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Stimmenfang: Wie ist das Leseerlebnis der geleakten TTIP-Papers im Glaskasten?

"Das Ganze auf Deutsch wäre nicht schlecht. Vielleicht auch mit Erläuterungen. Hitler haben wir jetzt auch erläutert. Und der ist auch komplex."

von Paul Garbulski
03 Mai 2016, 11:00am

Das ist Jakob. Einer der freundlichen Greenpeace-Aktivisten. Alle Fotos vom Autor

Für die Medien war es wieder mal ein Paukenschlag. Niemand weiß genau, wie Greenpeace es angestellt hatte, aber am Montag gaben sie bekannt, die bislang geheimen Verhandlungsdokumente zum Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU geleakt zu haben. Insgesamt 240 Seiten wurden nicht nur auf www.ttip-leaks.org online gestellt, nein, direkt vor dem Brandenburger Tor positionierte die Umweltorganisationen auch noch einen Glaskasten im Stile einer kleinen Mini-Bibliothek. Mehrere Lesetische und darauf die ausgedruckte Version des Dokuments. Frei, für jeden Bürger zum Nachlesen. Der „Lese-Raum" soll eine Anspielung auf einen existierenden Leserraum im Bundestag darstellen, wo bislang ausschließlich Abgeordneten gestattet wurde, in den Papieren zu lesen—doch weder durften sie sich Notizen, Fotos machen, noch mit anderen Menschen über die gelesenen Inhalte sprechen.

Dank Greenpeace und dem gläsernen Lesesaal kann nun auch jeder Otto Normalbürger einen Blick in die bislang nur für Abgeordnetenaugen bestimmten Transatlantikpapiere werfen. Das ist eine ziemlich große Nummer. Deshalb machten wir uns auf den Weg, um zu erfahren, wie das "Volk" auf dieses Phänomen wohl reagieren würde und wie sein Leseerlebnis bei einem 240 Seiten langen Text, geschrieben im vertracktesten Juristenenglisch, so ausfällt.

Am Ort des Geschehens angekommen machte sich Ernüchterung breit. Es war mittlerweile schon fast 15 Uhr und wie uns die Greenpeace-Aktivisten berichteten, sind die Politiker mit ihren PR-Leute bereits medienwirksam über den Glaskasten hinübergefegt. Einzelne Personen verirrten sich trotzdem noch ins Innere, nur um beim Wiederaustritt von geiernden Journalisten nach ihren Eindrücken befragt zu werden. ARD und Deutschlandradiokultur lieferten sich einen erbitterten Zweikampf um die Leserreste, scheiße, und dann kamen auch noch wir dazu.

Glücklicherweise sprang Deutschlandradiokultur recht zügig ab—die hatten genug—und so war für uns die Zeit gekommen, gegen die ARD ins Rennen zu gehen. Unser Nachteil: Keine imposante Fernsehkamera, sondern nur ein lächerlicher Fotoapparat; keine Moderatorin im körperbetonen Kleid mit Mikro in der Hand, sonder ein dubioser Spätaussiedler mit einem Handy als Aufnahmegerät in der Brusttasche und ... ja das war's. Die Meinungen der Männer glaubten wir zu Beginn komplett abhaken zu können. Die ARD-Moderatorin war ein starker Gegner.

Doch dann legten auch wir uns ins Zeug: Bestes Autoverkäuferlächeln, ein Witzchen hier, ein bisschen Demut da, und schon kam die Sache ins Rollen. Hier unsere Vox populi:

Matthias

VICE: Sie sind gerade aus dem Leseraum rausgekommenwie war die Leseerfahrung? Gefunden, was Sie gesucht haben?
Matthias: Ach, ich war nur eine Viertelstunde da drin. Habe mir die Seiten nur etwas durchgeblättert.

