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Wer steckt wirklich hinter ,Juten Tach Refugees'?

Ein überforderter Schreibtischaktivist, kurz vorm Nevenzusammenbruch oder Neonazis, die jetzt viel mehr Facebook-Profile zum Anschauen haben, als ihnen lieb sein kann?
2.9.15

„Refugees welcome" klingt überall ein bisschen anders: in Hamburg sagt man „Moin", in Berlin „Tach". Wenn man überhaupt gegrüßt wird. (Wird man meistens nicht.) In beiden Städten gibt es aber eine lange Tradition des Willkommenheißens. Ende August hieß es aus Hamburg dann Moin Moin Refugees: Taygun Kaptan, der sich selbst einen Wirtschaftsflüchtling nennt, wollte ein Festival veranstalten, um Geld für die neu angekommenen Flüchtlinge zu sammeln. „Ich hab gedacht, wenn du schon so viele Leute kennst, solltest du was zusammen mit denen machen. Meine Jungs können Party, Netzwerke generieren und damit Geld machen. Und selbst wenn sich viele nicht abkönnen, bei der Sache müssen wir über unseren eigenen Schatten springen." Am 20. Oktober wollen Taygun und seine Jungs die Reeperbahn rocken—und dafür sieht es ganz gut aus. Bei Facebook hat das Event schon fast 18.000 Zusagen. Zusammen mit dem Verein MenscHHamburg e.V. soll ordentlich Geld gescheffelt werden, das dann an Flüchtlingseinrichtungen weitergegeben wird.

Auch in Berlin gibt es einen Ableger von Tayguns Festival. Hier begrüßt man mit „Juten Tach Refugees" die mittlerweile über 30.000 Leute, die auf Facebook zugesagt haben. Einziges Problem: Niemand hat auch nur die geringste Ahnung, wer das alles verzapft hat. Der Veranstalter ist eine um die 380 Likes rumdümpelnde Fanpage namens „Welcome Refugees", bei der niemand auf Nachrichten antwortet. In Hamburg weiß man nicht, wer dahintersteckt. Bei der Polizei ist nichts angemeldet, der Bezirk ist ahnungslos. Und wenn man mal bei „stark vernetzten Unternehmen, Brands sowie Eventveranstaltern aus Berlin" nachfragt, wie es im Impressum des Bündnisses heißt: Fehlanzeige. Und wir haben es wirklich versucht. Jede popelige Eventagentur in Berlin hat Post von uns bekommen, die BVG, die BSR, Getränkelieferanten und Hauptstadtmarken: nichts, nada, nitschewo. Keiner weiß Bescheid, wer hinter dem Aufruf steht.

Auf der Event-Seite sind auch schon wilde Diskussionen entbrannt, welche dunklen Machenschaften mit dem Festival finanziert werden sollen. Kristin F. vermutet Spendenbetrüger, ein anderer bezweifelt die Geschichte mit den großen Unternehmen und Brands—bei dem beschissenen Logo mit Deppenapostroph würde sich jede PR-Abteilung schämen. Oder sind es am Ende Neonazis, die versuchen, so viele Profile wie möglich abzugreifen, um linke Gutmenschen zu identifizieren? Die Unprofessionalität deutet aber auf eine verwirrte Einzelperson hin, die sich dachte „Mach ich mal 'ne Fanpage und ein Event, wird geil." Und auf einmal hat man 30.000 Zusagen und den Rattenschwanz, der hintendran hängt: Anmeldung, Müllbeseitigung, Kinderschminken. Statt Euphorie: Muffensausen. „Ich meine, wenn da am 31. Oktober wirklich ein paar Tausend Leute stehen, kriegen wir das schon sauber", hat mir die Pressesprecherin der Berliner Stadtreinigung BSR vorhin ins Telefon lachend versichert. Aber auch sie glaubt, die Event-Zusagen sind ein Selbstläufer und das Festival wird so nicht stattfinden.

Vielleicht stehen am 31. Oktober einfach ein paar Tausend Leute auf dem Rathausplatz und wundern sich. Die könnten dann aber als Spontandemo gleich ins Regierungsviertel weiterziehen und den Leuten die Flüchtlingspolitik unter die Nase reiben, die sie machen.