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Drogen

Das machen Partydrogen mit deinen Augen

Wir sind mit einer Kamera durchs Berliner Nachtleben gezogen und haben uns mit dem Mythos Drogen-Pupillen beschäftigt.

von Lisa Ludwig, Gergana Petrova
13 November 2014, 1:11pm
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Kokain, LSD | Fotos: Gergana Petrova, Moritz Stellmacher, Text: Lisa Ludwig.

Die Augen sind die Spiegel der Seele—auch oder gerade nach einer durchlebten Clubnacht mit nahezu toxischem Blutgehalt. Von stecknadelkopfgroßen Pupillen bis riesigen schwarzen Löchern mit kaum sichtbarer Iris—als wir uns für eine Art Fotoprojekt einmal quer durchs Berliner Nachtleben geknipst haben, sind wir auf ebenso unterschiedliche wie interessante Augen gestoßen. Wir waren fasziniert. Unsere Foto-Objekte hatten zwar einerseits offen zugegeben, was sie am Abend konsumiert hatten, andererseits spielten auch der zeitliche Abstand zwischen Einnahme und Foto, die Helligkeit des Kamerablitzes oder die allgemeinen Lichtverhältnisse der Umgebung eine Rolle. Trotzdem stellte sich uns die Frage, inwiefern sich von der Größe der Pupille wirklich darauf schließen lässt, ob und welche Substanzen jemand genommen hat.

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Marihuana

Grundlegend manipulieren die Stoffe in Drogen, die dich entspannt, glücklich oder einfach nur sehr wach machen, nicht nur die Neurotransmitter in deinem Gehirn, sondern können sich auch auf physiologische Prozesse in deinem Körper auswirken. Darunter fallen beispielsweise auch die Muskeln in deinem Auge, die dafür zuständig sind, deine Pupillen zu vergrößern (um beispielsweise mehr Licht aufzunehmen) oder sie zu verkleinern. Während sich die Pupillen nach der Einnahme von beispielsweise Kokain, MDMA oder Amphetaminen deutlich erweitern (Mydriasis), führen Opiate wie Heroin zu einer Pupillenverengung (Miosis). Fun Fact: Weil Regisseur Darren Aronofsky in Requiem for A Dream die Pupillen seiner Heroinabhängigen Protagonisten in stylischen Nahaufnahmen zu eindrucksvoller Größe anwachsen ließ, anstatt sie realistischerweise zu verengen, regnete es Kritik vom drogenaffinen Filmpublikum.

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Pillen, Ketamin, Speed

Wie sehr hängen aber der Konsum Drogen und sichtbare Veränderungen an den Augen konkret zusammen? Wir wollten es nach unserem fotografischen Feldversuch genauer wissen und haben mit ein paar Leuten gesprochen, die sich mit dem Mythos „Drogenaugen" ein bisschen genauer auskennen müssten.

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Kokain, LSD

„Eine Veränderung an den Pupillen kann ein Indiz für Drogenkonsum sein, muss es aber nicht", erklärt Heike Krause vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und –abhängige in Berlin. „Die Pupillen können auch erweitert sein, wenn jemand beispielsweise Epileptiker ist und dagegen Medikamente nimmt, deswegen achten wir eher auf andere, eindeutigere Zeichen. Zum Beispiel, ob jemand sehr stark schwitzt."

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Speed


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Trotzdem scheint man sich von den Augen klare Hinweise auf die Nüchternheit einer Person zu versprechen. Warum sonst sollte die Hamburger Polizei aktuell den „Pupillographen" testen? Dabei handelt es sich um ein Gerät, das ein bisschen so aussieht, wie sich Leute in den 60ern wahrscheinlich eine superfuturistische 3D-Brille vorgestellt hätten, und unter anderem erkennen soll, ob ein Autofahrer unter Drogen- oder Alkoholeinfluss steht. Laut Holger Vehren von der Pressestelle der Polizei in Hamburg ist das Messgerät aber nicht die ultimative Wunderwaffe zur Drogenerkennung, sondern viel mehr eine Art „Vortest", der zu Blutuntersuchungen führen kann. Das Problem sind auch hierbei die vielfältigen Gründe für eine verzögerte oder ungewöhnliche Reaktion der Augen, die eben auch durch „allgemeine Schläfrigkeit oder reguläre Medikamente" hervorgerufen werden kann.

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Kokain

Der Toxikologe Torsten Binscheck-Domaß geht bei der Wirksamkeit solcher lichtgesteuerter Reaktionstests noch ein bisschen mehr ins Detail: „Kokain, Amphetamine, Kathinone und THC sowie eingeschränkt einige Halluzinogene führen zu einer aufgehobenen oder verzögerten Lichtreaktion der Pupille. Diese Symptome können durchaus die eigentliche subjektive Substanzwirkung noch etliche Stunden, in einzelnen Fällen auch noch ein bis zwei Tage, überdauern und führt zu gesteigerter Blendungsempfindlichkeit." Trotzdem bedeute eine normal reagierende Pupille nicht automatisch, dass eine anschließende Drogenkontrolluntersuchung, beispielsweise per Blutabnahme, negativ ausfallen würde.

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Speed, Marihuana, MDMA

Obwohl der Pupillograph also Pupillengröße und -reaktion genau messen kann, lässt sich selbst damit nicht einmal zweifelsfrei feststellen, ob überhaupt illegale Substanzen konsumiert wurden—geschweige denn welche.

Interessant ist hierbei natürlich auch die medizinische Perspektive, weswegen wir schlussendlich auch noch bei der Berliner Charité angerufen haben. Nach diversen Telefonaten durch mehrere Abteilungen aus dem Bereich der Drogenabteilung, die das Auge als Indikator für Suchtverhalten ebenfalls nicht für sehr verlässlich hielten, landeten wir schließlich bei der Augenklinik. Die Rückmeldung war ebenso eindeutig wie ernüchternd. Es scheint absolut nicht möglich zu sein, von der Pupille einer Person aus darauf zu schließen, welche Drogen sie konsumiert hat.

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Kokain

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Ketamin

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Bier

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Speed, Ketamin

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Speed, Pillen, Gras

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Kokain

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Marihuana, MDMA, Speed

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Ketamin

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