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Horrorcore: Wie HipHops düsterstes Kapitel die Szene bis heute prägt

Kaum ein Subgenre von HipHop ist so grotesk und absichtlich abstoßend wie Horrorcore. Wir haben uns mit Frauenarzt, MC Basstard und Nord Nord Muzikk in ein Pentagram aus Kerzen gesetzt, um die dunkle Seele des HipHop zu ergründen.

von Nina Damsch
31 Oktober 2018, 1:45pm

Foto Eminem: imago | Kerstin Müller || Foto Three 6 Mafia: imago | picturelux || Foto Basstard: Rap Dämon Cover || Foto Frauenarzt: Jennifer Krause || Bearbeitung: Vice

"MC Basstard, das böse Kind / Zuerst schlacht ich deinen Bauernvater, danach verspeis ich Schaf und Rind."

Horrorcore ist vermutlich das obskurste Subgenre im HipHop, sein böses Kellerkind. Ein schmuddeliger, verwachsener Spross, der die meiste Zeit verborgen von der Außenwelt lebt und lieber von Blut, Leichenschändung und dem Teufel rappt, statt über Lean, Groupiesex und Fußballstars. Ein düsteres Familiengeheimnis, das nur in den dunklen Stunden (oder an Halloween) mal raus darf. Denn so stark der Zusammenhalt und vor allem der Beschützerinstinkt der HipHop-Familie auch sein mag: Selbst in den eigenen Reihen verziehen einige angeekelt die Gesichter, wenn ihr buckliger Cousin seine drei Köpfe durch die Luke im Boden nach oben streckt und ihnen Fratzen schneidet.

Ist er deshalb für immer dazu verdammt, in der Schattenwelt jenseits der Charts, Spotify-Playlists und DJ-Sets umherzuspuken? Oder ist Horrorcore vielleicht sogar der nächste große Trend? Welcher besondere Zauber liegt ihm inne und können jene, die ihn für seine Andersartigkeit schon nicht zu schätzen wissen, wenigstens etwas von ihm lernen?

Um diese Fragen zu beantworten haben wir unser Ouija-Board ausgepackt und die Geister zur Hilfe gerufen. Untote sind zu unserer Séance glücklicherweise nicht aufgetaucht, dafür aber einige Horrorexperten wie Frauenarzt, Basstard und die Rapper von Nord Nord Muzikk Drama Kuba, Vorkkkone und Cannibal Rob.


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Die blutige Geburt von Horrorcore im dreckigen Süden Amerikas

Begonnen hat alles in den 80er Jahren in den U-S-A. In Texas, Memphis und Detroit krochen besonders viele und prägende Horrorrapper aus ihren Löchern hervor, wobei der New Yorker Necro als Schutzheiliger des Horror nicht vergessen werden darf. In der Geburtsurkunde des Horrorcore sind dennoch die Houstoner Rapper Ganxta N-I-P und die Geto Boys als Urväter vermerkt. Es war jedoch Detroit, wo die Musik so viele begeisterte Anhänger wie nirgendwo sonst fand. Die Stadt wurde zum größten Spukhaus Amerikas, dessen Bann sich so gut wie keiner dort entziehen konnte: weder weltweit erfolgreiche Superstars wie Eminem und seine Gruppe D12, noch lokale Legenden wie Esham. Die Insane Clown Posse schuf mit dem Juggalo-Movement eine der größten (und merkwürdigsten) HipHop-Subkulturen, die es im Moment abseits des Mainstreams gibt.

Es waren aber vor allem Rapgruppen wie Three 6 Mafia aus Memphis, die dem Genre den Sound gaben, der ihn nach Deutschland brachte. Düstere 808-Beats, die typischen Maschinengewehr-Hi-Hats und Snare Rolls, gepaart mit monotonem Rap – willkommen im frühen Westberliner Rap der Bass Crew.

"Am Ende ist eh alles, was man heute hört, von Three 6 Mafia beeinflusst. Ob nun direkt oder indirekt", erklärt uns Frauenarzt. Im HipHop führen eben alle Wege nach Memphis. Von dort aus schwappte Horrorcore in den 90ern dank des Bassboxxx Labels um Rapper wie unter anderem Frauenarzt, MC Basstard, King Orgamus One und Taktloss nach Deutschland und setzte in Westberlin mit "Vorhang auf" erste Grabsteine.