Mit was für Erwartungen sind Sie da reingegangen? Sind sie erfüllt worden?
Alleine, dass die Papiere hier vorliegen, ist Erfüllung genug. War ja abzusehen, dass es mit diesen Vereinbarungen wohl nicht so toll ablaufen würde. Mit den Papieren hier ist die Katze aus dem Sack. Ich muss das alles jetzt gar nicht mehr lesen, ich werde es aber natürlich schon weiter verfolgen. All die kleinen Sachen, die so wie bei den Panama Papers jetzt wohl täglich die Runde machen werden. Habe mir auch schon die Süddeutsche gekauft.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass TTIP nach diesen Enthüllungen auf parlamentarischer Ebene trotzdem durchgedrückt wird?
Ich meine, Zeit als Faktor ist ja kein Problem. Kann auch in 10 oder 20 Jahren passieren. Wir wissen auch nicht, wie in 50 Jahren die Welt ausschaut und die Handelsverhältnisse sind. Natürlich lässt sich das auch mit Gewalt irgendwann durchziehen. Aber die letzte Konsequenz ist doch eigentlich, dass es dann Bürger auch nicht mehr gibt, wenn sich Bürger dann nicht mal ans eigene Parlament wenden können, sondern an Gerichte, die völlig virtuell sind. Und das sind alles Sachen, die uns alle betreffen. Wenn das nicht funktioniert, dann können wir einfach alles einreißen. Aber zu diesen Schiedsgerichten habe ich gerade da drin auch nichts in den Papieren gelesen.

Die relevanten Stellen sind also schwer zu finden?
In der Viertelstunde habe ich irgendwas von Fischerei gelesen. Die Zahlen versteht man ja auch nicht. Das dauert, um das alles zu begreifen, was da jetzt steht.

Würden Sie es sich wünschen, dass die Papiere auf Deutsch übersetzt werden?
Passiert doch sicher ... hoffentlich. Gerade auf Deutsch wäre das nicht schlecht. Vielleicht auch mal mit Erläuterung. Hitler haben wir ja jetzt auch erläutert. Und der ist auch komplex. Man kann in die Papiere mal reinschauen, aber letztendlich würde ich da lieber Zeitung lesen. Können ja Ihre Kollegen uns das alles verständlich machen.

Sie vertrauen darauf, dass die Medien sich mit den Papieren auseinandersetzen und auch für jedermann dechiffrieren?
Klar. Müssen sie. Wenn Sie sich allein ausmalen, was das für eine Welle gibt.

Es gibt auch Personen, die der Meinung sind, dass das alles hier einen Scheiß wert ist und sich an den bestehenden Verhältnissen und den Machenschaften "von denen da oben" eh nichts ändern wird.
Also so naiv darf man nicht sein. Also bitte schön. Das hier wird große Wellen schlagen und ich frage mich, wie können all die Wirtschaftsverbände, die da gekuscht haben, jetzt noch so weitermachen wie bisher? Nun ist die Zeit für belegbare Argumente gekommen.


Julio

Unmittelbar nachdem mir Matthias ein herzlich „Tschüs" gewünscht hatte, ging ein junges Pärchen mit einem Kinderwagen an mir und dem Leseraum vorbei, worauf der Mann „Nicht anschauen, abfackeln!" skandierte. An einer roten Fußgängerampel holte ich den Pampers-Konvoi ein.

VICE: Kann ich dich fragen, warum du den Kasten abfackeln willst?
Julio: Wie gesagt, ich unterschreibe meine eigene Versklavung, die irgendwo festgehalten ist, die würde ich mir nicht durchlesen, weil was macht das für einen Sinn, mir das durchzulesen? So was wird komplett abgelehnt. Fertig.

Aber dieser Glaskasten deckt doch gewissermaßen die Dynamik dieser Versklavung auf. Darin kannst du nachlesen, was abgeht. Trotzdem abfackeln?
In was für einer quantitativen ..., also ich meine, wer kann sich das alles ... Ich möchte das alles im Internet haben!

Gibt es. Ist online gestellt worden.
Na jedenfalls möchte ich das bitte im Internet haben, ich möchte eine Zusammenfassung mit allen Inhalten und dann das Ganze noch über die Medien verteilt und über die Leitmedien und dann können wir über ein transparentes Abkommen reden. Aber das alles hier sind so Bröckchen, die uns hingeworfen werden, in der Hoffnung, dass das möglichst intransparent bleibt und sich nicht allzu viele damit auseinandersetzen.

