Giles Clarke hat salvadorianische Gangs in Käfigen fotografiert

Bei einer Polizeipatrouille hat Fotojournalist Giles Clarke die Käfige entdeckt: In einem glühend heißen Gefängnishof, der umgeben war von einer Stacheldrahtmauer, standen die drei Käfige und haben widerlich ranzig gerochen.

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16 September 2013, 11:26am

Wenn du auch so fassungslos warst wie wir, als du zum ersten Mal die Bilder des Fotojournalisten Giles Clarke von den Gefängnissen in El Salvador gesehen hast, dann wirst du verstehen, warum wir eines davon für die Titelseite unserer Hot Box Issue ausgewählt haben. Die Bedingungen sind unmenschlich: 30 Männer sind in einem kleinen Käfig zusammengepfercht. Oftmals müssen sie dort monatelang auf ihre Gerichtsverhandlung warten.

Was dir wahrscheinlich nicht gleich bewusst ist, ist die aufreibende journalistische Arbeit, die der Veröffentlichung solcher Bilder vorangeht. Bei einem Bier in London unterhielt sich Bruno Bayley, der britische Redaktionsleiter von VICE, mit Giles über dessen Arbeit. Dabei hatten sie allerdings so viel Spaß, dass sich anschließend keiner von beiden mehr an das Gespräch erinnern konnte. Also korrespondierten Bruno und Giles noch einmal via E-Mail. Giles Geschichte und den Rest unserer August-Ausgabe kannst du hier auch online finden.


VICE: Beschreib doch mal die Tage, bevor du auf die Käfige gestoßen bist. Was hast du gesehen und fotografiert? Wen hast du getroffen?
Giles Clarke: Ich war mit Nina Lakhani in El Salvador, einer freien Journalistin aus Großbritannien, die über den 15 Monate währenden „Waffenstillstand" zwischen Gangs berichtete, einer, gelinde gesagt, fragilen Vereinbarung zwischen den Gangs Barrio 18 und MS-13. Anfangs trafen wir uns mit Politikern, Menschenrechtsgruppen und „reformierten" Gangmitgliedern, die alle daran arbeiteten, den Waffenstillstand dadurch voranzutreiben, dass sie jungen Leuten alternative Lebenswege ermöglichten.

Nach ein paar Tagen in San Salvador ging ich zu einem „Brennpunkt", einem Vorort, in dem die Gangs Seite an Seite leben und nur durch den Marktplatz voneinander getrennt sind. Ich verbrachte den Nachmittag mit ein paar lokalen Ansprechpartnern auf dem Platz und machte Fotos. Dann entschloss ich mich, mir das Polizeirevier anzusehen und herauszufinden, wie sich der Waffenstillstand auf die dortige Arbeit auswirkt. Ich fragte, ob ich mit einem Mitarbeiter über die Situation in der Stadt sprechen könne.

Ich begleitete Polizisten auf einer Patrouille. In den nächsten Tagen kehrte ich in die Stadt zurück, um noch ein paar Patrouillen mitzubekommen und um näher an den Hauptmann heranzugelangen, der mir dann eines Tages die Käfige zeigte. Auf dem Polizeirevier hatte ich bemerkt, dass Teller mit Essen durch die Eingangshalle zu einem Hinterausgang getragen wurden. Ich hatte erst angenommen, dass das Essen für die Wächter bestimmt wäre.


Wie kam es dazu, dass du anstelle von Interviews mit auf Medien vorbereiteten Politikern und NGOs auf etwas gestoßen bist, das die Behörden geheim halten wollten?
In diesem Fall war es eine Kombination aus Arbeit, Geduld, Glück und Beziehungen. Ich hatte das Glück, auf einen sympathischen Polizeibeamten zu treffen, der mir Zugang zu den Käfigen verschaffte. Ich hatte es über offizielle Kanäle versucht, aber es wurde mir nicht erlaubt, Bilder zu machen. Angesichts der Bedingungen, unter denen die Gefangenen eingesperrt sind, bevorzugen die Behörden offensichtlich, dass es keine Bilder gibt. Außerdem befanden sich die Käfige an der Rückseite eines provinziellen Polizeireviers, das 32 Kilometer von San Salvador entfernt ist. Da ganz Lateinamerika von der Gewalt der Gangs betroffen ist, vermute ich, dass es derartige Käfige überall gibt.

Glaubst du, dass deine Chancen, erneut in dieser Region zu arbeiten, nun schlechter stehen? Und hoffst du, dass deine Aufdeckung die Polizei dazu zwingen könnte, die Situation zu ändern?
Ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was für Konsequenzen die Bilder für mich persönlich haben könnten. Natürlich hoffe ich, dass sie zu einer gerichtlichen Überprüfung der gängigen Inhaftierungsweise führen—die Männer werden wie Tiere behandelt und waren noch nicht einmal vor Gericht. Man lässt sie einfach auf einen Gerichtstermin warten—in manchen Fällen über 18 Monate—und gibt ihnen keinen Zugang zur Rechtsberatung. Ich hoffe, dass sich das ändert. Würdest du das nicht tun?