Horrorcore in Deutschland: vermutlich für immer Nische – und das hat Gründe

Ihnen folgten in den Jahren danach bis heute zahlreiche andere MCs wie unter anderem Kaisaschnitt, die Hirntot-Crew, Hollywood Hank oder Tamas in die düsteren Gefilde des Rap. Im Gegensatz zur Szene in den USA schaffte es das Genre in Deutschland jedoch nie wirklich, seinen Kopf weiter als einige Zentimeter aus dem schwarzen Erdreich des Untergrunds emporzuheben. Horrorcores erfolgreichster Moment im Scheinwerferlicht des "Mainstreams" blieb bis heute vermutlich die Kollaboration "Neuruppin" von K.I.Z. mit Kuba und Cannibal Rob von Nord Nord Muzikk.

"Der Sound ist mittlerweile alltagstauglich. Der Inhalt ist es nicht", erklärt uns Cannibal Rob. Neben dem düsteren Soundbild definiert sich Horrorcore eben vor allem durch seine expliziten Texte. Gewaltdarstellung und -verherrlichung, Sex und Drogenfantasien: Was Straßen- oder Gangstarap mal zu Recht, mal zu Unrecht Schelte, Indizierung und Imageschäden einbrachte, ist bei Horrorcore nicht nur auf die Spitze getrieben, sondern auf ihr aufgespießt, inklusive raushängenden Gedärmen, Blut und Schaum vorm Mund.

"Während Gangsta- oder Straßenrap sowohl authentisch, als auch fiktiv sein kann, ist die Fiktion bei Horrorcore meistens eindeutig", sagt Vorkkone von Nord Nord Muzikk und benennt damit Horrorcores vielleicht größten Trumpf, der gleichzeitig seine größte Hürde ist: seine grenzensprengende Fantasie, die machmal jegliche Regeln des guten Geschmacks missachtet. Mit Absicht.

Horrorcore kann man durchaus abstoßend finden, etwa wenn Kaisaschnitt auf "Triebtäter l" rappt: "Ich locke die Nutte zu mir nach Hause und rauche mit ihr Crack / In meinem Keller wartet die Pfeife und das Sezierbesteck / Ich schneide ihr die Fotze raus, denn ich will, dass sie sich selber leckt." Andererseits können die Texte aber auch wie dunkle Poesie anmuten. "Nur ein Basstard" brilliert beispielsweise mehr durch eine starke erzählerische Atmopshäre, statt durch bildhafte Grausamkeit. "Ein Fünkchen Licht im Nichts genügt / Und Wärme durchströmt das nackte Skelett, das ich werd' / Ernähre mich von all dem Elend, während Fleisch und Sehnen sich über Gebeine legen."

Wie gefährlich ist Horrorcore?

"Auch wenn die Atmosphäre sehr düster ist, kann die Musik auch schaurig schön sein", erklärt uns Basstard. "Eigentlich mehr Märchen als Splatter." Auf sein erstes Tape Rap Dämon folgten jedoch gänzlich nicht-fiktive Hausdurchsuchungen und Razzien bei einem Bremer Radiosender, der einen Song von ihm gespielt hatte. Auch Frauenarzt musste sich für den Nachfolger "Vorhang auf 2" und einen weiteren Song namens "Gruftinutte" verantworten. Auch wenn die Zeile "Ich schneide dir ein Loch in deine linke Titte und dann fick ich die Titte" nicht von ihm stammte, gab es eine 8000-Euro Geldstrafe.

Wo Kunstfreiheit bei Musik aufhört, wurde zuletzt in diesem Jahr großflächig anhand von Farid Bangs und Kollegahs JBG3-Albums diskutiert. Bei Horrorcore könnte man das theoretisch bei jedem einzelnen Track. Und ähnlich wie Horrofilme ist Horrorcore natürlich nicht für jede Altersgruppe geeignet. Inwiefern Musik jedoch verantwortlich für Amokläufe, zerstörte Kinderseelen und Suizide ist, wurde schon tausendfach diskutiert und für Unsinn erklärt.

Die Grenzen des Sagbaren in einem Genre, das sich durch seine offensichtliche Grenzenlosigkeit auszeichnet, sind schwierig zu benennen. Am Ende zieht sie jeder Künstler woanders. "Ich würde keine Minderheiten runtermachen oder Drogen verherrlichen", antwortet Basstard auf die unvermeidbare Frage, wie er es denn mit der Verantwortung für seine Hörerschaft und die intakte Gesellschaft hält. "Aber ich denke auch, man sollte über alles rappen dürfen, was es gibt und auch was es nicht gibt."

