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Warum sind in einem kambodschanischen Dorf 233 Bewohner mit HIV infiziert?

In Roka wurden im Dezember letzten Jahres 233 neue HIV-Infizierungen festgestellt—das 30-Fache des nationalen Durchschnitts. Die Behörden machen dafür jetzt einen lizenzlosen Arzt verantwortlich.
25.2.15

Das Gesundheitszentrum von Roka (Alle Fotos: bereitgestellt von der Autorin)

Roka ist ein abgeschiedenes Dorf im Nordwesten Kambodschas und liegt knapp 320 Kilometer von der Hauptstadt Phnom Penh entfernt. Im ländlichen Kambodscha ist es keine Seltenheit, dass Ausbrüche von verschiedenen Krankheiten zu verzeichnen sind und auch Roka bildet davon keine Ausnahme. Eine aktueller und Fragen aufwerfender Anstieg von HIV-Erkrankungen hat jetzt jedoch die Aufmerksamkeit der internationalen Behörden auf sich gezogen. Im Dezember wurden insgesamt 1940 Einwohner getestet. 233 Menschen wurden dabei als HIV-positiv diagnostiziert—das entspricht 12 Prozent oder ungefähr dem 30-Fachen des nationalen Durchschnitts.

Wie man es in einer vornehmlich buddhistischen Gegend vermuten könnte, bestreiten die meisten von Rokas Einwohnern, irgendeine der Tätigkeiten vollzogen zu haben, die mit HIV in Verbindung gebracht werden. Die Infizierten haben nur eines gemeinsam: Viele von ihnen bekamen Spritzen von Yem Chrin, einem ansässigen Arzt ohne Lizenz.

Die Weltgesundheitsorganisation, UNAIDS und das National Center for HIV/AIDS Dermatology and STDs haben diesen Zusammenhang im Januar untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass „der Prozentsatz der Menschen, die als Teil ihrer Behandlung eine Spritze oder eine intravenöse Injektion erhalten haben, bei den auf HIV positiv getesteten Menschen signifikant höher war."

Bei der Studie wurden auch auf andere Risikofaktoren wie ungeschützter Geschlechtsverkehr oder Drogeninjektionen berücksichtigt, aber kein „bedeutender Unterschied zwischen den beiden Gruppen" gefunden.

Seitdem Yem Chrin verhaftet wurde, ist sein Haus abgeriegelt und verlassen.

Chrin verteilte intravenöse Injektionen von etwas, das er als „Serum" bezeichnete. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei zum Großteil um Glukose handelte. Nachdem der Bericht diese Injektionen mit dem HIV-Ausbruch von Roka in Verbindung gebracht hatte, wurde Chrin vorläufig wegen Mordes angeklagt und verhaftet. Sein Haus habe ich abgeriegelt und leer vorgefunden. Seine Familie hat das Dorf ebenfalls verlassen, was laut dem Polizeichef vor allem der Schande und dem öffentlichen Druck zuzuschreiben ist. „Mir wurde gesagt, dass die Dorfbewohner total aufgebracht waren", erzählte er mir. „Ich weise sie jedoch immer wieder an, ihre Medizin zu nehmen und gegen die Familie des Arztes keine Gewalt anzuwenden."

Som Tan war einst ein gesunder Bauarbeiter. Seitdem er jedoch die „Serum"-Injektion verabreicht bekommen hat, ist es mit seiner Gesundheit rapide bergab gegangen.

In einem anderen Teil des Dorfes habe ich mich mit dem 53 Jahre alten Som Tan* getroffen, bei dem im Dezember der HIV festgestellt wurde. Als Bauarbeiter hat er täglich umgerechnet zwischen fünf und sieben Euro verdient, kann jetzt aber seine fünfköpfige Familie nicht mehr versorgen. „Ich bin zu schwach", sagte er. „Selbst das Laufen fällt mir schwer." Er erzählte mir auch, dass seine Freunde ihn nicht mehr besuchen kommen, weil sie die Krankheit nicht verstehen. „Sie haben Angst und wissen nicht, was genau mir fehlt. Sie glauben an Karma und halten das Ganze für ein schlechtes Omen. Deswegen bleiben sie weg."

Neben Tan lebt der 31-jährige Som Sokha, ein weiterer Mann, dessen Familie hart getroffen wurde. Seine Mutter ist gestoben, aber er gab zu, dass er nicht wisse, woran genau. „Vor einem Jahr wurde sie infiziert", erzählte er mir. „Sie fühlte sich krank und wir sind dann zu dem Arzt ohne Lizenz gegangen, wo sie eine ‚Serum'-Injektion erhielt. Je mehr sie jedoch von der HIV-Medizin bekam, desto schlechter ging es ihr. Schon bald konnte sie nicht mehr laufen und wollte nichts mehr essen."

Sokha erklärte mir, dass seine Mutter Anfang Februar den Kampf gegen die Krankheit nach einem Jahr schließlich verlor. Seine Frau, zwei seiner vier Kinder (acht Jahre und zehn Monate alt) und er wurden ebenfalls alle positiv getestet.

Nach Chrins Verhaftung schwor das Gesundheitszentrum von Roka, jeden anderen Arzt ohne Lizenz dingfest zu machen. „Ich habe bereits vier lizenzlose Ärzte bei den Behörden gemeldet", erzählte mir Dr. Beng Sora, der Leiter des Zentrums. „Sie mussten dann ein Dokument unterzeichnen und so versprechen, nicht mehr weiter zu praktizieren. Dieses Versprechen haben sie eingehalten."

Trotz alledem fragt sich Dr. Sora immer noch, wie der ehemalige Arzt den Virus intravenös verbreiten konnte. „Laut Polizei hat Chrin den Virus absichtlich zwischen den Dorfbewohnern übertragen", sagte er. „Ich glaube zwar, dass die Infektionen durch seine Injektionen verursacht wurden, aber ich verstehe nicht, warum er das hätte tun sollen oder wie der Virus ohne die fachgerechte Lagerung länger als 15 Minuten überleben konnte."

Dr. Masami Fujita, der Kopf des Untersuchungsteams der Weltgesundheitsorganisation, erzählte der Presse vor Kurzem, dass die Nadeln zwar schon unter Verdacht stünden, es aber in der Tat unklar wäre, wie so viele Menschen betroffen sein können.

Obwohl man nicht weiß, wie viele Fälle noch ans Tageslicht kommen werden, gehen die NGOs vor Ort davon aus, dass die meisten schon identifiziert wurden. Örtliche Organisationen wie Buddhism for Development bezahlen jetzt die Reisekosten für infizierte Dorfbewohner, damit sie sich in Krankenhäusern behandeln lassen können, und klären darüber auf, wie man einer HIV-Übertragung vorbeugen kann.

*Die Namen der HIV-Infizierten wurden geändert.