Oft ist ja die Kritik, dass die Leitmedien die tatsächlichen Inhalte nur ungenügend oder verfälscht filtern. Dort in dem Glaskasten habt ihr mehr als ein Bröckchen. Dort habt ihr ein 240 Seiten starkes Dokument liegen, ohne dass die "Lügenpresse" als Mittler und Interpret zwischengeschaltet ist. Ist vielleicht doch einen Blick wert, oder nicht?
Wie ist Greenpeace da rangekommen?

Berechtigter Einwand. Du würdest also sagen, dass auch diesem Dokument dort nicht zu trauen ist?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich finde, am Ende ist das doch nur ein Haufen Scheiße. Man sucht sich nur den aus, der am kleinsten ist und am wenigsten stinkt. Aber es bleibt immer noch Scheiße. Deswegen lehne ich es aus Prinzip ab. Wenn man sich mit dem Ganzen auseinandergesetzt hat, war es von Anfang an klar, dass es eine ziemlich umstrittene Sache ist und das sich jetzt nochmal durchzulesen und es bestätigt zu bekommen, dass es einfach nur kacke für uns ist, bringt einfach nichts. Dann würde ich die Zeit, die ich brauche, um die 200 Seiten Pamphlet durchzulesen, für andere Dinge gebrauchen. Zum Beispiel, um aktiv dagegen vorzugehen.

Das heißt, du bist der Meinung: Letztlich braucht man gar nicht den Beweis, dass TTIP ...
Doch, den braucht man auf jeden Fall! Aber das hier ist symbolisch vielleicht ein wertvoller Akt, aber ansonsten ...

Um die Symbolik dreht sich hier bestimmt viel; zumal man sich dieselben Papiere ja im Netz auch ziehen kann.
Ich glaube, das ist auch eine der Sachen, die ich wahrscheinlich noch machen würde: Die Dokumente selbst noch in anderen sozialen Medien teilen und mal sagen: Guckt mal, jetzt ist es. .., weil ich habe es tatsächlich ähm... auch jetzt erst durch diesen... Schau, damit hat der Glaskasten vielleicht doch eine symbolische, positive Wirkung: Denn ich habe dadurch erst jetzt mitgekriegt, dass die Papiere scheinbar auch online sind.

Nachdem Julio mit mir fertig war, entdeckte ich in der Peripherie zum Glaskasten eine junge Frau auf dem Boden sitzen. Nicht zu entdecken für die ARD.

Nina

VICE: Weißt du, wovor du sitzt, was das für ein Konstrukt ist?
Nina: Ich hab es mir schon überlegt, aber dann war ich viel zu sehr fasziniert von den Fotografen, die hier von sich selbst die Bilder schießen. Ich warte auch auf einen Freund.

Weißt du, was TTIP ist?
Ja, aber ich weiß nicht, was dieser Leseraum sein soll.

Greenpeace hat die geheimen Dokumente zwischen den USA und der EU geleakt und seit heute kannst du sie dort in dem Glaskasten nachlesen. Würdest du da reingehen?
Eigentlich schon. Also wenn ich jetzt keine Zeit hätte, würde ich vermutlich nicht reingehen. Aber die habe ich und es klingt schon so, dass man da echt reingehen sollte. Man muss das tun. Aber ich glaube, dass ist oft so, dass man keine Zeit hat. Ich glaube, das Problem ist, dass viele Leute überhaupt nicht mitkriegen, was so los ist und deshalb da nicht reingehen.

(Während des Gesprächs ist dann Ninas Freund Max erschienen.)

Hi, Max. Machen gerade ein kurzes Interview. Kannst gleich mit einsteigen.
Hey. OK.

Willst du da rein in den Glaskasten oder habt ihr euch nur per Zufall davor verabredet?
Ich will schon rein.

Wie hast du davon erfahren?
Ich habe auf spiegel.de etwas gelesen dazu, dass da was geleakt wurde und hier am Brandenburger Tor ein Leseraum eingerichtete wurde und dann habe mir gedacht: Gehst du mal vorbei.