Dennoch setze er sich selbst Grenzen, ihm sei bewusst, dass er Einfluss auf junge Leute habe. "Ich habe das früh gelernt, als ich zunehmend gefährliche und psychisch labile Fans hatte", sagt Basstard.

Gefühle und Angst spielen im Horrorcore eine größere Rolle, als im herkömmlichen Rap

Neben Mordfantasien gehören auch Depressionen und Ängste zu den Kernthemen von Horrorcore. Dass diese Musik auch Leute anziehen kann, die mit realen Dämonen dieser Art zu kämpfen haben, scheint logisch. Dass diese Fans ganz realen Horror in das Leben eines fiktiven Horror-Erzählers bringen können, musste MC Basstard mehrfach erfahren.

Eine Stalkerin habe ihn einmal stundenlang in ihrer Wohnung festgehalten, erzählt er. "Sie sagte, dass ich meine Songs nur für sie schreiben würde. Es sei Schicksal, dass sie mich jetzt habe", erinnert er sich. "Sie hat mich stundenlang mit einer Waffe und einem riesigen Küchenmesser bedroht. Die Waffe hat sie mir sogar ins Gesicht gehalten und abgedrückt. Zum Glück hatte sie vergessen, sie zu entsichern und ich konnte sie ihr abnehmen." Basstard habe sich schließlich aus der Situation befreien können. Verändert hat sie ihn natürlich trotzdem.

Er glaube nicht, dass seine Musik Menschen zu Mördern macht. Aber er habe sich schon Gedanken gemacht, welchen Einfluss er habe. "Meine Texte wurden mit der Zeit weniger hart und lyrisch anspruchsvoller", sagt er. "Aber wenn ich Lust bekomme, wieder was richtig Hartes und Düsteres zu machen, dann überkommt es mich und ich lasse es raus. Es scheint nun mal ein Teil von mir zu sein, der gehört werden will."

Nur Wenige würden Horrorcore für bare Münze nehmen, das seien vor allem Menschen mit psychischen Problemen, erklärt Basstard. Aber es gebe unzählige Leute, die mir erzählen, dass sie mit Hilfe seiner Musik geschafft hätten, mit diesen Problemen umzugehen oder sie sogar überwunden haben. "Ich kann gerne ein Freund sein, damit man nicht so alleine ist, wenn es mal richtig finster wird", sagt er. "Aber mehr auch nicht."

Horrorcore hat viele düstere Stellen, aber auch viele helle – denn das Hauptziel der Gruselgeschichten bleibt, zu unterhalten. Auf "Vorhang auf" befindet sich ebenso diese Zeile von Taktloss: "Meine Ohrwurm-Strophe und dein Bandwurm heiraten bald / In ihrer Hochzeitsnacht mach ich dich kalt."

Wie in einem Splatterfilm, bei dem die derartig ins Lächerliche gezogene Brutalität zum Gegenteil von Grusel führt, kann auch Horrorcore urkomisch sein. "Für mich ist Horrorcore Entertainment", erklärt Frauenarzt seine Liebe für das Genre. "Wenn jemand rappt: 'Ich beiß dir deinen Kopf ab, mein bester Freund ist eine verweste Ratte namens Bernd, ich hab fünf Arme und drei Köpfe', dann kann man davon ausgehen, dass das kein Realtalk ist."

Warum ist Horrorcore in den USA so erfolgreich und in Deutschland nicht?

An der Brutalität, dem Destruktiven oder auch dem Komödiantischen von Horrocore kann sich in Deutschland im Gegensatz zu den USA nur eine kleine Gruppe Menschen erfreuen. Dabei müssten doch die Deutschen, mit ihren Märchen voller abgeschnittener Daumen und monatelanger Finsternis zwischen November und März, eigentlich einen gewissen Zugang zur Schönheit des Unheimlichen haben. Woran liegt es also, dass Horror in den letzten 30 Jahren hier nie wirklich einen Fuß aus dem Grab bekam?

Und das, obwohl man mit dem "absurden Wahnsinnsquatsch", wie Frauenarzt es nennt, in den USA durchaus Geld verdienen kann. Die Insane Clown Posse zieht jährlich Tausende zahltüchtige Fans zu ihrem Festival "Gathering of the Juggalos". Und Tech N9ne kann trotz verhältnismäßig geringen Chart-Erfolgs auf ein mehrfach Millionen schweres Bankkonto und stets ausverkaufte Hallen blicken – und der spielt verdammt oft.