Hattest du schon mal eine ähnliche Gelegenheit?
Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich hatte keine Ahnung, dass es an der Rückseite des Reviers Käfige gibt. Ich habe mich ein paar Tage mit dem Hauptmann unterhalten. Dadurch bin ich hierher gekommen, vermute ich. Er wollte, dass ich sie sehe. Nachdem ich Zeit mit den Gefangenen verbracht habe, sind wir wieder in sein Büro gegangen und er ließ seine Frustration darüber aus, dass er viel zu wenige Ressourcen hat, um mit über 100 Männern in einem eingezäunten Hof klarzukommen. Er fordert einen abrufbereiten Arzt und ist erzürnt über das schwerfällige Justizsystem. Er arbeitet seit 17 Jahren auf dem Revier und sagt, dass alles immer schlimmer wird. Ich denke, das ist der Grund, warum er mich hineinließ.

Je mehr man sich mit einer Geschichte beschäftigt, desto wahrscheinlicher wird es, dass etwas Interessantes auftaucht. Egal, ob es ein einfaches Porträt oder tagelanges Herumlaufen im Gebiet von Gangs ist. Ich gehe davon aus, dass die Jagd nach Bildern einfacher wird, wenn man vorher versucht hat, die ganze Geschichte in ihrer Tiefe zu erforschen.

War es hilfreich, dass du zusammen mit einer anderen Journalistin gereist bist?
In den letzten drei Jahren habe ich großen Wert darauf gelegt, allein unterwegs zu sein. So kann ich leichter dahin gehen, wo ich ich hin muss. Natürlich brauche ich an manchen Orten einen gewissen Schutz, aber allein zu arbeiten ermöglicht mir, mich in alle möglichen Richtungen treiben zu lassen, wie zum Beispiel in El Salvador. Gelegentlich arbeite ich mich Schriftstellern oder anderen Journalisten zusammen, aber das kann frustrierend sein, da man dann auch über Dinge wie die Sicherheit der anderen mitentscheiden muss. Idealerweise schätze ich die Situation ab. Wenn sie zu gefährlich ist, überlege ich mir den besten Weg, um die stärksten Bilder zu bekommen, ohne jemanden anzupissen oder mich selbst erschießen zu lassen.

Hattest du den Eindruck, dass die gefangenen Gangmitglieder, mit denen du gesprochen hast, den Waffenstillstand ernst nehmen? Und wie integer verhielt sich die Polizei?
Ich weiß, dass ein Großteil der Bevölkerung will, dass Gangmitglieder eingesperrt werden und für immer in ihrer Zelle verrotten. Ich verstehe das, doch während meiner Reisen habe ich gelernt, dass viele der Gefangenen wie eine Art politischer Pfand behandelt werden. Ohne Zweifel gibt es Schuldige und viele von ihnen verdienen es wahrscheinlich, weggesperrt zu werden. Doch wenn ich die Bedingungen betrachte, muss ich das gesamte Justizsystem in Frage stellen, erst recht, wenn es mir von einem überdrüssigen Polizeihauptmann (der seinen Job und seine Pension aufs Spiel setzt) offengelegt wird.

Das Problem ist, dass die Gangs eine neue Richtung eingeschlagen haben und wollen, dass die Leute das mitbekommen. Sie versuchen, sich zu bessern, und wir müssen das respektieren. Es läuft etwas falsch im Gerichtssystem des Landes, wenn Politiker und Abgeordnete die Gewalt beklagen, aber den mittellosen jungen Männern, die in Gebieten leben, in denen es keine Arbeit gibt, keine Hilfe anbieten. Die überfüllten Gefängnisse werden zu Brutstätten neuer Rekruten. Ohne eine sofortige Reform kann dies zu keinem guten Ergebnis führen.


Du hast das Land ja verlassen, kurz nachdem du die Gefängniskäfige gesehen hast. Hast du befürchtet, dass die Behörden dein Bildmaterial beschlagnahmen könnten?
Als ich mich mit einem der Gefangenen—einem Gangboss namens Henry, alias El Sucre—über die Gitter hinweg unterhalten habe, wurden die Wächter hinter mir immer nervöser und der Hauptmann sagte mir, dass wir gehen sollten. Ich wandte mich zu ihm und sagte: „Kein Problem", fragte aber, ob ich am nächsten Tag mit einem Tonbandgerät zurückkommen könnte, weil ich das Interview fortsetzen wollte.

Von da an ging alles relativ schnell bergab. Nachdem ich gegangen war, erzählten die Wächter (nicht der Hauptmann) Henry, dass ich nicht zurückkommen würde. Sie haben ihn im Grunde genommen verarscht. Henry wurde wütend und bedrohte die Wächter und ihre Familien. Der Hauptmann erkannte, das die Sache aus dem Ruder lief. Er rief die Zentrale in San Salvador an und forderte Unterstützung an. Stattdessen schickte man den Leiter der polizeilichen Presseabteilung und einen neuen Hauptmann vorbei. Als ich am nächsten Morgen wiederkam, standen zusätzlich bewaffnete Wächter am Eingang des Reviers. Der Hauptmann ließ mich eine halbe Stunde in der Lobby warten. Ich bemerkte, dass alle Wächter ausgetauscht worden waren. Als ich mit dem Hauptmann sprach, sagte er mir, dass es gefährlich für mich sei, hier zu sein. El Sucre hätte in dieser Gegend einen großen Einfluss. Wenngleich ich mir wegen ihm keine Sorgen zu machen bräuchte, warnte mich der Hauptmann, dass „Behördenmitarbeiter auf dem Weg hierher seien, die mir Probleme bereiten könnten." Da dachte ich, dass ich verdammt schnell verschwinden sollte.

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