Was erhoffst du dir, wenn du da jetzt reingehst?
Man ist halt schon immer etwas voreingenommen gegenüber TTIP nach dem Motto: "O mein Gott—Genmanipulation! O mein Gott—Konzerne können Staaten verklagen!"Ansonsten würde ich gerne nachlesen, was für Vorteile sich Volkswirtschaftler von TTIP erwarten. Warum also ist Angela Merkel so unbedingt dafür? Warum könnte man dagegen sein? Was ist TTIP eigentlich? Einen Einblick gewinnen, weil TTIP für mich noch eher so was Abstraktes ist. Bislang wusste die Berichterstattung ja auch nicht genau, wie TTIP aussieht.

Und wie viel Zeit willst du dir nehmen, um das zu lesen?
Keine Ahnung; so lange ich brauche.

Und du Nina, wusstest du, dass er und ihr da reingeht?
Nein, wusste ich nicht. Aber jetzt, wo ich das alles weiß, hätte ich es selbst auch vorgeschlagen, da reinzugehen.

Na, dann halte ich euch auch nicht lange und wir schnacken einfach, wenn ihr wieder draußen seid, OK?
Klar.

Heinz

VICE: Was halten Sie hier von der "Installation"?
Heinz: Finde ich gut. Wenn alles so toll für die Wirtschaft und für die Bevölkerung ist, warum wird das alles so geheim gehalten? Ist aber leider alles nur auf Englisch. Ich spreche ja ganz gut Englisch, aber zu lesen und gerade so juristische Fachsachen traue ich mir nicht zu.

Waren Sie mal drin und haben sich die Dokumente konkret angeschaut?
Nee.

Und wie stehen Sie zu dem TTIP-Abkommen an sich?
Negativ. Weil die Erfahrung zeigt, ja wenn man sieht, was in Nordamerika mit NAFTA und mit Mexiko passiert: In Mexiko haben weit über eine Million Landarbeiter ihren Job verloren. Das sind jetzt die illegalen Immigranten in den USA. Also es nützt in allererster Linie den amerikanischen Großkonzernen. Im Moment klagen sie gerade Kolumbien über 14,5 Milliarden an, weil in einem Naturschutzgebiet eine Goldfirma—all solche Sachen eben. Und es ist ja nicht so, als ob der Handel bisher so behindert gewesen wäre. Die letzten 50 Jahre hatten wir ja Handel zwischen Nordamerika und Europa. Außerdem ist das auch ein bisschen eine Täuschung, weil wenn die TTIP-Verhandlungspartner sagen: Wie wollen die Normen vereinheitlich, dabei ist es in den USA so, dass in den Bundesländern oft unterschiedliche Normen sind, also müsste man für Florida wieder einen anderen Vertrag machen als mit Kalifornien.

Das alles ist völlig undemokratisch. Die Konzerne bekommen immer mehr Macht gegenüber den Nationalstaaten. Das ist wie in dem Film Newsweek aus den 70er Jahren. Schon da hat die Hauptfigur gesagt: "Staaten? Nationen? Das interessiert mich alles nicht. Konzerne! Heute bestimmen Konzern!" Und das war vor über 40 Jahren, als wir diese Globalisierung noch nicht in diesem Ausmaß hatten. Also ein völlig visionärer Film.

Glauben Sie, dass diese Aktion etwas bringt?
Ich denke schon. Schafft Öffentlichkeit. Da ja auch Medien darüber berichten und Fernsehen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob dieser Vertrag zustande kommen wird. Die österreichische Regierung hat gesagt, sie wird es nicht ratifizieren. Die Franzosen sind auch sehr skeptisch. Glaube nicht, dass es durchkommt. Hoffentlich nicht.

Der Text ist ja leider noch im schwerverständlichen Juristenenglisch geschrieben. Wie versuchen Sie trotzdem, an die sich darin befindenden Informationen heranzukommen? Auf wenn verlassen Sie sich da? Auf die Leitmedien vielleicht? Also, dass sie in den nächsten Tagen den Text ins Deutsche übersetzen oder zumindest die zentralen Inhalte verständlich präsentieren?
Nee. Das sind dann eher so unabhängige Medien oder im Internet Blogs, die das dann machen. Die großen Mainstreammedien sind im Wesentlichen sehr transatlantisch ausgerichtet und üben wenig Kritik an TTIP und wenig Kritik an der Nato. Nee, auf die habe ich nicht allzu viel Hoffnung. Gerade in den letzen ein, zwei Jahren haben die großen Medien wie Spiegel, Welt, FAZ, Süddeutsche rapide an Auflage verloren.