"Die Amerikaner gehen anders mit der Horrorkultur um", erklärt Frauenarzt. "Horror ist da Mainstream. Splatter sind Hollywood, Halloween ist wie Weihnachten. Freddy Krüger und Michael Myers sind Stars, die ohne Ende gefeiert werden." Solchen Inhalten werde in Deutschland schnell das Künstlerische abgesprochen, meint auch Kuba von Nord Nord Muzikk. "Die breite Masse stempelt Horror schnell als billigen Trash ab."

Außerdem sei der deutsche Street- und Gangstarap stark muslimisch geprägt, meint Frauenarzt. "Diese Künstler konnten mit Horrorcore, was sehr böse und durchaus antireligiös auftritt, nicht viel anfangen."

Erfolglos, aber einflussreich!

Obwohl sich nicht viele Rapper selbst an Horrorcore versuchten, hatte er doch einen unbestreitbaren Einfluss auf viele, die sich seinem etwas "harmloseren" Cousin, dem Gangstarap, verschrieben. Labels wie Bassboxxx oder Aggro Berlin seien frühe Vorbilder für deutsche Gangstarapper gewesen, die vielleicht durch die ein oder andere Grenzüberschreitung inspiriert wurden, einfach mal auf die Kacke zu hauen, sagt Basstard. So etwa ein junger Battlerapper namens Farid Bang.

Basstard und Farid nahmen vor einigen Jahren unabhängig voneinander im selben Studio in Düsseldorf Musik auf. Basstards Produzent habe gerade an einem Song seines Meister der Zeremonie-Albums gearbeitet, da sei Farid plötzlich reingestürmt und habe gemeint: "Das ist doch MC Basstard!?" Der Produzent habe laut gelacht und ihm bestätigt: "Ja, das issa." Farid habe daraufhin begonnen, Basstards erste Zeile aus "Vorhang auf" zu rappen: "MC Basstard, das böse Kind ...". "Zumindest scheint dieser Song einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben", schmunzelt er.

Auch war Basstards Labels Horrorkore Entertainment beziehungsweise Dunkle Marterie, die Battle- und Straßenrappern wie DCVDNS oder Massiv ein erstes, düsteres Zuhause boten.

Horrorcore könnte der nächste große Hype werden – vielleicht ist er es insgeheim schon

Ob die albtraumhaften Kopfgeburten dem kommerziell erfolgreichen Gangstarap nun den Weg der Provokation ebneten oder nicht: Der Einfluss, den Horrorcore auf den Sound von HipHop hatte, sowohl in den USA, als auch in Deutschland, ist unbestreitbar. Neben karibischen Tunes sind eben jene düsteren Beats, die in den letzten Jahren wie dicker Nebel unter der Türritze hindurch in die Kinderzimmer und Clubs des Landes drangen, heute Standard.

"Als alle diese Distortion Bassdrums in ihre Songs packten und auch Rapper anfingen zu shouten, hatte ich das Gefühl, es wird der nächste Hype", erzählt Frauenarzt, als ich ihn frage, wo er Horrorcore in der Zukunft sieht. "Bald rappt jeder 'Ich schneide Köpfe ab und werfe sie von Hochhäusern', dachte ich" lacht er. So weit kam es dann bisher aber doch nicht. Noch nicht. Unmöglich, dass das noch passiert, sei es aber nicht, findet Frauenarzt. "Es braucht nur einen Rapper, der stilistisch krass ist und das ganze Ding groß macht. Das geht ganz schnell." So wie vorher schon mit Trap und Crunk.

Acts wie die Suicide Boys, Ghostemane oder Pouya scheinen diese These zu bestätigen. Sie machen HipHop mit Punk-Attitüde, Metal-Drums und Scream-Rap – ein wunderbares Monster, bei dessen Kreation auch Horrorcore, HipHops vielleicht letzte Bastion der Provokation, an einigen Halsschrauben gedreht hat.

Wer weiß: Vielleicht lässt die Familie ihren kleinen, dreiköpfigen Cousin bald gänzlich aus dem Keller und mit den anderen Kids auf den großen Bühnen dieser Welt spielen. Blut ist schließlich dicker als Wasser. Vor allem im Horrorcore.

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Horror-Fans aufgepasst, bald werdet ihr mit neuem, blutbefleckten Stoff versorgt! Die sagenumwobenen Zombiez, deren Stimmen einigen bekannt vorkommen dürften, arbeiten im Moment an einer neuer EP, die 2019 erscheinen wird und auch im Grabe von Nord Nord Muzikk rührt sich was. Die releasen ebenfalls Anfang 2019 ihr neues Album HEXEH als CD und Doppelvinyl.

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