The Borders Issue

Zwei Konzerte und ein Gespräch mit Kamasi Washington

Kamasi Washingtons Vater, Rickey, spielte im Leben des Ausnahmetalents eine entscheidende Rolle. Ohne Rickeys Liebe und Unterstützung wäre er weder der Musiker noch der Mann, der er heute ist.

von Wilbert L. Cooper
22 Juli 2016, 4:00am

Porträt von Shane J. Smith

Aus The Border Issue

Bevor ich Kamasi Washington traf, lernte ich seinen Vater kennen. Es war etwa eine Stunde vor einem von Kamasis ersten großen Auftritten in New York City, und Rickey stand im Le Poisson Rouge in Greenwich Village am Merchandise-Tisch. Kamasis Beitrag zu Kendrick Lamars bahnbrechendem Album To Pimp a Butterfly und sein eigenes Debüt The Epic hatten einer ganzen Generation das soziale Bewusstsein, die modalen Grooves und den Jazzrock der Bürgerrechtsära vorgestellt. Damals wusste ich nicht, dass Rickey der Vater des Saxofonisten war. Ich wusste auch nicht, dass Rickey selbst ein talentierter Holzblasmusiker war, der beruflich mit Legenden wie Diana Ross und The Temptations gespielt hatte. Ehrlich gesagt hielt ich Rickey einfach für einen alten Typen, der mir 35 Dollar aus den Rippen leiern wollte.

"Mein Bruder", rief er, als ich vorbeiging. "Schnapp dir dieses Boxset lieber gleich." Er hielt einen massiven Pappschuber hoch. "Nach heute Abend zahlst du ein Vermögen auf eBay."

Rickey wollte mir The Epic verkaufen, Kamasis 17-Song-Album, das von einer Ode an Malcolm X bis zu einem süßlich-souligen Cover von Claude Debussys "Claire de Lune" alles enthält.

Dank allgemeinem Kritikerlob und Kollaborationen mit beliebten Künstlern wie Flying Lotus und Kendrick Lamar ist Kamasis Stellung im Musik-Pantheon inzwischen mit der des jungen Kriegers aus seinem Traum vergleichbar. Sein drei CDs umfassendes Debüt gewann den ersten American Music Prize und schaffte es auf fast jede "Best of 2015"-Liste, von Pitchfork bis Rolling Stone. Kamasi ist ein Jazzbotschafter, der dabei ist, eine neue musikalische Bewegung zu entfachen.

Dieser steile Aufstieg war jedoch nicht vorprogrammiert: Kamasi wuchs in den von extremer Gewalt durchzogenen 1990ern in Inglewood im Süden von Los Angeles auf. Doch wie Kamasi mir später erklärte, sei sein Erfolg auch kein Zufall; er verdanke ihn der Liebe seines Vaters.

MONATE NACH JENEM Abend im Le Poisson Rouge saß ich mit Kamasi und Rickey in einem Zimmer im Dumont NYC, einem Hotel in Manhattan. Die Männer waren für ein weiteres ausverkauftes Konzert in der Stadt, diesmal in der noch größeren Webster Hall. Sie erklärten mir, welch entscheidende Rolle Washington senior im Leben seines Sohns gespielt hatte.

"Papa was a rolling stone", sang Rickey lachend. "Where he laid his hat was his home." Die Abwesenheit von Rickeys Vater, der ebenfalls Musiker war, steht in starkem Kontrast zu seiner Beziehung mit Kamasi. Rickey sagte mir, er habe seinen Vater nur einmal als Kind getroffen. Erst als Kamasi zur Welt kam, versuchte Rickey seinen Vater wiederzufinden. "Ich brauchte einen Mann in meinem Leben, der mir zeigt, wie man mit all dem umgeht. Ich suchte meinen Vater und fand seinen Bruder, der mir sagte, er sei gerade gestorben", sagte Rickey. "Nachdem ich das durchmachen musste, habe ich mich dafür entschieden, den Kreis zu durchbrechen."

ALS KAMASI 1981 GEBOREN wurde, war Rickey ein erfolgreicher Musiker. Er war Frontmann und spielte Holzbläser bei Raw Soul Express, einer Band, die eleganten Funk-Fusion-Sound komponierte. Als Produzent, Arrangeur und Musiker war er auf dem Weg an die Spitze.

"Meine Karriere ging durch die Decke, aber mir wurde klar, dass all meine Freunde, die diesen Weg gegangen waren, weder Haus noch Krankenversicherung hatten und dass sie ihre Familien zurückgelassen hatten. Sie verließen ihre Kinder. Also dachte ich: ‚Mein Vater hat sich nicht um mich gekümmert. Jetzt ist es meine Verantwortung, für meine Kinder da zu sein.'"

Anstatt weiter zu touren, nahm Rickey also eine Stelle als Musiklehrer in Inglewood an.

"Ich betete, dass Kamasi der Eine sein würde", sagte Rickey. "Ich betete, dass er die Menschen zusammenbringen, eine mächtige Präsenz haben und Großes vollbringen würde."

Lange vor der Veröffentlichung von The Epic wurde deutlich, dass Rickeys Gebete Gehör gefunden hatten. Der Junge war ein Wunderkind. "Kamasi saß stundenlang am Klavier, nur zum Vergnügen. Er hatte Beharrlichkeit, und das ist eine der größten Gaben. Es gibt so viele begabte Musiker, die ihr Talent nur bis zu einem bestimmten Punkt entwickeln. Aber wer beharrlich ist, kann die Hindernisse überwinden und ein Meister werden. Das habe ich in Kamasi gesehen."