Was glauben Sie, woran könnte das liegen?
Ich denke, ein Auslöser war die Ukraine-Krise. Wo die Leute gemerkt haben: Das, was und die Mainstreammedien da berichten, das kann irgendwie so nicht stimmen. Wenn hier jemand einen rechten Spruch bringt, dann ist er gleich der böse Nazi und dort sind richtige Nazis an der Regierung und die werden total verharmlost. Und das kriegen die Leute auch mit, ja.

Und wo beziehen Sie konkret ihre Informationen?
Zum Beispiel die Seite Alles Schall und Rauch aus der Schweiz oder das Contra-Magazin aus Österreich. Und dann habe ich in meinem Reader auch noch locker 15 Blogs abonniert; also so habe ich einen ganz guten Überblick, obwohl ich mit meinen 60 Jahren jetzt kein Digital-Nativ bin, wie man so schön sagt.

Lukas

VICE: Du steht hier sehr andächtig vor dem Glaskasten. Gehst du noch rein?
Lukas: Ja, ich würd' gern mal reingucken in TTIP.

Extra deswegen hier hergekommen?
Nur zufällig vorbeigefahren. Und wenn man schon die Gelegenheit kriegt, dann geht man auch rein.

Was hältst du von der Aktion?
Finde ich cool, wenn man da reinschauen kann.

Ja, kann man.
Ja? Aber eigentlich war das ja nicht öffentlich, oder?

Eigentlich waren die Dokumente nicht für die Öffentlichkeit gedacht. ... eigentlich. Wie stehst du zu der ganzen Geschichte?
Generell bin ich nicht so der USA-Phobiker, aber wenn die vielen Standards tatsächlich so aufgeweicht werden sollten, wäre das schon scheiße. Und diese Geheimniskrämerei nervt.

Und wie viel Zeit gibst du dir, um einige Geheimnisse zu lüften?
Ich wollte nur mal kurz reinschauen. Zehn Minuten vielleicht. Klar, 250 Seiten in ein paar Minuten durchzublättern, wird nicht reichen. Leider habe ich zeitlich nicht die Luft. Es ist mehr die Neugier.

Dann rein mit dir.

Nora & Andre

Auf ein Foto hatte nur Andre Bock

VICE: Was haltet ihr von der Aktion?
Andre: Ich finde das super. Ich muss sagen, ich habe gezielt nach der State-to-state-dispute-Passage gesucht und all den anderen kontroversen Themenpunkten. Und in der Summe sind das vielleicht gerade mal zwei Seiten. Zum state to state dispute sind das so ungefähr sechs Zeilen und das mit den Gerichten ist eine Seite. Und wenn man das mal losgelöst davon betrachtet, dann sind da ganz schön viele Sachen, die wirklich Sinn ergeben. Also ich weiß nicht, warum da sooo eine große Ablehnungen TTIP gegenüber besteht. Aber natürlich ist es schon richtig, da kritisch an die Sache ranzugehen und zu schauen, welche Schrauben gelöst werden und welche Standards bestehen. Aber in der Summe finde ich da nichts Verwerfliches daran.

Wenn da nichts Verwerfliches dran ist und nichts zu verbregenwas glaubst du: Warum wird das Abkommen unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit austariert, warum so ein großes Geheimnis daraus machen?
Andre: Ich finde, dass ist gar kein so großes Geheimnis. Der Standard war immer, dass die Regierungen das verhandelt haben und es nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Erst in dem Moment, wo es über Parlamente abgesegnet werden musste. Also meiner Wahrnehmung nach würde ich nicht von "geheim gehalten" sprechen. Das war einfach ein Prozess, der immer so stattgefunden hat und nun nahm der öffentliche Druck so zu, dass man jetzt anders verfahren musste. Und ich finde es ja auch gut, dass das jetzt so transparent ist.

