wenn überall Haare verteilt sind? Ob sich die Fans von ASMR auch solche Fragen stellen?

ASMR-Playlist
Kann man einen "Kopforgasmus" erzwingen? | Foto: Flora Rüegg

23 Uhr: Verabschiedung

Die Lage ist aussichtslos. Ich beende das Experiment nach 16 Stunden. Das Phänomen des Kopfkribbelns habe ich immer noch nicht verstanden. Bis heute weiß ich nicht, was es mit den Honigwaben auf sich hatte. Oder den Friseurbesuchen. Oder den Küssen. Und was ich eigentlich den ganzen Tag getan habe, denn produktiv war ich in meinem Dämmerzustand nicht. Stattdessen frage ich mich, ob ich Maria vermissen werde. Immerhin hat sie mit mir mehr gesprochen, als viele meiner Familienmitglieder es in zwanzig Jahren getan haben. Da ist es fast schade, dass wir unsere intensive Begegnung so negativ beenden müssen, nur weil ich auf ASMR nicht klarkomme.

Aber auch wenn es bei mir nicht geklappt hat, habe ich nach diesem Tag großen Respekt vor den ASMR-Künstlern und -Künstlerinnen. Weil sie das Talent besitzen, einer so großen Community zu helfen mit nichts anderem als sich selbst und ihrer Stimme. Sie verstehen etwas, was ich nicht verstehe. Hinter der Welt von ASMR steckt ein Gefühl, das Millionen YouTube-Nutzer begeistert, entspannt, vielleicht auch heilt.

Vermutlich war ich auch einfach zu hungrig nach dem "Braingasm" und habe es dabei etwas übertrieben. ASMR ist nicht dazu gedacht, es den ganzen Tag über zu hören. Man muss sich dem Phänomen hingeben, sich darauf einlassen. Auch "Kopforgasmen" lassen sich eben nicht erzwingen.

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