Sein Aufstieg bis zur ausverkauften Webster Hall war nicht ohne Hindernisse. Inglewood war in den 90ern gefährlich. Kamasis Mutter wohnte in einem Crips-Viertel und sein Vater in einem Bloods-Viertel, also hatte er Freunde auf beiden Seiten des Ghettokriegs. Damals hatte die Gegend eine der höchsten Mordraten der USA. Das Gangsterleben hielt die Popkultur im Schwitzkasten und verfügte über eine Anziehungskraft, der man sich nur schwer entziehen konnte.

"Wer beharrlich ist, kann die Hindernisse überwinden und ein Meister werden.
Das habe ich in Kamasi gesehen."

"Es gibt einen gewissen Druck—eine Art Kultur—eines negativen Selbstbilds. Es kommt dir zwar nicht negativ vor, aber das ist es, wenn dein Lebensziel als Elfjähriger ist, ein Gangster zu werden, vor dem alle Angst haben", sagte Kamasi. "Ich glaube, meinem Vater war gar nicht klar, wie indoktriniert ich war. Jedes zweite Wort von mir war [die typische Crips-Anrede] ‚cuz'."

Rickey kämpfte gegen den Sog der Straße an, indem er Kamasi die Bedeutung seines Erbes vermittelte. In einer von Kamasis frühesten Erinnerung an seinen Vater versuchte Rickey ihn dazu zu bringen, sich als "Afroamerikaner" und nicht einfach als "Amerikaner" zu bezeichnen. Kamasi ist nach der Hauptstadt des Aschantireichs benannt, welches als Symbol der afrikanischen Einigkeit gilt.

Rickey versuchte stets, Kamasi zu beschäftigen, indem er ihn Hausarbeit machen ließ und ihm Bücher wie die Autobiografie von Malcolm X zu lesen gab. "Wir lernten früh, dass wir vor unserem Vater immer beschäftigt aussehen mussten, sonst wurde uns harte Arbeit aufgebrummt", sagte Kamasi. "Deswegen fing ich mit der Musik an: Wenn ich übte, ließ Pops mich in Ruhe."

Rickey richtete in seiner Junggesellenbude ein Studio ein und ließ Kamasi und seine Freunde dort jammen; so blieben sie weg von der Straße. Im Haus gab es Schlagzeug, Keyboard, Klavier, Mikrofone sowie jede Menge Essen und Videospiele. Die Jungs hatten alles, was sie brauchten.

"Es gab keine Frau, die etwas Struktur reingebracht hätte", sagte Rickey. "Sie blieben also lange auf. Solange sie etwas Positives machten, hatte ich aber nichts dagegen."

Als Kamasi sich darauf konzentrierte, das Saxofon zu meistern, trieb Rickey ihn auf subtile Art weiter voran.

"Mit ungefähr 17 hatte ich eine Band namens Young Jazz Giants. Wir spielten nur eigene Songs. Hinterher schwärmten die Leute immer: ‚Wow, das war so toll, das war großartig'", sagte Kamasi. "Aber Pops sagte nie, wir seien die Besten. Er war direkt und sagte Sachen wie: ‚Du bist verstimmt. Du verpasst Schläge.'"

Inzwischen hat Kamasi sich die Bühne mit Stars wie Snoop Dogg und Pharoah Sanders geteilt, doch sein stolzester Moment ist trotzdem noch immer der Tag, an dem sein Vater ihn einfach lobte.

"Es war ein Jazzkonzert in meinem letzten Highschooljahr", sagte er. "Ich war es gewöhnt, dass Pops dabei war und mir meine Fehler aufzeigte. Ich dachte: ‚Oh, jetzt kommt's.' Und er kam an und sagte: ‚Mann, klang das gut.' Es war für uns alle ein großer Tag, weil Pops nichts zu bemängeln hatte."

HEUTE HAT RICKEY AN dem Musiker und an dem Mann, zu dem sein Sohn sich entwickelt hat, nichts mehr zu bemängeln. Der junge Krieger ist tatsächlich zum Wächter seiner Disziplin geworden. Kamasi hat da weitergemacht, wo sein Vater aufgehört hat, und er hat ihre gemeinsame Liebe zur Musik weiter geführt, als es jemals jemand für möglich gehalten hätte—außer vielleicht Rickey. Und dabei steht Kamasi erst am Anfang. Nach seiner Welttournee mit The Epic hat er vor Kurzem dem Rolling Stone gesagt, er plane sein zweites Album mit "einem 32-köpfigen Saxofon-Ding". In Kamasis glühendem Eifer, seine Kunst weiterzuentwickeln, werden die Früchte von Rickeys aufopferungsvoller Liebe sichtbar.

Diese Verbindung ist auch zu erkennen, wenn Vater und Sohn zusammen auf der Bühne stehen. Nach unserem Gespräch im Hotel war ich in der Webster Hall. Fünfzehnhundert Fans brachen in Freudengeschrei aus, als Kamasi mitten in der Show seinen Pops auf die Bühne holte.

Rickey trat ins violette Scheinwerferlicht und sah ins Publikum. Er umfasste seine goldene Flöte, blickte zu seinem Sohn, schloss die Augen und begann zu spielen. Bald stimmte Kamasi ein und die beiden Töne verwoben sich und nahmen die Bühne ein. Die Vibes rollten wie eine Welle über die erste Reihe bis zu mir hinten am Merch-Stand. Sie hatten ihre Liebe in Musik verwandelt.