Wie siehst du das Nora?
Nora: Also ich finde schon, dass man es geheim gehalten hat. Weil das hier ist auch nicht eine Transparenz, die gewollt war. Also genau das, was jetzt passiert, dass jeder Einblick in die Dokumente hat. Das ist nicht gewollt von denjenigen, die das entworfen haben. Und dann finde ich, dass das sehr wohl eine Geheimhaltung ist, verglichen mit der Option, wenn alles im Internet komplett zugänglich gewesen wäre, alle Dokumente. Das wäre Transparenz für mich und das war nicht der Fall. Und es gab schon vor Monaten klare Kritik an der Handhabung, warum ändert man das nicht? Anscheinend soll ja was geheim gehalten werden, sonst hätten sie es transparent gemacht, meiner Meinung nach. Deswegen finde ich die Sache von Greenpeace auch supergut.

Andre: Ich poste jetzt auch ein paar Sachen. Gerade die kritischen Inhalte. Die habe ich mir abfotografiert und ich gehe in meine Community rein und sage: "Hey Leute, allein hier sind diese zwei Absätze, um die sich so viel dreht." Der Absatz mit dem state to state dispute und die Seite davor mit dem Schiedsgerichten. Ich habe echt gedacht, da stünde viel mehr dazu.

Glaubt ihr, dass jetzt nach dem Leak ein Umdenken bei den Akteuren stattfindet und fortan die Verhandlungen öffentlich sein werden?
Andre: Also das Beste, was die Bundesrepublik jetzt machen kann, ist, den ganzen Text ins Deutsche zu bringen. Das sollte der allererste Schritt sein.

Nora: Das wäre auch ein Schritt zur Transparenz. Nicht jeder spricht auf dem Niveau Englisch. Ich saß ja auch nur ein paar Mitunter drin und im ersten Moment ist das die totale Überforderung. Also da die kritischen Stellen rauslesen zu können, ist echt schwierig.

Andre: Es ist auch total ungeschickt, solche wichtigen Entwicklung nicht öffentlich und demokratisch zugänglich zu machen. Es gibt ja seit etwa zwei Jahren so eine gewisse Grundstimmung in unserer Gesellschaft—all die AfD-Themen und das ganze Zeug—und allein mit der Veröffentlichung solchen Nasen den Wind aus den Segeln zu nehmen, wäre gut gewesen.

Max

VICE: Von TTIP schon mal was gehört?
Max: Ja, habe ich schon gehört, große Aktion. Also ich finde das gut, dass man so die Leute informieren will. Ist das schon im Internet?

Ja. Parallel online gegangen. Du weißt, was der Leseraum bedeutet? Was man da nachlesen kann?
Ja, angeblich das Dokument, das früher nur in der Botschaft war.

Warst du schon drin?
Nee, ich muss ja arbeiten.

Würdest du noch reingehen?
Erst essen und dann kommt vielleicht die Frage, gehen oder nicht. Nee, also wenn ich Zeit hätte, würde ich mich auch schon interessieren. Aber ja, die Priorität ist anders.

Bist du für oder gegen das TTIP-Abkommen?
Das ist so ne Frage. Wenn ich das wüsste, könnte ich mich äußern. So kann ich mich nicht äußern. Natürlich bin ich ein Gegner der Machenschaften. Ich meine, was... Also ich müsste es lesen, um mich klarer positionieren zu können. Man kann darüber spekulieren, ja.

Warst du mal auf einer Demo?
Ich glaube, man kann mit seinen eigenen Entscheidungen mehr bewegen, als irgendwie eine Demo zu machen. Wenn man täglich das eigene Geld nur für bestimmte Sachen ausgibt, ist das viel stärker als eine Demo. Von Demos halte ich eigentlich nicht so viel. Ich sehe das ja, ich bin jeden Tag hier am Arbeiten. Diese Leute, die da eigentlich stehen. Demonstrationsfreiheit, ja, aber das bewirkt irgendwie nichts Großes.

Demos werden von allen Seiten instrumentalisiert. Das finde ich nicht gut. Es ist besser, jemand geht in den Laden und kauft sich Bio-Sachen und weiß, die sind so und nicht so und hofft, dass sich mit der eigenen Lebensweise die Leute auf seiner Seite bewegen und merken, das ist besser. Ich meine, die machen sowieso nur, was sie wollen. Mittlerweile regiert nur das Geld. Wenn dir einer viel Geld gibt, damit du deine Meinung änderst, dann änderst du deine Meinung.

Du würdest also sagen, dass die es nicht viel bringt zu demonstrieren? Die Hoffnung ist verloren, weil die Politiker ohnehin nur das machen, was sie wollen oder wofür sie geschmiert werden? Und unabhängig, ob hier so ein Glaskasten steht oder nicht, das wird an den bestehenden Verhältnissen nicht viel ändern.
Jeder zieht seine Decke auf sein eigenes Bett. Aber ich kenne auch die Leute nicht so genau, also wer die großen Akteure sind. Ich weiß auch nicht, wie sich das entwickeln wird. Bin ja selbst auch sehr gespannt. Jedes Mal hat man ein neues Thema und vergisst das von der letzten Woche. Einmal gibt's die Gurken, einmal gibt's die Eier, einmal gibts TTIP, dann wieder Terrorismus, so läuft das einfach.

Und schließlich, nach einer gefühlten Unendlichkeit, kommen Nina und der andere Max aus dem Glaskasten heraus.

Und? Wie war es da drin?
Max: Es ist viel auf einmal. Ich habe erstmal die Überschriften gelesen. Worum es da geht. Das man auf Destillate keine Verfallsdaten drauf schreiben soll und keine Abfülldaten.

Ich war völlig verblüfft, dass ihr so lange in diesem Glaskasten durchgehalten habt. Heizt sich das nicht spätestens nach einer Stunde in der prallen Sonne völlig auf?
Voll. Man ist echt froh, da wieder rauszukommen. Und wir haben der ARD auch kein Interview gegeben.

Es heißt ja oft, die Jugend sei so desinteressiert, was Politik und das Weltgeschehen anbetrifft. So wie ich es mitgekriegt habe, wart ihr von allen Leuten mit Abstand am längsten da drin. Männer in Tweed-Jackets, die an Romanistik-Professoren erinnerten, blätterten ein paar Minuten in den Papieren rum und ihr rockt da stundenlang den Kasten. Woher der Antrieb?
Max: Wenn man eine Demokratie will, dann muss man auch etwas dafür tun, dann sollte man sich auch mal informieren. Und was gibt es denn Besseres, als den direkten Text zu lesen, auch wenn es kompliziert ist?

Hatte ihr bestimmte Erwartungen und sind sie erfüllt worden. Konntet ihr da etwas mitnehmen oder hätte ihr euch das sparen können und wäret stattdessen zusammen lieber Eis essen gegangen?
Max: Ich bin da nicht mit Erwartungen reingegangen, aber was mich erstaunt hat, war, wie detailliert diese Gesetze echt waren. Wie sie auf einzelne Destillate eingehen. Ich fand es spannend zu lesen, wie so ein Gesetzestext juristisch aussieht. Wie die Parteien dort ringen. Das Problem ist aber, dass der Text so kompliziert ist. Es lässt sich nur schwer von den theoretischen Phrasen, auf die praktischen Konsequenzen schließen. Wenn da steht, dass man eine möglichst effiziente Agrarkultur anstrebt, dann klingt das ja auf den ersten Blick erstrebenswert, es könnte aber auch heißen, dass man genmanipulierte Pflanzen züchten will. Deshalb ist der Text so doppelbödig. Das muss klarer werden. Wenn ich jetzt meinen Onkel vom Land da in den Kasten schicken würde, der würde noch viel weniger als ich verstehen und dabei betreffen ihn die Inhalte zu irgendwelchen Agrarregulierungen noch viel krasser als mich.

Vielen Dank euch beiden!

Wenn Paul nicht um Glaskästen herumstreunt, dann ist er auch auf Twitter zu finden.